Schwarzgeld Schrille Reserven

Mit dem Euro kommt für viele Besserverdiener auch die Panik: Wohin mit den sorgsam am Fiskus vorbei bugsierten Mark-Bündeln? Die einen entdecken die Schönheit von Immobilien auf Mallorca. Die anderen kaufen noch schnell eine Yacht. Schlupflöcher gibt es genug.


Beliebtes Ziel für Schwarzgeld-Besitzer: Die "Boot" in Düsseldorf
AP

Beliebtes Ziel für Schwarzgeld-Besitzer: Die "Boot" in Düsseldorf

Auf der internationalen Bootsausstellung "Interboot" in Friedrichshafen verdüsterte sich die Stimmung unter den Yachtanbietern so plötzlich wie vor einer Schlechtwetterfront. Eine "ziemliche Unruhe" bemerkte Messechef Rolf Mohne, als am Morgen des 28. September 14 Beamte des Finanzamts Ulm durch die Ausstellungshallen am Bodensee marschierten ­ ohne Sturmwarnung.

Die Fahnder besuchten "stichprobenweise mehrere Aussteller von hochpreisigen Yachten", erklärt der stellvertretende Ulmer Amtsleiter Elmar Reichle die Razzia. "Dabei verlangten wir die Herausgabe von Verkaufsverträgen und Offerten." Viele Käufer werden bald ein Problem mit ihrem Finanzamt haben.

Beim Kauf einer Yacht fließt oft Schwarzgeld

Beim Kauf einer Yacht, das weiß auch das Finanzamt, fließt oft Schwarzgeld. Beweisen lässt sich das fast nie, vor allem wenn der Bootsbauer im Ausland sitzt. So filzten die Ulmer "auch ausländische Aussteller, auf die wir sonst keinen Zugriff haben", sagt Reichle. Einem Yachthändler aus Liechtenstein zogen die Finanzbeamten zehn Kundenadressen aus dem Computer.

Derzeit sammeln auch die deutschen Bootswerften reichlich Aufträge. Die Anzahlungen sind oft ungewohnt hoch, nicht selten wird der Kaufpreis vorab gezahlt ­ mit gebündeltem Baren.

Der Euro naht, und die Mark-Scheine werden bald ungültig. Deshalb müssen viele Besserverdiener in diesen Wochen und Monaten viele Milliarden Mark möglichst unauffällig in den Wirtschaftskreislauf zurückpumpen. "Die Einführung des Euro wird die größte Schwarzgeldvernichtung seit der Währungsreform von 1948", fürchtet der Informationsdienst "steuertip", ein Ratgeber für steuerunwillige Mittelständler.

Nach Schätzungen der Bundesbank hatten die Deutschen im vergangenen Jahr rund 100 Milliarden Mark zu Hause gehortet. Kleine Ersparnisse für den Notfall sind darunter, zum größten Teil aber sechs- bis siebenstellige Beträge, die mittelständische Unternehmer gebunkert haben: Geld, das sie an der Einkommen-, Umsatz- und Gewerbesteuer vorbei kassierten und das sie nun bis Ende Februar ausgeben oder in Euro, Dollar oder Pfund umtauschen müssen.

Ein Großteil der Geldreserven liegt bei ausländischen Banken

Den Großteil ihrer Reserven haben sie schon bei ausländischen Banken in Sicherheit gebracht, aber immer noch liegt viel Geld in Kühlschränken und Tiefkühltruhen, dem beliebtesten Versteck, in Schreibtischschubladen, Wandtresoren oder auch unter Matratzen.

Steuerberater und Anwälte berichten von immensen Schwarzgeldbeständen. Wer keine Rechnung schreiben muss, kassiert einen guten Teil brutto für netto. Bäcker beispielsweise, sagt der Dortmunder Rechtsanwalt Ingo Flore, "machen brutal Schwarzgeld. Denen rieselt neben dem Mehlstaub das Geld runter."

"Jeder zweite Handwerksmeister hat jede Menge Schwarzgeld", meint der Düsseldorfer Anwalt Hans Manteuffel. Stimmt nicht, sagt Flore, Spezialgebiet Steuerstrafrecht: "Jeder Handwerker hat Schwarzgeld."

Nicht nur die üblichen Verdächtigen aus den so genannten "BMW-Berufen" ­ Bäcker, Metzger, Wirte ­ kommen leicht an Schwarzgeld. Nahezu alle Dienstleister ­ Tierärzte wie Taxifahrer, Architekten wie Autohändler ­ schieben einen Teil ihrer Einnahmen am Finanzamt vorbei.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.