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Schröder in China: Der Autokanzler im Rostgürtel

Aus Changchun berichtet

Spatenstiche, neue Fabriken, hymnische Reden über das Wachstum: Im fernen China kann Gerhard Schröder noch seine Lieblingsrolle als Autokanzler spielen und kräftig Werbung für die deutschen Konzerne machen. Doch auch der Wundermarkt kühlt ab - Marktführer VW spürt den Gegenwind.

Changchun - Als Gerhard Schröder kommt, beginnen die Scheinwerfer zu rotieren. Blau, gelb, violett tanzen die Strahlen über die Wände, dann setzt das Stroboskoplicht ein. Feuerwerksfontänen sprühen bis an die Hallendecke, aus den Lautsprechern tönt die Dallas-Filmmusik. Der Kanzler zieht in das VolkswagenChart zeigen-Werk ein wie ein Schwergewichtschampion in den Entscheidungskampf.

Schröder mit Vizepremier Zeng Peiyan im neuen VW-"Caddy": Ohrenbetäubend das Heldenmotiv aus "Indiana  Jones"
DDP

Schröder mit Vizepremier Zeng Peiyan im neuen VW-"Caddy": Ohrenbetäubend das Heldenmotiv aus "Indiana Jones"

Bei der Einweihung der neuen Produktionshalle in Changchun scheinen die Chinesen daran erinnern zu wollen, dass sie es waren, die das Feuerwerk erfunden haben. Es ist nur ein Erweiterungsbau, der hier eröffnet wird - doch die Special Effects sind vom Feinsten.

Die 3,5-Millionen-Stadt Changchun ist seit 1991 der zweite chinesische Standort des Volkswagen-Konzerns neben Shanghai. In der alten Industriestadt im Nordosten Chinas wurde 1953 die erste Autofabrik des Landes eröffnet. Heute ist die Region, der so genannte "Rostgürtel", vor allem geprägt durch marode Staatsbetriebe. Die Schwesterstadt von Changchun ist keine geringere als Flint im US-Bundesstaat Michigan, der Ort, der dank Filmemacher Michael Moore zum Inbegriff der Deindustrialisierung geworden ist.

Bau in nur einem Jahr

Im Gegensatz zu Flint findet in Changchun jedoch ein Aufschwung statt. Neue Unternehmen, darunter auch ausländische Joint-Ventures, haben zu einer Revitalisierung der alten Industrien geführt. Die chinesische Regierung hat die Region zu einem Entwicklungsschwerpunkt gemacht, und Schröder erklärt bei jeder Gelegenheit auf der Reise, dass Deutschland bei der Erschließung des chinesischen Hinterlandes helfen werde.

Die neue Halle des Joint-Ventures FAW-Volkswagen wurde innerhalb nur eines Jahres hochgezogen, sie verdoppelt die Kapazität des bestehenden Werks auf 660.000 Autos pro Jahr. Ab Anfang Januar soll hier der VW Caddy vom Band rollen. Der Mini-Van ist die seit langem geforderte Auffrischung der hiesigen VW-Produktpalette.

Der Kanzler hat den Ort bewusst gewählt. Er genießt es, mal wieder den Autokanzler zu geben, zumal es hier um seine alte Firma geht. Als Ministerpräsident von Niedersachen saß Schröder zwischen 1990 und 1998 im VW-Aufsichtsrat. Wie ein stolzer Vater erinnert er die Anwesenden daran, dass er jede Investition in Changchun mit beschlossen habe. Dafür bekommt er spontanen Applaus von den Beschäftigten. Schröder lobt VW, schon vor zwanzig Jahren den Zukunftsmarkt erkannt zu haben. "Der enorm hohe Marktanteil in China stabilisiert den Konzern und damit auch die Arbeitsmöglichkeiten in Deutschland", sagt er.

Die Kunden sind kritischer geworden

Doch inzwischen muss das Unternehmen auch auf dem chinesischen Markt kämpfen. Vorbei ist die Zeit, als der VW Santana das Straßenbild bestimmte. Der Marktanteil, der einst bei 50 Prozent lag, schrumpft stetig. Steigende Rohstoffpreise und verstärkter Wettbewerb drücken die Gewinnmargen. Vor allem jedoch ist die Nachfrage nicht mehr so stark wie früher. Der Anbietermarkt, der jahrelang alles aufsaugte, hat sich längst in einen Käufermarkt verwandelt: Die Kunden sind kritischer geworden. Sie haben mehr Auswahl und müssen überzeugt werden.

Die Abkühlung macht sich auch in den Zahlen bemerkbar: Vergangenes Jahr wuchs der Neuwagen-Absatz noch um 35 Prozent. Dieses Jahr rechnet das Statistikamt nur noch mit 18 Prozent. Bei zweistelligem Wachstum kann von Krise noch keine Rede sein. VW Shanghai prognostiziert jedoch bereits den ersten Absatzrückgang: 10 Prozent weniger werde man nächstes Jahr verkaufen.

Dazu kommt: In der Hoffnung auf den unerschöpflichen Absatzmarkt haben alle Autohersteller in China gewaltige Überkapazitäten aufgebaut. Eine vor kurzem veröffentlichte Studie der Beratungsfirma Mercer beziffert das Nachfragepotenzial auf sechs Millionen Autos im Jahr 2009. Die Branche könnte jedoch acht Millionen liefern. Dieses Missverhältnis beunruhigt auch die Börsianer: Der Citic Auto Industry Index ist in diesem Jahr um rund vierzig Prozent eingebrochen - weit höher als der Leitindex der Shanghaier Börse.

Pischetsrieder: "Mustergültiger Standort"

Für Volkswagen verschärft das neue Werk das Problem der Überkapazitäten noch. Deshalb wird langsam gestartet. Nächstes Jahr sollen nur 22.000 Caddys produziert werden. Ob die volle Kapazität von 330.000 Autos pro Jahr je erreicht wird, hängt von der Marktentwicklung ab. "Wir gehen Schritt für Schritt vor", sagt ein Mitarbeiter. Angepeilt ist die vollständige Inbetriebnahme nicht vor 2006. Gefertigt werden könnten zum Beispiel die Audis A4 und A6 sowie Bora, Jetta und Golf.

Die Erweiterung der Produktion bildet einen kuriosen Kontrapunkt zur aktuellen Entwicklung bei VW. Auf Grund schwindender Gewinne hat das Management einen eisernen Sparkurs verordnet. In den nächsten beiden Jahren sollen die Investitionen im gesamten Konzern um sechs Prozent zurückgefahren werden. Die Sparvorgabe für die China-Sparte beträgt sogar 22 Prozent.

Doch die Einführung neuer Modelle ist dringend nötig, will VW seine Position halten. VW-Chef Bernd Pischetsrieder, der auch angereist ist, setzt jedenfalls weiterhin auf den chinesischen Markt. "Das Wachstum wird anhalten, auch wenn es zuletzt gedämpft war", sagt er. Man habe in Changchun einen "mustergültigen Standort". Mit dem Caddy biete man ein erstes neues Produkt. "Weitere aktuelle Modelle werden folgen", verspricht er, ohne konkret zu werden.

"Wie in Niedersachsen"

Auch Schröder lässt sich die gute Laune nicht verderben. Zum ersten Mal auf dieser Reise strahlt er übers ganze Gesicht. In seiner Rede fragt er die deutschen Mitarbeiter, die mit ihren Kindern gekommen sind, ob sie den Brauch des Nikolausstiefels auch nicht vergessen hätten. "Falls das der Fall sein sollte, ordnet der deutsche Bundeskanzler hiermit an, die Stiefel zu füllen", sagt er.

Nachdem Schröder seinen Auftritt beendet, kündigt der Moderator die "Scheren-Zeremonie" an. Das Stroboskop flackert, die Funken regnen diesmal von oben herab, und aus den Lautsprechern schallt ohrenbetäubend das Heldenmotiv aus "Indiana Jones". Plötzlich knallt es, und silberne Lametta ergießt sich über Schröder und Pischetsrieder.

Die Musik wird immer triumphaler, jetzt ist es "Carmina Burana", der Kunstnebel wabert um die Kanzlerwaden, und der erste rote Caddy fährt vom Band. Schröder setzt sich rein und hält den hochgestreckten Daumen aus dem Fenster. "Wie in Niedersachsen", entfährt es einem der Umstehenden.

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Forum - Chinahandel - Wie viel Entgegenkommen ist angebracht?
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1.
Joachim Baum 11.04.2005
Da sehenses mal Herr Sysop, das Thema ist so heiß, da traut sich keiner so richtig ran (bisher)
2.
Laibach, 11.04.2005
Ich glaube , das es nicht nur um wirtschaftliche Interessen geht (natürlich auch) , aber ich denke , dass das auch viel mit Geostrategie zu tun hat.China wird die nächste Weltmacht werden und wir sichern uns einen Platz an der Sonne . Ich persönlich finde das gut . Vielleicht bin auch zu jung , aber ich fühle mich von China in keinster Weise bedroht und ich finde , dass dieser Staat sich doch wirklich zum besseren wandelt und habe ehrlich null misstrauen gegenüber China.Und ich stehe lieber an der Seite Chinas , als an der von den USA. Deswegen bin ich für einen uneingeschrenckten Handel mit China.
3.
J Hegenberg, 11.04.2005
---Zitat von Laibach--- ... , aber ich fühle mich von China in keinster Weise bedroht und ich finde , dass dieser Staat sich doch wirklich zum besseren wandelt und habe ehrlich null misstrauen gegenüber China. ---Zitatende--- Kein Wunder, Du wohnst da ja auch nicht. Frag mal die Angehörigen der 3400 Hingerichteten im letzten Jahr. Und Misstrauen habe ich schon gegenüber einem Land, das erst kürzlich ein Gesetz verabschiedet hat, um im Notfall militärische Mittel gegen Taiwan einzusetzen - bzw. halte ich es gerade vor diesem Hintergrund für äußerst fragwürdig, Waffen an dieses land zu liefern. Ein tolles Gefühl, Deutschlands Platz an der Sonne mit Waffenlieferungen zu sichern, die dann eventuell benutzt werden, um in einem freien Land einzufallen.
4.
DJ Doena 11.04.2005
---Zitat von J Hegenberg--- Und Misstrauen habe ich schon gegenüber einem Land, das erst kürzlich ein Gesetz verabschiedet hat, um im Notfall militärische Mittel gegen Taiwan einzusetzen - bzw. halte ich es gerade vor diesem Hintergrund für äußerst fragwürdig, Waffen an dieses land zu liefern. Ein tolles Gefühl, Deutschlands Platz an der Sonne mit Waffenlieferungen zu sichern, die dann eventuell benutzt werden, um in einem freien Land einzufallen. ---Zitatende--- Das mit dem freien Land - wer hat das eigentlich zu bestimmen? Ich hab mal in einem forum (keine Ahnung mehr welches) provokativ gefragt, was passieren würde, wenn sich Rheinland-Pfalz abspaltet. Daraufhin gab es einen Link, der juristisch nachwies, dass die BRD gegen diese Abspaltung mit Waffengewalt vorgehen darf. Und was bei uns Recht ist, können wir nicht anderen Ländern vorhalten.
5.
J Hegenberg, 11.04.2005
---Zitat von DJ Doena--- Und was bei uns Recht ist, können wir nicht anderen Ländern vorhalten. ---Zitatende--- Stimmt, Herr Schröder kann das China schlecht vorhalten. Aber ich halte sowohl China als auch Deutschland vor, das ein solches Vorgehen in beiden Fällen unverantwortlich wäre. Außerdem glaube ich nicht, dass es in D soweit kommen würde, sollte Rheinland-Pfalz sich abspalten wollen.
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