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Ärger mit neuer Wohnung: 7400 Euro Kaution für einen Umzug

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Beim Einzug in eine neue Wohnung muss man eine Kaution hinterlegen - je nach Fall ein paar tausend Euro. Viele Mieter müssen sich verschulden, um den Betrag aufzubringen. Zwei Münchner Unternehmer wollen dieses System nun durchbrechen - und mit Bürgschaften den Markt aufrollen.

Mietvertrag (Symbolbild): Vermieter können Teile der Kaution eine Zeitlang behalten Zur Großansicht
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Mietvertrag (Symbolbild): Vermieter können Teile der Kaution eine Zeitlang behalten

Hamburg - Es war kein erfreulicher Anlass, weshalb sich Birgit Knapp eine neue Wohnung suchen musste. Die Trennung von ihrem Mann Oliver war besiegelt, die gemeinsame Wohnung gekündigt, zwei neue Bleiben für sie und ihre zehnjährige Tochter sowie ihren Ex-Mann mussten her.

Das ist in München, wo die Knapps wohnen, schon schwer genug. Noch schwerer aber ist es, bezahlbare Wohnungen für beide ehemalige Partner zu finden. Als Kinderkrankenschwester in der Herzchirurgie am Klinikum Großhadern verdient Birgit Knapp nicht gerade üppig, auch ihr Mann erhält als IT-Fachmann eine eher durchschnittliche Vergütung, die Wohnungen in München kosten aber überdurchschnittlich. Anfang Februar hat es endlich geklappt. Birgit Knapp fand eine nette Drei-Zimmer-Wohnung im Stadtteil Obermenzing, rund 70 Quadratmeter für 900 Euro warm. Auch ihr Ex-Mann wurde fündig.

Doch die beiden hatten ein Problem: Die Mietkaution für die alte Wohnung war noch nicht zurückbezahlt - Vermieter können Teile davon bis zu neun Monate nach Auszug einbehalten, bis sämtliche Betriebskosten abgerechnet sind. Gleichzeitig verlangten die neuen Vermieter aber bei Unterschrift des Mitvertrages neue Kautionen, bei Birgit Knapp 2400 Euro, bei Oliver Knapp 1800 Euro. Es mussten neben der Kaution für die alte Wohnung in Höhe von 3200 Euro mal eben zusätzlich 4200 Euro als Sicherheit für die Vermieter aufgebracht werden. Zusammen also 7400 Euro, über die Birgit Knapp und ihr Ex-Mann vorerst nicht verfügen konnten. Für das Trennungspaar schlicht unmöglich.

Diese Bredouille, in der wohl Millionen Mieter in Deutschland stecken, wenn sie sich neue Wohnungen suchen, haben sich Florian Haas und Frank Liepner für ein neues Geschäftsmodell zunutze gemacht. Im November 2008 gründeten die beiden Finanzexperten den Mietkautionsbund e.V., ein Verein, der für Mieter bürgt, damit diese beim Vermieter kein Bargeld hinterlegen müssen.

Mietnation Deutschland: 26 Milliarden Euro ruhen bei den Banken

Normalerweise werden bei jedem neuen Mietverhältnis drei Monatskaltmieten als Sicherheit fällig, die der Vermieter nach Vertragsende für Reparaturen oder Renovierungen nutzen kann, falls die Wohnung nicht ordnungsgemäß übergeben wird. In der Regel wird das Geld schlecht verzinst auf ein Sparbuch eingezahlt und liegt dann über Jahre hinweg brach.

Im Gegensatz zu anderen Ländern sind die Deutschen nach wie vor eine Mietnation: Von den rund 36 Millionen Wohnungen und Häusern hierzulande sind etwas mehr als 21 Millionen vermietet. Die durchschnittliche Mietkaution in Deutschland beträgt etwa 1250 Euro. "Bei 21 Millionen Mietverträgen sind das theoretisch 26 Milliarden Euro, die bei den Banken und Sparkassen ruhen" sagt Haas - eine Summe, die der Volkswirtschaft dauerhaft entzogen ist.

Im Modell des Mietkautionsbundes dagegen fließt kein Bargeld für die Kaution, es haftet der dahinterstehende Verein. Der Mieter entrichtet im Gegenzug eine jährliche Gebühr von 4,7 Prozent der Kautionssumme an den Verein plus eine einmalige Aufnahmegebühr von 9,90 Euro. Der Mietkautionsbund checkt dann bei der Schufa die Bonität des Mieters und händigt dem Mieter im Anschluss eine Bürgschaftsurkunde aus, die er potentiellen Vermietern während des Suchprozesses vorlegen kann. Abgewickelt wird das Geschäft am Ende über die R+V-Versicherung, eine Tochter der Volks- und Raiffeisenbanken. Rund 10.000 registrierte Mitglieder hat der Verein nach eigenen Angaben bislang.

Fast ein Fünftel überziehen das Girokonto oder nehmen einen Kredit auf

Ganz neu ist das Modell nicht. In der Schweiz beispielsweise hat es sich längst etabliert. Auch Banken bieten Bürgschaften an, doch klären sie ihre Kunden darüber oft nicht auf. Mit gutem Grund: An einem Sparbuch verdienen die Geldhäuser ungleich mehr. Sie erhalten Liquidität, die sie kaum verzinsen müssen.

Verbraucherverbände wie der Mieterbund oder sein Vermieter-Pendant Haus und Grund bewerten das neue Geschäftsmodell noch zurückhaltend. Während der Interessenvertreter der Vermieter skeptisch ist, wie im Schadensfall die Auszahlungsbedingungen durch die R+V-Versicherung sind, moniert der Mieterbund vor allem die Kosten. "Eine klassische Kaution bringt dem Mieter zumindest Zins und Zinseszins", sagt Ulrich Ropertz vom Mieterbund, "das Modell des Mietkautionsvereins dagegen kostet ihn Geld."

Doch Zinseinnnahmen setzen voraus, dass man das Geld für die Kaution flüssig hat, was einer Vielzahl von Deutschen offenbar immer weniger gelingt. Nach einer Untersuchung des Internetportals Immobilenscout24 gab fast ein Fünftel aller Befragten an, dass sie für die Kaution das Girokonto überziehen müssen oder einen Kredit aufnehmen. Allein der Zinssatz über Konten-Überziehungen liegt derzeit im Durchschnitt bei 15 Prozent. So relativieren sich 4,7 Prozent Jahresgebühr an den Mietkautionsbund am Ende wieder.

Auch Birgit Knapp hätte die 2400 Euro nicht flüssig gehabt und das Konto überziehen müssen. Jetzt zahlt sie jährlich knapp 110 Euro an den Mietkautionsbund und kann ihren Vertrag jederzeit kündigen und die Kaution in bar hinterlegen, sobald sie etwas mehr Rücklagen angespart hat. Vielleicht kauft sie sich aber davon auch ein neues Sofa. "Das ist mir wichtiger, als eine so große Summe auf ein schlechtverzinstes Sparbuch zu legen", sagt Knapp.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 59 Beiträge
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1. Reine Abzocke
fn745 12.07.2010
Dieses Geschäftsmodell ist mit 4,7% Kosten p.a. reine Abzocke. Wer wirklich kein Geld für eine Kaution hat, aber dafür einen Vermieter, der sich auf so ein Bürgschaftsmodell einläßt, dem empfehle ich den Gang zur Hausbank. Viele Banken und Sparkassen (keine Online- und Direktbanken) bitten einen sogenannten Avalkredit an. Auch hier übernimmt die Bank die Bürgschaft in Höhe der Mietkaution, berechnet aber nur ca. 0,5%-1% der Kautionssumme p.a.. Voraussetzung für ein solches Modell ist ein Girokonto mit regelmäßigem Gehaltseingang. Und für den Vermieter ist eine Bürgschaft durch eine Bank oder Sparkasse sicher auch besser zu akzeptieren, als irgend so ein komisches Konstrukt mit einem Verein und einer Versicherung.
2. Nix neues
Dominik Menakker, 12.07.2010
Wo ist jetzt die Sensation? Ich habe bereits in den 80-ern Mietkautionen mittels Bankfbürgschaft hinterlegt. Meine Banklehre machte ich von 82 - 85 und das war damals schon das normalste auf der Welt. Nur, dass Miekautionsbürgschaften 1,5 - 1,7 % kosten und keine 4,7 %.
3. norisbank
motormouth 12.07.2010
auch die norisbank bietet dedizierte miet- bzw. wohnbürgschaften an.
4. alternativ...
ozlemon 12.07.2010
geht man einfach zu seiner hausbank und diese gibt eine bankbürgschaft über die kaution ab. ist meines erachtens nicht teurer und der vermieter hat eine erstmal eine zusätzliche psychologische hürde über das geld zu verfügen. ich hab irgendwann mal über ein halbes jahr auf mein geld gewartet wg eines verlorenen schlüssels, dann wurden mir die kosten von seinerzeit 23 DM von der kaution in höhe von 3600 DM abgezogen... seitdem nur noch bankbürgschaft, anders wäre der übergang gar nicht möglich gewesen. man kann beide seiten verstehen, aber ich meine, dass eine kaution von einer monatsmiete absolut reichen sollte. das wäre mal eine innovative regelung und nicht ein paar schlaumeier, die aus diesem system nur wieder ein weiteres geschäftmodell generieren.
5. Pflichtunterricht "Hauswirtschaft" -
John_Frankfurt, 12.07.2010
Unfassbar mit welchen kaufmännischen Taschenspielertricks sich in der ach so krisengeschüttelten Bundesrepublik immer noch Geld verdienen lässt. Und das man es damit auch noch werbewirksam in den Spiegel schafft - ich vermute mal ganz kühn der Autor des Artikels war auch dankbar, als ihm seine Stadtwerke anboten die Abschlagszahlungen auf Wasser/Strom und Gas ab sofort monatlich, anstelle einer quartalsmäßigen Überweisung zu bezahlen. Angesichts dieser beiden Beispiele (die sich noch beliebig ergänzen lassen) stellt sich die Frage, ob es nicht sinnvoller wäre ein Schulfach "Hauswirtschaft" mit einem einfachen Fokus auf: Soll/Haben, Zins, Zinseszins, Kreditverträge, Haushaltsbudget, Lohnabrechnung als Pflichtfach einzuführen. Ergänzend als Wahlfach, für Gymnasiasten verpflichtend, "Hauswirtschaft II" mit den Lernfeldern: Privat krankenversichert - aber richtig, Altersvorsorge, Einkommensteuersystematik. Es wäre spannend zu wissen, wieviele Milliarden Euro sich pro Jahr "einsparen" lassen - zulasten einer unersättlichen/unerbittlichen Bank- und Versicherungsbranche - und wie sich die Lage der privaten Haushalte ohne "Leistungseinbußen" verbessern würden.
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