Hamburg - Es war eine Brandrede der Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF): Christine Lagarde hat bei einem Besuch in China vor einer globalen "Abwärtsspirale der Unsicherheit und finanzieller Instabilität" gewarnt. Der Weltwirtschaft drohten durch die europäische Schuldenkrise massive Probleme, sagte Lagarde vor Bankenvertretern in Peking. Wenn nicht mutig und gemeinsam gehandelt werde, könnte der Zusammenbruch der globalen Nachfrage die Folge sein.
"Uns droht, was einige Kommentatoren bereits das verlorene Jahrzehnt nennen", warnte die IWF-Chefin. Europas Pläne für ein neues Rettungspaket für das schuldengeplagte Griechenland seien zwar ein Schritt in die richtige Richtung - dennoch bleibe der Ausblick für die Weltkonjunktur ungewiss. "Es sind ganz klar Wolken am Horizont" - insbesondere in der Europäischen Union und den USA, sagte Lagarde.
Die IWF-Chefin befindet sich derzeit auf einer Mission: Sie wirbt auf ihrer ersten Auslandsreise persönlich in Hauptstädten rund um die Welt um Unterstützung für die kriselnde Euro-Zone. Für den Besuch in China hat sie zwei Tage eingeplant. Am Montag hatte sie bereits in Russland mit Präsident Dmitrij Medwedew darüber gesprochen, einen Teil der russischen Einnahmen aus dem Ölexport in den Euro-Rettungsfonds zu investieren.
Brasilien sagt Hilfe zu
Brasilien hat dem IWF bereits seine Hilfe bei der Bewältigung der europäischen Schuldenkrise angeboten. Finanzminister Guido Mantega sagte am Dienstag, sein Land und die restlichen BRICS-Staaten Russland, Indien, China und Südafrika seien dazu bereit, den IWF zu unterstützen. Allerdings müssten die Krisenländer selbst größere Anstrengungen unternehmen, um die Probleme in den Griff zu bekommen. Mantega forderte unter anderem, die Europäische Zentralbank solle sich stärker engagieren.
In welchem Umfang Brasilien dem IWF beispringen will, präzisierte Mantega nicht. Er wies Berichte zurück, wonach Brasilien dem IWF während des jüngsten G-20-Gipfels in Cannes zehn Milliarden Dollar angeboten habe.
Die IWF-Chefin warnte die Bankenvertreter in ihrer Rede, auch die Staaten Asiens seien nicht immun gegen Probleme, wie sie derzeit in der Euro-Zone aufträten. Die Krise betreffe "alle gemeinsam". Chinas Führung rief Lagarde dazu auf, ihre Währung nicht künstlich niedrig zu bewerten, um heimischen Exporteuren das Geschäft zu erleichtern.
Währenddessen ist der Spielraum Chinas gewachsen, auf die Schuldenkrise und einen möglichen Konjunktureinbruch zu reagieren. Die Inflation in dem Land hat sich im Oktober deutlich abgeschwächt. Die Preissteigerungen gingen laut Statistikamt von 6,1 Prozent im Vormonat auf 5,5 Prozent zurück. Auch der Zuwachs der Erzeugerpreise schwächte sich überraschend stark um 1,5 Prozent auf fünf Prozent ab.
Börsen reagieren positiv auf Berlusconis Rücktrittsversprechen
Die aktuellen Ereignisse in Europa stützen die dramatische Warnung der IWF-Chefin - die Schuldenkrise verschärft sich dort zusehends. In Italien hat Ministerpräsident Silvio Berlusconi am Dienstagabend seinen Rücktritt angekündigt - die Finanzmärkte reagierten mit Kursgewinnen. In den Tagen zuvor hatten bereits Gerüchte über einen Rückzug Berlusconis ausgereicht, um an den Börsen Begeisterung auszulösen.
Bei einem Treffen am Montag suchten die Finanzminister der Euro-Zone fieberhaft nach Möglichkeiten, die Schlagkraft des Euro-Rettungsschirms zu erhöhen - ohne konkretes Ergebnis. Selbst die französische Regierung hat nun ein riesiges Sparpaket vorgelegt - bis zum Jahr 2016 will sie 65 Milliarden Euro weniger ausgeben als bislang geplant. Das im Grunde als europäischer Stabilitätsfaktor geltende Land fürchtet um seine Top-Bonität.
In Griechenland bemühen sich die Parteien weiter um die Bildung einer Übergangsregierung. Am Mittwochmittag soll der Name des neuen Regierungschefs bekanntgegeben werden. Die Euro-Staaten haben dem Land inzwischen klargemacht, dass es die nächste Kredittranche über acht Milliarden Euro erst erhalten werde, wenn eine neue Regierung den Sparkurs bestätige.
fdi/Reuters/AFP
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