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Schmuggelindustrie: Piratenfischer plündern Seeschnecken-Population

Aus Kapstadt berichtet Karl-Ludwig Günsche

Es ist ein profitables Geschäft mit Millionenumsätzen, betrieben von skrupellosen Schmugglerbanden: Die Jagd auf Abalonen an den Küsten Südafrikas. Ganze Fischerdörfer leben dort von dem illegalen Fang der geschützten Meeresschnecken.

Kapstadt - Ein defektes Rücklicht verpatzte Riaan Grange das Geschäft: Polizisten hatten ihn im Herbst vergangenen Jahres auf der berühmten südafrikanischen Gardenroute kurz vor Mossel Bay rausgewunken - und dabei zufällig einen Blick auf die offene Ladefläche seines Kleinlasters geworfen. Nur nachlässig unter einer Plane verborgen fanden sie dort 12.302 Abalonen. Die Seeschnecke ist eine der teuersten Meeresdelikatessen der Welt - und in Südafrika inzwischen vom Aussterben bedroht.

Auf dem Beifahrersitz entdeckten die beiden überraschten Verkehrspolizisten auch gleich noch einen alten Bekannten: Eugene Victor. Er war 2004 in Port Elizabeth festgenommen worden, weil er 48 Kilo des geschützten Meerestieres bei sich hatte.

Die Abalonen-Raubfischerei ist ein einträgliches Geschäft in Südafrika. Abalonen – auf deutsch: Seeohren – können im Durchmesser bis zu 25 Zentimeter groß werden und haben eine muschelartige, perlmuttreiche Schale. Feinschmecker zahlen für die rare Delikatesse fast jeden Preis. Um den Bestand nicht zu gefährden, ist die offizielle Fangquote in Südafrika auf 125 Tonnen pro Saison limitiert. Doch nach jüngsten Presseberichten wurden im vergangenen Jahr allein nach Hongkong über 2000 Tonnen exportiert - Schwarzmarktwert: umgerechnet rund 100 Millionen Euro.

Die südafrikanische Menschenrechtsorganisation Helen-Suzman-Stiftung beschreibt den illegalen Abalonen-Handel als "Multi-Millionen-Rand-Geschäft, das Gangsterbanden vom ganzen Kap angezogen hat, die Verbindungen zu internationalen Drogensyndikaten unterhalten". Der Meereskundler Pete Britz sagt: "An einem 'guten' Tag kann ein Raubfischer, der vom Boot aus arbeitet, 30.000 bis 40.000 Rand machen." Das sind 2700 bis 3500 Euro. Nach Ermittlungen der Suzman-Stiftung sind zwischen Port Elizabeth und Kapstadt ganze Dörfer ins Abalonen-Geschäft verwickelt, "bis hin zu zwölfjährigen Kindern, die vor Strafverfolgung geschützt sind". Die Abalonen-Gangs würden "durch korrupte Polizisten und wahrscheinlich auch Zöllner unterstützt und gedeckt".

Schmugglerbanden liefern sich blutige Schlachten

Als typisches Raubfischerdorf gilt Hawston am Westkap. Bis zu seiner Verhaftung herrschte dort Ernest Solomons, Chef der berüchtigten "Rooidakkies"-Gang, die sich auch schon mal blutige Straßenschlachten mit konkurrierenden Banden geliefert hat. "Seine Geschäftsinteressen reichten vom Drogenhandel über Waffenschmuggel und Schutzgelderpressung bis zu Raubfischerei", heißt es in dem Report der Suzman-Stifung.

Geradezu legendär am Kap ist auch die berüchtigte "Abalone-Queen" Elizabeth Marx, die 2004 in dem wegen seiner Wale berühmten Touristenörtchen Hermanus zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden ist. Sie hat eine 56-köpfige Gang kommandiert und nach Schätzungen des auf sie angesetzten Sonderermittlers Blaine Lazarus allein zwischen November 2001 und April 2002 6,6 Millionen Rand - rund 580.000 Euro - Reinverdienst aus ihrem illegalen Abalonen-Geschäft gezogen.

Der illegale Handel ist generalstabsmäßig organisiert: Von den Tauchern, die die Schnecken fangen, über die meist minderjährigen "Läufer", die die Beute an Land bringen, die Fahrer, die die illegale Ware verteilen, bis zu den Mittelsmännern, die den Kontakt zu den Exporteuren herstellen. "Sie alle verdienen gut daran", schreibt die Suzman-Stiftung.

Es gebe auch Hinweise, dass die Deals zum Teil als Tauschgeschäft abgewickelt werden: Abalonen aus Südafrika gegen Drogen aus Ostasien, wo die Meeresschnecke auch als wirkungsvolles Potenzmittel geschätzt wird. Vor allem China gilt als Hauptmarkt für den illegalen Meeresschnecken-Export. Als in der vergangenen Woche die Horrorzahlen über illegale Abalonen-Exporte nach Hongkong bekannt wurden, sagte Shaheen Moolla der "Cape Times", Polizei und Fischerei-Inspektoren hätten gegen die perfekt organisierten und international arbeitenden Raubfischersyndikate mit ihren Speed-Booten und der Hightech-Ausrüstung keine Chance. Moolla war früher einer der leitenden Mitarbeiter der südafrikanischen Fischereibehörde und ist heute Berater in der Fischindustrie. "Südafrika ist inzwischen bekannt dafür, dass die Raubfischerei an seinen Küsten einfach ist", erklärt er.

Schnelle Eingreiftruppe mit Abalone-Schnüffelhunden

Die südafrikanische Regierung hat – nachdem vor einigen Jahren eine "Neptun" getaufte Operation nur begrenzt Erfolg hatte - den Abalonen-Gangs mit der "Operation Protector" erneut den Kampf angesagt. Polizei, Zoll und Küstenwache arbeiten zusammen, um den Raubfischer-Banden das Handwerk zu legen. In einer der schnellen Eingreiftruppen sind sogar Abalonen-Schnüffelhunde im Einsatz.

Inoffizielle Informanten sollen frühzeitig Tipps geben. "Wenn sie Hinweise auf mögliche Abalonen-Raubzüge haben, informieren sie uns, und wir mobilisieren dann unsere Einsatzgruppen", sagt "Protector"-Chef Eugene Swart. Sogar auf die Hilfe der Marine kann er notfalls zurückgreifen, um die Gangster dingfest zu machen. "Wir haben auch schon einige Leute verhaftet", sagt der "Protector"-Boss stolz. So konnte seine Truppe nach einem Tipp aus der Bevölkerung Mitte August vor Nelson Mandelas Gefängnisinsel Robben Island drei Raubfischer festnehmen.

Doch selbst wenn die Gerichte in Südafrika die Abalonen-Räuber schließlich verurteilen: Die Strafen sind oft überraschend milde. So verurteilte Richter Deon Bender den auf frischer Tat ertappten 55-jährigen Ignund Welgemoed im vergangenen Jahr wegen Raubfischerei zu zwölf Monaten Gefängnis auf Bewährung. "Der ist inzwischen wahrscheinlich längst wieder im Geschäft", mutmaßt ein Insider.

Gleichwohl sind inzwischen erste Ansätze eines Umdenkens festzustellen. So wollen etwa Kirchen, Gemeindeverwaltung, Provinzregierung und Bürgerinitiativen Hawston von seinem traurigen Ruf als Hauptstadt für Abalonen-Schmuggel und Gangstertum befreien und für Touristen attraktiv machen. Die Einwohner sollen einsehen, dass der Ökotourismus eine gewinnträchtige Alternative zu Raubfischerei und Bandenkriminalität sein kann.

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Abalonen: Das Schmuggelgeschäft mit der Meeresschnecke


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