Schadenschätzung Klimawandel könnte 64 Billionen Dollar kosten

Der neue Klimareport der Uno zeichnet ein düsteres Zukunftsszenario: Überflutungen, Hurrikans und Dürren werden auch Deutschland betreffen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE warnt Ökonomin Claudia Kemfert vor gigantischen Kosten.


SPIEGEL ONLINE: Die Temperaturen auf der Erde werden rasant steigen, prophezeit die Uno. Wie hoch werden die ökonomischen Kosten sein?

Claudia Kemfert: Hurrikans, steigender Meeresspiegel, Ernteausfälle - es sind erhebliche volkswirtschaftliche Kosten zu erwarten. Im schlimmsten Fall sind das 20 Prozent des globalen Bruttosozialprodukts. Auch eine Rezession könnte die Folge sein. 64 Billionen US-Dollar, das ist unsere Schätzung für die weltweiten Kosten in den kommenden 50 Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Und Deutschland allein?

Kemfert: In den kommenden 50 Jahren sind das 640 Milliarden Euro, in erster Linie wegen Überflutungen, Hurrikans und Dürren.

SPIEGEL ONLINE: Große Volkswirtschaften können leicht solche Schäden zahlen. Und andere Länder?

Kemfert: Es gibt manche Volkswirtschaften, die gemessen an ihrem Wohlstand noch viel mehr leiden müssen.

SPIEGEL ONLINE: Welche sind das?

Kemfert: In Afrika werden wegen Wassermangel, Dürren und Krankheiten ganze Regionen unbewohnbar. Aber auch die Inselnationen werden unter Wasser liegen. Gefährdet ist aber auch der Küstenstaat Bangladesch. Solche Volkswirtschaften können die Schäden nicht so einfach bezahlen wie Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Wie wirkt der Klimawandel auf einen einzelnen Arbeitnehmer in Deutschland?

Kemfert: Das kommt auf die Branche an. Industrien wie die Versicherungswirtschaft beschäftigen sich stärker mit dem Thema und können sogar profitieren. Wer aber in der Landwirtschaft arbeitet, muss auch in Deutschland wegen Temperaturveränderungen andere Anbaumethoden wählen. Industrien wie Chemie und Metall müssen reagieren - zum Beispiel wegen Wassermangel. Dies zieht auch die Waldproduktion in Mitleidenschaft - das hat Auswirkungen auf die Papierindustrie. In der Gesundheitsbranche gibt es zudem völlig neue Herausforderungen: Krankheiten wie Malaria kommen nach Europa. Außerdem steigen die Energiepreise weiter, das betrifft jeden Haushalt.

SPIEGEL ONLINE: Die Kosten steigen und das Geld fehlt für Investitionen ...

Kemfert: ... ja, man wird immer mehr für Klimaschäden bezahlen müssen. Daher sollte man mit dem Klimaschutz so früh wie möglich anfangen. Das Geld, das wir heute dafür aufwenden, ist geringer, als was wir später dafür ausgeben müssen.

SPIEGEL ONLINE: Die Ölbranche stemmt sich immer noch gegen die Thesen des Klimawandels. Andere Firmen rufen hingegen schon das Klima-Thema als neuen Trend aus.

Kemfert: Die Öllobby wird wenig Chancen haben, den Klimawandel zu leugnen. Mit innovativen Energietechniken entsteht auch ein boomender Markt: Im Hausbau, bei neuen Antriebstechniken, da gibt es viel zu entwickeln. Unternehmen, die sich dem Klimawandel stellen, sind gut aufgestellt.

SPIEGEL ONLINE: Sind deutsche Unternehmen gut vorbereitet?

Kemfert: Es gibt viele, die die Zeichen der Zeit erkannt haben, in Klimaschutz investieren und sich Marktanteile sichern. Die deutsche Autoindustrie hingegen tut sich schwer und versucht, das Thema von sich wegzuschieben. Ausländische Konzerne, allen voran Toyota, sind da weiter.

SPIEGEL ONLINE: Auch die Finanzindustrie scheint das Thema längst für sich erobert zu haben.

Kemfert: Das ist richtig. Die Finanzindustrie ist sehr flexibel, erkennt Trends und reagiert. Die Finanzbranche ist ein guter Marktindikator und kann Veränderungen schnell mitmachen. So gibt es schon lange den weltweiten Handel mit Zertifikaten und andere Finanzprodukte in Sachen Klimawandel.

SPIEGEL ONLINE: Für Umweltschäden bezahlen - das machen bisher nur Unternehmen im CO2-Handel. Müssten nicht auch Privatleute für ihre persönliche Verschmutzung zahlen?

Kemfert: Die Industrie muss spüren, dass Klima einen Preis hat. Dabei funktioniert der Emissionshandel aber noch nicht sehr gut. Die Preise sind zu niedrig. Bei Privathaushalten könnte man auch Anreize geben: zum Beispiel eine Pkw-Maut oder eine CO2-bezogene Kfz-Steuer. Auch im Luftverkehr müssten die Verbraucher für den Schaden, den sie anrichten, mehr zahlen.

SPIEGEL ONLINE: Was hilft das alles dem Weltklima, wenn hierzulande die Standards hoch sind, aber anderswo die Verschmutzung munter weitergeht?

Kemfert: Diese Standards müssten natürlich weltweit gelten. Man kann nur hoffen, dass auf den nächsten Klimaverhandlungen sowohl die USA, als auch die Chinesen überzeugt werden, dass sich Klimaschutz wirklich rechnet. Die gucken sich ja erstmal an, wie wir Europäer Emissionen senken und das Wirtschaftswachstum nicht leidet. Die Europäer müssen also zeigen, dass es funktioniert, dann werden andere Länder auch nachziehen.

Das Interview führte Tim Höfinghoff



insgesamt 1117 Beiträge
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Seite 1
pps, 27.01.2007
1.
---Zitat von sysop--- Sind Arbeitsplätze wichtiger als Klimaschutz? ---Zitatende--- Es arbeitet sich ausgesprochen incommod, wenn man vorher verbrannt, erfroren, verdurstet, verhungert oder erstickt ist. Auch das Autofahren läßt in diesem Zustand nur wenig Plaisir aufkommen!
Mocs, 27.01.2007
2.
In Deutschland sind Arbeitsplätze IMMER wichtiger als anderes andere.... zumindest suggerieren uns das unsere Politiker. Arbeitsplätze sind das Totschlagargument für alles - eigentlich ein Wunder, dass die Dünnsäureverklappung auf See eingestellt wurde, da hingen doch auch Arbeitsplätze dran. Irgendwann haben wir dann gaaanz viele Arbeitsplätze - und verbringen unsere Freizeit entweder in Wirbelstürmen und Orkanen oder mit Sonnenschschutzfaktor 170 im Freien. Arbeitsplätze werden in meinen Augen völlig überbewertet - eine intakte Umwelt gewährleistet unserer aller Lebensqualität. Hinzu kommt dass jedes Jahr nach Angaben der ILO (International Labour Organization = Internationale Arbeitsorganisation) weltweit rund zwei Millionen ArbeitnehmerInnen allein durch arbeitsbedingte Unfälle und Krankheiten sterben - das sind mehr als 5000 Todesopfer pro Tag! Obwohl Arbeit also täglich wesentlich mehr Todesopfer fordert als z.B.Terroranschläge oder diverse Seuchen und Erkrankungen wird die Gier nach Arbeit(splätzen) von niemandem in Frage gestellt. Bestimmte Schichten mit einer grossen Lobby verdienen einfach zu gut an der Arbeit anderer.
mbieren, 27.01.2007
3. Natürlich nicht
Ich kann es schon fast nicht mehr hören. Sollte es wirklich zu einer nachhaltigen Erwärmung kommen gehen noch wesentlich mehr Arbeitsplätze verloren. Die deutschen Autobauer haben es schlichtweg verschlafen passende Modelle auf den Markt zu bringen. Ich frage mich ob diese Menschen glauben sie leben auf dem Mars.
langsamer 27.01.2007
4.
---Zitat von sysop--- Gern argumentiert die Energie- und Autoindustrie, dass strengere Grenzen für den CO2-Ausstoß der Wirtschaft schadeten. Müssen notfalls Arbeitsplätze geopfert werden, um den Klimakollaps zu verhindern? Oder gibt es gar keinen Gegensatz zwischen Umweltschutz und Wirtschaftskraft? ---Zitatende--- Die gegenwärtigen Generationen haben eine Sonderrolle inne; ihnen ist es durch technische Möglichkeiten, welche die Menschheit zuvor nicht hatte vergönnt, Ressourcen zu verbrauchen, die späteren Generationen dann nicht mehr zur Verfügung stehen werden. Gleichzeitig entstehen auf Basis dieser Ressourcenausbeutung jede Menge Luft- Boden- und Gewässerschadstoffe, die noch für lange Zeit Auswirkungen haben werden. Die heutigen globalen Wirtschaftsstrukturen schmücken sich also bereits mehr als genug mit fremden Federn, sprich mit einem von unseren Nachfahren geklauten Wachstum. Autohersteller oder Energieversorger wollen also offensichtlich den Grad der Benachteiligung späterer Generationen erhöhen, damit der nächste Quartalsbericht etwas besser aussieht. Lebensfeindliche Umweltbedingungen kosten auch heute schon Geld, belasten also die Wirtschaft und kosten damit auch Arbeitsplätze.
Mikael, 27.01.2007
5.
Wem der Profit wichtiger als das nackte Leben ist, gehört in die Klapse! Die EU versucht seit 1996 schon, endlich die Emissionswerte von PKW´s zu senken. Jetzt haben wir 2007!!! Was für Luschen! Wenn man Menschen auf Freiwilligkeit verpflichtet, PASSIERT NIX. Ich habe schon einen tollen Klima-Clip ersonnen: Eine Autokolonne von noblen, schweren Limousinen steht im Stau und die Insassen tun superwichtig, Marke: Börsennotierung überprüfen, Renditecheck, Rumlabern von wegen Arbeitsplätze sind in Gefahr etc. Dann schaut jemand in den Rückspiegel und sieht einen Hurrikan, der mit 400 Km/h. sich nähert und die ganze Meute in die Luft schleudert. Dann ist die Straße wieder leer. Stimme aus dem OFF: Wie lange wollen sie noch warten bevor sie handeln? OK, der Clip würde nichts ändern, aber er wäre verdammt cool, oder? Gruß Mikael
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