Neues Gesetz: Aigner will Antibiotika-Einsatz bei Tieren eindämmen

Landwirte müssen sich auf schärfere Regeln einstellen. Verbraucherministerin Ilse Aigner hat ein Gesetz vorbereitet, mit dem der Antibiotika-Einsatz bei Tieren deutlich begrenzt wird. Laut Tierschützern werden in der Massentierhaltung 40 Mal mehr Antibiotika eingesetzt als in Krankenhäusern.

Hähnchenmast: Flächendeckender Antibiotika-Einsatz? Zur Großansicht
DPA

Hähnchenmast: Flächendeckender Antibiotika-Einsatz?

Düsseldorf - Die Zahl klingt unglaublich: Pharmaunternehmen haben im vergangenen Jahr 1734 Tonnen Antibiotika an Tierärzte abgegeben. Das teilten Behörden Anfang der Woche mit. Zwar sind die Angaben nicht genauer aufgeschlüsselt, doch der überwiegende Teil der Medikamente dürfte in der Massentierhaltung eingesetzt worden sein. Seit Monaten wird die massive Verwendung von Antibiotika kritisiert. Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) versprach strengere Regeln. Nun macht sie offenbar Ernst.

Am kommenden Mittwoch will Aigner laut "Rheinischer Post" eine Gesetzesnovelle für weniger Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung vorlegen. Der Zeitung zufolge sieht der Gesetzentwurf vor, "das Risiko der Entstehung und Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen zu begrenzen". Anfang des Jahres hatte der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in einer Stichprobe in mehr als der Hälfte von Hähnchenfleisch-Produkten gefährliche Keime gefunden. Diese können beim Menschen dazu führen, dass sich Resistenzen gegen Antibiotika bilden.

"Wir können den Einsatz von Antibiotika in Deutschland innerhalb weniger Jahre deutlich senken, wenn Länder und Bund an einem Strang ziehen", sagte Aigner der "Rheinischen Post". Schärfere Bestimmungen sollten den Einsatz von Antibiotika auf das zur Behandlung von Tierkrankheiten absolut notwendige Maß zu beschränken. Aigners Entwurf sieht folgende Maßnahmen vor:

  • Die Kontrollbehörden der Länder sollen mehr Befugnisse erhalten.
  • Landwirte sollen verpflichtet werden, die Häufigkeit von Antibiotika-Einsätzen zu dokumentieren.
  • Antibiotika, die zur Heilung von Menschen besonders bedeutend sind, sollen in der Tierhaltung verboten werden.

Dem BUND reicht das nicht aus. Die Tierschützer fordern, den Einsatz von Antibiotika in der Tiermast bis 2015 um die Hälfte zu reduzieren. In der Intensivtierhaltung würden derzeit über 40 Mal mehr Antibiotika eingesetzt als in deutschen Krankenhäusern und sieben Mal mehr als in der Humanmedizin insgesamt.

Konkrete Reduktionsziele für Antibiotika wie in Dänemark oder den Niederlanden seien dringend notwendig. Außerdem müssten die Subventionen für den Bau neuer Massentierhaltungsanlagen gestoppt und die Privilegien für industrielle Tierhaltung aus dem Baugesetz gestrichen werden.

cte/dapd/AFP

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1. optional
kumi-ori 14.09.2012
Mich ärgert wie hier mit "subtilen" Formulierungen die Schuld für diesen Zustand der Pharma-Industrie zugeschoben wird. "Pharma-Unternehmen haben ... an Tierärzte abgegeben." Das hört sich an, als würde man schreiben: der Volkswagenkonzern lieferte dem Terroristen Mundlos das Tatfahrzeug (welches er wahrscheinlich in irgendeinem Autohaus gekauft haben wird). Ich glaube kaum, dass die Unternehmen direkt an Tierärzte liefern, eher werden die sich aus dem Großhandel eindecken. Und letzten Endes sind es doch die Mäster und die Tierärzte, die entscheiden, was dem Tierfutter beigemischt wird. Oder wie sollten die Unternehmen bestimmen: dieser und jener Tierärzt soll keine Antibiotika mehr geliefert bekommen, weil er damit möglicherweise Schlachttiere unsachgemäß aufpeppt. Abhilfe schaffen könnte hier nur eine Apothekenpflicht auch für Tierarzneimittel und eine Rezeptpflicht für Antibiotika. So würde zumindest der Antibiotikaverbrauch schon mal dokumentiert werden.
2. optional
abundzumal 14.09.2012
"Konkrete Reduktionsziele für Antibiotika wie in Dänemark oder den Niederlanden seien dringend notwendig. Außerdem müssten die Subventionen für den Bau neuer Massentierhaltungsanlagen gestoppt und die Privilegien für industrielle Tierhaltung aus dem Baugesetz gestrichen werden." Darüber hinaus sollen alle durch die Massentierhaltung verursachten Folgekosten durch den Produzenten selber - und nicht durch den Steuerzahler - getragen werden!
3. Kann mir das jemand erklären?
kumi-ori 14.09.2012
"Anfang des Jahres hatte der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in einer Stichprobe in mehr als der Hälfte von Hähnchenfleisch-Produkten gefährliche Keime gefunden. Diese können beim Menschen dazu führen, dass sich Resistenzen gegen Antibiotika bilden." Wenn das Tier gefährliche Keime enthält, wird dann der Mensch resistent gegen Antibiotika? Ich dachte immer, Antibiotika sollen sich eher gegen Krankheitserreger richten, aber gut zu wissen, dass es jetzt auch Antibiotika gegen Menschen gibt. Was hat die Antibiotikaresistenz damit zu tun, ob der Keim gefährlich ist?
4. Ist ja was ganz neues
lillemoor 14.09.2012
Das Problem ist schon sehr lange bekannt. Das soll hier bitte nicht so dargestellt werden, als würde da jemand zügig handeln. Letztes Jahr wurde das mit puren und sinnlosem Aktionismus behandelt, in dem man das Dispensierrecht für Tierärzte streichen wollte. Nun kommen wir der Sache schon näher.Wieweit die Industrie da mitmacht, sei dahingestellt, denn Antbiotikagabe in den Maßen sind bei der Massentierhatlungsbediegungen unumgänglich! Es geht einfach nicht anders.Die Bedingungen müssen geändert werden um eine bessere Tiergesundheit gewährleisten zu können.Das heißt teuereres Fleisch und extensivierung der Tierhaltung/Mast. Tierärztin
5. Massentierhaltung
hasenherz 14.09.2012
Ohne die vielfachen Antibiotika im Tierfutter aller Nutztiere in der Massentierhaltung (97% des Fleisches stammt aus der Massenvernichtungstierhaltung - 2 Milliarden Tiere werden pro Woche! für uns Menschen geschlachtet!) würden diese armen, nicht artgerecht gehaltenen und gequälten Tiere überhaupt nicht diese paar Wochen oder wenige Monate überleben können. Trotzdem sind die meisten krank, viele schon vorher gestorben - und nach dem Transport zum Schlachthof geschieht den meisten nochmal ein unglaubliches Schicksal - die Hälfte der Tiere (egal ob Rinder, Schweine, Schafe oder Hühner) werden lebend geschlachtet. Wir essen also krankes, gequältes Leid! Zum Fleisch essen braucht es keinen Mut - aber sich anzusehen, woher die Tiere kommen, wie sie leben mussten, sich dies anzusehen, dazu braucht es Mut! Und wer dann weiterhin Fleisch und Milchprodukte isst, der arbeitet entweder für die Tierindustrie- oder er hat ein Herz aus Stein! Wenn die Mauern der Tierfabriken und Schlachthöfe aus Glas wären, gäbe es keine Massentierhaltung mehr! Seht Euch den Film "Earthlings" an, googelt Massentierhaltung! Denkt und handelt! Beendet diese grausame Massenvernichtung! Vegane Ernährung ist die gesündeste Ernährung! Und die leckerste! Man ändert nur seine Gewohnheiten!
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