Von Markus Grill
Hamburg - Es war am Donnerstag vergangener Woche, als Polizisten 17 Büros und Wohnungen von Pharma-Managern in ganz Deutschland durchsuchten. Bei der Hälfte der Beschuldigten handelt es sich um Mitarbeiter von Sanofi-Aventis. Am Samstag hatte der fünftgrößte Pharmakonzern der Welt die Razzia selbst bekanntgegeben und zugegeben, dass die Polizisten auch die Deutschlandzentrale an den Standorten Frankfurt und Berlin durchsucht hätten.
Gleichzeitig hatte Sanofi-Aventis aber erklärt, Hintergrund der Durchsuchung sei eine Strafanzeige, die der Pharmakonzern selbst erstattet habe. Nach eigenen Angaben fühlte sich der Konzern von einem Großhändler namens Multi-Trade-International (MTI) betrogen. Diesem habe er verbilligte Arzneimittel für Nordkorea geliefert. Allerdings habe der Händler die Präparate überwiegend gar nicht ins Ausland geschafft, sondern in Deutschland weiter verkauft. Dort seien sie regulär in Apotheken gelandet.
Sanofi-Aventis sei deshalb froh, erklärte die Firmensprecherin noch am Samstag, dass das Verfahren zu der Anzeige in Gang gekommen sei. Auch dem SPIEGEL hatte Sanofi-Aventis am Freitag noch per Fax dargelegt, "vollumfänglich mit den Ermittlungsbehörden kooperiert" zu haben. Selten wurde eine Razzia im eigenen Haus so nett erklärt.
Doch das Verfahren gegen MTI wurde nach Informationen des SPIEGEL bereits am Freitag vergangener Woche eingestellt, der Bescheid darüber Sanofi-Aventis auch zugestellt. Das 13-seitige Schriftstück der Staatsanwaltschaft Stade ist für den Konzern brisant. Es lässt die Erklärungen des Pharmakonzerns in einem äußerst fragwürdigen Licht erscheinen.
Denn die Staatsanwaltschaft hält alle Vorwürfe, die Sanofi-Aventis gegen seinen ehemaligen Partner MTI vorbrachte, für unbegründet. Stattdessen wirft sie dem Unternehmen vor, die Unwahrheit verbreitet zu haben. Laut dem Einstellungsbescheid ist die Erklärung, dass die Ware für humanitäre Zwecke an MTI geliefert worden sei, eine Legende.
Medikamente im Wert von rund 100 Millionen Euro an MTI geliefert
Wie der SPIEGEL nun berichtet, hatte Sanofi-Aventis in den vergangenen sieben Jahren Medikamente im Wert von rund 100 Millionen Euro an MTI geliefert. Allerdings war die übergroße Mehrzahl dieser Präparate für ein Dritte-Welt-Land völlig unbrauchbar. Das schreibt die Staatsanwaltschaft Stade in ihrem Bescheid. So befanden sich darunter mehrere tausend Packungen Fußpilz-Salbe oder Antidepressiva.
Zwar gibt es vermutlich auch in Nordkorea Menschen, die depressiv sind oder an Fußpilz leiden, seriöse Hilfsorganisationen orientieren sich bei ihrer Lieferung aber an der "Essential Drug List" der WHO, wie die Staatsanwaltschaft ausführt - und die wenigsten Medikamente, die Sanofi-Aventis an MTI lieferte, finden sich demnach auf dieser Liste.
Wie MTI-Chef Carl-Heinz Richter gegenüber den Ermittlern freimütig zugab, lieferte Sanofi-Aventis an ihn sogenannte "Ramschware", also Medikamente mit eingeschränkter Haltbarkeit, die in Deutschland nur gegen ordentliche Preisnachlässe an Großhändler wie Gehe verkauft werden könnten.
Das Problem ist aber, dass Pharmakonzerne gegenüber Großhändlern gar keine Rabatte auf verschreibungspflichtige Medikamente geben dürfen - außer es handelt sich um Waren, die zum Beispiel ins Ausland gehen. Sanofi-Aventis habe deshalb, so Richter, seit Jahren die Nordkorea-Legende benutzt, um Medikamente mit Rabatt noch in Deutschland loszuwerden.
Die Staatsanwaltschaft glaubt Sanofi-Aventis auch deshalb nicht die Geschichte von der Nordkorea-Belieferung, weil die Packungen, die das Unternehmen an MTI lieferte, ausschließlich deutsch beschriftet waren. Sie hätten von Ärzten in Nordkorea also kaum entziffert werden können. Außerdem passten die Packungsgrößen und die riesige Menge nicht zu einer Lieferung aus humanitären Gründen, wie es in dem Schriftstück heißt, das dem Pharmakonzern mittlerweile zugestellt wurde.
Sanofi-Aventis-Sprecherin Miriam Henn bestätigte SPIEGEL ONLINE, die Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft Stade erhalten zu haben. Das Dokument werde nun in ihrem Haus geprüft. "Sie müssen aber Verständnis dafür haben, dass ich dazu noch gar nichts sagen kann."
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