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Schlechte Führung: Chefs mit Charakter dringend gesucht

Von Sandra Siebenhüter

Sie alle haben im Ausland studiert, sie alle haben einen MBA und verstehen sich aufs Eigenmarketing - nur originelle Ideen haben sie nicht: Manager werden zunehmend austauschbar. Ein Plädoyer für Chefs mit Kopf und Herz, die nicht nur ihre eigene Karriere im Kopf haben.

"Wenn ich durch das Werk gehe und mir unsere Führungskräfte anschaue, dann wird mir angst", so einer der Betriebsräte in einer süddeutschen BMW-Niederlassung, "das sind zwar adrette und smarte Leute, nett und freundlich, aber nur auf Erfolg getrimmt. Ich habe das Gefühl, die meisten von ihnen sind völlig austauschbar, alle irgendwie gleich, ohne Ecken und Kanten."

Manager-Einheitskleidung: Bleibt nur die Wahl zwischen Ausstieg und Anpassung?

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Die These des Betriebsrats, Manager hätten heute kein Profil mehr, ist starker Tobak. Doch der Trend zum Einheitsmanager nimmt offenbar zu. Zahlreiche Studien und Interviews, die ich im Rahmen meiner Forschungsarbeit über die Beziehung von Führungskräften zu ihren verschiedenen Rollen geführt habe, bestätigen die Entwicklung: In den vergangenen 20 Jahren ist eine stetige Angleichung von Lebensläufen festzustellen.

Für Unternehmen kann das fatale Folgen haben: Sie beschäftigen ausgebrannte Manager, die Angst vor Entscheidungen haben. Sie verlieren ihre Differenzierungsmerkmale im Wettbewerb, weil Entscheidungsprozesse zu uniform und Zieldefinitionen ihrer Führungskräfte zu unflexibel sind.

Die Schablone, in die sich Führungskräfte pressen lassen, wird schon bei der Ausbildung angelegt: Das Top-Management in großen und in mittelständischen Unternehmen besteht heute fast ausschließlich aus Akademikern. Eine Studie unter 700 Mittelständlern in Deutschland zeigte, dass 80,9 Prozent der westdeutschen Geschäftsführer und 93,7 Prozent ihrer ostdeutschen Kollegen studiert hatten. In der Schweiz haben insgesamt etwa 70 Prozent studiert, in Deutschland etwa 95 Prozent.

Am liebsten promoviert

Ähnliches gilt für die Promotion: Während in Deutschland etwa 50 Prozent der Manager einen Doktortitel tragen, sind es in der Schweiz nur etwa 25 Prozent. Eine andere Untersuchung, die sogenannte "erwartete Musterbildungswege" von Top-Managern vergleicht, kam zu ähnlichen Ergebnissen: In den USA haben 5,6 Prozent und in Frankreich 4,1 Prozent promoviert - in Deutschland nicht weniger als 58,5 Prozent! Ein akademischer Abschluss ist damit zur Conditio sine qua non geworden, um eine Spitzenposition in einem deutschen Unternehmen zu erreichen. Darüber hinaus gehört ein Doktortitel zur erwünschten Ausstattung. Andere Ausbildungswege sind indes schon fast zum Hindernis geworden. Damit vergrößert sich die Kluft zwischen der Managementriege und den Mitarbeitern. Die Folge: Führungskräfte haben zunehmend Schwierigkeiten, ihre Anliegen zu kommunizieren, und werden von ihren Mitarbeitern nicht akzeptiert.

Gefunden in...

Harvard Business Manager 9/2007

Welche weiteren Faktoren treiben die Entwicklung zum Einheitsmanager voran? Ein kurzer Rückblick: Bis in die achtziger Jahre hinein, so zeigen Studien, rekrutierte eine Firma ihre Führungskräfte meist auf Basis von Fachwissen. Das führte dazu, dass sie innerhalb der Belegschaft eine hohe Wertschätzung genossen. Der Manager fungierte damit als personifizierte Verbindung von Expertenautorität und hierarchischer Autorität. Dieses Maß an interner Wertschätzung war die Grundlage, um innerhalb einer Firma über die Jahre hinweg Erfahrung zu sammeln. Typisch für dieses System waren sogenannte "Kaminkarrieren", bei denen Führungskräfte nach einem anonymen Start innerhalb des Unternehmens kontinuierlich aufstiegen. Ihr Erfolg hatte eine eher schwache Außenwirkung.

Der Boom bei MBAs

Mittlerweile haben die Wirtschafts- und Rechtswissenschaften die Managementetagen erobert. Spezifisches Fachwissen spielt eine eher untergeordnete Rolle. An ihre Stelle ist die Fähigkeit zur Selbstvermarktung getreten.

Der kanadische Managementvordenker Henry Mintzberg stellte in seinem 2005 erschienenen Buch "Manager statt MBAs" fest, dass der Schwerpunkt der Ausbildung auf Finanzen, Marketing und Buchhaltung liege, soziale Situationen kämen so gut wie nie vor. Alles, was MBAs können, so Mintzberg, sei im Büro zu sitzen, Daten zu sammeln, Kennzahlen und Kontrollverfahren zu entwerfen und bürokratische Strukturen entstehen zu lassen, die jeglicher unternehmerischer Vision widersprechen, ja sie sogar ad absurdum führen.

Ob Mintzbergs Szenarien auch hierzulande eintreten werden, weiß niemand. Dennoch finden sich Beispiele für eine Neuorientierung in den Führungsetagen. Etwa der neue Vorstandsvorsitzende der Audi AG: Rupert Stadler studierte Betriebswirtschaft, Schwerpunkt Unternehmensplanung und Controlling. Für Audi bedeutet diese Personalie einen Paradigmenwechsel, waren doch lange Zeit mit Ferdinand Piëch und Martin Winterkorn Ingenieure an der Spitze. Man sagte ihnen nach, sie hätten Benzin im Blut. Weil früher Ingenieure, Techniker und Naturwissenschaftler die deutschen Vorstände dominierten, hatten sie ein besseres Verständnis für die Vorgänge in der Produktion. Und diese Personen repräsentierten die starke Qualitätsorientierung der Firmen nach außen, was für das Gütesiegel "Made in Germany" von enormer Bedeutung war.

Der Trend zu wirtschafts- und rechtswissenschaftlich gebildetem Führungsnachwuchs lässt sich begründen. Weitreichende Berichtspflichten, die internationale Rechnungslegungsvorschriften mit sich brachten, haben Qualifikationen im Bereich Controlling und Finanzierung aufgewertet. Das Bestreben, die neuen Anforderungen zu erfüllen, ist nachvollziehbar, jedoch lassen sich Bedenken anmelden.

Besonders innerhalb der Belegschaft von sehr technisch ausgerichteten Unternehmen stößt diese Entwicklung auf Unverständnis - gerade bei den technisch versierten Produktionsmitarbeitern. "Wie sollen wir innovative Autos bauen, wenn wir jetzt einen Finanzfuzzi an der Spitze haben, der nicht die einfachsten technischen Zusammenhänge versteht?", fragt sich ein langjähriger Audi-Mitarbeiter am Standort Ingolstadt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1.
keoki, 01.09.2007
Nur so ne Frage. Das paßt doch auch auf unsere Politiker, oder?
2. trifft den Nagel auf den Kopf
indosolar 01.09.2007
Andere Ausbildungswege sind indes schon fast zum Hindernis geworden. Damit vergrößert sich die Kluft zwischen der Managementriege und den Mitarbeitern. Die Folge: Führungskräfte haben zunehmend Schwierigkeiten, ihre Anliegen zu kommunizieren, und werden von ihren Mitarbeitern nicht akzeptiert. Schlimmer noch, sie werden regelrecht gemobbt, in einem Teufelskreislauf, indem Chefs auf Grund von Verstaendnissschwierigkeiten falsche oder unverstaendliche Aktionen veranlassen und somit bei Ihren Mitarbeitern kognitive Dissonanzen ueber die Leistungsbewertung von hinterlassen. Der von Managern erwartete Drang sich zu behaupten, an sich ja nichts Negatives,fuehrt dann dazu, sich nach und nach mit Ja Sagern zu umgeben und Kritiker zu entfernen, was wiederum volkswirtschaftliche Konsequenzen hat, denn niemand wird erneut eingestellt, wenn er bekennt, dass er ein Kritiker ist. Das heisst, ehemalige Kritiker werden zu profillosen, veraenderungsunfaehigen Konformisten. Da dies einer Produkt oder Ablaufentwicklung nicht gut tut, sinkt die Wettbewerbsfaehikeit uber das Produkt oder die Dienstleistung, was wiederum nur noch durch bilanztechnische Tricks von Standartmanagern mit betriebswirtschaftlicher Eliteausbildung repariert werden kann. Dass gilt fuer Produzenten und Dienstleister gleichermassen und ich mach jede Wette, dass die Manager der Sachsen LB auch nicht als Bankkaufmann mit Sparkassendienst angefangen haben, sondern das Spielen auf hochrangigen Universtaeten erlernthaben und Blitzkarrieren vorweisen koennen!
3.
Ostbayer, 01.09.2007
Leider ist es wahr, wir haben in den großen Firmen nur noch wenige Techniker. Häufig sind Großkonzerne nur noch Banken mit angeschlossener Produktion. Was mich besonderes aufregt sind diese Beraterfirmen, welche dem Management vermeintlich neues erzählen. Der ehemalige Chef von Siemens Herr von Pierer sage in der Öffentlichkeit einmal: "Wenn wir wüssten, was wir wissen!" Genau hier sehe ich das große Problem von Konzernen. Ab einer gewissen Größe weiß die linke Hand nicht mehr was die rechte macht. Für technikfremde Manager wird es da schwierig die Materie zu überblicken und letzten Endes fähige von unfähigen Mitarbeitern zu unterscheiden. Sie gehen dazu über Menschen zu fördern, deren Ausbildung der ihren ähnlich ist, weil sie sich darunter etwas vorstellen können und glauben die Leistung entspräche dem gewünschten und für den Konzern wichtigen.
4. lieber Kontrolle als Entwicklung
phoenics-ffm, 01.09.2007
auch wenn die darstellung ein wenig oberflächlich wirkt passt es zum deutschen sicherheitsbedürfniss - weniger nach vorne wagen als nach hinten absichern. In der politik ist es ja oft ähnlich, da wird das entwickeln von beurteilungskriterien schon als politische tat gefeiert. das handeln wird dann gerne vergessen oder ist nachrangig.
5.
Moonsilver 01.09.2007
Ein wunderbarer Artikel - doch wann werden die Manager wieder merken, dass sie ohne die Mitarbeiter eigentlich nichts sind - egal welche Qulifikation sie haben? Doch ihre ständige Abwesenheit hat sich bei den Mitarbeitern schon lange bemerkbar gemacht und sie haben jegliches Interesse an ihrer Firma verloren - d.h. innerlich gekündigt - sie sind noch da - aber nur körperlich. Es ist schwer Chef zu sein - denn die müssen wirklich was von der Materie verstehen und von Menschen. Doch das ist heute nicht mehr der Fall - und schleichendes Gift - denn man kann es nicht hören, nicht sehen und nicht schmecken - Und den gestylten Managern tut das nicht weh - sie können ja von einem zum anderen Unternehmen wechseln. Und die Mitarbeiter stehen auf der Strasse und können nicht mehr wechseln. Hauptsache die Zahlen stimmen - und diese werden jeden Tag gehätschelt - egal was ansonsten passiert. Wen interessiert da noch das Unternehmen? Es ist immer dafür gesorgt, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen - nur leider trifft das dann wieder uns alle.
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