Schwere Rezession Autokrise zieht deutsche Wirtschaftskraft nach unten

Das Exportgeschäft schlecht, die Binnenkonjunktur schwach: Die Bundesbank erwartet, dass sich die "schwere Rezession" in den kommenden Monaten fortsetzt. Allein die Krise in der Automobilbranche wird nach ihren Berechnungen rund ein Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts auffressen.


Frankfurt am Main/Berlin - Die Bundesbank erwartet einen länger andauernden Abschwung: "Die deutsche Wirtschaft ist im Herbst 2008 in eine schwere Rezession abgeglitten, die in den kommenden Monaten anhalten wird", schreiben die Notenbanker in ihrem am Donnerstag veröffentlichten Monatsbericht für den Februar.

Autoproduktion (bei Ford): Absatzkrise belastet Gesamtwirtschaft
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Autoproduktion (bei Ford): Absatzkrise belastet Gesamtwirtschaft

Die Folgen des globalen Abschwungs wirken sich demnach massiv auf die Binnenkonjunktur aus. Der Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im vierten Quartal 2008 um 2,1 Prozent im Vergleich zu den Vormonaten sei vor allem durch außenwirtschaftliche Belastungen ausgelöst worden, heißt es in dem Bericht. Die weltweite konjunkturelle Talfahrt, die alle Wirtschaftsregionen erfasst habe, drückte die deutschen Ausfuhren im vierten Quartal "sehr kräftig". Besonders stark hätten zuletzt Exporte in andere EU-Staaten gelitten.

Auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) rechnet in diesem Jahr mit einem Wirtschaftseinbruch. 2009 werde die Wirtschaftsleistung wohl um drei Prozent schrumpfen. Die Arbeitslosenzahl könnte um 300.000 steigen. Beim Export sagt der DIHK ein Minus von 9,5 Prozent voraus.

Autoindustrie belastet die Wirtschaft

In ihrem Monatsbericht betonte die Bundesbank die schwierige Lage der Automobilindustrie. Rechnerisch werde das BIP durch die Probleme der Branche um etwa 22 Milliarden Euro gedämpft. Damit würde die Krise der Automobilindustrie das deutsche BIP um rund ein Prozent verringern.

Der Fahrzeugbau samt Zulieferern trägt insgesamt rund drei Prozent zur gesamten Wertschöpfung der deutschen Wirtschaft bei. Wegen der geringen Fertigungstiefe und der hohen Beteiligung anderer Sektoren an der Autoproduktion sind die Verflechtungen der Branche und damit die Auswirkungen der Krise auf andere Bereiche der Volkswirtschaft hoch. Die Autoindustrie hatte wegen des Absatzeinbruchs ihre Produktion in der zweiten Jahreshälfte um gut ein Achtel im Vergleich zur Gesamtfertigung von Januar bis Juni 2008 gekürzt.

Nach den Berechnungen der Bundesbank reduzierte sich das Umsatzvolumen der Autoindustrie mit inländischen Produzenten um rund 55 Milliarden Euro. Nimmt man ausländische Zwischenprodukte hinzu, erhöht sich das Minus sogar auf 81 Milliarden Euro. Dem stehen Importe von etwa 26 Milliarden Euro und Vorleistungen im Volumen von 39 Milliarden Euro gegenüber. Für die Wertschöpfung der deutschen Wirtschaftsbereiche ergibt sich damit ein Minus von 16 Milliarden Euro, von dem knapp die Hälfte von der Automobilindustrie selbst getragen werden muss.

Auch andere Stufen der Auto-Wertschöpfungskette leiden massiv: So müssen laut Bundesbank Leiharbeitsfirmen sowie der Bereich Handel und Transport (ohne den direkten Verkauf an Endverbraucher) jeweils ein Zehntel der Belastung schultern. Dem eigentlichen Autohandel und dem Staat, der Steuerausfälle zu verkraften hat, gehen durch die Branchenkrise nach Schätzungen der Bundesbank rund sechs Milliarden Euro durch die Lappen.

Chemie spricht von Katastrophen-Quartal

Auch andere Wirtschaftsbereiche wie die Chemieindustrie spüren die Krise immer deutlicher. Nach dem stärksten Produktionsrückgang seit 30 Jahren schraubt die Branche die ohnehin bescheidenen Erwartungen für 2009 weiter zurück und prognostiziert Stellenstreichungen.

"Das vierte Quartal hat sich zu einer Katastrophe entwickelt für die ganze Chemie", sagte der Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes VCI, Utz Tillmann, am Mittwochabend in Frankfurt. "Der Nachfragerückgang im November kam über Nacht", ergänzte VCI-Chefvolkswirt Holger Meincke. Nach mehr als vier Jahren des Booms produzierten Firmen plötzlich auf Halde, Bestellungen gingen teilweise gegen null.

Bundesbank plädiert für Konjunkturprogramme

Angesichts der schweren Wirtschaftskrise unterstützt die Bundesbank die Konjunkturpakete der Regierung: Die Maßnahmen seien gerechtfertigt. Es handle sich um eine Ausnahmesituation. Die beiden Konjunkturpakete werden einen spürbaren gesamtwirtschaftlichen Impuls entfalten.

Die Wachstumsverluste im Auslandsgeschäft können durch die Pakete aber nicht kompensiert werden, fügen die Bundesbanker hinzu. Zudem warnen die Experten vor einer zu hohen Staatsverschuldung. Ein Vertrauensverlust in die Tragfähigkeit der öffentlichen Haushalte müsse vermieden werden, heißt es in dem Bericht.

Das Staatsdefizit dürfte laut Bundesbank im laufenden Jahr noch unter der Drei-Prozent-Marke des europäischen Stabilitäts- und Wachstumspaktes liegen. Die Schuldenquote dürfte jedoch auch angesichts der Konjunkturschwäche kräftig ansteigen und einen neuen Höchststand erreichen.

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Der Bundesrat entscheidet am Freitag in einer Sondersitzung über das zweite Konjunkturpaket der Bundesregierung. Da die Große Koalition in der Länderkammer nicht mehr die erforderliche absolute Mehrheit hat, ist die Zustimmung nicht gesichert. Mehrere Länder hatten zunächst Widerstand angekündigt und Nachbesserungen an dem Paket gefordert.

Das zweite Konjunkturpaket der Bundesregierung hat ein Volumen von rund 50 Milliarden Euro und beinhaltet öffentliche Investitionen in Ländern und Kommunen, Steuern- und Abgabensenkungen sowie Anreize zum Autokauf.

suc/Reuters/dpa-AFX/ddp



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