Air-Berlin-Pleite Der Ärger der Kunden mit der Vorkasse

Wer fliegen will, muss in der Regel Vorkasse bezahlen - und bekommt womöglich Probleme, wenn die Airline pleitegeht. Das darf nicht sein. Die Politik sollte Verbraucher künftig besser schützen.

Flughafen Berlin-Tegel
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Eine Kolumne von


Vorerst fliegt Air Berlin weiter, doch die Pleite kann noch zum Problem für Millionen Kunden werden. Rund zweieinhalb Millionen Flüge absolvierten Passagiere der Airline zuletzt Monat für Monat - das waren 80.000 Fluggäste am Tag.

Generell gibt es bei Pleiten von Fluglinien zwei Hauptrisiken für Kunden:

  • 1) Stranden
    Der Kunde ist mit Air Berlin zum Beispiel nach Mallorca geflogen, die Fluggesellschaft meldet während des Urlaubs Insolvenz an und darf nicht mehr fliegen. Der Kunde strandet am Ballermann. Dieses Szenario war ohne den Sofortkredit der Bundesregierung am vergangenen Wochenende ganz real. Doch das wollte die große Koalition nicht zulassen. 80.000 entnervte Air-Berlin-Fluggäste auf Flughäfen in Europa und den USA wollten die Regierungsparteien mitten im Wahlkampf nicht riskieren. Flüge in den kommenden Wochen bis zur Bundestagswahl sollten deshalb wohl noch funktionieren.
  • 2) Verfallen
    Der Kunde hat seinen Flug mit Air Berlin direkt bezahlt, ist aber noch nicht geflogen. Dieser Flug findet dann wegen der Insolvenz später im Jahr nicht mehr statt. Für den Kunden birgt das sogar doppelt Potential für Ärger: Erstens ist der Weg in den Urlaub oder zum regelmäßigen Geschäftstermin verbaut. Es ist nicht mehr möglich oder deutlich teurer, mit einer anderen Fluglinie ans Ziel zu kommen. Und zweitens ist das Geld weg. Das schon bezahlte Ticket gehört zur Insolvenzmasse, der Fluggast wird zum Gläubiger und sieht sein Geld wahrscheinlich nicht wieder.

Gegen den vermiesten Urlaub ist im Fall einer Insolvenz von Air Berlin kaum ein Kraut gewachsen. Solche Schäden können eintreten. Genauso wie Folgekosten, wenn ein Flug nicht abhebt. Etwa das teurere Ticket für die andere Fluglinie oder die Bahnfahrt nach Italien, weil kein passender Flug zur Verfügung steht.

Das Thema "Geld ist weg" trifft aber anders als bei anderen Pleiten den Kunden hier unerwartet heftig. Beim Kauf von Flugtickets direkt bei der Airline oder bei einem Vermittler muss der Kunde Vorkasse leisten. Es gibt zwar keinen zwingenden Grund für Vorkasse ohne Schutz des Kunden beim Flugbetrieb. Dennoch ist diese Praxis Realität auf deutschen und internationalen Flughäfen.

Solche Risiken sind für Kunden eigentlich unzumutbar. Das hat der Gesetzgeber bei Pauschalreisen schon vor zehn Jahren so gesehen und eine Versicherungspflicht eingeführt, die dafür sorgt, dass bei der Pleite eines Reiseanbieters der Kunde sein Geld zurückbekommt. Nach der Einführung dieses sogenannten Sicherungsscheins war der Bundesgerichtshof der Meinung, dass dem Kunden eine Anzahlung von 20 Prozent bei Pauschalreisen zugemutet werden könne, nach einem Urteil vom Juli 2017 sogar bis zu 40 Prozent (Az: X ZR 71/16). Denn der Sicherungsschein sorge ja dafür, dass der Kunde kein Geld verlieren könne.

Solchen Schutz gibt es bei reinen Flugreisen aber leider nicht. Hier sind Gesetzgeber und Gerichte noch nicht in der Zeit des easyJet Sets und der Städtereisen angekommen und gehen mehrheitlich immer noch davon aus, dass Flugreisende eher geschäftlich unterwegs und mithin keine Verbraucher sind, die geschützt werden müssten.

Dabei könnte man einen solchen Schutz mit einer Insolvenzabsicherungspflicht der Fluggesellschaften in der neuen EU-Fluggastrechte-Richtlinie regeln, die derzeit in Arbeit ist. Ein entsprechender Vorstoß, auch für reine Flugreisen einen Versicherungsschutz vorzusehen, hat SPD-Justizminister Heiko Maas in dieser Woche gemacht. In seinem Ministerium hat man dafür aber noch keine Vorarbeiten geleistet. Dabei hat Maas recht: "Weder die Reisenden noch die Steuerzahler dürfen am Ende die Kosten dafür tragen, wenn ihre Fluggesellschaft während einer Reise in die Insolvenz muss."

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Das Onlineportal ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Vielleicht hat die politische Zurückhaltung beim Thema Insolvenzabsicherung sowohl in der Großen Koalition als auch in Brüssel auch mit Fluggesellschaften wie Air Berlin und Alitalia zu tun. Deren Pleiten könnten nämlich zu ordentlichen Großschäden führen. Wenn zum Beispiel fünf Millionen Air-Berlin-Tickets schon bezahlt und noch nicht abgeflogen sind und jedes dieser Tickets im Schnitt 250 Euro gekostet hat, so wären das 1,25 Milliarden Euro, mit denen die Fluggäste in Vorkasse gegangen sind.

Wenn es mit der Insolvenzabsicherung also erst mal nicht klappt, wer hilft dann? Immerhin gibt es die Fluggasthelfer und die Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (SÖP). Können die etwas für die geschädigten Fluggäste tun?

Im Prinzip ja. Recht zu haben und sein Recht finanziell durchzusetzen, sind aber zweierlei Dinge. Einem nackten Mann können auch ein als Inkassobüro funktionierender Rechtsdienstleister oder eine öffentlich bestellte Schlichtungsstelle nicht in die Tasche greifen. Schon heute warten mehr als 10.000 Kunden auf ihr Geld, die wegen der Verspätungen und Annullierungen der vergangenen Wochen und Monate Ansprüche auf Ausgleichszahlung bei Air Berlin haben. Auch sie sind inzwischen Gläubiger einer Fluggesellschaft, die Insolvenz beantragt hat.

Am einfachsten haben es dabei die Kunden, die ihre Rechte an einen Fluggasthelfer wie "EUflight" abgetreten und schon ihr Geld erhalten haben. Dann ist das Fluggastportal der Gläubiger, der sich mit der insolventen Airline herumschlagen muss, und eine Rückforderung ist ausgeschlossen.

Einzelne Fluggastportale wie "Fairplane" und "EUclaim" übernehmen nach Informationen von Finanztip auch nach der Insolvenzanmeldung noch Ansprüche - in der Hoffnung, diese bei einer geordneten Übergabe auch durchsetzen zu können. Im Fall einer harten Insolvenz halten die Firmen es aber mehrheitlich für unwahrscheinlich, viel Geld für ihre Kunden herausholen zu können.

Und was sollten Sie als Air-Berlin-Kunde jetzt tun?

  • Treten Sie die Flüge an, die Sie schon bezahlt haben.
  • Melden Sie weiterhin alle Ansprüche an, die Sie haben, auch wenn der Flieger Verspätung hatte oder ganz ausgefallen ist.
  • Geben Sie die mit Rückgaberecht versehenen Flex-Tickets zurück, sofern Sie schriftlich zugesagt bekommen, dass es Geld zurückgibt.
  • Seien Sie vorläufig vorsichtig beim Kauf neuer Air-Berlin-Tickets - zumindest, wenn der Flug nach der Bundestagwahl Ende September stattfinden soll.

Und was lernen wir alle? Wir sollten Vorkassenangebote ohne Absicherung meiden, wo immer möglich. Bei Vorkasse werden wir oft genug von aalglatten Geschäftsleuten ausgenutzt.

insgesamt 57 Beiträge
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Seite 1
the_master 19.08.2017
1. Locomore
War doch bei Locomore auch so. Und mit den AirBerlin-Kunden habe ich kein Mitleid. Spätestens seit dem Hinweis der KPMG-Wirtschaftsprüfer im letzten Geschäftsbericht war klar, dass eine Buchung bei AirBerlin extrem risikoreich ist.
hdudeck 19.08.2017
2. Wie haeufig geht in Deutschland eine Airline
pleite, das wir dafuer eine spezielle Regel benoetigen? Warum diese Sonderbehandlung? Was, wenn es sich um eine Auslaendische handelt was haeufug der Fall sein sollte), ein extra set von Regeln? Entweder man hat Regel die fuer alle Pleiten gleich gelten, oder man laesst es gleich sein.
eckawol 19.08.2017
3. Nett gemeinter Hinweis, aber untauglich,
Zitat von the_masterWar doch bei Locomore auch so. Und mit den AirBerlin-Kunden habe ich kein Mitleid. Spätestens seit dem Hinweis der KPMG-Wirtschaftsprüfer im letzten Geschäftsbericht war klar, dass eine Buchung bei AirBerlin extrem risikoreich ist.
denn, welcher Internet-Bucher wird mit dem Geschäftsbericht der jeweiligen Airline auf den Knien seine Flüge buchen? Die Forderung, dass im Insolvenzrecht der Gesetzgeber eine Änderung zum Schutz der "Frühbucher" einführen soll - Einzelheiten der Gestaltung sind noch zu diskutieren - erscheint sinnvoll.
marcus_tullius 19.08.2017
4. denn sie wussten wohl, was sie tun
Wer in den letzten zwei, drei Jahren noch bei Airberlin Flüge gebucht hat, muss ein hochrisikobereiter Fluggast sein. So etwa wie einer, der gerne in Aktien der Klingelton-Brüder investiert. Kann man machen, muss man aber nicht. Warum jetzt die Bundesregierung für diese Schnäppchenjäger den Rettungsschirm aufspannt, ist alleine dem nahen Wahltermin geschuldet. Gerechtfertigt ist das nicht. Und "gerecht" im Sinne des Hlg. Martin von Würselen schon gar nicht. Warum soll der Steuerzahler Billigflugreisen zurück von Mallorca finanzieren?
blueberryhh 19.08.2017
5. vielleicht großes Risiko
.... aber war ja soooo günstig, der Preis! ?
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