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Ein Jahr nach dem Franken-Schock: Plötzlich war alles 30 Prozent teurer

Von Katharina Pauli

Paradeplatz in Zürich: Geschwächte Wettbewerbsfähigkeit Zur Großansicht
REUTERS

Paradeplatz in Zürich: Geschwächte Wettbewerbsfähigkeit

Mit Schrecken erinnern sich Schweizer Unternehmer an den 15. Januar 2015. Völlig unerwartet gab die Notenbank den Franken frei - der Kurs der Währung schoss in die Höhe. Wie geht es den Firmen heute?

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Felix Stutz hatte nichts geahnt: Als der Schweizer Unternehmer erfuhr, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Frankenkurs freigeben will, wusste er allerdings sofort, dass es für ihn schlecht aussah. Exakt ein Jahr ist das jetzt her.

Um zeitweise 30 Prozent verteuerte sich der Franken gegenüber dem Euro. Ein Albtraum für Schweizer Exporteure wie Stutz. Der starke Franken verteuerte seine Waren im Ausland und schwächte die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Firmen.

Stutz, ein Mittfünfziger in kurzärmligem Karo-Hemd und hellen Jeans, führt seinen Betrieb in dritter Generation. Die Schlosserei, die sein Großvater in den Fünfzigerjahren gegründet hatte, hat sich zu einem in der Region bekannten mittelständischen Unternehmen mit 30 Mitarbeitern entwickelt.

Vom 20.000-Einwohner-Städtchen Bülach im Züricher Umland gehen filigrane Maschinenbauteile und komplette Baugruppen in die ganze Welt. Stutz' Mechaniker fertigen zum Beispiel Schiffsmotoren oder Brennstoffpumpen individuell auf Kundenwunsch.

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Katharina Pauli

Felix Stutz in seinem Betrieb: Keine echte Wahl

Doch die internationale Kundschaft bereitete dem Maschinenbauer Schwierigkeiten, als der Franken aufwertete: Nun, da die Preise gestiegen waren, verlangten viele Abnehmer von Felix Stutz Währungsrabatt, etwa ein langjähriger Großkunde aus Finnland. "Er wollte plötzlich 15 Prozent Nachlass", sagt Stutz.

Viel Spielraum blieb ihm nicht. "Ich hatte die Wahl, das Angebot anzunehmen oder ihn als Kunden zu verlieren." Keine echte Wahl, das finnische Unternehmen macht ein Viertel seines Umsatzes aus. Stutz willigte zähneknirschend ein.

Mittelständlern macht der starke Franken zu schaffen

Lange hatte er sich dank der Geldpolitik der SNB in einer "gewissen Sicherheit" gewähnt: Im Herbst 2011 hatte sich die Nationalbank entschieden, die Währung dauerhaft abzuschwächen.

Wegen der Eurokrise war die Nachfrage nach Schweizer Franken davor rasant gestiegen. "Mit aller Konsequenz" wollte die Nationalbank den Mindestkurs von 1,20 Franken pro Euro durchsetzen. Mehr als drei Jahre lang griff die SNB in die Devisenmärkte ein, wenn die Schweizer Währung zu stark zu werden drohte.

Ein Rattenrennen mit der Europäischen Zentralbank (EZB) begann: Mit ihren massiven Anleihekäufen schwächte die EZB den Euro, die Schweizer mussten nachziehen, um ihren Mindestkurs zu halten. Die Eingriffe kosteten die SNB Milliarden.

Gerade Schweizer Exportunternehmen, besonders den kleinen und mittleren, macht die Aufwertung des Franken schwer zu schaffen. Laut Swissmem, dem Verband der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM), gingen in der Branche in den ersten drei Quartalen 2015 die Aufträge um insgesamt rund 14 Prozent zurück. Das kostete Swissmem zufolge im ersten Halbjahr 2015 rund 4500 Angestellte in der MEM-Industrie ihren Arbeitsplatz.

Auch Maschinenbauer Felix Stutz musste Abstriche machen: Fünf Stellen, die durch Pensionierungen wegfielen, ersetzte der Unternehmer nicht mehr.

Vor allem versuchte er die Produktion zu steigern: Maschinen liefen länger, er erhöhte die Arbeitszeit und ließ seine Mitarbeiter Überstunden machen. Die reagierten überwiegend verständnisvoll: "Sie waren sich bewusst, dass das sein muss", sagt Stutz.

Deutsche Touristen bleiben wegen gestiegener Kosten fern

Nicht nur die Schweizer Exporteure, auch den Tourismus hat die Frankenaufwertung getroffen. Der ohnehin nicht billige Urlaub in der Schweiz hat sich für Urlauber aus den Euroländern noch einmal verteuert.

Das bekamen die Hoteliers deutlich zu spüren: Im Vergleich zum Vorjahr gab es dem Schweizer Bundesamt für Statistik zufolge 741.000 weniger Übernachtungen europäischer Gäste - ein Minus von knapp elf Prozent. Besonders die Deutschen blieben fern, um 15 Prozent sank die Zahl der Besucher aus dem großen Nachbarland.

Für Schweizer Verbraucher ist die Aufwertung dagegen ein Segen: Schon lange fahren Genfer, Baseler und andere Bewohner grenznaher Städte zum Einkaufen nach Frankreich oder Deutschland, teilweise akzeptieren die Händler dort sogar Franken. Die Entscheidung der Nationalbank hat diesen Shoppingtourismus noch einmal verstärkt.

Die Beamten des Hauptzollamts im baden-württembergischen Singen, die für den etwa 150 Kilometer langen Grenzabschnitt zur Schweiz zuständig sind, stempelten zwischen Januar und September mehr als acht Millionen sogenannte Ausfuhrscheine ab - ein Plus von 7,7 Prozent zu 2014.

Mit den "grünen Zetteln" können sich Nicht-EU-Bürger - in Singen fast ausschließlich Schweizer - die deutsche Mehrwertsteuer zurückerstatten lassen.

Auf um elf Prozent gestiegene Umsätze von Schweizer Konsumenten in Deutschland kommen die Analysten der Credit Suisse in ihrem Wirtschaftsausblick für das Jahr 2015. Laut einer Studie der Universität St. Gallen kaufen die Schweizer vor allem in grenznahen Drogerien und Supermärkten ein.

Maschinenbauer Felix Stutz hat davon nicht viel. Er setzt darauf, dass seine Kunden in Zukunft weiter Schweizer Qualität nachfragen - trotz der höheren Preise.

Zusammengefasst: Für die Schweizer Wirtschaft war die Aufwertung des Franken im vergangenen Jahr ein tiefer Einschnitt - Aufträge gingen zurück, Tausende Jobs gingen verloren. Die Tourismusbranche leidet unter deutlich weniger Urlaubsgästen. Dagegen profitieren grenznahe Verbraucher, als Shoppingtouristen machen sie sich regelmäßig auf den Weg ins "billige" Deutschland.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 121 Beiträge
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1. „Mindestkurs von 1,20 Euro pro Franken “
Haywood Ublomey 15.01.2016
Das würde die Schweizer Wirtschaft erwürgen! Nein, es waren 1,20 Franken pro Euro.
2. Nicht jammern.
thibo 15.01.2016
Es gibt in der Geschichte kein Land, das durch eine harte Währung pleite gegangen ist. Das Umgekehrte gab es schon öfter. Wenn die Abwertung einer Währung die Wirtschaft stärken würde, wäre Zimbabwe jetzt ein reiches Land. Insofern sind wir mit dem Euro nicht zu beneiden.
3.
dwg 15.01.2016
Ja, der Sprung runter von 1,20 war sicher heftig, aber nun sind wir ja fast wieder bei 1,10. Das wäre doch auch eine Erwähnung wert gewesen, odr?
4. Das Beste was passieren konnte!
elvezia 15.01.2016
Industrieller Rückschnitt (merke: nicht Rückschritt!) wie in der Botanik. Auslichten, Platz für neue Triebe schaffen. Effizienz statt Saturiertheit. Innovation, Rationalisierung wo immer es geht und darüber hinaus. Der Tourismus hat zu einem Drittel ausgedient. Jetzt müssen wir noch unseren bürokratischen Wildwuchs zurückschneiden, das Bevölkerungswachstum in den Griff kriegen und schon geht es uns besser als je zuvor.- sofern wir weiter einen grossen Bogen um das schwarze loch Brüssel machen.
5. Hatte aber auch Vorteile
Le petit Suisse 15.01.2016
Wieso kostete es die Schweizer Nationalbank Milliarden ? In der Zwischenzeit hat die Schweiz damit über 550 Milliarden an Devisenreserven aufgebaut. Ein Nationalfonds für spätere Generationen könnte somit problemlos mit rund 200 Milliarden gespeist werden! Den 4500 Arbeitsplatzverlusten stehen 60000 EU-Zuzüger entgegen, die Gott sei Dank alle einen Job gefunden haben. Bedauerlich ist, dass die deutschen Gäste ausblieben. Sie wurden aber durch russische und asiatische Touristen weitgehend kompensiert. Und dann vergisst die Autorin, dass im gleichen Zeitabschnitt der Dollar gegenüber dem Franken von 0.80 auf Parität aufgewertet hatte, was die CH-Exporte in den Dollarraum verbilligte.
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