Crowdinvesting und Crowdfunding So können Privatanleger in Start-ups investieren

Ordentliche Rendite beim Stromberg-Film, Reinfall beim Facebook-Neuerwerb Oculus: Wenn Kleinanleger Geld in neugegründete Unternehmen stecken, gehen sie hohe Risiken ein. Umso wichtiger ist es, ein paar Regeln zu beachten.

Von Henning Jauernig

BRAINPOOL TV/Brainpool

Bernd Stromberg, der wohl schrecklichste Chef der Welt, begeistert auch im Kino seine Fans: Über eine Million Menschen haben sich "Stromberg - Der Film" angesehen. Das freut die Crowd-Investoren, die den Film seit 2011 mitfinanziert hatten. Denn der Film erreicht die Gewinnzone: Der Produzent Brainpool schüttet an die Gemeinschaft der Crowd-Investoren je weiterer verkaufter Kinokarte 50 Cent aus.

Der Stromberg-Film ist das bislang prominenteste Crowdinvesting-Projekt in Deutschland. Ein Stromberg-Investor, der zum Beispiel 1000 Euro investiert hat, würde bei zwei Millionen verkauften Kinotickets eine Ausschüttung von 1500 Euro bekommen. Das ist eine Rendite von 50 Prozent.

Klingt verlockend - in spannende Projekte investieren und damit Rendite machen. Die Zahl der Online-Plattformen, die Crowdinvesting anbieten, boomt. Aber es ist Vorsicht geboten: Denn Crowdinvesting ist äußerst riskant.

Crowdinvesting ist dabei nicht mit Crowdfunding zu verwechseln. Beim Crowdfunding können treue Fans Projekte finanzieren und treten als großzügige Geldgeber auf. Sie werden im Gegenzug geehrt und beschenkt - eine Rückzahlung oder gar Verzinsung ihres Geldes können sie nicht erwarten. So schauen fast zehntausend Crowdfunder beim jüngsten Facebook-Deal in die Röhre. Der Datenbrillen-Entwickler Oculus sammelte auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter rund 2,4 Millionen Dollar ein und wurde für 2,3 Milliarden Dollar an Facebook verkauft. Die Crowdfunder sehen von dieser Summe keinen Cent und äußern ihren Unmut in Kommentaren auf der Homepage des Anbieters.

Das ist beim Crowdinvesting anders: Hier bekommen die Geldgeber eine Rendite versprochen - es ist eine Form der Geldanlage.

Kleinanleger investieren dabei meist über Online-Plattformen ihr Geld in Start-ups; das sind neu gegründete Unternehmen, die es schwer haben, bei Banken Kapital einzusammeln. Im Jahr 2013 wurden per Crowdinvesting rund 15 Millionen Euro in mehr als 60 Start-ups investiert - viermal so viel Geld wie 2012 (siehe Grafik).

Immer mehr Anleger beteiligen sich am Crowdinvesting und stecken ihr Geld in Start-ups.
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Immer mehr Anleger beteiligen sich am Crowdinvesting und stecken ihr Geld in Start-ups.

Mittlerweile gibt es über 20 deutsche Online-Plattformen, die Crowdinvesting anbieten. Dort können sich Kleinanleger schon mit geringen Summen an jungen Firmen beteiligen. Bei der Plattform Companisto zum Beispiel haben insgesamt mehr als 14.000 Menschen knapp fünf Millionen Euro in Start-ups investiert. Kürzlich expandierte Companisto als erster deutscher Anbieter ins Ausland.

27 Start-ups aus ganz Europa stellen sich bei Companisto mit einem Video vor und zeigen den Investoren ihren Businessplan. Der Investor kann dann zwischen 5 und 50.000 Euro investieren und erwirbt ein sogenanntes partiarisches Nachrangdarlehen. Ein Mitspracherecht hat der Anleger nicht. Damit ist er deutlich schlechter gestellt als ein normaler Wagniskapitalinvestor, der eine direkte Beteiligung an einem Start-up-Unternehmen erwirbt.

Auf drei Wegen können die Investoren bei Companisto eine Rendite erzielen:

  • Gewinnbeteiligung: Die Höhe der Beteiligung ist bei jedem Unternehmen unterschiedlich.
  • Exit-Beteiligung: Wenn das Start-up an einen Großinvestor verkauft wird, der sogenannte Exit, erhalten die Investoren einen Teil des Kaufpreises.
  • Unternehmenswert-Beteiligung: Wenn der Investor vor dem Verkauf des Start-ups aussteigt, wird der Wert des Unternehmens ermittelt und der Anleger wird gemäß seiner Beteiligungsquote ausgezahlt.

Der Marktführer in dieser rasant wachsenden Branche ist Seedmatch - die Plattform gründete sich vor knapp drei Jahren und war der erste deutsche Anbieter für Crowdinvesting. Das meiste Geld steckten Kleinanleger bei Seedmatch in den Helikopter-Hersteller E-Volo: Rund 1,2 Millionen Euro wurden für den elektrisch betriebenen Privathelikopter eingesammelt.

Auch Venture-Capital-Firmen aus den USA wollten in das Start-up aus Karlsruhe investieren. Doch Stefan Wolf, Geschäftsführer von E-Volo, schlug diese Angebote aus. "Solche Investoren sitzen mit am Tisch und wollen alles beherrschen. Da bleibt wenig Raum für unsere eigene Kreativität", sagt er. Die Anleger bei Seedmatch haben dagegen keinen Einfluss auf das operative Geschäft, weil auch sie lediglich ein partiarisches Darlehen erwerben.

Doch einen Schwarm von Investoren unter Kontrolle zu bringen, ist aufwendig: Mehr als 750 Verträge mussten aufgelegt werden. Die Provision für Seedmatch sowie Anwalts- und Buchhaltungskosten verschlangen rund 120.000 Euro, also zehn Prozent der gesamten Investitionssumme.

Plattformen wie Seedmatch locken Anleger mit einer hohen Rendite. Der Anbieter rechnet vor: "Wenn E-Volo beim erstmöglichen Ausstieg (2018) den angestrebten Plan-Umsatz von 16,6 Millionen Euro erreichen würde, dann würde Ihre Rendite - vorbehaltlich einer etwaigen Verwässerung - ca. 140 Prozent betragen".

Eine Rendite von 140 Prozent? Das schaffen nur wenige Geldanlagen. Doch bei aller Euphorie sollte man nicht vergessen, dass es sich bei diesen Anlagen um Risikoinvestitionen handelt. "Scheitert das Projekt, droht der Totalverlust des Geldes", sagt Thomas Pfister, Finanzexperte bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen warnt davor, dass einige Plattformen unzureichend auf Risiken hinweisen. Laut Bafin dürfen in Deutschland Vermögensanlagen nicht ohne einen Prospekt angeboten werden. Doch für die Vergabe von partiarischen Darlehen gibt es keine gesetzliche Prospektpflicht. Die Unternehmen müssen ihre Crowd-Investoren deshalb nicht so umfangreich und verlässlich über Risiken informieren wie zum Beispiel bei einer herkömmlichen Aktienanlage.

Die Verbraucherzentrale hat eine Stichprobe unter fünf Plattformen gemacht, die Geld für Start-ups aus dem Bereich der erneuerbaren Energien einsammeln. Bei zwei von fünf Plattformen fehlte der Risikohinweis. Zwei weitere Anbieter wiesen lediglich in allgemeinen Frage-und-Antwort-Listen, in der Beitrittserklärung oder in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen auf die Gefahren hin. "Nach unserer Ansicht reicht das nicht aus", sagt Pfister.

Das Crowdinvesting ist also eine risikoreiche Geldanlage, die im besten Fall hohe Renditen verspricht. Im schlechtesten Fall droht der Totalverlust des eingesetzten Kapitals. Privatanleger sollten nur Geld investieren, auf das sie ohne Schmerzen verzichten können, und ihre Investments über mehrere Start-ups und Crowdinvesting-Plattformen streuen, um das Risiko zumindest etwas zu verteilen. Oder um es mit Bernd Stromberg zu sagen: Crowdinvesting ist kein Ponyhof.

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insgesamt 16 Beiträge
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Finsternis 07.04.2014
1. Der Markt boomt
kein Wunder. Es war nie einfacher mal Rucki Zucki an Geld zu kommen. Banken müss man überzeugen, die Masse nur überreden. Risiken interessieren den Max Mustermann doch gar nicht, er will nur ein bisschen an seinem Traum vom großen Reichtum gekitzelt werden und schon lässt er die Moneten fallen.
svenkoch 07.04.2014
2. 2 Millionen Tickets?
Das Beispiel von 2 Millionen Tickets hat der Autor auch nur gewählt, um sich das Beispiel schönzurechnen. Stromberg hat seinen Zenit längst erreicht, der Film wird niemals zwei Millionen Zuschauer erreichen. Interessant wäre es jetzt zu erfahren, ob die Investoren auch an den anderen Vermarktungserlösen wie Fernseh/DVD/VOD-Auswertung beteiligt werden. Im Übrigen ist Ende letzten Jahres ein ähnlich finanzierter Film mit Christoph Maria Herbst (Autschn) ein wirtschaftlicher Totalflop gewesen.
Tahlos 07.04.2014
3. Nunja
"Umso wichtiger ist es, ein paar Regeln zu beachten." Regel 1: Sich vorher 100% vergewissern, dass weder Facebook, Apple oder sonstige Großunternehmen mit zuviel Geld sich für die Firma interessieren.
Flausch 07.04.2014
4.
Zitat von sysopBRAINPOOL TV/BrainpoolOrdentliche Rendite beim Stromberg-Film, Reinfall beim Facebook-Neuerwerb Oculus: Wenn Kleinanleger Geld in neugegründete Unternehmen stecken, gehen sie hohe Risiken ein. Umso wichtiger ist es, ein paar Regeln zu beachten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/als-kleinanleger-in-start-ups-investieren-a-959656.html
Unsinn! Die Backer von Oculus haben für ihr Geld Hardware in Form der ersten Entwicklerversion der Brille bekommen. Ein Reinfall wäre gewesen, wenn sie gar nichts bekommen hätten.
mamacru 07.04.2014
5. Schlechte Recherche
Keiner der Backer für Oculus wurde Teilhaberschaft versprochen. Dies hat auch keiner erwartet: die Gamer wollten lediglich ihre Brille. Anleger und Rendite, was hat das bitte mit Kickstarter zu tun? Offensichtlich hat der Autor den Sinn dieser Plattform nicht begriffen. Ebenso die Motivation der "Spender". Peinlich...
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