S.P.O.N. - Die Spur des Geldes: Gefährliches Rennen um den ersten Platz

Eine Kolumne von Wolfgang Münchau

Überschüsse sind nicht immer gut, Defizite nicht immer schlecht: In der Euro-Zone muss man die Ungleichgewichte entweder politisch managen, oder man muss sich ausreichend gegen sie versichern. Sonst kracht das ganze System zusammen.

Wer bislang diese Kolumne verfolgt hat, kennt mich als Befürworter des Euro und Anhänger der Idee einer politischen Union. Doch in einem Punkt stimme ich Deutschlands stockkonservativen Ökonomen oder einigen Euro-Gegnern zu: Das wichtigste Thema in der ganzen Euro-Debatte ist nicht Griechenland, selbst dann nicht, wenn Griechenland aus dem Euro austritt. Es sind die Ungleichgewichte im Privatsektor. Wenn der Euro zerbrechen sollte, dann daran.

Leider gibt es kaum ein Thema, das gerade in der deutschen Öffentlichkeit derart missverstanden wird wie die Ungleichgewichte. Man feiert hierzulande, wenn Deutschland Exportweltmeister geworden ist. Allein das Wort "Überschuss" hört sich nach etwas Gutem an, ganz im Gegensatz zu "Defizit". Als man vor gut einem Jahr die Frage diskutierte, ob Deutschland nicht seine Überschüsse abbauen sollte, da führten deutsche Politiker und Ökonomen einen sportlichen Vergleich an. Wenn man auf Platz eins in der Bundesliga steht, dann kann man die Qualität des Fußballs doch nicht dadurch verbessern, dass man von jetzt an absichtlich verliert. Der Exportweltmeister fühlt sich durch solche Vorschläge in seiner sportlichen Ehre verletzt.

Anstatt alternative Metaphern zu finden, möchte ich drei Fragen zu Überschüssen stellen, deren Antwort den einen oder anderen überraschen mag. Ist es moralisch richtig, dass ein Land sich zum Ziel setzt, Überschüsse zu erwirtschaften? Ist es ökonomisch immer von Vorteil? Kann eine Währungsunion mit permanenten strukturellen Ungleichgewichten leben? Die Antworten auf die drei Fragen lauten: nein, nein und nein.

Moralisch sind Überschüsse allein deswegen nicht, weil sich Überschüsse und Defizite weltweit auf null addieren. Wenn wir postulieren, "plus fünf" sei moralisch, dann ist die logische Schlussfolgerung, dass "minus fünf" ebenfalls moralisch ist. Hier braucht man keinen kategorischen Imperativ. Elementare Logik und ein paar volkswirtschaftliche Grundbegriffe reichen hier aus. Insofern ist auch die moralische Verachtung gegenüber "Defizitländern" völlig unangebracht.

Auch in der Politik ist die Asymmetrie zwischen den Überschüssen und Defiziten tief verankert. Die Europäische Kommission hat vor kurzem einen Bericht über die Ungleichgewichte herausgebracht, der ebenfalls dieser Asymmetrie unterlag. Die Defizite südlicher Staaten wurden kritisiert, Deutschlands Überschüsse aber nicht.

Das Argument der Asymmetriker ist, dass das Problem allein dadurch zu lösen ist, dass die Defizitländer "besser werden". Womit wir wieder bei der Bundesliga wären. Denen geht es nicht um Moral, sondern um den sportlichen Wettbewerb. Jeder will schließlich Erster werden. Und hiermit sind wir bei der zweiten Frage. Sind Überschüsse, wenn auch nicht moralisch zu rechtfertigen, dann zumindest sportlich? Sind Überschüsse in unserem Eigeninteresse?

Ein Land hat einen Leistungsbilanzüberschuss, wenn es - vereinfacht gesagt - mehr exportiert als importiert. Das führt zumeist zu einer strukturell schwachen Binnennachfrage, so wie in Deutschland im vergangenen Jahrzehnt. Wenn alle Länder dieses Modell übernehmen, dann brechen am Ende auch für Deutschland Exportmärkte ein. Das Resultat wäre nicht, dass die Schwachen besser werden, sondern dass alle zusammen schlechter werden. Wir wären dann alle in der zweiten Liga.

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum Leistungsbilanzüberschüsse ökonomisch nicht immer sinnvoll sind. In der Kapitalbilanz drückt sich das Ungleichgewicht in einem identisch großen Sparüberschuss aus. In dem Maße, in dem Deutschland mehr exportiert als importiert, exportiert Deutschland auch seine Ersparnisse in das Ausland. Es ist daher auch keine Überraschung, dass gerade deutsche Banken von der amerikanischen Hypothekenkrise und der europäischen Schuldenkrise so betroffen waren. Wenn man seine Ersparnisse ins Ausland exportiert, und dort die Banken abnippeln, dann sind die Ersparnisse weg. Ein Leistungsbilanzüberschuss ist also nur dann ein Segen, wenn die Schuldner auch bezahlen und wenn die Finanzsysteme stabil bleiben. Das ist bei der Bundesliga anders. Erster Platz ist erster Platz.

Und damit kommen wir gleich zur dritten Frage: Wie sieht das in einer Währungsunion aus? Solange der Bankensektor gut funktioniert, sind Ungleichgewichte ohne jede Konsequenz. In unserer Währungsunion hingegen misstrauen die Banken einander. Wenn eine deutsche Firma nach Spanien liefert, dann stand früher am Ende einer langen Kette eine Forderung der Deutschen Bank gegenüber der Banco Santander. Heute hat die Bundesbank eine Forderung gegenüber der Europäischen Zentralbank, denn jetzt übernehmen die Zentralbanken die Rolle der Finanzierung.

Länder mit großen Überschüssen sind erpressbar

Diese Forderungen werden in einem obskuren Hinterhof der Bundesbank-Bilanz festgehalten, der sogenannten Target-2-Bilanz. Im Januar betrug der deutsche Überschuss mehr als 500 Milliarden Euro. Die Billion ist nur noch ein oder zwei Jahre entfernt. Der Chef vom Ifo-Institut, Hans-Werner Sinn, hat uns einen großen Gefallen damit getan, als er im vergangenen Jahr diesen Mechanismus im Detail beleuchtete. Es war wohl die bislang wichtigste ökonomische Erkenntnis dieser Krise, weil sie uns genau aufzeigt, was mit Überschüssen passiert, wenn der Finanzsektor nicht funktioniert. Im Falle eines Total-Zusammenbruchs des Euro sind diese Überschüsse akut gefährdet. Dieses Risiko macht das Land mit den großen Überschüssen innerhalb einer Währungsunion erpressbar, weil es sich von allen Ländern das Ende des Euro am wenigsten leisten kann.

Sinn behauptet ebenfalls, dass in dem jetzigen System die Defizitländer keinen Anreiz zum Schuldenabbau haben, weil die Zentralbanken die Defizite des Privatsektors grenzenlos finanzieren. Da das System grenzenlos Schulden produziert, droht es irgendwann zu zerbrechen. Wohlgemerkt, ich rede hier nicht von Staatsschulden, sondern von Schulden des Privatsektors. Denn es sind die privaten Schulden, die den Großteil der Leistungsbilanzungleichgewichte im Euro-Raum ausmachen.

Überschüsse sind also nicht immer gut, und Defizite sind nicht immer schlecht. In einer Währungsunion muss man die Ungleichgewichte entweder politisch managen, oder man muss sich ausreichend gegen sie versichern. Im ersten Fall müsste man die Wirtschaftspolitik bis auf das Steuersystem weitgehend harmonisieren. Im zweiten Fall müsste man die Banken und die Arbeitslosenversicherungen europäisieren. Beides bedarf eines Grades an politischer Integration, der momentan kaum realisierbar sein dürfte.

Hier endet meine Gemeinsamkeit mit den Konservativen und den Euro-Skeptikern. Sie wollten den Euro nie und sehen sich jetzt mit Genugtuung bestätigt. Ich wollte den Euro damals, will ihn heute noch und sehe eine ernste Bedrohung. Die Target-2-Überschüsse sind der Grund, warum wir eine politische Union mit Euro-Bonds brauchen. Ansonsten bricht die Kiste zusammen. Es war sicher nicht die Absicht der Autoren der Target-2-Debatte, für Euro-Bonds und eine politische Union zu werben. Für mich ist es die zwingende Konsequenz ihrer Analyse.

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insgesamt 136 Beiträge
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    Seite 1    
1. gut
ballymichael2 22.02.2012
Zitat von sysopÜberschüsse sind nicht immer gut, Defizite nicht immer schlecht: In der Euro-Zone muss man die Ungleichgewichte entweder politisch managen, oder man muss sich ausreichend gegen sie versichern, meint Wolfgang Münchau. Sonst kracht das ganze System zusammen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,816858,00.html
Nun ja, als Aufklärer wirtschaftlicher Grundideen gegenüber ein exportbessessenes deutsches Publikum gefallen Sie mir besser, Herr Münchau, wie als hysterische Cassandra, die den Untergang des Euros "binnen höchstens zehn Tage" prophezeit.
2. Einfache Lösung
Progressor 22.02.2012
Mit dem Hebel Mindestlöhne die Lohnstückkosten so anpassen, dass die Leistungsbilanzen zum Ausgleich kommen. Das geht zwar nicht schnell, mehr brauchts darüber hinaus aber auch nicht.
3. ...
Zereus 22.02.2012
Zitat von sysopÜberschüsse sind nicht immer gut, Defizite nicht immer schlecht: In der Euro-Zone muss man die Ungleichgewichte entweder politisch managen, oder man muss sich ausreichend gegen sie versichern, meint Wolfgang Münchau. Sonst kracht das ganze System zusammen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,816858,00.html
Hmm. Irgendwie denke ich, dass da etwas mit der Logik schief gelaufen ist. Einerseits: Andererseits aber die Feststellung: Ich nehme einfach einmal an, dass eine "politische Union" mehr enthalten würde, als eine europäisierte Arbeitslosenversicherung oder Wirtschaftspolitik. Wie soll man etwas mit einem Mittel retten, das politisch und gesellschaftlich kaum vermittelbar geschweige denn überhaupt durchzusetzen wäre? Der Euro hat fertig, das ist die richtige Schlußfolgerung. Man kann sich - aus welchen Gründen auch immer - noch eine Weile an ihn klammern, das wird seine Explosion aber nur schlimmer machen, als sie sowieso schon wird. Das zeigen alleine schon die Zahlen aus dem Target2-System. Die 500 Milliarden von heute können wir sowieso abschreiben, wenn es in zwei Jahren 1000 Milliarden sind, müssen wir 1000 Milliarden abschreiben. Was sollte man also tun, wenn die nötigen Mittel, das System zu stabilisieren, "kaum realisierbar sein dürften"?
4. Lösungsansatz
MrStoneStupid 22.02.2012
1. Länder verschulden sich nicht unnötig, d.h. sie kaufen nur das,w as sie sich leisten können. => automatisch stellt sich ein Export-Import-Gleichgewicht ein (es kann nicht mehr exportiert als importiert werden). 2. Wenn Deutschland mehr leisten als exportieren kann, muss Deutschland mehr im Inland arbeiten, als z.B. Deutschland verbessern, z.B. mit Bunkerbau, Städtemodernisierung, Gründung und Pflege von Naturreservaten, BGE und geringbezählte Dienste für die Gemeinschaft (z.B. Patrouille gehen), EU-Großprojekte (z.B. Raumfahrt, KI, ...), IT-Projekte (z.B. eigenes supersicheres Betriebssystem), etc. Das Problem ist der Konsumwahn - sparen und Nachhaltigkeit schaffen Ressourcen, die für die Verbesserung der Welt verwendet werden können. Zu viel Export ist verschenkte Arbeitskraft - man muss nur genug exportieren, um seine Importe bezahlen zu können. Dank Automatisierung, Arbeitsteilung und vieler gebildeter Arbeitskräfte gibt es einen riesigen Produktivitätsübschuß (auch in Griechenland) und damit sollte man endlich mal was sinnvolles anfangen. Private Banken und Versicherungen sind schädlich (kosten Geld, binden Arbeitskräfte), besser ist eine Staatsbank und staatliche Universalversicherung, die keine Beiträge benötigt, sondern ggf. Kredite vergibt (steuerfinanzierte Teilkasko), siehe auch Schönes neues Deutschland (http://www.wallstreet-online.de/diskussion/500-beitraege/1161192-1-500/schoenes-neues-deutschland). (alles imho)
5. Der Aufmacher ist schon arg konstruiert, denn ...
mailschlucker 22.02.2012
... ich verstehe unsere Wirtschaftspolitik nicht so, dass es Ziel ist, Export- oder Überschussweltmeister zu werden. Wenn es gewisse Instrumente gibt, mit denen Exporte gefördert werden (z.B. Hermes-Bürgschaften), so dienen diese wohl dem ersten und Hauptzweck, Arbeitsplätze im Inland zu erhalten. Auch ist nicht zu erkennen, dass die Politik auf der Kostenseite (Löhne / Tarife) wesentlichen Einfluss nimmt, um hierüber die Außenhandelsbilanz zu beeinflussen. Wenn dennoch Außenhandelsüberschüsse erzielt werden, so ist das eher ein Nebeneffekt der auf andere wirtschaftliche Ziele gerichteten Politik (Beschäftigung, Wachstum). Wenn sich hierzulande eine Regierung mit ihren Erfolgen in der Wirtschaftspoltik brüstet, dann geht es fast immer um Beschäftigtenzahlen, Arbeitslosenquoten und BIP-Wachstum. Deshalb: Auch wenn ich vor vielen Jahren mal gelernt habe, dass es eigentlich keine "falschen Fragen" gibt, so muss ich deshalb der im Artikel aufgeworfenen ersten Frage "Ist es moralisch richtig, dass ein Land sich zum Ziel setzt, Überschüsse zu erwirtschaften?" genau diese Eigenschaft bescheinigen. Ein (unser) Land setzt sich nicht zum Ziel, Überschüsse zu erwirtschaften. Deshalb geht hier auch die Frage nach der Moral an den falschen Adressaten. Doch der einzelne Unternehmer kann auch nicht gemeint sein, denn der muss nach allgemeinen ökonomischen Grundsätzen nun mal (auch) nach Gewinn streben - und sei es durch Exportgeschäfte ...
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Wolfgang Münchau

Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.

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