Schulterschluss Arbeitsagentur macht Leiharbeit salonfähig

Besser Zeitarbeit als gar keine Arbeit - nach diesem Motto übt die Arbeitsagentur den Schulterschluss mit Leiharbeitsfirmen: In Ludwigshafen sitzt eine Filiale ab heute sogar in Räumen der Behörde. Kritiker der Branche sind entsetzt.

Von


Hamburg - Das Promi-Aufgebot hält sich in Grenzen, nur der Wirtschaftsdezernent der Stadt Ludwigshafen ist beim Sektempfang dabei. Für die Zeitarbeitsfirma Trenkwalder hat der Tag trotzdem symbolische Bedeutung: Heute wird die erste Zweigstelle direkt in den Räumen einer Arbeitsagentur eröffnet. Das Schmuddelimage der Branche werde damit "offiziell ad acta gelegt", freut sich Sprecher Tobias Müller.

Arbeitsagentur in Gelsenkirchen: Viele Zeitarbeiter fühlen sich im Wartestand.
DPA

Arbeitsagentur in Gelsenkirchen: Viele Zeitarbeiter fühlen sich im Wartestand.

Von nun an arbeiten Trenkwalder-Mitarbeiter und Behörden-Berater Hand in Hand: Trenkwalder stellt Arbeitsangebote direkt ins IT-System der Behörde ein, geeignete Bewerber werden von den BA-Kollegen gleich vorbei geschickt. Die vertragliche Grundlage schafft ein Kooperations-Pakt zwischen der Bundesagentur für Arbeit (BA) und 15 Zeitarbeitsvermittlern, der Ende April geschlossen wurde. "Für uns sind die Firmen Arbeitgeber wie jeder andere, allerdings mit einem besondern Potential", erklärte BA-Vorstand Raimund Becker schon damals.

Beim DGB ist man gar nicht begeistert über den Schulterschluss. Zwar habe man "Frieden geschlossen" mit den Leiharbeits-Firmen, mit denen sogar Tarifverträge abgeschlossen wurden, sagt DGB-Sprecher Axel Brower. "Aber Zeitarbeit sollte die Ausnahme bleiben bei Auftragsspitzen oder Krankheit."

Der Trend allerdings geht genau in die andere Richtung: Die Branche boomt wie keine andere. Etwa die Hälfte aller 2006 neu geschaffenen Stellen sind Zeitarbeitsstellen. Von 1996 bis 2006 stieg die Zahl der Beschäftigten in der Sparte laut BA von 180.000 auf 600.000. Und im Pool der Firmen findet sich vom IT-Spezialisten bis zum Ingenieur jede Qualifikation.

"Die Leute ziehen lieber den Kopf ein"

Allerdings weisen Kritiker immer wieder darauf hin, dass viele Unternehmen die Möglichkeit, Leiharbeitnehmer einzustellen, bedenkenlos missbrauchen. "Viele nutzen das als reines Kostensenkungsprogramm", sagt DGB-Arbeitsmarktexperte Reinhard Dombre. Berechnungen des zur BA gehörenden Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) besagen: In rund ein Viertel der Unternehmer werden bestehende Jobs zugunsten von Leiharbeitskräften abgeschafft.

Zudem ständen die Zeitarbeitnehmer "extrem unter Druck", weil sie immer auf die endgültige Übernahme hofften, erklärt Dombre. Als Indiz dafür führt er eine interne Statistik eines "nicht kleinen Unternehmens" an, die er neulich gesehen habe. "Bei den Zeitarbeitskräften lag die Krankheitsquote gerade einmal bei der Hälfte der Stammbelegschaft."

Auch die auf Arbeitsrecht spezialisierte Anwältin Valentine Reckow sagt: "Die rechtliche Möglichkeit, langfristig Leute auf der Zeitarbeitsschiene auszubeuten, ist groß und wird auch von den Firmen genutzt." Ein Zeichen für die Hoffnungen und die Angst, die viele Zeitarbeitnehmer quälten, sei die auffällig niedrige Zahl an Gerichtsprozessen. "Die Leute ziehen lieber den Kopf ein."

"Sklavenmarkt" und "Zweiklassengesellschaft"

Ihren Frust über das Leben im Wartestand lassen Zeitarbeitnehmer allenfalls einmal anonym im Internet raus. Ein Leiharbeiter, der in diversen Call-Centern arbeitete, schreibt etwa in einem Blog, dass über Monate hinweg immer wieder von einer Übernahme die Rede gewesen sei. "Doch Pustekuchen..." Oft ist auch vom "Sklavenmarkt" und der "Zweiklassengesellschaft" die Rede.

"Wenn sie jahrelang nur als Zeitarbeiter tätig sind, können sie unmöglich eine Karriere oder ein Leben planen. Und gerade viele ältere Leute kommen aus der Schiene einfach nicht mehr raus", sagt Anwältin Reckow. "Die sind schon sehr frustriert." Hinzu komme der Makel, der den Leiharbeitern anhänge: Je länger sich jemand in der Branche verdingen müsse, desto misstrauischer würde er auf dem normalen Arbeitsmarkt beäugt.

Allerdings gibt es auch viele, die ziemlich froh sind über den Ausweg der Zeitarbeit. "Viele junge Leute sehen die Zeitarbeit als Chance, Erfahrung zu sammeln", erklärt Anwältin Reckow. Ein Kaufmann erzählt, er sei schon nach sechs Wochen ohne Job "total gefrustet gewesen" - da sei die Anstellung bei einer Zeitarbeitsfirma eine Erlösung gewesen. "Das ist für mich nichts auf Dauer, nur eine Art Sprungbrett zum nächsten Job."

"Die Zeitarbeit bietet vor allem für viele Langzeitarbeitslose Chancen, die sonst überhaupt keine Arbeit finden", fügt Trenkwalder-Sprecher Müller hinzu. Bei der BA weist man darauf hin, dass zumindest ein beträchtlicher Teil der Zeitarbeiter von den Betrieben übernommen würde. Den Zeitarbeitsfirmen zufolge ist es ein gutes Drittel. Die IG-Metall in Nordrhein-Westfalen kam bei einer Befragung von Betriebsrenten auf nur zehn Prozent.

"Wie viele es genau sind, weiß niemand", sagt DGB-Experte Dombre.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.