Schmiergeld-Affäre Fahnder weiten Siemens-Ermittlungen auf neue Sparte aus

In der Siemens-Korruptionsaffäre gehen die Fahnder mit neuem Elan ans Werk: Nach Informationen des SPIEGEL haben sie die Ermittlungen auf die Stromverteilungssparte PTD ausgeweitet. Viele Mitarbeiter werden als Beschuldigte geführt - darunter ist ein Ex-Zentralvorstand.


Hamburg - Die Personaldecke der Münchner Staatsanwälte, die den Fall Siemens Chart zeigen untersuchen, ist wieder etwas größer geworden - und man spürt es. Inzwischen ist nach SPIEGEL-Informationen auch die Sparte Energieübertragungstechnik (PTD) ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten. Schon seit August haben die Ermittler zahlreiche PTD-Mitarbeiter vernommen.

Siemens-Gebäude (in München): Ex-Zentralvorstand per Mail auf Zahlungen hingewiesen?
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Siemens-Gebäude (in München): Ex-Zentralvorstand per Mail auf Zahlungen hingewiesen?

Zu den inzwischen Beschuldigten gehört auch Uriel Sharef, der ehemalige Zentralvorstand. Er soll für Schmiergeldzahlungen nach Südamerika verantwortlich gewesen sein.

Die Münchner Staatsanwaltschaft wollte sich offiziell nicht dazu äußern. Sharefs Anwalt teilte dem SPIEGEL mit, die vorgeworfenen Vorgänge seien seinem Mandaten unbekannt.

Sharef rückte im Herbst des Jahres 2000 in den Siemens-Zentralvorstand auf. Er betreute die Bereiche Energieerzeugung (KWU), PTD und die Region Mittel- und Südamerika. Als der neue Siemens-Chef Peter Löscher Ende 2007 den Vorstand von elf auf acht Posten verkleinerte, musste auch Sharef weichen - die Trennung erfolgte nach offizieller Mitteilung "einvernehmlich". Für Siemens ist Sharef derzeit in Erlangen als Berater tätig.

Mit den Vernehmungen bei PTD gewinnt die Fahndung im Fall Siemens neue Wucht. Bisher richteten sich die Fahndungen vor allem gegen die einstige Telekommunikationssparte Com.

Siemens hatte Ende Januar dubiose Zahlungen in einer Reihe seiner Geschäftsbereiche eingeräumt. Die Summe der fragwürdigen Transfers bei PTD bezifferte Finanzchef Joe Kaeser damals auf 80 Millionen Euro für die Jahre 1999 bis 2006. Das Gesamtvolumen der zweifelhaften Zahlungen in diesem Zeitraum gab Siemens mit 1,3 Milliarden Euro an.

Sharef-Anwalt: Mein Mandant wusste davon nichts

Nach Informationen der Finanznachrichtenagentur Bloomberg soll PTD auch dubiose Zahlungen nach Asien geleistet haben. Ein Siemens-Sprecher gab gegenüber der Agentur keinen Kommentar ab.

Die Ermittler gehen laut Bloomberg auch Vorwürfen nach, wonach PTD-Manager eine Firma gegründet haben sollen, um Schmiergeldzahlungen zu verstecken. Diese Firma habe Siemens Rechnungen geschickt, ohne eine Gegenleistung zu erbringen, um so das Geld für die Zahlungen zu erhalten.

Sharef soll dem Bloomberg-Bericht zufolge in einer internen E-Mail auf die Zahlungen hingewiesen worden sein. Sein Anwalt, Heiko Lesch, teilte Bloomberg aber mit, Sharef habe von der Firma nichts gewusst. Sharef wisse auch nichts von einer E-Mail, in der solche Zahlungen erwähnt worden seien.

PTD zuletzt wegen Kartell-Vorwürfen in den Schlagzeilen

Die Sparte PTD war zuletzt ins Visier der EU-Kommission und des Bundeskartellamts geraten - sie verdächtigen den Bereich, bei Transformatoren illegale Preisabsprachen mit Konkurrenten getroffen zu haben. Siemens erklärte im Februar, nach Informationen des Unternehmens habe es von 2001 bis 2003 Absprachen gegeben.

An dem Kartell für den deutschen Markt seien fünf Unternehmen beteiligt gewesen, darunter auch die von Siemens übernommene österreichische VA Tech. Siemens sei an der "schnellen und vollen Aufklärung des Sachverhalts interessiert", erklärte der Konzern.

Es war nicht das erste Mal, dass die EU-Kommission wegen PTD aktiv wurde. Schon Ende Januar hatte sie dem Konzern wegen Absprachen bei gasisolierten Schaltanlagen in Umspannstationen - ebenfalls ein Produkt der Sparte - eine Rekordstrafe von rund 420 Millionen Euro aufgebrummt. Siemens will juristisch gegen die Strafe vorgehen.

Mit Reuters/AFP/dpa

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