Zum Tod von Sergio Marchionne Der General kommt nicht zurück

Banker und Investoren waren skeptisch, als Sergio Marchionne 2004 an die Spitze von Fiat rückte. Doch der Manager im Wollpulli bewahrte die marode Firma vor der Pleite - und verlieh der Autonation Italien neuen Glanz.

Sergio Marchionne
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Seit Tagen musste man damit rechnen. Dabei wollte er eigentlich nur kurz pausieren. Probleme an der Schulter, die ihn wohl schon länger plagten, sollten operativ gelöst werden. Deshalb begab sich Sergio Marchionne am 27. Juni in die Universitätsklinik Zürich. Doch irgendetwas ging wohl schief - genaueres ist öffentlich nicht bekannt - und so musste John Elkann, jener Spross der Agnelli-Familie, der aktuell Präsident des Fiat-Konzerns und Chef der Agnelli-Holding Exor ist, schon am Wochenende kundtun: "Sergio kommt nicht mehr zurück." Der Fiat-Chef trete nach 14 Jahren an der Unternehmensspitze wegen seiner OP von allen Posten zurück.

An den unmittelbaren Folgen dieser Meldung lässt sich abschätzen, welcher Verlust das Fiat-Reich traf: Fiat Chrysler Automobiles (FCA) verlor an den Börsen 1,5 Prozent, Ferrari sogar 4,8 Prozent und der Agnelli-Familienverbund wurde an diesem Tag um 1,5 Milliarden Euro ärmer.

An diesem Mittwoch musste John Elkann dann Marchionnes Tod verkünden: "Sergio ist von uns gegangen."

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Sergio Marchionne: Der Draufgänger

Damit hat der Konzern den vielleicht eigenartigsten, eigensinnigsten und zugleich erfolgreichsten Manager seiner jüngeren Geschichte verloren. Und Italien hat den Mann verloren, der nicht nur eine marode Firma vor der drohenden Pleite bewahrte, sondern auch der Autonation Italien neuen Glanz verliehen hat. "Der General ohne Angst" hatte ihn die "Detroit Free Press" getauft, als sie ihn 2012 zum "Automanager des Jahres" gekürt hatte. Aber da hatte Marchionne das Schlimmste ja schon beinahe hinter sich.

Zwei Millionen Euro Verlust pro Tag

Als er 2003 in den FCA-Verwaltungsrat und im Jahr darauf zum Chef der Firma berufen wurde, war das eher die Einladung zur Konkursabwicklung. "Es ist nicht einfach", kommentierte Marchionne die Lage auf seine klare, direkte Art, denn: "Wir verlieren zwei Millionen Euro am Tag." Nur weil die Banken den Kreditrahmen noch einmal um drei Milliarden Euro erhöhten, überlebte Fiat. Mit der Berufung Marchionnes hatte das damals eher weniger zu tun. Banker und Investoren sahen ihn eher skeptisch. Der Mann war weitgehend unbekannt und hatte keine Erfahrung im Automobilbau. Er hatte Philosophie studiert und Jura und dann immerhin auch Ökonomie. Er bekam den Job, weil der damalige Chef des Familien-Clans, Umberto Agnelli, von dessen Hang zum Klartext angetan war.

Zu verlieren hatte Marchionne ohnehin nicht viel, schlimmer konnte es kaum werden. Also machte er sich ans Werk: Er tauschte recht bald seinen grauen Anzug gegen Pullover, die zu seinem Markenzeichen wurden. Und er änderte bei Fiat eigentlich alles: Weniger Masse - mehr Premium, hieß das neue Motto. Und das Spielfeld sollte größer werden: Erst eroberte der Konzern Südamerika, dann warf er sich in den USA, dem weltgrößten Autoland, ins Getümmel. Der Pakt mit General Motors ging zwar in die Brüche, aber Marchionne verschmolz dann eben Fiat mit dem traditionsreichen US-Autobauer Chrysler.

Doch es gab ein kleines Problem: Die Firma am Michigan-See hatte noch mehr Schwierigkeiten als die Italiener. Der Zusammenschluss 1998 mit Daimler-Benz zur DaimerChrysler AG war von den Daimler-Managern nach zu hohen Verlusten der Amerikaner wieder aufgelöst worden. Die US-Firma wurde zu Teilen an einen Finanzinvestor verkauft. 2008 brach der Chrysler-Umsatz endgültig ein. US-Präsident Bush schob der Firma vier Milliarden Dollar zu, doch auch das half nicht mehr. 2009 wurden die Bänder ab- und die Produktion eingestellt. Da griff Marchionne zu, kam mit einem Plan für die nächsten fünf Jahre: Weniger Modelle, mehr Kooperation und mehr spritsparende Trend-Autos.

Wer kommandiert ist allein

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Marchionne, so erzählten Mitarbeiter und Kollegen, hatte eine sehr eigene Form der Entscheidungsfindung. Er dachte weniger wie ein Kaufmann oder wie ein Techniker, die sonst in den Vorstandsetagen der Autokonzerne meist den Ton angeben. Er versuchte stattdessen, rechtzeitig zu erkennen, was sich ändern würde in der Welt - und damit auch in der Welt der Automobile. Welchen Wandel bringt etwa die Finanzkrise mit sich? Was führt ein sich ändernder Zeitgeist herbei? Aus den möglichen Folgen des steten Wechsels versuchte er eine Strategie für Fiat-Chrysler und Ferrari zu entwickeln.

Diskutiert wurde darüber nicht allzu viel. Von Kollegialität hielt Marchionne genauso wenig wie von Mitbestimmungsforderungen der Betriebsräte und Gewerkschaften. "Führung ist keine Anarchie", hat er einmal in einem Interview gesagt, und "wer kommandiert ist allein".

Meistens waren die einsamen Entscheidungen des Mannes, der in seiner Freizeit auf der firmeneigenen Rennstrecke gern seinen schwarzen Ferrari Enzo ausfuhr, die richtigen. So wurde aus der kleinen Ferrari-Abteilung die Gewinnmaschine für den Fiat-Konzern. Und dessen Aktienwert stieg seit der Fusion von Fiat und Chrysler um beinahe 350 Prozent.

2014 setzte der Fiat-Chrysler-Kommandeur sich und der Firma neue Ziele: Die Schulden und die Kurzarbeit bis Ende 2018 auf null senken. Letzteres ist bislang nicht ganz geschafft, noch immer arbeiten etwa sieben Prozent der Beschäftigten kurz.

Das andere Ziel ist schon vorzeitig erreicht: Zum ersten Mal seit Jahren macht die Firma keine neuen Schulden. Wenn auch das Unternehmen seine Umsatzprognose für das Gesamtjahr 2018 senken musste. An der Mailänder Börse brach der Aktienkurs des Autoherstellers an diesem Mittwoch um mehr als zehn Prozent ein.

Die Quartalszahlen hatte Marchionne in dieser Woche selbst verkünden wollen. Nun musste es sein Nachfolger tun, Mike Manley, der bisher für den Erfolg des Jeep - auch ein Mitbringsel von Chrysler in den FCA-Konzern - zuständig war.

Ein Jeep stand auch im Mittelpunkt der letzten dienstlichen Aktion von Sergio Marchionne. Der Sohn eines Carabiniere schenkte der italienischen Polizeitruppe einen Jeep Wrangler mit Vierradantrieb. Natürlich im Carabinieri-Look, und natürlich trug Marchionne, in schönem Kontrast zu den Blau-Schwarz-Rot-Uniformen um ihn herum, einen Pullover. Einen schwarzen.



insgesamt 17 Beiträge
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gollum04 25.07.2018
1. schade.....
ich fand den Mann sehr eindrucksvoll...im Pulli bei den Chrysler Managern reingehen und den Laden übernehmen. Topp! aber neben der Schuldenfreiheit für Fiat hat er zwei wirklich große Leistungen vollbracht....den neuen 500er kaufte man plötzlich trotz des Preises...und nicht mehr wegen des Preises.... noch höher ist die Leistung im Nutzfahrzeugsektor. über 75%aller Wohnmobile in Europa würden durch einen Fiat Ducato angetrieben. ein Klasse Produkt.
gutmichl 25.07.2018
2. R.I.P Management Genie
Wenn man verfolgt hat, wie clever er auch deutsche Konzerne ausmanövriert hat, so kommt man zum Schluss, dass es vielleicht der cleverste Manager unserer Zeit war.
telarien 25.07.2018
3. Rip
Es gibt viele Topmanager, die verzichtbar wären, bestenfalls verwalten, selten etwas bewegen. Marchionne war anders, er verdient die Bezeichnung Manager. Respekt vor seiner Leistung.
jkbremen 25.07.2018
4. Multiresistente Keime?!
Eine harmlose Schulter-OP in einem sicherlich erstklassigen Krankenhaus und dann plötzlich schwere Komplikationen und Tod. Das schaut für mich sehr nach Infektion mit einem multiresistenten Krankenhauskeim MRSA aus. In jedem Fall traurig um einen unkonventionellen tüchtigen Mann.
Kunstgriffe 25.07.2018
5. FIAT ist speziell
Mein 500c ist das mit Abstand beliebteste Auto bei allen, denen ich damit begegne. Das Design ist Meilen weit entfernt vom Einheitsbrei der allermeisten anderen, autauschbaren Karrossen auf unseren Straßen heutzutage.
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