Schwere Rezession Ökonom Sinn erwartet Tiefpunkt der Krise erst 2010

Kein Ende des Abschwungs in Sicht: Ifo-Präsident Sinn sieht den Tiefpunkt der deutschen Wirtschaftskrise noch kommen. "Wir werden frühestens im Winter 2010 da sein, wo die USA im letzten Herbst waren", sagt er - und verlangt ein drittes Konjunkturpaket im Herbst.


München/Hamburg - Der Tiefpunkt ist noch lange nicht erreicht: Der deutschen Wirtschaft steht nach Einschätzung von ifo-Präsident Hans-Werner Sinn erst im kommenden Jahr das Schlimmste bevor. Deutschland folge der US-Konjunktur mit einer Verzögerung von etwa eineinhalb Jahren, sagte Sinn der "Financial Times Deutschland". "Wir werden frühestens im Winter 2010 da sein, wo die USA im letzten Herbst waren - die Arbeitslosigkeit wird dramatisch steigen."

Containerschiffe im Hamburger Hafen: Exporte sind "geradezu spektakulär" eingebrochen
AP

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Deshalb hält Sinn auch ein drittes Konjunkturpaket in diesem Herbst für notwendig. "Für den Winter und 2010 brauchen wir das dritte Konjunkturprogramm, jetzt aber noch nicht", sagte der ifo-Präsident. Er unterstützte das Drängen der Europäischen Union auf eine rasche Einführung neuer internationaler Regeln für die Finanzmärkte. Gegen Widerstände der USA habe die EU einen Hebel in der Hand: "Um Druck aufzubauen, sollte sie weitere europäische Konjunkturhilfen vom Einlenken der USA bei der Regulierung abhängig machen", sagte Sinn.

"Weltkonjunktur deutlich stärker eingebrochen"

Die Bundesregierung hatte zu Jahresbeginn das größte Konjunkturpaket in der Geschichte der Bundesrepublik im Volumen von etwa 50 Milliarden Euro aufgelegt. Es umfasst öffentliche Investitionen, Steuer- und Abgabensenkungen, Finanzhilfen für Unternehmen und weitere staatliche Leistungen. Bereits Ende vergangenen Jahres einigte sich die Regierung auf ein erstes, milliardenschweres Paket. Wirtschaftsstaatssekretär Walther Otremba sprach sich jüngst gegen weitere Pakete aus. Die Debatten über weitere Maßnahmen würden das Vertrauen in das Beschlossene untergraben.

Dabei rutscht Deutschlands Wirtschaft auch nach Ansicht anderer Konjunkturforscher immer tiefer in die Krise. Sie erwarten angesichts der weltweiten Rezession für 2009 einen Rückgang des Bruttoinlandsproduktes um fast vier Prozent.

So hat das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) am Donnerstag seine Konjunkturprognose für 2009 drastisch nach unten korrigiert: "Die Weltkonjunktur ist zum Ende des vergangenen Jahres deutlich stärker eingebrochen als von uns erwartet", teilten die Experten mit. Noch im Dezember erwartete das IfW lediglich einen Rückgang des BIP um 2,7 Prozent.

Arbeitslosigkeit könnte über vier Millionen klettern

Das Ausmaß und das Tempo, mit dem die Produktion zum Jahresende 2008 einbrach, sei überraschend, erklärte das IfW, das als erstes der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute seine Prognose in diesem Jahr abgab. Im vierten Quartal 2008 sei die gesamtwirtschaftliche Produktion so stark wie nie zuvor in den vergangenen vier Jahrzehnten gesunken. Exporte seien "geradezu spektakulär" um 26,2 Prozent eingebrochen. Das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) rechnet in diesem Jahr sogar mit einem Minus beim BIP von 3,8 Prozent. Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums brach im Januar die Produktion der Industrie, des Baugewerbes und der Energieunternehmen preis- und saisonbereinigt um weitere 7,5 Prozent ein.

Auch die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland könnte wegen der Konjunkturkrise deutlich stärker steigen als bisher erwartet, warnt das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Die Experten rechnen in diesem Jahr im Durchschnitt mit 3,6 bis 3,7 Millionen Arbeitslosen. Das wären bis zu 430.000 mehr als 2008 und bis zu 200.000 mehr als bisher von der Bundesregierung erwartet. Das HWWI schätzt sogar, dass die Arbeitslosenzahl 2010 wieder über von vier Millionen klettert.

Auch der Luxemburger Premierminister Jean-Claude Juncker hält eine Erholung der Weltwirtschaftslage erst Ende 2010 für möglich. "Wenn die neuen Regulierungen (für die Finanzmärkte) wirklich in Kraft treten und die Konjunkturpakete auf beiden Seiten des Atlantiks durchgesetzt werden, glaube ich daran, dass wir erste Zeichen für eine Besserung der Wirtschaftslage Ende 2010 sehen können", sagte Juncker.

EU wehrt sich gegen weiteres Konjunkturpaket

Juncker, der auch die Gruppe der Euro-Länder führt, warnte gleichzeitig vor immer neuen Maßnahmen gegen die Wirtschafts- und Finanzkrise. "Unsere öffentlichen Haushalte in Europa haben bereits zu leiden begonnen", sagte er. "Wir müssen nun die erwarteten Ergebnisse prüfen, die von den Konjunkturpaketen in 2009 und 2010 kommen sollen, bevor wir andere Pläne machen."

Juncker wehrte sich damit auch gegen die Aufforderung des amerikanischen Präsidenten Barack Obama, ein weiteres EU-Konjunkturprogramm aufzusetzen. Obama hatte am Mittwoch in Washington die wichtigsten Schwellen- und Industrieländer in der Gruppe der 20 dazu aufgerufen, konzertiert etwas dafür zu tun, dass das weltweite Wachstum wieder anspringt. Beim Treffen der Finanzminister und Notenbankchefs der G20 am Wochenende in der Nähe von London wollen die USA für eine solche Initiative werben. Auch Großbritanniens Finanzminister Alistair Darling hat dafür plädiert, die Nachfrage mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln weiter anzufachen.

Die Finanzminister der Euro-Länder hatten sich allerdings bereits Anfang der Woche klar gegen zusätzliche Konjunkturspritzen ausgesprochen. Das bekräftigte auch EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso am Donnerstag in Brüssel: Europa unternehme bereits enorme Anstrengungen und stütze die Nachfrage - anders als die USA - zusätzlich mit seinem gut ausgebauten sozialen Sicherungssystem. Barroso pochte wie Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy darauf, dass bei dem Treffen der G-20-Gruppe Anfang April in London die weltweite Reform der Finanzmarktregulierung im Vordergrund stehen müsse.

sam/Reuters/AP/dpa



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