Schadensprognose Millionengrab Bahn-Streik

Kostenrisiko Bahn-Streik: In nur wenigen Tagen verschlingt allein ein Ausstand im Güterverkehr soviel Geld, wie die Lokführer als Gehaltserhöhung pro Jahr fordern. Wie hoch sind die Kosten genau? SPIEGEL ONLINE macht das Zahlen-Wirrwarr transparent.

Von


Hamburg - 31 Prozent mehr Lohn fordert die GDL maximal für ihre Mitarbeiter - eine saftige Gehaltserhöhung, die jährlich zwischen 163,6 bis 250 Millionen Euro zusätzlich kosten soll - je nachdem, ob man die GDL oder die Bahn fragt.

Streikende Lokführer (am 8. November): 50 Millionen Euro kostet der Streik dem DIW zufolge pro Tag
DPA

Streikende Lokführer (am 8. November): 50 Millionen Euro kostet der Streik dem DIW zufolge pro Tag

Eine Stange Geld ist das - und selbst die GDL rechnet nicht damit, dass die Maximalforderung erfüllt wird. "Die ganze Republik weiß, dass 31 Prozent nie zum Tragen kommen", sagt GDL-Chef Manfred Schell. Sein Kompromissvorschlag: eine Erhöhung von 15 Prozent.

Ungeachtet dessen: Selbst die 163 bis 250 Millionen Euro, die bei einer Maximalforderung von 31 Prozent fällig wären, sind nichts verglichen mit den volkswirtschaftlichen Kosten, die ein längerer Bahn-Streik real verursacht.

Alleine der Ausstand im Güterverkehr richtet laut Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) pro Tag einen volkswirtschaftlichen Schaden von bis zu 50 Millionen Euro an.

"Allerdings dauert es einige Tage, bis der Streik seine volle Wirkung zeigt", erläutert Konjunktur-Experte Stefan Kooths vom DIW. Viele Industrien hätten Vorräte für durchschnittlich drei Tage - "ab dem vierten Tag wird der Ausstand spürbar teurer." Entsprechend dürften sich die Kosten des 42-Stunden-Streiks in der letzten Woche noch in Grenzen gehalten haben, schätzt Kooths.

Dennoch: Auch nach vorsichtigen Berechnungen verschlingt ein Streik im Güterverkehr in wenigen Tagen mehr als die geforderte Gehaltserhöhung für alle 20.800 in der GDL organisierten Lokführer und Zugbegleiter in einem ganzen Jahr kosten würde. Nach GDL-Schätzungen entsprechen drei Tage Streik dieser Jahresgehaltserhöhung.

Die Schätzung der Bahn fällt deutlich höher aus. Margret Suckale, Mitglied ihm Bahn-Vorstand, bezifferte die Mehrkosten, die durch die GDL-Gehaltsforderungen entstünden, Anfang Oktober auf rund 250 Millionen Euro.

"Die GDL kommt vermutlich auf einen niedrigeren Betrag, da sie in ihrer Rechnung weder die geforderten Änderungen zur Arbeitszeit noch die Zulagen und Zuschläge wie das 13. Monatsgehalt berücksichtigt", schätzt Bahn-Sprecher Uwe Herz.

Auch für Konjunktur-Experte Kooths ist die Diskrepanz der Schätzungen wenig verwunderlich: "Die sind sich sogar uneins darüber, wie hoch die Personalkosten derzeit sind", sagt er. Es gebe diverse Posten wie Zulagen und Überstunden, die GDL und Bahn unterschiedlich abrechneten.

Streik im Personenverkehr kostet bis zu einer Milliarde

Wohlgemerkt: Die bislang veranschlagten Kosten beziehen sich nur auf einen Streik im Güterverkehr. Wird der Ausstand, wie jetzt beschlossenauf den Personenverkehr ausgeweitet, nimmt der volkswirtschaftliche Schaden noch einmal drastisch zu - bei einem Totalausfall des Schienenverkehrs um bis zu eine Milliarde Euro am Tag, schätzt das DIW. Das wären bis zu 15 Prozent der täglichen Wirtschaftsleistung Deutschlands.

"Das ist natürlich ein Extremwert, der sich auf das absolute Worst-Case-Szenario bezieht", sagt Kooths. Bislang sei nicht vorhersehbar, wieviel Prozent der Züge bei einem Streik im Nah- und Fernverkehr insgesamt ausfallen würden. Dementsprechend sei auch keine genauere Kostenprognose möglich. "Ein gleichzeitiger Streik im Güter- und Personenverkehr dürfte aber erhebliche Kosten verursachen", schätzt Kooths.

"Allerdings kann man den Lokführern keinen Strick daraus drehen, dass ihr Streik einen hohen volkswirtschaftlichen Schaden verursacht", sagt Kooths. Der Güterverkehr bilde nun mal für die gesamte Industrie eine wichtige Infrastruktur - entsprechend sei ein hoher Kollateralschaden unvermeidlich.

Auch sollte man nicht die Schlussfolgerung ziehen, die Bahn müsse die geforderte 31-prozentige Gehaltserhöhung zahlen, um den volkswirtschaftlichen Schaden zu begrenzen. "Ein solcher Sieg der GDL wäre ein Präzedenzfall für viele weitere Gewerkschaften, ebenfalls eigenständige Tarifverträge auszuhandeln", sagt Kooths.

Bahn-Sprecher Uwe Herz sieht das noch drastischer: "Käme die GDL mit ihren Forderungen durch, dann hätten wir bald Verhältnisse, wie man das in Großbritannien in den siebziger und achtziger Jahren erlebt hat, wo die Betriebe durch die vielen, zum Teil kleinen Gewerkschaften ständig bestreikt wurden", sagte er SPIEGEL ONLINE. Die Folge wäre ein Zerstörung der Tarifeinheit.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.