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Schweizer Taschenmesser: "Das isch en Draum, do zum schaffe"

Von Marco Lauer, Ibach

Victorinox ist ein Schweizer Mythos, fast wie Wilhelm Tell. Die Taschenmesser der Firma gehen seit 124 Jahren um die Welt, neuerdings auch mit USB-Stick und Laserpointer. Die Firmenkultur ist traumhaft für die Mitarbeiter: Hier wird keiner entlassen - selbst wenn es einmal schlecht läuft.

Ibach - Vor kurzem wurde wieder gefeiert. Wieder ein langjähriges Mitarbeiterjubiläum begangen wie so oft bei der Schweizer Firma Victorinox, wo man einer heilen Welt ziemlich nahe zu kommen scheint. Dieses Mal wird der Leiter der Verpackungsabteilung geehrt. 40 Jahre Firmenzugehörigkeit. Auf einem Tisch steht ein Präsentkorb, ein Akkordeon spielt auf, und Walter Rickenbacher, der Gefeierte, tanzt morgens um halb acht mit seiner Kollegin über den PVC-Boden. Danach nimmt er Aufstellung, weil nun fast das ganze Unternehmen ihm gratulieren möchte. Auch die Geschäftsleitung ist gekommen, Junior- und Seniorchef also, Carl Elsener IV. und Carl Elsener III., die sich beide unauffällig in die Schlange der Gratulanten stellen.

Als die Reihe an den Seniorchef kommt, schütteln sich beide lange die Hand, und das Kinn von Rickenbacher beginnt leicht zu zittern, als er sagt: "Das ist ein Traum, hier zu arbeiten." Wobei er es eigentlich so sagt: "Das isch en Draum, do zum schaffe."

Urs Wyss, PR-Chef der Firma und Schwiegersohn von Elsener III., sitzt im schlichten Konferenzraum im zweiten Stock und sagt: "Die Victorinox ist wie eine große Familie."

Aus wirtschaftlichen Gründen wurde hier in den vergangenen 124 Jahren noch niemand entlassen. Zum Gefühl der Zusammengehörigkeit trage sicher bei, dass diese Firma für etwas stehe, mit dem sich alle im Unternehmen identifizieren könnten, sagt er. Schließlich ist es das wohl berühmteste Produkt der ganzen Schweiz, das von hier aus seinen Weg in die Welt nimmt und sogar schon einen festen Platz im New Yorker Museum of Modern Art erobert hat: das Schweizer Taschenmesser, auch Offiziersmesser genannt. In der Urversion immer 91 Millimeter lang, immer mit dem Schweizer Kreuz darauf, fast immer rot. Und im Original immer mit dem Schriftzug "Victorinox" versehen.

Die Zentrale von Victorinox, die zugleich einziger Produktionsstandort ist und die größte Messerfabrik Europas, steht wie ein umgekipptes "U" im Zentrum von Ibach, einem 4000-Einwohner-Ort im Kanton Schwyz. Nicht weit von hier liegt der Vierwaldstätter See, über dessen sturmgepeitschtes Wasser einst Wilhelm Tell ruderte im Dienst der guten Sache. Das passt zusammen: Wilhelm Tell und die Taschenmesser. Zwei Schweizer Mythen.

Von letzterem Mythos wurden im Vorjahr sechs Millionen verkauft. In allen Variationen. Über 360 verschiedene Modelle stellt Victorinox mittlerweile her. Den Klassiker beispielsweise: große und kleine Klinge, Säge, Schere, Korkenzieher, Dosen- und Flaschenöffner, fertig. Das Messer für den Abenteurer hat vierzig Funktionen, ein kleines Überlebensset. Und für den zivilisierten Stadtmenschen, der sich nicht mehr in der Wildnis herumtreibt und eher vor dem PC sitzt als vor einem Lagerfeuer, gibt es das "Swiss Memory": USB-Stick, Laserpointer, ein kleines Alibi-Messerchen und ein ausziehbarer Kuli. Für Frauen die Ausführung mit der zusätzlichen Nagelfeile.

Die Marke lebt vom Mythos

Anfragen gingen schon ein in Ibach, ob man nicht auch einen MP3-Player in das Messer integrieren könnte oder gar ein Handy daraus machen. Urs Wyss sagt dazu aber: "Das Messer muss weiter im Zentrum stehen." Beuge man sich zu sehr dem Zeitgeist, bestünde die Gefahr, dass es zum Nebenprodukt verkomme. "Da kann man gleich rote Handys produzieren und ein Schweizer Kreuz drauf machen." Der Mythos wäre dann dahin.

Und von dem lebt die Marke bis heute. Seit 1884. Seit Karl Elsener nach seiner Gesellenzeit in Paris zurückkam nach Ibach, um dort seine eigene Messerschmiede zu gründen. Und gleichzeitig den Schweizerischen Messerschmiedeverband.

Von dessen anfangs 27 Mitgliedern gaben nach wenigen Jahren 26 wieder auf. In Solingen hatte man begonnen, Messer industriell und also wesentlich günstiger herzustellen. Da konnten die meisten nicht mithalten. Nur Elsener hielt durch, weil ihm seine Mutter in den harten Jahren finanziell aushalf. 1891 dann gelang ihm der Durchbruch, als er zum ersten Mal die Schweizer Armee mit seinen kleinen, vielseitigen Messern beliefern durfte. Von da an nannte er sie "Offiziersmesser" und wurde ein erfolgreicher Unternehmer. Als seine Mutter 1909 starb, benannte er aus Dankbarkeit die "Elsener Messerschmiede" um in Victorinox, einer Kombination aus ihrem Vornamen "Victoria" und "inox", der gängigen Bezeichnung für rostfreien Stahl.

Seitdem setzte mit einer Ausnahme auch der Erfolg nie mehr wirklich Rost an. Jahr für Jahr stieg mit dem Umsatz die Zahl der Mitarbeiter. Dreihundert Millionen Euro wurden im vergangenen Jahr von 920 Menschen erarbeitet. Fast zwei Drittel der Belegschaft sind in der Produktion beschäftigt. Stahl stanzen, Stahl härten, Messer schleifen, Korkenzieher in Form gießen. Laute Jobs zumeist und auch recht eintönige. Doch bei Victorinox entschädigt der Blick auf das Endprodukt, auf das sie stolz sind. Außerdem geht hier alles ein wenig familiärer und sozialer zu als anderswo. Dreimal täglich wird gemeinsam Gymnastik gemacht zur Entspannung von monotonen Bewegungsabläufen. Der Mutterschutz ist bis zu sechs Monate lang, und die Löhne für die Arbeiter liegen zehn Prozent über dem Branchenschnitt, während die der Managementebene zehn Prozent niedriger sind. Man möchte die Kluft klein halten zwischen oben und unten.

"Wir haben nie über unsere Verhältnisse gelebt"

Deshalb protzt man auch nicht in der Chefetage. Auf den Fluren im zweiten Stock, auf dem sich Carl Elsener mit seinem Vater ein Büro teilt, geht man vorbei an alten, etwas abgewetzten Schränken und über braune Teppichauslegware. Am Fenster im Konferenzraum hängt ein farbiges Bleiglas mit dem Spruch: "Dominus Providebit" - "Der Herr wird vorsorgen". Die Gegend hier ist eine katholisch geprägte.

Carl Elsener IV., ein bedächtiger Mann, der als ältestes von elf Kindern im vergangenen Jahr die Führung der Firma übernahm, sagt: "Wir haben hier nie über unsere Verhältnisse gelebt und sind immer gesund gewachsen."

Auf Werbung verzichtete man jahrelang sogar gänzlich. Erstens kam man bis in die Neunziger hinein eigentlich nie nach mit der Produktion. Sollte man da die Nachfrage durch eigene Reklame noch stärker anheizen? Zweitens erledigten das sowieso die anderen. Carl Elsener holt einen Leitz-Ordner, auf dessen Rücken steht: "Fremdwerbung". Sie haben noch drei weitere solcher Ordner, in denen Hunderte Anzeigen zu sehen sind von Autofirmen, Versicherungen, Banken, die alle mit dem Messer für ihre Zwecke warben. Toyota bildete auf einer Doppelseite gar das Taschenmesser größer ab als ihr Auto und textete: "Mit Schnickschnack wird man nicht zum Klassiker."

Lebensrettender Luftröhrenschnitt

Nun kommt auch der bedächtige Elsener ein bisschen ins Schwärmen. Nicht darüber, dass sie im Kanton vor einiger Zeit entschieden, die Region um Ibach fortan "Swiss Knife Valley" zu nennen. Das ist natürlich eine nette Sache. Auch ist es schön, dass fast alle US-Präsidenten die Messer bei sich trugen und die Firma der offizielle Lieferant für 16 nationale Armeen ist, für die Schweizer natürlich, aber auch für die Bundeswehr. "Allerdings nur als Werkzeug und nie als Waffe", sagt Elsener. Oder dass MacGyver in der gleichnamigen US-Kultserie einst durch ein Schweizer Taschenmesser das Leben gerettet wurde, weil es den vermeintlichen Todesschuss abfing. Und ihm sein Partner danach riet: "Ich würde dieses Messer am besten nie mehr hergeben."

Ein wirklich erhebendes Gefühl sei es, sagt Elsener mit leuchtenden Augen, "wenn wildfremde Menschen Briefe nach Ibach schicken, in denen sie das kleine Messer als Werkzeug des Lebens bezeichnen". Weil sie es damit in manchen Situationen schon retten konnten. Einmal, heißt es in einem der Briefe, drohte ein Kind während eines Fluges zu ersticken. Zwar sei ein Arzt an Bord gewesen, aber im herbeigeschafften Sanitätskoffer fehlte ein OP-Messer. Den rettenden Luftröhrenschnitt setzte er dann mit dem kleinen Helfer aus der Schweiz.

Gute alte Zeiten, als das noch möglich war, mag man sich in Ibach manchmal denken. Denn seit den Anschlägen am 11. September 2001 ist es in Flugzeugen wie Flughäfen aus mit Messern jeglicher Art. Victorinox geriet deshalb in seine bis dahin erste Krise - die fast existenziell wurde. "Das war ein harter Schlag für uns", sagt Elsener. Denn mit Abstand die meisten Messer verkaufte das Unternehmen als Souvenir in den Duty-Free-Shops der weltweiten Flughäfen. Im Folgejahr des Anschlags brach der Umsatz von Victorinox um mehr als 30 Prozent ein. Nun wäre es eigentlich zum ersten Mal an der Zeit gewesen, Mitarbeiter zu entlassen. Aber man schickte sie nur in den Urlaub oder lieh sie aus an andere Firmen in der Region, um sie möglichst bald wieder zurückzuholen.

Dafür aber musste man sich überlegen, wie man das weggebrochene Geschäft ausgleichen könnte. Und begann verstärkt, auch andere Produkte mit dem starken Namen von Victorinox zu vermarkten. Diversifikation würden das Betriebswirtschaftler nennen.

Noch immer hat das Taschenmesser den größten Anteil am Umsatz, aber daneben verdient das Unternehmen nun eben auch Geld mit Kleidung, Uhren, Reisegepäck und neuerdings Parfüm. "Das war eine notwendige Anpassung an den Markt, die uns aber langfristig das Überleben sichert", sagt Carl Elsener. Und alle verliehenen Mitarbeiter seien mittlerweile wieder zurück. Bei der großen Familie mit den kleinen Messern.

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