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Sanofi-Aventis: Staatsanwaltschaft hält Nordkorea-Hilfe für Legende

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Es ist eine skurrile Geschichte: Sanofi-Aventis erstattet Anzeige gegen einen Großhändler, der als Hilfslieferung für Nordkorea bestimmte Medikamente an deutsche Apotheken verkauft haben soll. Nun zeigen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Stade, dass der Konzern offenbar eine Legende stricken wollte.

Deutschland-Zentrale von Sanofi-Aventis in Berlin: Verbilligte Arzneimittel für Nordkorea? Zur Großansicht
dapd

Deutschland-Zentrale von Sanofi-Aventis in Berlin: Verbilligte Arzneimittel für Nordkorea?

Hamburg - Es war am Donnerstag vergangener Woche, als Polizisten 17 Büros und Wohnungen von Pharma-Managern in ganz Deutschland durchsuchten. Bei der Hälfte der Beschuldigten handelt es sich um Mitarbeiter von Sanofi-Aventis. Am Samstag hatte der fünftgrößte Pharmakonzern der Welt die Razzia selbst bekanntgegeben und zugegeben, dass die Polizisten auch die Deutschlandzentrale an den Standorten Frankfurt und Berlin durchsucht hätten.

Gleichzeitig hatte Sanofi-Aventis aber erklärt, Hintergrund der Durchsuchung sei eine Strafanzeige, die der Pharmakonzern selbst erstattet habe. Nach eigenen Angaben fühlte sich der Konzern von einem Großhändler namens Multi-Trade-International (MTI) betrogen. Diesem habe er verbilligte Arzneimittel für Nordkorea geliefert. Allerdings habe der Händler die Präparate überwiegend gar nicht ins Ausland geschafft, sondern in Deutschland weiter verkauft. Dort seien sie regulär in Apotheken gelandet.

Sanofi-Aventis sei deshalb froh, erklärte die Firmensprecherin noch am Samstag, dass das Verfahren zu der Anzeige in Gang gekommen sei. Auch dem SPIEGEL hatte Sanofi-Aventis am Freitag noch per Fax dargelegt, "vollumfänglich mit den Ermittlungsbehörden kooperiert" zu haben. Selten wurde eine Razzia im eigenen Haus so nett erklärt.

Doch das Verfahren gegen MTI wurde nach Informationen des SPIEGEL bereits am Freitag vergangener Woche eingestellt, der Bescheid darüber Sanofi-Aventis auch zugestellt. Das 13-seitige Schriftstück der Staatsanwaltschaft Stade ist für den Konzern brisant. Es lässt die Erklärungen des Pharmakonzerns in einem äußerst fragwürdigen Licht erscheinen.

Denn die Staatsanwaltschaft hält alle Vorwürfe, die Sanofi-Aventis gegen seinen ehemaligen Partner MTI vorbrachte, für unbegründet. Stattdessen wirft sie dem Unternehmen vor, die Unwahrheit verbreitet zu haben. Laut dem Einstellungsbescheid ist die Erklärung, dass die Ware für humanitäre Zwecke an MTI geliefert worden sei, eine Legende.

Medikamente im Wert von rund 100 Millionen Euro an MTI geliefert

Wie der SPIEGEL nun berichtet, hatte Sanofi-Aventis in den vergangenen sieben Jahren Medikamente im Wert von rund 100 Millionen Euro an MTI geliefert. Allerdings war die übergroße Mehrzahl dieser Präparate für ein Dritte-Welt-Land völlig unbrauchbar. Das schreibt die Staatsanwaltschaft Stade in ihrem Bescheid. So befanden sich darunter mehrere tausend Packungen Fußpilz-Salbe oder Antidepressiva.

Zwar gibt es vermutlich auch in Nordkorea Menschen, die depressiv sind oder an Fußpilz leiden, seriöse Hilfsorganisationen orientieren sich bei ihrer Lieferung aber an der "Essential Drug List" der WHO, wie die Staatsanwaltschaft ausführt - und die wenigsten Medikamente, die Sanofi-Aventis an MTI lieferte, finden sich demnach auf dieser Liste.

Wie MTI-Chef Carl-Heinz Richter gegenüber den Ermittlern freimütig zugab, lieferte Sanofi-Aventis an ihn sogenannte "Ramschware", also Medikamente mit eingeschränkter Haltbarkeit, die in Deutschland nur gegen ordentliche Preisnachlässe an Großhändler wie Gehe verkauft werden könnten.

Das Problem ist aber, dass Pharmakonzerne gegenüber Großhändlern gar keine Rabatte auf verschreibungspflichtige Medikamente geben dürfen - außer es handelt sich um Waren, die zum Beispiel ins Ausland gehen. Sanofi-Aventis habe deshalb, so Richter, seit Jahren die Nordkorea-Legende benutzt, um Medikamente mit Rabatt noch in Deutschland loszuwerden.

Die Staatsanwaltschaft glaubt Sanofi-Aventis auch deshalb nicht die Geschichte von der Nordkorea-Belieferung, weil die Packungen, die das Unternehmen an MTI lieferte, ausschließlich deutsch beschriftet waren. Sie hätten von Ärzten in Nordkorea also kaum entziffert werden können. Außerdem passten die Packungsgrößen und die riesige Menge nicht zu einer Lieferung aus humanitären Gründen, wie es in dem Schriftstück heißt, das dem Pharmakonzern mittlerweile zugestellt wurde.

Sanofi-Aventis-Sprecherin Miriam Henn bestätigte SPIEGEL ONLINE, die Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft Stade erhalten zu haben. Das Dokument werde nun in ihrem Haus geprüft. "Sie müssen aber Verständnis dafür haben, dass ich dazu noch gar nichts sagen kann."

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insgesamt 15 Beiträge
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1. Man braucht sich nicht aufzuregen.
mitbürger 21.06.2011
Wenn man Gesetze (Rabattverbot, Preismoratorium für Jahre) wie in Nordkorea hat, braucht man sich nicht zu wundern, wenn die Firmen kreativ werden, um ihre Ware, deren Verfalldatum naht, noch zu Geld machen zu wollen. Ich kann daran nichts Schlimmes erkennen, außer dass der Staat sich zu sehr in die Preisgestaltung der pharmazeutischen Industrie einmisch, ohne ein überzeugendes Konzept für die hochpreisigen Medikamente zu haben. Muss der Staat den Preis von Fußpilzsalben regeln?
2. Franzosen...
jdm11000 21.06.2011
Zitat von sysopEs ist eine skurrile Geschichte:*Sanofi-Aventis*erstattet*Anzeige gegen einen*Großhändler, der als Hilfslieferung für Nordkorea bestimmte Medikamente an deutsche Apotheken verkauft*haben soll. Nun zeigen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Stade, dass der Konzern offenbar eine Legende stricken wollte. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,769495,00.html
... eben. Nur das wir die gute alte Hoechst AG an die Franzosen verscheuert haben - das ist das traurige dabei! Die Franzosen sprechen heute noch, wenn sie über Deutsche reden, von: Le Bosh! Den würde ich noch nicht mal über den Weg trauen, wenn sie nackt und gefesselt vor einem liegen! Hauptsache ihr handeln ist im Interesse ihres Landes und es ist gegen die Deutschen gerichtet.
3. was für eine schande
kommando, 21.06.2011
schande für sanofi. hätte ich nicht von denen gedacht. wie man sich täuschen kann.
4. Ich glaub mich knutscht ein Elch
iman.kant 21.06.2011
Medikamente als Ramschware zu betrachten nur weil sie in einigen Monaten abläuft ist dekadent! Es wurden von der deutschen Regierung die freien Marktkräfte außer Kraft gesetzt. Es gibt nichts zu Beanstanden wenn man dem deutschen Kunden einen Nachlass geben würde falls dass Medikament kurz vor dem Verfall steht. Es sollte der Kunde selbst entscheiden ob er es vor dem Verfall schafft es aufzubrauchen oder nicht. Dass ein Großhändler wie Gehe solche Medikamente verkauft ist nicht verwerflich, aber diese Medikamente letztendlich zu vernichten ist dumm und sinnlos!
5. Schmutzigste Tricks ohne Ende.
Benjowi 21.06.2011
Dass die Pharmaindustrie mit allen Tricks und einer einem Krebsgeschür ähnelnden korrumpierenden Lobby das deutsche "Gesundheits"wesen und wahrscheinlich auch in anderen Ländern plündert, wo es nur geht, dürfte sich herumgesprochen haben. Dass darüberhinaus noch derartige schmutzige Tricks auf dem Rücken der Ärmsten dieser Welt abgehen, ist allerdings noch eine Umdrehung schlimmer!
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Fotos Axel Martens für den SPIEGEL; Matthias Kulka
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