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Wirkung der Russland-Sanktionen: Vergiftetes Geschäftsklima in Moskau

Von , Moskau

Putin mit Wladimir Strschalkowski: Erstes Opfer der Sanktionen Zur Großansicht
REUTERS/ Alexsey Druginyn/ RIA Novosti

Putin mit Wladimir Strschalkowski: Erstes Opfer der Sanktionen

Die Russland-Sanktionen zeigen erste Wirkung: Ein Touristik-Unternehmen mit Geheimdienstverbindungen ist pleite. Auch deutsche Manager fürchten um ihr lukratives Geschäft im Osten.

Die Sanktionen des Westens haben ein erstes Opfer gefordert. Newa heißt die russische Firma, die Konkurs anmelden musste, einer der größten Reiseanbieter im Land. Die Firma taucht zwar auf keiner Sanktionsliste auf, nicht in Washington und nicht in Brüssel. Aber Zufall ist die Pleite nicht: Newa ist bankrottgegangen im Sog der Sanktionen. Der Fall zeigt, wie eng verwoben Russlands Geschäftswelt mit dem Umfeld von Wladimir Putin ist.

Ein Freund des russischen Präsidenten hat Newa Anfang der Neunzigerjahre gegründet. Wladimir Strschalkowski diente in den Achtzigerjahren als Offizier in den Reihen des sowjetischen Geheimdienstes KGB. Unter Präsident Putin stieg er später auf bis zum Minister für Tourismus.

Newa, der Reisekonzern, schloss Versicherungen für seine Kunden bei einer Firma namens Sogaz ab, auch sie zählt zum Umfeld des Kreml. Sogaz ist Teil des Imperiums eines anderen Putin-Freunds, des Bankers Juri Kowaltschuk. Als dessen Name dann auf den Sanktionslisten des Westens auftauchte, suchte Newa eilig Ersatz. Der neue Versicherer aber riss den Touristikanbieter dann binnen weniger Wochen in den Konkurs. 6000 Russen mussten ihren Urlaub abbrechen oder andere Hotels suchen. 20.000 hatten ihren Urlaub mit Newa schon bezahlt.

"Illegal" sei das Vorgehen des Westens, schimpft Premierminister Dmitrij Medwedew. Sanktionen hätten "noch niemanden auf die Knie gezwungen". Schmerzhaft aber sind sie doch, die Folgen des Konflikts mit dem Westen. Moskaus Börsen brechen ein, zwischen 9 und 11 Prozent haben sie innerhalb weniger Tage verloren. Staatskonzerne wie der Ölriese Rosneft und die Gazprom-Bank sind ausgesperrt vom US-Finanzmarkt.

"Dollar-Finanzierungen sind tot", sagt ein leitender Manager einer großen Bank in Moskau. Auch europäische Banken müssten den Sanktionen Folge leisten, sonst drohen ihnen Strafen in Washington. Die Kosten könnten sich für Russland auf bis zu ein Prozent seiner Wirtschaftsleistung belaufen, schätzt das Bankhaus Morgan Stanley.

Aber die Sanktionen wirken über die Namen hinaus, die auf der Liste stehen. Die Furcht vor einer weiteren Eskalation hält Investoren ab. Die Unsicherheit verdirbt das Geschäftsklima, das spüren auch die deutschen Unternehmen in Russland.

Johannes Tholey leitet das Geschäft der deutschen Globus-Gruppe in Russland: 6500 Mitarbeiter, sechs große Einkaufszentren. Zwei weitere sollen dazukommen, finanziert von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Rekonstruktion (EBRD). Die Bank hat nun den Stopp aller Infrastrukturprojekte in Russland verkündet. Seit Tagen versucht Globus' Russland-Mann Tholey herauszubekommen, ob auch er betroffen ist. Antwort? Bislang Fehlanzeige.

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Russlands Behörden - gerade in den Provinzen - hießen Investoren aus Deutschland noch immer mit offenen Armen willkommen, sagt Tholey. Aber auch Globus spürt die Verunsicherung: Der Umsatz ist gesunken, in allen Märkten. Die Russen halten ihr Geld beisammen.

Mehr als 6000 deutsche Unternehmen sind in Russland, sie machen gute Geschäfte: Sie liefern Maschinen und bauen Autos im Riesenreich. Auch die Russen waren bislang zufrieden, sie mögen die Deutschen, die Qualität. Der Konflikt zwischen West und Ost ist aber auch an den Geschäftsbeziehungen nicht spurlos vorbeigegangen. Das herzliche Verhältnis ist abgekühlt. "Es gibt zwei Tabus bei Treffen mit russischen Partnern", sagt ein Unternehmer in Moskau. "Die Krim und Conchita Wurst."

Inzwischen hören die Deutschen auch Fragen, die sie von Russen bislang selten hörten: Ob man sich überhaupt noch auf unterschriebene Verträge verlassen könne? Was denn passiere, wenn Brüssel die Sanktionen auf ganze Branchen erweitere?

Die Probleme der deutschen Unternehmen werden verstärkt durch die Strukturkrise der russischen Wirtschaft. Der Warenaustausch zwischen Russland und Deutschland ist schon 2013 geschrumpft, vor Krim-Annexion und Ukraine-Krise. Das Handelsvolumen sank von 80 Milliarden Euro 2012 auf 75 Milliarden 2013.

Die Modernisierung der russischen Wirtschaft kommt nicht recht voran. Auch der hohe Ölpreis treibt das Wachstum nicht mehr. Angespannt sei die Lage deshalb schon lange gewesen, heißt es bei einem deutschen Automobilzulieferer. Der Einfluss der Sanktionen sei deshalb schwer zu beziffern. Klar sei: "Die Stimmung ist schlecht".

Russland hat in den vergangenen Jahren begonnen, mit ausländischem Know-how eine Automobilindustrie aufzubauen. Deutsche Firmen liefern dafür Komponenten. Die internationale Konkurrenz aber sei stark, auch die Qualität der Chinesen sei besser geworden.

Das ist die Sorge der deutschen Wirtschaft: Schon jetzt Marktanteile zu verlieren, weil die Russen Aufträge lieber nach Osten vergeben, aus Angst vor einem massiven Embargo. Die Rede ist von einer "Hinwendung der Kunden nach Asien".

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insgesamt 86 Beiträge
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1. die Zeit arbeitet ...
Hilfskraft 22.07.2014
Zitat von sysopREUTERS/ Alexsey Druginyn/ RIA NovostiDie Russand-Sanktionen zeigen erste Wirkung: Ein Touristik-Unternehmen mit Geheimdienstverbindungen ist pleite. Der Ukraine-Konflikt macht Investoren Angst. Auch deutsche Manager fürchten um ihr lukratives Geschäft im Osten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/sanktionen-gegen-russland-erste-pleite-wegen-ukraine-a-982392.html
... kann man es nicht endlich mal dabei bewenden lassen und abwarten? Die Zeit arbeitet an einer Lösung !!!
2. Ja, die deutsche Wirtschaft
rodelaax 22.07.2014
Die Bosse schei*en auf die Toten der MH17. Und Mutti weiß das und wird alles tun, um weitere Sanktionen zu verhindern.
3. dann haben die guten "Freunde"
spon-facebook-10000140154 22.07.2014
Zitat von sysopREUTERS/ Alexsey Druginyn/ RIA NovostiDie Russand-Sanktionen zeigen erste Wirkung: Ein Touristik-Unternehmen mit Geheimdienstverbindungen ist pleite. Der Ukraine-Konflikt macht Investoren Angst. Auch deutsche Manager fürchten um ihr lukratives Geschäft im Osten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/sanktionen-gegen-russland-erste-pleite-wegen-ukraine-a-982392.html
Deutschlands ja ereicht was sie wollen. Die deutsche Wirtschaft ist nachhaltig geschwächt wenn der Osthandel wegbricht.......die Chinesen werden sich freuen...........
4. Manager mit Charakter
althus 22.07.2014
Zitat von sysopREUTERS/ Alexsey Druginyn/ RIA NovostiDie Russand-Sanktionen zeigen erste Wirkung: Ein Touristik-Unternehmen mit Geheimdienstverbindungen ist pleite. Der Ukraine-Konflikt macht Investoren Angst. Auch deutsche Manager fürchten um ihr lukratives Geschäft im Osten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/sanktionen-gegen-russland-erste-pleite-wegen-ukraine-a-982392.html
Deutsche Manager die jetzt noch Geschäfte mit Russland machen handeln unanständig , denn an diesen Geschäften klebt das Blut Unschuldiger , der Opfer des abgeschossenen Flugzeugs der Malaysian Airways, der Opfer der russischen Separatisten... Die deutsche Wirtschaft muss endlich Flagge zeigen: Scharfe Sanktionen, Boykott russischer Waren und Energielieferungen, Verweigerung von Landerechten und Überflugsgenehmigungen für russische Flugzeuge, Sperrung der Häfen für russische Schiffe. Nur mit dieser harten Sprache wird man Putin beikommen können und sein Streben nach Neurussland, demnächst womöglich in Finnland, Polen und dem Baltikum stoppen.
5. Wenn ....
paulhaupt 22.07.2014
Zitat von sysopREUTERS/ Alexsey Druginyn/ RIA NovostiDie Russand-Sanktionen zeigen erste Wirkung: Ein Touristik-Unternehmen mit Geheimdienstverbindungen ist pleite. Der Ukraine-Konflikt macht Investoren Angst. Auch deutsche Manager fürchten um ihr lukratives Geschäft im Osten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/sanktionen-gegen-russland-erste-pleite-wegen-ukraine-a-982392.html
.... In der zivilisierten Welt niemand mehr Geschäfte mit Verbrechern machen will ist das eine Sprache die vermutlich auch Herr Putin versteht.
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Fläche: 17.098.200 km²

Bevölkerung: 143,972 Mio.

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

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