Saar-Kumpel bangen um Existenz Urlaub absagen? Die Frau arbeiten schicken?

Das Ende des Bergbaus im Saarland hat das Zeug zum Wahlkampfschlager: Weder die RAG noch die Landesregierung besitzen einen Notfallplan für die 8000 Menschen, die bald arbeitslos werden. Die Menschen plagen Zuküunftsängste.


Saarbrücken - Hildegard Birringer liebt Kreuzworträtsel. Und von kleineren Erdstößen lässt sich die zähe 85-Jährige bei ihrem Hobby schon lange nicht mehr stören. Am vorvergangenen Samstag jedoch, exakt um 16.31 Uhr, fiel selbst ihr der Kugelschreiber aus der Hand. Sieben Sekunden dauerte das jüngste und bislang schwerste Beben rund um das saarländische Bergwerk in Ensdorf. "Sieben Sekunden Krieg", sagt Hildegard Birringer, "und ich bin alt genug, um diesen Vergleich todernst zu meinen."

Bergbau-Mitarbeiter protestieren auf dem Saarbrücker Messegelände: Vom Aus der Zeche sind rund 8000 Kumpel betroffen
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Bergbau-Mitarbeiter protestieren auf dem Saarbrücker Messegelände: Vom Aus der Zeche sind rund 8000 Kumpel betroffen

Das Grummeln der Erde hat die kupferne Schweinströte an der Wand wackeln lassen, ein antikes Horn, auf dem Hildegard Birringer sich fast wöchentlich bei Demonstrationen gegen den Bergbau Gehör verschafft. "Ich habe wirklich gedacht, jetzt ist es vorbei, nun fällt uns das Dach endgültig auf den Kopf."

Im Epizentrum des Bebens, im benachbarten Saarwellingen, zerschellten Ziegel und zersprangen Fensterscheiben. Vom 40 Meter hohen Glockenturm der Pfarrkirche St. Blasius stürzten Steinbrocken herab. Nur durch Zufall gab es weder Verletzte noch Tote - und trotzdem hat das Beben dramatische Folgen.

Denn seit über einer Woche ruht in der letzten verbliebenen Zeche des Saarlands die Kohleförderung - und dabei wird es bleiben. Nach rund 500 Jahren Bergwerksgeschichte kam das Ende schnell und unerwartet - auch wenn damit vorzeitig geschieht, was die Regierung an der Saar unter CDU-Ministerpräsident Peter Müller seit Jahren propagiert: den Ausstieg aus der Kohleförderung vor 2014.

Umso erstaunlicher deshalb, dass weder Müller noch das führende Bergbauunternehmen, die RAG, einen Plan X in der Schublade haben – zumindest für die rund 4700 Mitarbeiter. Rechnet man die von der Kohleförderung abhängigen Stellen bei den überwiegend mittelständischen Zuliefererbetrieben hinzu, stehen im hochverschuldeten Saarland sogar 8000 Arbeitsplätze auf dem Spiel.

Die SPD als alte Bergmanns-Partei tut sich schwer

Dem eigentlichen Unglück wird also ein wirtschaftliches Beben folgen, das auch den Ausgang der Landtagswahl im Herbst 2009 noch beeinflussen dürfte. Dabei sind die Positionen höchst konträr: FDP und Grüne verstehen den von ihnen lange geforderten und nun greifbaren Ausstieg als Chance. Die Linke fordert eine Beschäftigungsgesellschaft, wie es sie in der Stahlkrise der Achtziger unter der damaligen Regierung Lafontaine gegeben hat – freilich ohne annähernd zu erklären, wie das Land die Kosten dafür aufbringen soll.

Besonders schwer aber tut sich die alte Bergmanns-Partei SPD. Bis vor wenigen Wochen dachte sie noch laut über Kohleförderung weit über das Jahr 2018 hinaus nach; nun muss sie ihren Genossen die Losung "Sicherheit vor Abbau" nahebringen. Die Bergbaugewerkschaft IG BCE sieht sogar rund 10.000 Arbeitsplätze in Gefahr und wirft Ministerpräsident Müller vor, er verharmlose die Krise.

In der Tat pickt sich Müllers Wirtschaftsminister Joachim Rippel (CDU) dieser Tage gern die entlastenden Faktoren heraus: dass es ja die sogenannten Anpassungsgelder für die Bergmänner über Fünfzig gebe und dass die jungen RAG-Arbeiter gut ausgebildet und angesichts des Fachkräftemangels sicher vermittelbar seien. "Wir werden", verspricht Rippel, "uns um jedes einzelne Bergarbeiterschicksal kümmern."

Unlösbare Aufgabe, um Zeit zu schinden

Für viele Saarländer wird das aber nicht reichen, vor allem nicht für jene, die mittelbar von der Zeche abhängig sind. Vorige Woche wurden die ersten hundert Reinigungskräfte entlassen – deren Chance auf Anschlussjobs sind angesichts der bereits existierenden 41.300 Arbeitslosen im Saarland ähnlich gering wie für die Kumpel jenseits der Vierzig.

Drei Wochen bleiben noch bis zum endgültigen Aus. So lange hat die RAG Zeit, der Landesregierung eine Fördermöglichkeit zu präsentieren, mit der "nachweislich keine derartigen Schäden mehr zu befürchten sind", wie der Ministerpräsident es formuliert hat. De facto eine unlösbare Aufgabe, die allenfalls Zeit schinden kann.

In einem gemeinsamen Papier bekräftigten CDU, FDP und Grünen gestern denn auch, es dürfe im Land keinen Kohleabbau mehr geben, der das Leben von Menschen gefährde. "Das Schicksal darf nicht wieder herausgefordert werden", heißt es in dem Beschluss. Nur wenn die RAG "zweifelsfrei" nachweisen könne, dass Beben im Kohlerevier rund um das ruhende Bergwerk Saar in Ensdorf ausgeschlossen werden könnten, sei eine erneute Genehmigung überhaupt möglich, sagte Müller.

"Unser Vertrauen in die Politik ist zerstört"

Geholfen werden soll den betroffenen Bergleuten und Beschäftigten der RAG mit einem "Solidarpakt Steinkohle", so der Plan. Es brauche nun eine gemeinsame Kraftanstrengung aller Verantwortlichen im Land, um die Kohlekrise zu meistern und den betroffenen Beschäftigten im Saar-Bergbau eine Perspektive zu bieten.

Damit wird sich der Druck auf Berlin verstärken - auch wenn Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) noch vor knapp zwei Stunden klar gestellt hatte, die Finanzierung eines vorgezogenen Ausstiegs sei allein Sache der RAG. Eine Haltung, die Heinz Welter, 52, in dritter Generation bei der Ruhrkohle beschäftigt, schändlich findet: "Unser Vertrauen in die Politik ist komplett zerstört. Wir werden jetzt gegen die Bergbaugeschädigten ausgespielt, als ob wir nicht alle im selben Boot sitzen würden und man nicht endlich für uns alle eine lebenswerte Lösung bräuchte."

Am heimischen Küchentisch diskutieren die Bergmänner nun allabendlich über ihre ungewisse Zukunft. Den lange angesparten Urlaub lieber gleich absagen? Kann die Ehefrau den Halbtagsjob aufstocken? Sollen sie noch einmal alle auf die Straße gehen und ein letztes Mal für "die alte Bergmanns-Ehre" demonstrieren? "Wenn ich höre, dass man aus Berlin keinen Cent schicken will", klagt Welter, "wie soll das denn funktionieren?"

"Wir haben den Ausstieg Jahrzehnte lang vorbereitet"

Diese Frage stellt sich auch Charles Stirnweiss, Bürgermeister der französischen Stadt Forbach, nur fünf Kilometer von Saarbrücken entfernt. Der Kohleausstieg, der auf der deutschen Seite nackte Panik auslöst, ist in Lothringen längst Realität.

Vor rund vier Jahren wurde die letzte Grube La Houve bei Creutzwald geschlossen, insgesamt wurden in der Region rund 30.000 Arbeitsplätze abgebaut. Über den derzeitigen Umgang mit den Bergleuten jenseits der Grenze kann der Franzose nur den Kopf schütteln. "Wir haben den Ausstieg Jahrzehnte lang vorbereitet", so Stirnweiss, "auch wenn ein solches Unglück nicht vorhersehbar war: das Ende der Kohleära ist doch schon lange in Sicht."

Rund 256 Millionen Euro haben der französische Staat und das Département Moselle in den Strukturwandel in Lothringen gesteckt. Dort haben sich jetzt Firmen aus der Auto- und Kunststoff-Industrie angesiedelt. Die Arbeitslosigkeit liegt bei vergleichsweise niedrigen acht Prozent.

Ohne die entsprechenden finanziellen Mittel aus Paris hätte man diesen Kraftakt nie geschafft, sagt Stirnweiss. "Und ich kann mir nicht vorstellen, wie das Saarland ohne Hilfe der Bundesregierung diese Katastrophe meistern soll."



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