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16.03.2010
 

Verbraucherschutz

EU-Parlamentarier stimmen gegen Lebensmittelampel

Supermarkt: Verbraucherschützer hoffen auf einfache Regeln - bisher vergebensZur Großansicht
DPA

Supermarkt: Verbraucherschützer hoffen auf einfache Regeln - bisher vergebens

Rot, gelb, grün: Ampelfarben auf Lebensmitteln könnten den Kunden helfen, den Fett- und Zuckergehalt zu erkennen. Das hoffen zumindest Ärzte und Verbraucherschützer. Doch im Europaparlament zeichnet sich ein Nein zu dem Plan ab: Der Umweltausschuss favorisiert einen anderen Entwurf.

Brüssel - Es ist eine klare Absage an die Ampel: Im Europaparlament hat sich der federführende Umweltausschuss gegen eine obligatorische Kennzeichnung von Lebensmitteln in den Farben Grün, Gelb und Rot ausgesprochen. Die Mehrheit der Abgeordneten folgte damit der Berichterstatterin Renate Sommer (CDU), die eine solche Einteilung von Nahrungsmitteln als wissenschaftlich nicht fundiert und irreführend ablehnt. Mit ihr hätten zum Beispiel besonders süße und fetthaltige Speisen einen roten Punkt, gesunde Ware einen grünen Punkt erhalten.

Zugleich sprach sich der Ausschuss jedoch für eine verpflichtende EU-weite Kennzeichnung von Lebensmitteln aus. Die Meinung des Ausschusses gilt als Wegweiser für die Abstimmung im Plenum des Parlaments, die im Mai geplant ist. Über die geplante Neuregelung haben Europaparlament und Ministerrat gemeinsam zu entscheiden. Auch die Mitgliedstaaten müssen noch zustimmen; derzeit laufen dort erst Gespräche auf Expertenebene.

Dem Richtlinienentwurf zufolge sollen auf den Etiketten von Nahrungsmitteln künftig der Nährwert sowie der Gehalt pro 100 Gramm an Fett, ungesättigten Fettsäuren, Kohlenhydraten, Zucker und Salz angegeben werden. Auch die Hinweise für Allergiker sollen verbessert werden. Ziel ist es, Verbraucher besser über die Zusammensetzung von Lebensmitteln zu informieren. Die Angaben über Fett- und Zuckergehalt - etwa in Keksen und Müslis - sollen insbesondere helfen, gegen die Fettleibigkeit von Kindern anzukämpfen.

Bei Fleisch, Früchten und Milchprodukten soll zusätzlich die Herkunft angegeben werden. Ein besonderer Hinweis ist für gentechnisch veränderte oder mit Nanopartikeln behandelte Nahrungsmittel vorgesehen.

Der Vorsitzende des Ausschusses, Jo Leinen (SPD), sprach von einem "guten Tag für die europäischen Verbraucher". "Nachdem es in den USA schon seit langem eine umfassende Kennzeichnung von Lebensmitteln gibt, wird mit diesem Kennzeichnungssystem auch die Europäische Union auf den neuesten Stand der Verbraucherinformation gebracht."

Eine leicht verständliche, farblich untermalte Kennzeichnung

Kinderärzte aus ganz Europa sehen das anders. Sie hatten vor der Sitzung an die Abgeordneten appelliert, sich nicht einseitig von den Lebensmittelkonzernen beeinflussen zu lassen. "Wir bitten Sie dringend, nicht nur die Interessen der Nahrungsmittelindustrie zu unterstützen", hieß es in einem Brief des deutschen Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte sowie der Vereinigung der europäischen Kinderärzte. Im Kampf gegen Übergewicht bräuchten vor allem Familien aus weniger gebildeten Schichten eine leicht verständliche, farblich untermalte Kennzeichnung von Fett, Zucker und Salz - also am besten eine Lebensmittelampel.

Dass die farbliche Kennzeichnung exakt den Wünschen der Eltern entspricht, zeigte auch eine Umfrage der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK): Demnach wünschen sich mehr als 90 Prozent aller Eltern eine einfache Kennzeichnung mit Ampelfarben etwa bei Getränkepackungen. So könnten sie mit nur einem Blick den Zuckergehalt eines Getränks erkennen und zuckerärmere Alternativen wählen. Die Untersuchung der Krankenkasse hatte gezeigt, dass nur knapp ein Viertel der befragten Eltern den Zuckergehalt von Cola und anderen Softdrinks richtig einschätzten.

Auch von politischer Seite kam Unterstützung - wenn auch vorerst vergeblich: "Mit der Ampelkennzeichnung würde mehr für die Gesundheit der Verbraucher erreicht als mit jeder Gesundheitsreform", sagt SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Gerade für Migranten und Menschen aus bildungsfernen Schichten mache die leicht verständliche Kennzeichnung einen enormen Unterschied. "Von der Ampel hängt die künftige Fallzahl von Bluthochdruck, Zuckererkrankungen, Schlaganfällen und Herzinfarkten ab."

Die Konservativen haben das Projekt jedoch von Anfang an torpediert. Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) gab der Lebensmittelampel bereits vor der Ausschuss-Sitzung kaum noch eine Chance. Sie verwies dabei auf die Schwierigkeiten der simplen Farbeinteilung angesichts der zahlreichen Nährstoffe: "Auch die meisten Verbraucher wissen, dass eine so pauschale Farbeinteilung nicht funktioniert", sagte die CSU-Politikerin. "Danach müsste Bio-Apfelsaft aufgrund des Fruchtzuckers rot gekennzeichnet werden, Diät-Cola aber grün."

wit/dpa/Reuters

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Nährwertkennzeichnung

Zwischen Industrie, Politik, Gesundheitsexperten und Verbraucherschützern wird seit langem erbittert über die Nährwertkennzeichnung gestritten: Gesundheitsexperten und Verbraucherorganisationen fordern eine farbliche Kennzeichnung der Inhaltsstoffe nach einem Ampelsystem. Mit den Farben grün (niedrig), gelb (mittel) und rot (hoch) soll dem Verbraucher einfach und schnell signalisiert werden, was er isst. Die Lebensmittelindustrie lehnt dieses System jedoch ab - weil es bestimmte Lebensmittel diskriminiere. Sie hat sich stattdessen auf das sogenannte GDA-System (Guideline daily amount) verständigt, das den Nährwert bezogen auf Portionsgrößen angibt. Die aber sind laut Kritikern so willkürlich gewählt, dass sie den Vergleich schwierig machen. Außerdem geht das GDA-System von unrealistischen Portionsgrößen aus: So empfehlen sie etwa eine halbe Tiefkühlpizza oder eine winzige Handvoll von 25 Gramm bei Erdnüssen. Im Juni 2010 hat das EU-Parlament die Einführung einer europaweiten Ampelkennzeichnung abgelehnt.

Übergewicht und Fettsucht

Die Fettsuchtepidemie

Die Fettsucht, auch Adipositas genannt, gehört in den Industrienationen zu den führenden Auslösern von Todesfällen und Invalidität. Studien zufolge ist die Krankheit weltweit für jährlich rund 2,6 Millionen Todesfälle und mindestens 2,3 Prozent der Gesundheitskosten verantwortlich.

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