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Schwere Probleme, keine Rettung: US-Autogiganten stürzen in Existenzkrise

Aus Los Angeles berichtet

Riesenverluste, miese Verkaufszahlen, und Staatshilfen soll es erst mal auch nicht geben: GM, Ford und Chrysler erleben ein Desaster. Doch manche Manager wollen immer noch nicht wahrhaben, dass ihnen die Rivalen mit Kleinwagen und Ökomobilen weit voraus sind - am drastischsten zeigt das die Autoshow in L.A.

Beim Betreten des Chrysler-Standes umhüllt den Besucher Finsternis. Während die Karossen bei Audi Chart zeigen und Mitsubishi Chart zeigen nebenan in gleißendes Flutlicht getaucht sind, werden die Chargers, Challengers und Jeeps des US-Herstellers nur von einigen Funzeln beschienen. Chrysler hat sich die Lichtanlage gespart - ebenso wie das Personal und die Prospekte. Völlig verlassen stehen die Exponate in der Halle.

Ford auf Autoshow in Los Angeles: Krise der klassischen Flitzer
AFP

Ford auf Autoshow in Los Angeles: Krise der klassischen Flitzer

Das gespenstische Bild passt zur Lage. Die "Big Three" aus Detroit, General Motors (GM) Chart zeigen, Ford Chart zeigen und Chrysler, sind schwer angeschlagen. Der Absatz ist im Oktober um 32 Prozent eingebrochen, das Geld ist weg. Nur Ford ist nicht unmittelbar vom Bankrott bedroht. Kein einziger wichtiger Manager ist ins sonnige Los Angeles gekommen.

Statt in der Traumfabrik Hollywood sind die Herren in Washington und versuchen, dem US-Kongress ein Darlehen von 25 Milliarden Dollar abzuringen - bislang ohne Erfolg.

GM-Chef Rick Wagoner hat im Kapitol argumentiert, man brauche nur einen Überbrückungskredit, dann werde alles wieder gut: "Was uns jetzt Probleme bereitet, sind nicht unser Produktportfolio, unser Geschäftsplan oder unsere Langfriststrategie." Man habe alles richtig gemacht. Schuld sei die Kreditkrise. Den meisten Kongressabgeordneten stieß diese Haltung sauer auf. "Sie wollen von uns Medizin für selbstzugefügte Wunden", donnerte Senator Christopher Dodd.

Im Moment sieht es so aus, als ob es vorerst kein Geld gibt. Das US-Parlament neigt dazu, sich bis Januar zu vertagen. Ob GM und Chrysler bis dahin durchhalten, ist unklar.

Viele Marken, wenig Kunden

GMs Messestand im L.A. Convention Center kann durchaus als Sinnbild für die Probleme von "The General" herhalten. Der Stand ist groß. Er ist sogar größer als alle anderen. Weil der US-Hersteller kurzfristig alle Präsentationen abgesagt und sämtliche Mitarbeiter abgezogen hat, wirkt das Areal wie ein riesiger Autofriedhof. Chevrolets, Saturns, Buicks, GMCs, Cadillacs, Hummer und Saabs stehen verloren herum. Die Messebesucher meiden den düsteren Stand instinktiv - so wie man nach Einbruch der Dämmerung einen Totenacker meidet.

Der GM-Stand ist umzingelt von jenen Wettbewerbern, gegen die Detroit in den vergangenen 20 Jahren kein Mittel gefunden hat: Nissan Chart zeigen, Hyundai Chart zeigen oder BMW Chart zeigen. Deren Stände glitzern, sind voller Neuheiten. GMs ärgste Konkurrenten, Toyota Chart zeigen und Honda Chart zeigen, kommen weltweit mit zwei oder drei Marken aus. Die Amerikaner haben alleine in Nordamerika acht. Das machte bei einem Marktanteil von 53 Prozent im Jahr 1966 vielleicht Sinn, bei 20 Prozent im Jahr 2008 aber nicht mehr.

Wagoner hat bei den Kongressanhörungen kein Wort darüber verloren, dass Produktlinien eingeschläfert werden könnten. Ebenso wenig hat er den versammelten Washingtoner Politikern erklärt, warum Toyota für seine 20 Prozent Marktanteil landesweit mit 1500 Händlern auskommt, während der nach Absatz gleich große GM-Konzern 7000 benötigt.

Ford - die tun's noch

Ford hält als einziger US-Hersteller eine Pressekonferenz ab. Amerika-Chef Mark Fields sagt, man werde jetzt Produkte auf den Markt bringen, "die gut genug sind, um der ausländischen Konkurrenz Paroli zu bieten". Übersetzt heißt das: Zurzeit haben wir keine.

Wie dramatisch die Lage ist, zeigen neue Daten des Kelley Blue Book. Das US-Pendant zu Schwacke hat errechnet, welche Automarken den geringsten Wertverlust aufweisen. Unter den Top Ten findet sich keine einzige US-Marke. Auch im viel beachteten Zuverlässigkeitsranking von Consumer Reports kommen Autos aus Detroit praktisch nicht vor.

Tatsächlich gibt es inzwischen zwei US-Autoindustrien. Die eine sitzt in Detroit, verliert mit jedem Auto Geld, zahlt hohe Gewerkschaftsgehälter und hat technologisch den Anschluss verloren. Die zweite sitzt im Südosten, in Alabama und South Carolina. Dort stehen die Fabriken von Honda, Toyota oder Mercedes - sie produzieren effizienter, die Autos sind besser. Und Tarifverträge gibt es auch keine.

Schlechte Vorzeichen für die Detroiter Hausmesse

Entsprechend gehören Senatoren wie Richard Shelby aus Alabama zu den schärfsten Kritikern Detroits. Die "Big Three" seien Dinosaurier, die ein Geschäftsmodell des Scheiterns verfolgten und ruhig bankrottgehen sollten. Shelby kämpft für die Interessen Tausender Amerikaner, die bei Toyota und Co. arbeiten. Die Gegenposition vertritt Senator Carl Levin aus Michigan, wo die "Big Three" beheimatet sind. Er ist für den Bailout, die staatliche Rettungsaktion.

Viele Beobachter fragen sich, wie es im Januar wird, wenn in Detroit die traditionelle Hausmesse der US-Hersteller ansteht. Im vergangenen Jahr hatte GM noch eine rauschende Party gefeiert, mit Stars wie Kid Rock und Mary J. Blige. Das wird dieses Jahr wohl anders sein. Ein deutscher Automanager kann sich ein bisschen Häme nicht verkneifen. "Also, wenn ich in Zukunft nicht mehr ins winterliche Detroit müsste, sondern nur noch ins sonnige L.A., wäre das auch kein Drama."

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