SPIEGEL ONLINE: Frau Röder, Klimawandel, Umweltprobleme und die Nahrungsmittelkrise bestimmen die Schlagzeilen - aber niemand scheint seinen Lebenswandel zu ändern. Woran liegt's?
Elke Röder: Das liegt daran, dass die Menschen zu wenige überzeugende Angebote haben. Wir werten gerade unsere neuen Zahlen aus und stellen fest, dass wir im vergangenen Jahr im Naturkosthandel auf bestehender Fläche 3,1 Prozent mehr Wachstum hatten als 2008. Wir schließen daraus, dass die Menschen, die ein gutes und überzeugendes Angebot haben, sich anders ernähren und bereit sind, Schritte hin zu einem nachhaltigen und klimaschonenden Lebensstil zu machen.
SPIEGEL ONLINE: Das klingt idealistisch, aber man hat trotzdem das Gefühl, dass etwa das Scheitern des Gipfels von Kopenhagen die Deutschen insgesamt kalt lässt.
Röder: Kaltlassen - was heißt das? Ich habe den Eindruck, dass die Menschen im Alltag nach praktikablen Lösungen suchen. Sie sind dabei aufmerksamer geworden und schauen genau nach überzeugenden Angeboten. Natürlich paart sich das mit dem Wunsch, etwas für seine Gesundheit zu tun, und sicher ist ein gewisser Imagefaktor dabei: Man möchte zu denen gehören, die verstanden haben, dass sich der Lebensstil ändern muss, und die das auch im eigenen Leben hinkriegen.
SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Bio ist gar nicht "plötzlich out", wie die "Bild"-Zeitung schrieb? Immerhin stagnierte der Umsatz 2009 auf Vorjahresniveau...
Röder: Die "Bild"-Zeitung bezieht sich auf Zahlen von GfK und Nielsen und die beziehen sich auf den Lebensmitteleinzelhandel. Für dieses Umfeld stimmen die Zahlen - aber ein Drittel des Bio-Umsatzes wird in Naturkostläden gemacht. Hier finden sie Menschen, die konsequenter nach Alternativen suchen als die, die im normalen Supermarkt zufällig zur Biomilch greifen. Diese Kunden bleiben uns erhalten, selbst im Krisenjahr. Das zeigt unser Gesamtwachstum von 6,3 Prozent - während die normalen Lebensmitteleinzelhändler stagnieren oder sogar rückläufige Umsätze haben.
SPIEGEL ONLINE: Widerspricht das nicht Ihrer These, wonach die Leute nur das passende Angebot brauchen?
Röder: Der klassische Lebensmitteleinzelhandel bietet eine große Auswahl - auch an interessanten Regionalprodukten. Das heißt, die Kunden, die prinzipiell offen für neue Angebote sind, teilen sich auf zwischen Bioprodukten und Regionalprodukten. Das Wachstum im Naturkosthandel zeigt uns, dass die Kunden gerade durch die Krise skeptisch geworden sind und nicht mehr jedem Bio-Anbieter trauen.
SPIEGEL ONLINE: Trotzdem gilt es gerade in Krisenzeiten als Luxus, sich gesund und biologisch zu ernähren.
Röder: Die Krise hat klar gemacht, dass wir uns alle umorientieren müssen, dass unser bisheriger Lebensstil nicht mehr funktioniert. In Bezug auf unsere Ernährung heißt das, dass wir langfristig in unsere Gesundheit investieren müssen, weniger Fleisch essen, vielleicht auch mal wieder kochen. Mit Gemüse der Saison. Das ist nicht nur ein Plus für das persönliche Wohlbefinden, sondern auch ein Schritt hin zu einer nachhaltigen Entwicklung in Gesellschaft, Lebensmittelhandel und Landwirtschaft. Das ist ein Gesamtkonzept für eine bislang kleine Gruppe, aber die wird dennoch erreicht und ist überzeugt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das ein Luxuskonsum ist.
SPIEGEL ONLINE: Die Autorin Rosa Wolf hat ein Buch geschrieben, wonach man selbst als Hartz-IV-Empfänger Biolebensmittel kaufen kann. Genau das scheint bei der breiten Masse der Käufer aber nicht anzukommen. Warum?
Röder: Wir haben unter unseren Kunden Hartz-IV-Empfänger, die sich jahreszeitlich ernähren, derzeit also mit Kartoffeln, Feldsalat, Rote Beete. Das bedeutet keinen Verlust von Lebensqualität. Es gibt aber auch die breite Masse an Konsumenten - und das sind nicht nur Hartz-IV-Empfänger - denen fundamentale Haushaltsführungsfähigkeiten fehlen. Die können nicht kochen, führen kein Haushaltsbuch, ernähren sich viel von Fertigprodukten, die deutlich teuerer sind. Da kommt man auch mit Kommunikation nicht weit, da müssen handfeste Angebote her.
SPIEGEL ONLINE: Was könnte das sein?
Röder: Wir verteilen zum Beispiel jedes Jahr zum Schulanfang in jedem Bundesland die sogenannte Biobrotbox, eine Frühstücksbox mit Möhren, Äpfel, Brot, Tee und Süßigkeiten. Das nehmen die Lehrer zum Anlass, über gesunde Ernährung zu sprechen. Manche Schulen arbeiten auch mit Krankenkassen zusammen. Denn wir dürfen uns nichts vormachen: Wir brauchen Ernährungserziehung von frühster Kindheit an - sonst bringen auch alle Bio-Angebote nichts.
SPIEGEL ONLINE: Sie wollen Ihre Konsumenten also erziehen. Aber wollen die das überhaupt?
Röder: Wir wollen unsere Kunden nicht erziehen. Wir machen lediglich ein Angebot, das überzeugt. Es gibt aber genügend Menschen, die inzwischen eine andere Erwartungshaltung haben: Die wollen was für ihre Gesundheit tun, aber auch Verantwortung für die Zukunft nehmen. Das ist übrigens genau das Thema unserer aktuellen Kampagne "Bio kann mehr!".
SPIEGEL ONLINE: Haben die Menschen Angst davor, Abstriche machen zu müssen?
Röder: Das hängt immer mit ihrem eigenen Wertesystem zusammen. Statt zum Beispiel essen zu gehen, können Sie selbst kochen und Freunde dazu einladen. Dann sparen Sie Geld, ernähren sich gut und haben ein Plus an Lebensqualität.
SPIEGEL ONLINE: Sie halten sich also nicht für Spaßverderber?
Röder: Im Gegenteil: Wir sind Genussmenschen. Auch mit Steckrüben kann man leckere Gerichte machen. Unsere Kunden befassen sich mit den Feinheiten des Geschmacks - nicht umsonst greifen viele Spitzenköche und Gourmets auf Bioprodukte zurück. Das ist eine spannende Entdeckungsreise und kein Erziehungsprogramm. Denn bei allem Nachdenken über Nachhaltigkeit ist klar: Man isst nicht mit dem Kopf, sondern mit den Sinnen. Wenn man die außen vor lässt, wird es dogmatisch.
Das Interview führte Susanne Amann
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Sogar Wasser ist ab einer gewissen Menge giftig! Ein Skandal! Sofort Verbieten! ---Zitat--- Die deutschen Verbraucher werden durch die Machenschaften der Nahrungsmittelindustrie systematisch vergiftet. Um der Profite willen [...] mehr...
Sehe ich genauso. Zumal ich mich auch frage, wie es möglich ist, dass (gefühlt) auf einmal so viele Lebensmittel "Bio" sein sollen. Das würde doch einen immensen Anstieg an Anbaufläche für beispielsweise Bio- [...] mehr...
Das sehe ich anders. Zwar ist es vermutlich richtig, dass die Menschen mit steigender Bildung auch eher auf die Ernährung achten. Aber das heißt nicht automatisch, dass sie sich für Bio entscheiden und zwar nicht unbedingt aus [...] mehr...
Das stimmt definitiv. Aber auch in Kantinen und Restaurants gibt es viele Dinge, die eine gesunde Ernährung ermöglichen. Ich kenne keine (Unternehmens-)Kantine, die nicht auch ein reichhaltiges Salatbuffet und auch mindestens [...] mehr...
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