Saubere Klamotten Tchibo zensiert unliebsamen T-Shirt-Druck

Für 14,99 Euro bietet Tchibo T-Shirts zum Selberdrucken an - doch nicht jeder Spruch ist genehm. Weil der Konzern vergangenes Jahr von einer Bloggerin vorgeführt wurde, zensiert er Bestellungen im Netz. Erstaunlich, denn bei der Verbesserung der Produktionsbedingungen hat er Fortschritte gemacht.

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Hamburg - Der Weg zum perfekten T-Shirt dauert nicht lang: sich für die gewünschte Form und die Farbe entscheiden, die richtige Größe auswählen und dann das Lieblingsmotiv oder eine bestimmte Aufschrift aussuchen. Mit einem weiteren Klick geht es in den Warenkorb - und schon ist man stolzer Besitzer eines "individuell gestalteten T-Shirts", das der Kaffeeröster und Textileinzelhändler Tchibo in Kooperation mit der Firma Spreadshirt für 14,99 Euro anbietet.

Schwierig wird die Bestellung im Internet allerdings, wenn man Texte auf sein T-Shirt drucken lassen will, die dem Konzern nicht gefallen. "Dieses T-Shirt hat ein Kind für Tchibo genäht" funktioniert ebenso wenig wie "Bio - aber unfair". In der Bestellmaske erscheint eine kurze Nachricht, dass der Name Tchibo "markenrechtlich geschützt ist und daher nicht verwendet werden darf". Außerdem vermeldet der Computer: "Der Text 'unfair' gefällt uns nicht. Bitte gib einen anderen Text an." Gleiches gilt für Begriffe wie "Kinderarbeit" oder "Hungerlöhne".

Kritik trifft Tchibo an wundem Punkt

"Alle Worte, die auch nur im Entferntesten Rückschlüsse auf die Produktionsbedingungen zulassen, sind nicht erlaubt", sagt Kirsten Brodde - und sie weiß auch warum. Denn sie ist die Bloggerin, die Tchibo vor ziemlich genau einem Jahr vorgeführt hat. "Tchibo-Shirts: Gefertigt für Hungerlöhne" hatte sie sich damals von dem Konzern auf ein T-Shirt drucken lassen - und es auch geliefert bekommen. Damit stellte sich die ehemalige Greenpeace-Mitarbeiterin und Expertin für grüne Mode dann vor eine Hamburger Tchibo-Filiale und protestierte so gegen die Bedingungen, zu denen das Unternehmen seine Produkte herstellen lässt.

Damit hat sie den Konzern an einem wunden Punkt getroffen - denn tatsächlich war Tchibo vor ein paar Jahren wegen genau dieser Sozialstandards in der Kritik: Ende 2005 konfrontierte die "Kampagne für saubere Kleidung" (Clean Clothes Campaign) das Unternehmen mit Vorwürfen zu massiven Arbeitsrechtsverletzungen - am Beispiel einer Fabrik aus Bangladesch, die für Tchibo arbeitete. Anhaltende Proteste von Verbrauchern führten schließlich dazu, dass Tchibo einlenkte und sich mit der Frage nach fairen Handelsbedingungen beschäftigte. Man entwarf Richtlinien, warb mit Achim Lohrie einen anerkannten Experten für Corporate Social Responsibility (CSR) bei Otto ab und versucht seitdem, sich mit verschiedenen Programmen als verantwortungsbewusstes Unternehmen zu profilieren.

Der Konzern hat aus der Aktion von Brodde gelernt - nicht nur, indem er bestimmte Wortkombinationen und Schlüsselworte gar nicht erst zulässt. "In mir steckt ein Till Eulenspiegel, deshalb wollte ich mir 'Bio - aber unfär' drucken lassen", sagt sie. Doch was dank der falschen Rechtschreibung die automatische Kontrolle erst einmal anstandslos passierte, wurde kurze Zeit später schriftlich storniert. "Inzwischen scheint der Konzern auf Nummer sicher zu gehen und überprüft alle eingehenden Bestellungen", sagt Brodde. Dabei gehe es allerdings um Sozialstandards, Worte wie "Pestizid", "Ökoschwein" oder "giftig" seien problemlos lieferbar. "Der Konzern weiß, wo er Schwachstellen hat."

Top 10 der Textilhändler in Deutschland

Rang Unternehmen Textilumsatz in Millionen Euro 2007 Änderung in Prozent
1 Arcandor AG 4170 -0,9
2 Otto 3406* -4
3 Metro Group 3077* n.v.
4 C&A 2933 4,4
5 Hennes & Mauritz 2395 10,1
6 Peek & Cloppenburg 1511* 1
7 Tengelmann 1498* 17,6
8 Aldi 1050* +/-0,0
9 Lidl 1050* 4
10 Tchibo 1023* -5

*geschätzt, n.v. = nicht vergleichbar, Quelle: Lebensmittelzeitung

Die Zensur der Bestellungen erstaunt die Textil-Expertin trotzdem - denn der Konzern hat in bestimmten Bereichen Fortschritte gemacht. So kann man T-Shirts aus "organic cotton", also ökologischer Baumwolle, bedrucken lassen. Das Unternehmen verfügt inzwischen außerdem über einen Sozialkodex, führt Qualifizierungsprogramme für seine Importeure und acht bis zehn ausgewählte Lieferanten aus China, Pakistan, der Türkei und Bangladesch durch. Außerdem ist man dem Social Accountability International (SAI) beigetreten - einer Organisation, die Sozialstandards entwickelt und die Arbeitsbedingungen vor Ort überwacht.

Tchibo ist sich keiner Schuld bewusst

Es sei erklärtes Unternehmensziel, die Berücksichtigung von sozialen und Umweltaspekten entlang der Produktion kontinuierlich voranzutreiben, heißt es bei Tchibo auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE. Fünf der insgesamt neun Produkte, die man gemeinsam mit Spreadshirt anbiete, seien aus zertifizierter ökologischer Baumwolle hergestellt und der Lieferant Continental Clothing sei Mitglied der Clean Clothes Campaign nahe stehenden Initiative Fair Wear Foundation, die die Einhaltung sozialer Standards überwache.

Damit liegt Tchibo im Trend. Inzwischen kommt kaum mehr ein Unternehmen um Öko- und Sozialstandards herum: Brauchte es früher noch handfeste Skandale wie die Aufdeckung von Kinderarbeit bei den Branchenriesen Gap und Nike, um auf das Problem aufmerksam zu machen, gehört das Ökobewusstsein heute fast schon zum guten Ton. Selbst bei Massenanbietern wie H&M, Otto und C&A finden die Kunden inzwischen T-Shirts und Hosen aus Biobaumwolle. Und Öko-Labels wie American Apparel sind längst in den besten Lagen der großen Städte vertreten.

Warum man trotz all dieser Bemühungen allerdings bei der Auswahl der Beschriftung bestimmte Worte nicht mehr zulässt - dazu will man sich bei Tchibo nicht so richtig äußern. Die generelle Überprüfung sei schon aus "urheberrechtlichen Gründen" erforderlich, allerdings könne ein solcher Prozess nie "alle denkbaren sprachlichen oder bildlichen Kreativleistungen berücksichtigen", erklärt man - und verweist auf den Kooperationspartner Spreadshirt.

Dort bestätigt man, dass es eine Liste mit Wörtern gibt, die "mit Tchibo abgestimmt" ist, um "Verunglimpfungen" und "unwahre Behauptungen" zu verhindern. Die Auswahl der Begriffe beziehe sich aber nicht nur auf die Produktionsbedingungen, sondern umfasse auch andere Bereiche wie zum Beispiel sexistische Aussagen. Bestelle man bei Spreadshirt selbst, gebe es eine solche Zensur nicht - mit Ausnahme von pornografischen oder als Wortmarke geschützten Begriffen.

Bio-Boom ist kein Ethik-Boom

Das Verhalten von Tchibo zeigt: Aus dem Bio-Boom ist längst noch kein Ethik-Boom geworden. "Die großen Konzerne sträuben sich immer noch gegen gesetzliche Regeln. Mit der Mitgliedschaft bei SAI oder anderen Organisationen alleine ist es aber nicht getan - denn damit können gerade mal fünf Prozent der weltweiten Lieferketten überwacht werden", kritisiert Ingeborg Wick vom Institut für Ökonomie und Ökumene Südwind, die sich seit Jahren mit der Textilproduktion in Asien beschäftigt - und mehr Verantwortungsbewusstsein der Unternehmen einfordert: "Lidl, Kik, Tchibo und Co. haben die Hauptverantwortung für die Produktionsbedingungen vor Ort - denn mit ihrer Marktmacht bestimmen sie die Preise und gestalten die Einkaufspraktiken."

Für Bloggerin Brodde ist klar: Statt sich für bessere Arbeits- und Handelsbedingungen einzusetzen, verlegt sich Tchibo darauf, Kritik erst gar nicht zuzulassen. Mit welchen Mitteln der Konzern das allerdings versucht, hat sie zum Schmunzeln gebracht: "Sich durch Zensur vor berechtigter Kritik schützen zu wollen, ist einfach lächerlich."

Ein bisschen stolz ist sie allerdings auch. Darauf, dass der Konzern in diesem Jahr ein bisschen "sauberere" T-Shirts anbietet.

Und darauf, dass allein ihre Bestellversuche ausreichten, dass der Konzern panisch bei der Kampagne für Saubere Kleidung anrief - und fragte, was um Gottes Willen sie denn dieses Mal plane.



insgesamt 402 Beiträge
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Seite 1
cathys 26.11.2008
1. Einkommen
Zitat von sysopDeutsche Discounter bieten Hosen und T-Shirts zu Tiefstpreisen an. Produziert werden die Textilien in Südasien - teilweise unter sehr schlechten Arbeitsbedingungen. Sollen Konsumenten nun weniger Billig-Kleidung kaufen, um Druck auf die Handelskonzerne auszuüben?
Eigentlich, klares "ja" bzgl. Boykott! Aber solange der Kunde immer weniger Netto zur Verfügung hat, was sich nächstes Jahr noch wahrlich verstärken wird, braucht man sich darüber eigentlich keine Gedanken zu machen. Der Markt wirds regeln! Wir sind doch schon längst ein Diskounter-Land geworden! Wer kann sich denn wirklich noch generell hochwertige und damit hochpreisige Waren leisten? Selbst die angeblich "Reichen" kaufen schon vorwiegend in Diskounter-Läden ein! Geiz ist eben immer noch geil!
Harald E, 26.11.2008
2.
Zitat von cathysEigentlich, klares "ja" bzgl. Boykott! Aber solange der Kunde immer weniger Netto zur Verfügung hat, was sich nächstes Jahr noch wahrlich verstärken wird, braucht man sich darüber eigentlich keine Gedanken zu machen. Der Markt wirds regeln! Wir sind doch schon längst ein Diskounter-Land geworden! Wer kann sich denn wirklich noch generell hochwertige und damit hochpreisige Waren leisten? Selbst die angeblich "Reichen" kaufen schon vorwiegend in Diskounter-Läden ein! Geiz ist eben immer noch geil!
Mal abgesehen von den unmenschlichen Arbeitsbedingungen. Wenn ich mir nach jeder 3. Wäsche was Neues zulegen muss, weil der Plunder total verramscht ist, spare ich nicht wirklich was. Billig-Mode hat imho nur einen Vorteil. Durch den beständigen Hautkontakt mit dem asiatischen Giftcocktail an Textilchemikalien kann der Körper u.U. zusätzliche Immunkräfte entwickeln.
fatherted98 26.11.2008
3. Das ist ja lächerlich....
...wo glauben die Leute denn werden die sogenannten Markenwaren produziert....der ganze Kram kommt aus Fernost...es gibt in Deutschland so gut wie keine Textilindusrie mehr (auch in anderen Europäsischen Ländern machen die Werke dicht). Wer glaubt weil er in der Edel Boutique vierhundert Euronen für ne Jeans hinblättert, das diese von fleißigen Händen "MADE IN GERMANY" gefertigt wurde, ist wohl eher Betriebsblind. Die Discouter verkaufen über Masse, deshalb können sie kleinere Preise machen, die Marge ist meist einstellig. Die Läden die Markenklamotten vertreiben rechnen da anders..ändert aber nix an der Herkunft der Waren. Die Zollbehörden sollten mal ein Paar Einfuhrrechnungen öffentlich machen, wo dann Markensportschuhe für 3 Dollar EK eingeführt werden und im Laden für 120 Euro liegen. Ich kauf weiter bei den Discountern. Erstens kann ich mir nix anderes leisten und zweitens ändert der hohe Preis in der Boutique nix an den Lebensumständen der Produzierenden...die kriegen vom Gewinn so oder so nix ab...da könnte die Jeans auch tausend Euro kosten.
buerger2008 27.11.2008
4.
Was würde die Bevölkerung der armen Länder machen, wenn die Discounter und all die anderen renomierten Firmen dort nicht produzieren würden? Natürlich ist es nicht in Ordnung, wenn dort die Menschen zu unserem Gunsten ausgebeutet werden. Aber würde es denen wirklich besser gehen, wenn wir ein paar Euro mehr auf den Tisch legen? Ich bezweifel es, da das Geld garantiert nicht an die geht, die es eigentlich verdienen. Es wird vorab abgezweigt für die, die den Hals nicht voll kriegen. Oder an die Politiker des Landes, die sich eh schon schmieren lassen, damit die Arbeitsbedingungen auf dem heutigen Niveau bleiben. Aber man sollte sich nicht zu sehr darüber aufregen, sondern sich mal selber an die eigene Nase packen. Natürlich gibt es ausreichend Menschen in diesem Land, die wirklich nicht viel Geld zur Verfügung haben. Aber es sind doch gerade die, die zahlen könnten, die sich die billigen Dinge zulegen und hinterher über die Arbeitsbedingungen jammern. Aber damit prahlen müssen, wie smart sie wieder shoppen waren. Ansonsten finde ich beim Artikel die Prozentzahlen für das Beispiel-T-Shirt ein wenig zu ungenau. Hat für mich den Eindruck, Behauptung ohne Beleg. Einfach mal ein paar Prozentzahlen zur Stimmungsmache eingefügt? Wie wäre es denn mit konkreten Zahlen?
Wenzel Storch, 27.11.2008
5.
Zitat von sysopDeutsche Discounter bieten Hosen und T-Shirts zu Tiefstpreisen an. Produziert werden die Textilien in Südasien - teilweise unter sehr schlechten Arbeitsbedingungen. Sollen Konsumenten nun weniger Billig-Kleidung kaufen, um Druck auf die Handelskonzerne auszuüben?
Diese Frage sollte sich eigentlich nicht stellen, angesichts der Antwort: Natürlich soll man solche Ware nicht kaufen (sofern man es sich finanziell leisten kann).
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