Seltsame Steuern Kaffeesatzleserei in Seattle

In Seattle wird gerade hitzig darüber diskutiert, eine bestimmte Zubereitungsart von Kaffee zu besteuern, um bedürftigen Kindern zu helfen. In Deutschland sollte man darüber allerdings nicht zu laut lachen.

Von Carsten Matthäus


Corpus taxandi: Capuccino
DDP

Corpus taxandi: Capuccino

Irgendwann im Jahre 1901 hatte der Mailänder Luigi Bezzera die geniale Idee. Er versah einen Boiler mit vier Ausgängen, über die kochend heißes Wasser durch gepressten Kaffee gedrückt werden konnte. Weil mit solchen Maschinen bis zu 150 Tassen des Heißgetränks pro Stunde gebrüht werden konnten, nannte man den Kaffee "Espresso".

Die Italiener kapierten schnell, dass Kaffee einfach besser schmeckt, wenn er mit nicht ganz kochendem Wasser (rund 90 Grad) und unter hohem Druck (mindestens neun bar) in weniger als 30 Sekunden durchläuft. Andere Länder brauchten für diese Erkenntnis ein wenig länger. In Deutschland bestand der "Kapputschino" noch bis in die späten Achtziger Jahre in der Regel aus einer Tasse Filterkaffee, einer Sahnehaube und Schokostreuseln. In den USA löst man sich erst von dem entsetzlichen Gesöff namens American Ground Coffee, seit die Kaffeehauskette Starbucks aus dem Heißgetränk ein Szene-Erlebnis gemacht hat.

Die Freude an "Double Latte" und "Moccachino" ist auch John Burbank, dem Chef des Economic Opportunity Institutes in Seattle, aufgefallen. Er will nun dafür sorgen, dass jedes dieser neuartigen Getränke mit 10 Cent pro Tasse, Becher oder Glas besteuert wird. Wer schon rund drei Dollar für so einen Designer-Kaffee bezahle, dem mache auch die Steuer nichts aus. Die Einnahmen, die der Ökonom auf rund sieben Millionen Dollar pro Jahr schätzt, könnten dann in die Früherziehung sozial benachteiligter Kinder gesteckt werden. Für das Projekt hat Burbank bereits rund 100.000 Dollar an Spenden gesammelt, bei einer Umfrage Anfang des Jahres sprachen sich 74 Prozent der Befragten für die "Latte Tax" aus.

Das Seltsame an dieser Steuer ist allerdings, dass sie eben nur dann fällig wird, wenn der Kaffee tatsächlich nach der Espresso-Methode zubereitet und verkauft wird. Der grauslige amerikanische Filterkaffee soll dem Vorschlag zufolge weiter unversteuert über den Tresen gehen. Burbank hält gerade das für eine gute Idee: "Sie müssen die Steuer nicht zahlen, wenn Sie nicht wollen", sagt er dem "Seattle Post-Intelligencer", "Es ist Ihre Wahl. Sie können einen Filterkaffee kaufen und sie können ihren eigenen Espresso-Drink zu Hause zubereiten".

Angesichts solcher Arroganz gegenüber der städtischen Kafeehauskultur - die Bevölkerung verbraucht vorsichtigen Schätzungen zufolge täglich rund 200.000 Portionen Espresso - formiert sich Widerstand. "So etwas kann doch nicht verfassungsmäßig sein", empört sich beispielsweise Bildhauerin Susan Balshor. Mit ihr sind natürlich auch die Kaffehaus-Betreiber auf die Barrikaden gegangen, die schon rund 70.000 Dollar gesammelt haben, um den Gesetzesentwurf noch zu stoppen.

In Deutschland haben Kaffeetrinker nicht einmal die Möglichkeit, über die Art der Zubereitung Steuern zu sparen. Sie zahlen bei jeder Tasse Kaffee zusätzlich zur Merwertsteuer noch eine Kaffesteuer. Diese liegt bei 2,19 Euro pro Kilo Röstkaffee und bei 4,78 Euro pro Kilo löslichem Kaffee. Der deutsche Fiskus erzielt allein mit dieser Kaffee-Abgabe pro Jahr rund eine Milliarde Euro an Einnahmen.



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