S.P.O.N. - Wolfgang Münchau Fataler Euro-Dominoeffekt

Das Schuldendesaster in Europa greift auf immer mehr Länder über. Und die Politik reagiert hilfloser denn je. Das Hauptproblem der Krisenbekämpfer: Sie lernen nicht aus den Fehlern anderer Länder - und noch nicht einmal aus ihren eigenen. 

Eine Kolumne von


Erinnern Sie sich noch an Henry Kissingers Dominotheorie? Der frühere US-Außenminister fürchtete, dass die Nachbarn eines Staates unter die Kontrolle der Sowjetunion gelangen, wenn dieser selbst erst einmal in Moskaus Einflusssphäre geraten ist. Was früher für den Kommunismus galt, lässt sich heute an den Anleihenmärkten in Europa beobachten. Die Staatsanleihen von immer mehr Ländern geraten unter Beschuss. Und schon bald könnte ein Staat nach dem anderen kippen.

Der Grund für diese verzweifelte Situation ist das katastrophale Krisenmanagement in Europa. Otto von Bismarck sagte einmal, nur die Dummen würden von ihren eigenen Fehlern lernen. Er ziehe es vor, von den Fehlern anderer zu lernen. Bei uns hat kein Politiker und kein Berater sich die Mühe gemacht, aus der argentinischen oder asiatischen Schuldenkrise zu lernen. Bei uns lernt nicht einmal jemand aus seinen eigenen Fehlern.

Das öffentliche Geschwätz über einen möglichen Austritt Griechenlands ist ein solcher Wiederholungsfehler. So wie man im Sommer die Auswirkungen der Beteiligung privater Investoren leichtfertig unterschätzte, so unterschätzt man jetzt die Konsequenzen eines Austritts Griechenlands.

Noch im März versprachen die europäischen Regierungschefs, dass alle Investitionen in griechische Staatsanleihen bis zum Jahre 2013 gesichert seien. Im Juli verhandelten sie dann doch eine Beteiligung privater Eigentümer. Die wirtschaftliche Lage des Landes hatte sich verschlechtert, und die politische Stimmung in Deutschland kippte. Die Europäische Zentralbank (EZB) riet damals zu Vorsicht. Wenn man einmal diesen Weg gehe, verunsichere man die Investoren, so deren Argument. Als Kompromiss einigte sich die Euro-Zone auf die Formel: Die Beteiligung privater Investoren an einem Schuldenschnitt wird nicht nachverhandelt und erst recht nicht auf andere Staaten ausgedehnt.

In den Wochen danach passierte genau das, was die EZB von Anfang an befürchtet hatte. Die Zinsen zehnjähriger italienischer Anleihen stiegen auf fünf Prozent. Es sollte noch schlimmer kommen. Nachdem die Regierungschefs im Juli ihr Versprechen vom März gebrochen hatten, brachen sie beim Gipfel im Oktober ihr Versprechen vom Juli. Die Beteiligung privater Anleger sollte jetzt deutlich höher ausfallen.

Investoren kamen in den Tagen danach zum folgerichtigen Schluss, dass auf diesen Euro-Gipfeln grundsätzlich gelogen wird. Ihr Fazit: Wenn sich die wirtschaftliche Lage Griechenlands und die politische Stimmung Deutschlands ändern, werden auch die Besitzer portugiesischer und italienischer Staatsanleihen zur Kasse gebeten. Mittlerweile ziehen sogar einfache Sparer in ganz Südeuropa ihre Guthaben von den Banken ab.

Willkommen zum Dominospiel in den Bondmärkten

In den vergangenen Tagen weitete sich die Krise auf Frankreich aus. Die Zinsaufschläge gegenüber deutschen Staatsanleihen sind auf ein Rekordniveau gestiegen. Schon bald könnte Frankreich da angekommen sein, wo Italien heute steht. Willkommen zum Dominospiel an den europäischen Anleihenmärkten.

Nun stellen Sie sich einmal folgende Frage: Was passiert wohl, wenn Griechenland aus dem Euro austritt? Die Antwort ist klar: Wir werden ein ähnliches Dominospiel erleben. Laut SPIEGEL hat das Finanzministerium dazu ein paar Szenarien entwickelt, die mir zeigen, dass man in der Bundesregierung noch immer nicht die Dynamik dieser Krise versteht.

Das Problem eines griechischen Austritts aus der Euro-Zone sind gar nicht unbedingt die direkten Auswirkungen auf die Banken. Ich glaube unserer Regierung, dass sie das in den Griff bekommen wird. Das wirkliche Problem sind die nächsten Runden des Dominospiels, das sich ungebremst nach Italien ausdehnen wird. Wenn Griechenland den Euro-Raum verlässt, dann verlieren die Anleger in griechische Staatsanleihen ihre gesamten Investitionen. Bestenfalls zahlen die Griechen davon noch einen kleinen Teil zurück - in fast wertlosen Drachmen.

Mit Reformen löst man keine akute Schuldenkrise

Welcher Investor, der halbwegs bei Trost ist, kauft in einer solchen Situation dann noch portugiesische, spanische oder italienische Anleihen? Selbst eine Rendite von sieben Prozent kann das Risiko eines italienischen Zahlungsausfalls nicht ausgleichen. Italiens Schulden betragen 120 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung, das Wachstum liegt bei null, und das Land stürzt gerade in eine tiefe Rezession. Es ist eine Frage mathematischer Unausweichlichkeit, dass Italien seine Schulden nicht bedienen kann, wenn die Zinsen nicht sinken. Reformen müssen sein, aber mit Reformen löst man keine akute Schuldenkrise. Auch das ist eine Lehre aus anderen Krisen.

Unsere Griechenland-Programme wird man auch in Zukunft alle naselang an eine sich verschlechternde Realität anpassen müssen. Irgendwann endet diese verlogene Strategie in der Katastrophe eines griechischen Austritts. Wenn das passiert, dann gibt es keinen Plan, wie man dann um den Rest des Euro-Raums eine Schutzmauer ziehen kann.

Wenn man diesen Moment verpennt, dann kippt plötzlich auch Portugal. Und während man in Deutschland noch debattiert, kommentiert und prozessiert, geht das Dominospiel lustig weiter. Genau dann sind die in Deutschland ungeliebten Euro-Bonds und die noch viel unbeliebtere Preisgarantie durch die EZB ohne Alternative.

Es ist eine der wichtigsten Lektionen der Krisenpolitik in Argentinien, dass man die Krise frühzeitig und entschlossen lösen muss. So oder so. Je länger man wartet, desto teurer wird es für alle Beteiligten. Auch diese Lektion hat man weder in Berlin noch in Brüssel und Frankfurt verstanden. Angela Merkel und ihre Kollegen handeln immer erst dann, wenn die Märkte in Panik ausbrechen.

Da helfen alle Beschwörungen und Europa-Bekenntnisse nichts. Wenn der letzte Domino erst einmal kippt, dann ist es aus mit dem Euro.

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insgesamt 338 Beiträge
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Seite 1
rw2 16.11.2011
1. Geht doch schneller als ich dachte.
Zitat von sysopDas Schuldendesaster in Europa greift auf immer mehr Länder über. Und die Politik reagiert hilfloser denn je.*Das Hauptproblem der Krisenbekämpfer: Sie lernen nicht*aus den Fehlern anderer Länder - und noch nicht einmal aus ihren eigenen.* http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,798118,00.html
Die Bösen „Spekulanten“ trauen der Euro Union nicht mehr. Ich würde auch keine Euro Anleihen mehr kaufen auch wenn ich eine 50%ige Garantie bekäme. Hat sich halt ausgehebelt. Jetzt hilft nur noch die EZB Euro Druckerpressen einen Gang schneller zu schalten. Am Ende kommt das, was die „Stammtischbrüder“ schon lange geahnt und einige Wissenschaftler (die aber leider von der Politik ignoriert wurden...) schon lange vorausgesagt haben, das aus für den Euro oder die nahe Hyperinflation. Zu lange haben die Politiker an dem Glauben festgehalten die völlig ungleichen Staaten im Euro halten zu können.
np_nbg 16.11.2011
2. "Die Märkte" ...
die man meiner persönlichen Meinung nach, auf wenige Großinvestoren und einige Großbanken beschränken kann, holen sich jeden einzelnen Euro aus jedem auch noch so großen Rettungsschirm ... Deutschland wird wohl zuletzt dran sein, da wir ja mit am höchsten in der Haftung sind. Einzige Lösung ist eine Verweigerung von zumindest Zinseszinszahlungen, evtl. sogar Zinsen als solche, ein Lossagen vom ewigen Wachstumswahn und Umstellung auf ein Geld- , Finanz- und Wirtschaftssystem, das vom Wachstum nicht mehr so abhängig ist.
lmxlmx 16.11.2011
3. So schauts aus!
Sehr treffende Analyse von Münchau. Die handelnden Akteure wiederholen alte Fehler. Warum wird in Griechenland wiederholt was in Argentinien nachweisbar nicht geklappt hat? Warum bekommt jetzt Italien ein knallhartes neoliberales Reformier- und Sparprogramm aufgedrückt?? Das kann alles nur in eine Abwärtsschleife führen wie aktuell bereits an der Konjunktur in Griechenland ersichtlich ist.
tlogor 16.11.2011
4. Dominoeffekt
Ich halte den Artikel für substanzlos. Es geht viel einfacher. Wer leiht einem Schuldner noch Geld, der Schulden mit neuen Schulden bekämpft. Für mich betreibt der Spiegel keinen unabhängigen Journalismus. Liebe Journalisten, denkt daran: zwar sind die Anzeigenkunden für eine Zeitung wichtig; sie sind aber nur wichtig für eine Zeitung, die noch einer ernst nimmt und liest.
jot-we, 16.11.2011
5. ttt
Neiiiin - bitte nicht NOCH einen S.P.O.N.-Blogger!! Aber da auf mich ja keiner hört: kann mir mal jemand erklären, was der Mann eigentlich sagen will?
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