Schweine Kulturkampf in der Stadt des Schlachtens

Im Städtchen Weißenfels tobt ein hitziger Streit um Jobs und Gestank: Der lokale Schlachthof soll ausgebaut werden - zu einer der größten Schweine-Schlachtfabriken Europas, in der täglich 20.000 Tiere sterben.

Von , Weißenfels


Weißenfels - Die Farbe ist bewusst gewählt. Nach außen hin hat der riesige, fensterlose Gebäude-Klotz mit seinem blendenden Weiß die antiseptische Aura eines Krankenhauses. Doch im Innern des "B. &. C. Tönnies Zerlegebetriebs" in Weißenfels geht es vielerorts ziemlich blutig zu. Das dunkle Rot vermischt sich am Boden mit zu Matsch zertretenen Fleischfetzchen, es durchtränkt die Schürzen der Arbeiter. Die Begleiterscheinungen des Schlachtens und Zerlegens im Sekundentakt, auch wenn es - wie der Fleischkonzern Tönnies betont - nach strengsten Hygiene- und Qualitätsvorschriften erfolgt.

In Grüppchen schiebt ein "automatisches Treibschild" die Schweine durch die Torschleuse in die Betäubungsanlage, die aussieht wie ein riesiger Ofen. An Haken aufgehängt treten die betäubten Körper dann ihren Weg durch die Fabrik an. Ein Mann rammt Hohlmesser in Halsschlagadern, Därme und Magen werden im Akkord ausgeschnitten, dann fahren die Körper-Reihen weiter zur Kühlung, zur Grob- und zur Feinzerlegung. Arbeiter säbeln und schneiden dort die Tiere zu immer kleineren Fleischstücken zurecht, am Ende fallen Hunderte Filets, Würste oder Gulasch-Fleisch-Packungen vom Fließband in Transportbehälter. 8500 Schweine werden so pro Tag "verarbeitet". Und das soll erst der Anfang sein.

In den nächsten Jahren will die Tönnies-Gruppe - mit einem Jahresumsatz von über 2,5 Milliarden Euro der größte Schlachtkonzern in Deutschland - den Betrieb in Weißenfels noch mal ausbauen, auf 23.000 geschlachtete Schweine pro Tag, fünf bis sechs Millionen Tiere im Jahr. Einen solchen Mega-Schlachthof gibt es sonst nur noch einmal in Europa, im nordrhein-westfälischen Rheda-Wiedenbrück. Auch diese Anlage wird von Tönnies betrieben. "Alle drei Sekunden wird dort ein Schwein geschlachtet", erklärt Tönnies-Geschäftsführer Josef Tillmann, sichtlich stolz auf die logistische Meisterleistung. Seine Krawatte ist mit kleinen Schweinchen gemustert.

"Es stinkt bis zum Pfarrhaus"

Für Kathrin Friedrich ist die Perfektion der Massenfleischproduktion ein Albtraum. Die 40-Jährige mit der wilden Lockenmähne und dem starken Händedruck ist nicht nur Verkäuferin bei Kaufland, sondern auch Bürgermeisterin der Mini-Gemeinde Burgwerben. Mit ihren drei Geschwistern und deren Familien bewohnt Friedrich ein prächtiges gelbes Haus mit Giebeln und weißen Steinfiguren an den Ecken. Es liegt direkt an der Grenze zu Weißenfels - und an der Zufahrtstraße zu Tönnies.

"Wenn der Wind aus einer bestimmten Richtung kommt, riecht der ganze Ort bis hoch zum Pfarrhaus", empört sich Friedrich und bemerkt verärgert, dass ja nun ausgerechnet in diesen Tagen die Luft ausnahmsweise klar und frisch sei. Häufig aber wehe es faulig und beißend zugleich herüber, "das kommt von den Schlachtabfällen. Wenn sie das einmal im Haus haben, bekommen sie das nicht mehr raus." Mit dem kontinuierlichen Ausbau des Schlachthofs, den Tönnies nach der Wende übernahm, sei der Gestank immer schlimmer geworden.

Die kämpferische Ortsvorsteherin will deshalb jetzt gegen den Stadtrat von Weißenfels klagen, der den neuesten Erweiterungsplänen gerade den rechtlichen Weg bereitet. Unterstützung findet Friedrich in der Weißenfelser Nachbarschaft, in der sich eine Bürgerinitiative gebildet hat, und auch der BUND macht mobil. Am Wochenende organisierten alle gemeinsam die letzte Demonstration, mit dem Tatort-Schauspieler Peter Sodann als prominenten Vorkämpfer. Rund 300 Menschen nahmen daran teil, meldete die Polizei.

In der Nachbarschaft fürchtet man vor allem den Verkehr und die ungeheuren Abwassermengen, die durch die Vergrößerung des Schlachthofs entständen. Die örtliche Kläranlage müsse auf das Zweieinhalbfache ihrer jetzigen Größe ausgebaut werden – und das mitten im Hochwasserrisikogebiet der Saale. Und an Friedrichs Haus würden täglich 600 Lkw vorbeirauschen, vollbepackt mit manchmal herzzerreißend quiekenden Schweinen aus ganz Deutschland.

Doch es geht noch um mehr. "Der Schlachthof wird zum Krebsgeschwür von Sachsen-Anhalt", schimpft die Wortführerin der Bürgerinitiative, Nicole Reppin. Der Zerlegebetrieb - so fürchtet auch der BUND - werde der natürliche Abnehmer mehrerer riesiger Schweine-Mastbetriebe, die in der Region in Planung sind. Mega-Anlagen für bis zu 100.000 Schweine, der erste mit 65.000 Tieren in Sandbeiendorf ist bereits in Betrieb. Die größten Anlagen in der früheren Mast-Hochburg Niedersachsen fassen gerade einmal 5000 Tiere, heißt es bei der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) trocken auf die Frage nach einem Vergleich.

"Allerdings ist Sachsen-Anhalt noch ein Winzling in der Masttierhaltung", beschwichtigt ISN-Geschäftsführer Detlef Breuer. "Die Gülleberge der Riesen-Mastbetriebe entsprechen jeweils mindestens den Exkrementen einer 100.000-Einwohnerstadt", hält Oliver Wendenkampf, Geschäftsführer des BUND Sachsen-Anhalt, dagegen. In den Niederlanden und auch in Niedersachsen hätte die Massentierhaltung schon zu einer hoffnungslosen Übersäuerung vieler Böden geführt. In Ostdeutschland verschließe man vor den Risiken aber schlicht die Augen.

Arbeitslose hinter pittoresken Fassaden

Sachsen-anhaltinische Befürworter der Massenfleischproduktion sehen dagegen endlich einen Hoffnungsschimmer für die gebeutelte Wirtschaft des Bundeslands. So ist auch der Schlachtkonzern Tönnies für den Weißenfelser Bürgermeister Manfred Rauner vor allem eins: der größten Arbeitgeber der Stadt. Und der hat im Rahmen des Ausbaus zusätzlich zu den 1300 bestehenden Jobs mehrere hundert neue versprochen. Ein schlagendes Argument in dem 30.000-Einwohner-Ort, wo hinter pittoresken barocken Häuser-Fassaden unzählige Arbeitslose sitzen. Über 22 Prozent beträgt die Quote.

Die Einwände von Bürgerinitiative und Umweltschützern kontert das Stadtoberhaupt, schlicht mit brüsken Hinweisen auf die jeweils geltenden Lärm- und Emissionsschutzregeln. "Die muss Tönnies genau so einhalten wie alle", erklärt der CDU-Politiker mit der runden Brille.

"Wir gehen bei Luft-, Gewässer- und Lärmschutz nachweislich über die gesetzlichen Auflagen hinaus", wehrt sich auch Tönnies-Geschäftsführer Tillmann gegen die Vorwürfe. Zum Saaletal hin wolle man einen Lärmschutzwall mit Pflanzen ziehen. Eine neue biologische Abluftreinigung solle installiert werden. Und an den Kosten für die Abwasserbeseitigung werde man sich natürlich beteiligen, sofern Tönnies der Verursacher sei.

Die Beantwortung der moralischen Frage der Massen- und Fleischproduktion könne wohl niemand von dem Konzern verlangen, fügt Tillmann hinzu. Das Unternehmen reagiere mit seinen Erweiterungsplänen schlicht auf den harten globalen Wettbewerb. "Anfang der neunziger Jahre waren schon Zerlegebetriebe mit 600 Schlachtungen pro Stunde sehr groß", erklärt Tillmann die rasante Entwicklung der Branche. "Abgesehen davon verbessern wir die Bedingungen für die Tiere mit der Modernisierung ja noch", sagt er.

Während der gelernte Fleischer später in weißer Schutzhülle ungerührt durch die Blutlachen in der Weißenfelser Fabrik stapft und hier und da riesige Schweinehälften in die richtige Position hievt, schwärmt er von den Möglichkeiten der Robotertechnik, die mit dem Ausbau in Weißenfels Einzug halten soll. Vor allem die schwere Zerlegearbeit soll automatisiert werden.

Dass er für das im Akkord produzierte Fleisch einmal keinen Abnehmer mehr finden könnte, glaubt Tillmann nicht. Die Nachfrage steige rasant. "Durch die Öffnung neuer Märkte wie etwa Asien ist das Ende noch lange nicht erreicht." Die Prognosen der Fachleute scheinen ihn darin zu bestätigen. Der deutsche Verbrauch sei trotz Tierseuchen und Gammelfleischskandalen hoch, und der Export boomt. Allein im ersten Quartal 2006 stiegen die Schweinefleisch-Ausfuhren um rund zehn Prozent auf 300.000 Tonnen.



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