Sanktionen gegen den Westen Der Kreml schlägt zurück - und trifft sich selbst

Auf den Schlag folgt der Gegenschlag: Moskau will den Westen mit Gegensanktionen bestrafen und erwägt ein Importverbot für Autos. Im Kreml geben nur noch Hardliner den Ton an - das schadet vor allem Russland selbst.

Corbis

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Moskau reagiert mit einer Mischung aus Trotz und Drohungen auf die neuen Sanktionen des Westens. Lebensmitteleinfuhren aus Europa hat der Kreml bereits eingeschränkt, jetzt bringt er auch ein mögliches Import-Verbot für westliche Autos ins Gespräch. So werden auch Mercedes, VW und Co. zum Ziel.

Moskauer Medien beziffern den möglichen Schaden für die Autobauer auf bis zu 12 Milliarden Euro pro Jahr. Es gebe eine "Masse anderer Länder, die davon träumen, Europas Platz auf dem russischen Markt einzunehmen", behauptet Russlands Außenminister Sergej Lawrow. Russland ist der zweitwichtigste Auto-Absatzmarkt in Europa.

Tatsächlich schmerzt die Ukraine-Krise die Autobranche. Grund sind allerdings weniger Sanktionsdrohungen des Kreml als eher die einbrechende russische Konjunktur: Wegen der schlechten wirtschaftlichen Entwicklung ist die Nachfrage nach Autos bereits jetzt deutlich zurückgegangen. Dagegen verblasst die Drohung mit dem Importverbot - zumal Autokonzerne wie Volkswagen oder General Motors längst eigene Fabriken in Russland betreiben, die von dem Importverbot voraussichtlich nicht betroffen wären.

In diesen Fabriken ist die Absatzkrise bereits spürbar. So musste etwa Volkswagenzu Beginn der Woche die Bänder in seinem Werk im russischen Kaluga südwestlich von Moskau stoppen, weil die Nachfrage drastisch eingebrochen ist. Die Produktion soll nun vorerst für zwei Wochen ruhen, Entlassungen werden nicht ausgeschlossen. Noch im Juli hatte Volkswagen zusätzliche Jobs in Kaluga in Aussicht gestellt.

GM-Werk arbeitet nur noch einmal pro Woche

Volkswagens wichtigster Konkurrent in Russland, der US-Riese General Motors, spürt den Einbruch der Nachfrage noch schmerzhafter. Das GM-Werk bei St. Petersburg arbeitet nur noch eine Woche pro Monat.

Kein Wunder, denn immer mehr Russen verschieben den Kauf eines neuen Autos oder begnügen sich mit einem Gebrauchten. Im Juli sank die Zahl der verkauften Neuwagen nach Angaben der Association of European Businesses in Russland um 22,9 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Betroffen sind insbesondere die Massenhersteller: Ford verkaufte 41 Prozent weniger Autos, Peugeot34 Prozent. Volkswagen kommt mit einem Minus von fast 16 Prozent noch vergleichsweise günstig davon.

Für das zweite Halbjahr 2014 rechnet Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen noch einmal mit einer deutlichen Verschärfung des Abwärtstrends. Demnach würde selbst bei einer Beilegung des Ukraine-Konflikts noch in diesem Jahr die Zahl der früheren Pkw-Verkäufe von 2,9 Millionen Neuwagen in Russland erst 2017 wieder erreicht. Eskaliert die Krise in den nächsten zwölf Monaten weiter, rechnet er mit einer Durststrecke bis zum Jahr 2020.

Premium-Hersteller weniger stark betroffen

Glimpflicher kommen die Premium-Hersteller davon, denn der Anteil der verkauften Autos in diesem Segment fällt vergleichsweise gering aus. BMW verkaufte 2013 mit rund 42.000 Neuwagen im Jahr 2013 gerade mal 2,5 Prozent seiner Produktion nach Russland. Ähnlich sieht es bei Mercedes mit rund 44.000 Verkäufen und einem Russland-Anteil von 3 Prozent aus. "Das Russland-Risiko für die Premiumautobauer bleibt überschaubar", sagt Dudenhöffer.

Letztlich belegt der Absatzeinbruch, dass die russische Wirtschaft für die Ukraine-Krise einen hohen Preis zahlt - ebenso wie der russische Durchschnittsbürger. Die Lebensmittelpreise sind in den vergangenen Monaten gestiegen, die Preise für Fleisch um mehr als 20 Prozent. Und die nun verhängten Strafen treffen Moskau dort, wo es besonders weh tut: im wichtigen Energiesektor. Eingeschränkt wird zum Beispiel der Import von Technologien für die Erdölförderung. "Das wird auf lange Sicht Schäden hinterlassen, weil es die Erschließung neuer Vorkommen erschwert", sagt Sergej Sumljonnij, Sanktionsexperte der Moskauer Beratungsgesellschaft Russia Consulting.

Je stärker die Sanktionen die russische Wirtschaft belasten, desto größer werde der Druck der russischen Geschäftswelt auf Putin: So lautete der Plan des Westens. Die größten Hoffnungen ruhten auf den einst so mächtigen Oligarchen. Die seien tatsächlich "geschockt", gab vor einiger Zeit der Moskauer Politologe Igor Bunin zu Protokoll. Das Kalkül des Westens aber scheint nicht aufzugehen.

Das liegt auch daran, dass Putin die großen Staatskonzerne von Vertrauten engen führen lässt. So kontrolliert der Kreml mehr als 50 Prozent der russischen Wirtschaft. 2006 waren es noch 38 Prozent.

Die Hardliner im Kreml haben das Sagen

Im Kreml-Umfeld sind nur noch wenige Liberale übrig geblieben, denen Putin Gehör schenkt. Dazu zählt der ehemalige Finanzminister Alexej Kudrin, der warnt: Aufrüstung und Sanktionen könnten Russland binnen weniger Jahre bis zu 20 Prozent seiner Wirtschaftskraft kosten.

Doch Kudrin steht einer Übermacht von Hardlinern wie Sergej Glasew gegenüber, seit einem Jahr Chefberater von Präsident Putin. Im Kreml ist Glasew zuständig für zwei heikle Themen: die Beziehungen zur Ukraine und zur Wirtschaft. Den ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko nennt Glasew einen "Nazi" und ruft zu Luftschlägen gegen die ukrainische Armee auf.

Dieser Mann hat keine Angst vor einem Wirtschaftskrieg mit dem Westen. Im Gegenteil: Er freut sich darauf. Glasew gehört zum mittlerweile übermächtigen Lager der Falken im Kreml. Sie wollen den Konflikt nutzen, um Russlands Beziehungen zum Westen zu zerschlagen. Europa halten sie für degradiert, die USA für einen Feind. Wenn es nach Glasew geht, soll Moskau seine Devisen-Reserven nicht länger in Dollar oder Euro halten. Er will eine eigene Rating-Agentur aufbauen, als Gegengewicht zu den großen amerikanischen Instituten. "Eurasische Kreditkarten" sollen Visa- und Mastercard ersetzen, und China soll Europa als Russlands wichtigsten Partner ablösen.

Seit 2013 schon dürfen russische Beamte und Politiker keine Konten, Firmen oder Häuser mehr im Ausland besitzen, der Westen soll kein Druckmittel gegen sie in die Hand bekommen. Seit dem Frühjahr dürfen vier Millionen Polizisten, Militärs und Geheimdienstler nicht mehr im Westen Urlaub machen, Beamte in Zukunft nur noch in Russland gebaute Dienstwagen fahren.

Umfragen zufolge unterstützt eine Mehrheit der Bevölkerung Putins Kurs der Gegensanktionen - selbst wenn das für die Bürger höhere Preise nach sich zieht. "Die Spirale aus Sanktionen und Gegensanktionen wird sich weiterdrehen", warnt Wirtschaftsexperte Sergej Sumlenny.

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jakam 12.09.2014
1. Eigentor
Na dann mal viel Spaß mit euren heimischen Schrottkarren.
dherr 12.09.2014
2. Das ist noch lange keine Tatsache.
"jetzt bringt er auch ein mögliches Import-Verbot für westliche Autos ins Gespräch." Also wieder ein äußerst spekulativ-manipulativer Artikel. Des Lesens eigentlich nicht Wert.
Hape1 12.09.2014
3. ...
Frage: Werden wir denn nicht auch "getroffen"?
einwerfer 12.09.2014
4. Welch ein Glück
dass es solche Hardliner im guten Westen nicht gibt, weder in der Politik noch in den Medien. Es käme auch keinem Presseorgan in den Sinn, Putin zur Personifizierung alles Antidemokratischen und Bösen zu machen und z.B. von 'putinisieren' zu schreiben (Vorsicht, enthält Ironie !)
Topf Gun 12.09.2014
5. Na
da wären wir also mal wieder in der Zeit um 1970 gelandet. Dann warten wir halt den 2. Zusammenbruch der "Sowjetunion" ab. Manche lernen es nie.....
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