Von Matthias Lauerer
Bonn - Der älteste Bioladen Bonns liegt an einer ruhigen Straße im Stadtteil Kessenich. Normalerweise geht es hier gemächlich zu - doch heute stehen reihenweise Studenten vor der grünen Eingangstür und unterhalten sich angeregt. Immer wieder tritt einer von ihnen brav vor die Kamera und hält sich eine grün-blau-orangefarbene "350" aus Pappe vor das Gesicht. Kurz gelächelt, schon ist der Beweis für den klimaschonenden Einkauf festgehalten.
Hinter der Kamera steht Cosmin Cabulea, er ist eine der Hauptorganisatoren des ersten dreistündigen Bonner Carrotmobs. "Wir haben das mehr als zweieinhalb Monate vorbereitet und beworben", sagt der 29-Jährige und blickt lächelnd auf die lange Schlange vor der Käsetheke. "Heute bin ich froh, dass so viele Leute vorbeikommen." Selbst gebackener Kuchen, Käse, Brot und Milch verkaufen sich heute besonders gut.
Was auf den ersten Blick aussieht wie eine zufällige Ansammlung überzeugter Bioladen-Käufer, ist eine neue Form von Verbraucherprotest. Kunden gehen gezielt und geballt in Läden, die sozialverträglich und ökologisch handeln. "Wir drehen das Prinzip des Boykotts um und belohnen Geschäfte, die bereit sind, etwas positiv zu verändern", heißt es auf der Seite des Carrotmob Berlin. Der Name Carrotmob ("Karottenmob") spielt auf Flashmobs an - spontane Kundgebungen wildfremder Menschen, die sich vor allem im Internet verabreden, um in der Öffentlichkeit eine mehr oder weniger sinnvolle Aktion durchzuziehen.
Spezielle Form des Flashmobs
Entstanden sind Carrotmobs im März 2008. Erfinder Brent Schulkin aus San Francisco hatte die Idee, Geschäfte in seiner Nachbarschaft zu fragen: Wer ist bereit, am meisten für die Umwelt zu tun? Welcher Ladenbesitzer bietet an, den größten Teil der Aktionserlöse in einen klimafreundlichen Umbau seiner Verkaufsflächen zu stecken?
David Lee, Inhaber eines kleinen Lebensmittelgeschäfts, sicherte 22 Prozent des Umsatzes zu. Er bekam den Zuschlag. Über Facebook, Twitter und MySpace, per E-Mail und über einen Carrotmob-Videochannel wurden dann Käufer für den 29. März gesucht. Sie kamen in Scharen. An jenem Samstag kauften Hunderte bei Lee ein. Er verfünffachte seinen Umsatz fast. Und investierte die 22 Prozent vor allem in eine energiesparende Beleuchtung, die nun noch die laufenden Kosten senkt.
Das Prinzip Carrotmob war geboren. Beide profitieren - Lee und das Weltklima.
Die Idee breitete sich aus, weltweit. Ein bestimmter Tag, eine bestimmte Uhrzeit und ein bestimmtes Geschäft werden festgelegt, im Gegenzug sichert der Besitzer zu, etwas Umweltschonendes zu tun, und los geht es. Organisiert werden Carrotmobs inzwischen in der ganzen Welt, auch von nichtstaatlichen Organisationen (NGOs). So hat die Klimaorganisation 350 diesen 24. Oktober zum "International Day of Climate Action" ausgerufen. Nach eigenen Angaben haben Menschen in 181 Ländern bei rund 5200 Veranstaltungen mitgemacht - eine davon: das Zusammentreffen in dem Bonner Bioladen.
"Und dann die Heizung so hoch aufdrehen!"
Dort soll sich nun mit dem Geld aus der Aktion manches ändern. Kunden im hinteren Teil des Supermarkts diskutieren aufgeregt auf Ledersofas. Einer von ihnen ist Boris Schinke, er sitzt in der Nähe einer alten Heizung. Ihr soll es an die hübsche Holzverkleidung gehen. "Es kann doch nicht sein, dass man die Heizung hinter einer Holzverkleidung vor dem Fenster versteckt, um sie dann so hoch aufzudrehen", sagt der 29-jährige Referent für Klimapolitik bei Germanwatch e.V. Mit Cabulea und zwei Freunden hat er den Carrotmob organisiert und die weiteren Schritte vorbereitet.
2269,43 Euro hat die Aktion am Ende des Tages eingebracht, 20 Prozent will Geschäftsführer Hubert Bois in Klimaschutz investieren. Konkret: die Heizanlage umbauen - ein Berater ist schon engagiert -, Sparlampen einsetzen und einige kleinere Aktionen.
Bois, Landwirt aus Meckenheim, hat die Leitung des Ladens im vergangenen Mai übernommen. Davor hat er den Laden 28 Jahre lang als Demeter-Anbauer mit Gemüse beliefert, nun will Bois ihn jeden Tag "wieder etwas besser machen": Damit die Kunden zurückkommen und sich auch teurere Produkte wie "Espresso Minero" kaufen (250 Gramm für 3,99 Euro) oder "China White Monkey"-Tee (50 Gramm für 3,99).
Jetzt sind die Organisatoren gespannt, wie es in Bonn mit solchen Aktionen weitergeht. Immerhin mussten sie in gut 15 Läden vorsprechen, bis sie bei Bois auf Interesse stießen - vielleicht ändert sich das jetzt.
Auf anderen Social Networks posten:
das ist durchaus eine nette idee .. aber es ist KEIN flashmob. flashmob sind sinnlose aktionen.... was ihr macht ist eine art demonstration ... die betitelung ist falsch und zieht den flashmob ins falsche licht!!! ihr nehmt uns [...] mehr...
Dankeschön! Wir waren da und es war ein tolles Event. Der Käse und der frischgebackene Kuchen waren so toll! mehr...
Wenn ich solche Sch...-Kommentare lese, kriege ich auch 'ne Ahnung, warum die Welt nicht besser wird. Vielleicht sollte man von guten Ideen und positiven Ansätzen nicht immer gleich die ultimative Lösung sämtlicher Probleme [...] mehr...
Ach was! Das kann ihnen doch nicht wurscht sein, ismirwurscht! Wenn viele Leute mehr bei solchen klugen Aktionen mitmachen würden, dann könnte die Macht des Verbrauchers endlich mal etwas bewirken, gegen die scheinbare Macht [...] mehr...
Naja, nett gemeint. So wie tausende andere gut gemeinte Aktionen. Und doch wird die Welt ja scheinbar nicht besser. Diese Aktionen werden es auch nicht besser machen, glaube ich. mehr...
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