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Activia-Joghurt: Verbraucherschützer werfen Danone Werbelüge vor

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Wunderjoghurt oder schlicht Verbrauchertäuschung? Die Lebensmittelwächter von Foodwatch erheben schwere Vorwürfe gegen Danones Werbung für Activia-Produkte. Deren medizinische Wirkung sei minimal, die Kampagne dreist. Das Unternehmen weist die Kritik zurück.

Activia: So viel Zucker enthält der Danone-Joghurt Fotos
abgespeist.de

Berlin - Verbraucherschützer werfen dem Lebensmittelriesen Danone Werbelügen bei der Activia-Joghurtserie vor. "Activia kann eine träge Verdauung nicht regulieren, wie das Danone in seiner Werbung suggeriert", sagt Anne Markwardt von der Verbraucherorganisation Foodwatch. Konkret: Das Unternehmen preise das Produkt an, als wirke es wie ein Medikament, dabei handle es sich nur um einen schnöden Joghurt.

Die Werbekampagne basiere "auf Formulierungskniffen und minimalen, aber umso stärker aufgeblasenen Effekten". Ein besseres Darmwohlbefinden etwa lasse sich auch mit Naturjoghurt, Trockenpflaumen oder einem Spaziergang erreichen - und das wesentlich günstiger.

Es ist das zweite Mal, dass Foodwatch Danone-Produkte im Rahmen der Kampagne "Abgespeist" ins Visier nimmt: 2009 kürte die Organisation von Ex-Greenpeace-Chef Thilo Bode den Trinkjoghurt Actimel zur "dreistesten Werbelüge des Jahres". Der Vorwurf damals: Das Getränk stärke Abwehrkräfte nicht mehr als ein gewöhnlicher Joghurt - sei aber mehr als doppelt so teuer. In Frankreich und Großbritannien änderte Danone im vergangenen Jahr seine Werbung, Danone Deutschland beharrt jedoch auf einer angeblich immunstärkenden Wirkung von Actimel.

Nun also Activia: Foodwatch bezeichnet die Werbestrategie als "so raffiniert, dass sie nahe an die perfekte Werbelüge herankommt" - und doch bleibe es eine Werbelüge. Denn Activia sei nun mal ein Joghurt und "kein Wunderprodukt", sagt Markwardt. Hintergrund sei, dass Danone mit einfachem Joghurt nicht unbegrenzt Geld verdienen könne. Die messbaren Effekte von Activia seien aber minimal, und für gesunde Verbraucher bestehe "ohnehin keine Notwendigkeit, ständig mit irgendwelchen Mittelchen an ihrer Verdauung herumzuregulieren".

Danone hält es dagegen für "wissenschaftlich belegt, dass Activia bei täglichem Verzehr dazu beitragen kann, eine träge Verdauung zu regulieren und ein aufgeblähtes Gefühl zu reduzieren". Dies gelte "bei täglichem Verzehr im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung und eines gesunden Lebensstils". Der Begriff "Verdauung" beziehe sich auf die sogenannte Darmpassage-Zeit.

"Schnöder Joghurt zum dreifachen Preis"

Eine kürzere Darmpassage-Zeit verbessere jedoch nicht unbedingt die Verdauung insgesamt, sagt Foodwatch. In einer von Danone in Auftrag gegebenen Studie habe sogar ein Placebo - also ein Joghurt ohne lebende Bakterien - besser abgeschnitten als Activia. Der Konzern blase "die mehr als dürftigen Studienergebnisse zu einer unverfrorenen Werbekampagne auf, um einen schnöden Joghurt zum dreifachen Preis zu verkaufen", kritisiert Markwardt.

Danone weist die Vorwürfe zurück: "Sie entbehren jeder Grundlage und führen den Verbraucher in die Irre", sagt Danone-Sprecher Andreas Knaut. Von einem Suggerieren größerer Effekte von Activia, wie es Foodwatch Danone vorwirft, könne keine Rede sein. Geworben werde auf der Grundlage von 17 wissenschaftlichen Studien, die Placebo-Studie sei ihm nicht bekannt. "Wir wissen nicht, worauf sich Foodwatch bezieht", sagt Knaut. "Activia ist ein Lebensmittel und kein Medikament."

Foodwatch hält jedoch auf Rückfrage an der Existenz der Studie fest: "Wir haben die Studie vorliegen, und sie ist sogar auf der Danone-Web-Seite zu finden", sagt Markwardt. Sie warnt, dass die Joghurt-Produkte "der Gesundheit sogar abträglich" sein können. Immerhin enthielten sie einen Zuckeranteil von bis zu 13,4 Prozent (siehe Fotostrecke) - und damit mehr als Cola.

Danone-Sprecher Knaut kontert, der Verbraucher könne Activia auch als Naturjoghurt ohne Zuckerzusatz erwerben. Zudem sei der Zuckergehalt auf jeder Packung ausgewiesen, jeder Verbraucher könne sich "ein sehr genaues Bild machen".

Mit Material von AFP

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1. ...
Mrs. Figgs 22.03.2011
Zitat von sysopWunderjoghurt oder*schlicht Verbrauchertäuschung? Die Lebensmittelwächter von Foodwatch erheben schwere Vorwürfe gegen Danones Werbung für* Activia-Produkte. Deren medizinische Wirkung sei minimal, die Kampagne dreist. Das Unternehmen weist die Kritik zurück. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,752433,00.html
Ja hat das denn überhaupt jemand geglaubt? Den groben Unfug sah man den Werbespots doch schon von Weitem an... Functional Food ist nur eine Masche, den Verbrauchern das Geld aus der Tasche zu ziehen.
2. Und Actimel macht pervers
gsm900, 22.03.2011
Zitat von sysopWunderjoghurt oder*schlicht Verbrauchertäuschung? Die Lebensmittelwächter von Foodwatch erheben schwere Vorwürfe gegen Danones Werbung für* Activia-Produkte. Deren medizinische Wirkung sei minimal, die Kampagne dreist. Das Unternehmen weist die Kritik zurück. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,752433,00.html
wie der Fall Kachelmann zeigt.
3. Placebo
Maschinchen, 22.03.2011
Zitat von sysopWunderjoghurt oder*schlicht Verbrauchertäuschung? Die Lebensmittelwächter von Foodwatch erheben schwere Vorwürfe gegen Danones Werbung für* Activia-Produkte. Deren medizinische Wirkung sei minimal, die Kampagne dreist. Das Unternehmen weist die Kritik zurück. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,752433,00.html
Man darf indes nicht den Placebo-Effekt unterschätzen. Wenn sich der Kunde danach besser fühlt, was soll's?
4. Titel
barlog 22.03.2011
Die Aussage, daß ihr Produkt eine "bessere Verdauung" (bzw. kürzere Darmpassagezeit) fördert, hat DANONE besonders für Dicke hervorgehoben. Denn fast jeder von denen hat mal davon gehört, daß man abnimmt, wenn man Zuckerbrei schneller verdaut.
5. prima
pressemelders 22.03.2011
dann greife ich weiterhin zum frühstück zu cola...die tut meinem magen tatsächlich gut und der ungesunden inhaltsstoffe ist man sich seit eh und je bewußt und handelt entsprechend (in maßen genießen und zähneputzen)...
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Negativ-Preis: Der Goldene Windbeutel

Die Health-Claim-Verordnung der EU
Seit 2007 ist die "Verordnung über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel" der EU in Kraft. Hersteller von Lebensmitteln können seitdem Health-Claim-Anträge bei der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) einreichen. Ziel der Verordnung: Jede Angabe auf einem Etikett über den gesundheitlichen Nutzen des Produkts muss durch wissenschaftliche Nachweise abgesichert sein. Diese werden von der Efsa überprüft.
Health Claims nach Artikel 13.1
"Kalzium ist gut für Ihre Knochen", oder "Omega-3-Fettsäuren senken den Cholesterinspiegel". Allgemeine Claims dieser Art gehören in die Kategorie 13.1. Ursprünglich waren mehr als 40.000 Anträge auf Claims dieser Art bei der Efsa eingegangen. Die EU-Behörde hat die Liste inzwischen auf 4186 reduziert. Wann die Positivliste der erlaubten Werbeaussagen fertiggestellt sein wird, ist noch nicht absehbar. Urprünglich sollte sie Ende Januar 2010 veröffentlicht werden. Doch bisher sind erst knapp tausend solcher Health-Claim-Anträge abgearbeitet. Grundsätzlich darf sich jeder Hersteller aus der Liste bedienen und sein Produkt mit den erlaubten Claims bewerben, sofern es bestimmte Nährwert-Anforderungen erfüllt. Diese wurden allerdings von der EU-Kommission noch nicht genau festgelegt.
Health Claims nach Artikel 13.5
"Actimel unterstützt das natürliche Abwehrsystem im Darm", oder "Activia hilft mit seiner speziellen Kultur regelmäßig das Darmwohlbefinden zu verbessern". Das sind gesundheitsbezogene Angaben im Hinblick auf "neue Wirkungen", wie es die Efsa formuliert. Gemeint sind damit individuelle Health Claims, die nur für ein bestimmtes Produkt gelten. Von dieser Sorte wurden bisher insgesamt 280 Anträge bei der Efsa eingereicht, 80 sind erst abgearbeitet, sechs wurden wieder zurückgezogen. Die Antragsteller müssen umfangreiche wissenschaftliche Nachweise vorlegen, die die gesundheitsbezogenen Angaben belegen.
Health Claims nach Artikel 14
"Verringert den Cholesterinspiegel", "senkt das Risiko für Herz-Kreislaufkrankheiten". Werbeaussagen dieser Art, also Angaben über die Reduzierung eines Krankheitsrisikos, fallen unter Artikel 14 der Health-Claim-Verordnung. Ebenso sind Angaben über die Gesundheit und Entwicklung von Kindern darunter definiert. Auch in diesen Fällen müssen die Antragsteller wissenschaftliche Nachweise erbringen, die diese Effekte belegen.
Was passiert, wenn ein Health Claim abgelehnt wurde?
Ohne eine Zulassung nach der Health-Claim-Verordnung darf eine gesundheitsbezogene Angabe für ein Lebensmittelprodukt nicht mehr verwendet werden, auch nicht in der Werbung. Die Behörden räumen den Herstellern jedoch eine Frist von sechs Monaten ein, innerhalb der sie die Werbeaussagen vollständig vom Markt nehmen müssen. Angaben über die Entwicklung und Gesundheit von Kindern müssen sofort aus dem Verkehr gezogen werden. Nur sofern vor dem 19. Januar 2008 ein Antrag auf Zulassung gestellt wurde, gilt für sie eine Übergangsregelung.

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