Altersvorsorge: Nichtstun kann so schön sein

Von Christian Kirchner

Rentner: Künftig immer weniger Geld auf der Bank Zur Großansicht
DPA

Rentner: Künftig immer weniger Geld auf der Bank

Allen Alarmmeldungen von der Rentenfront zum Trotz: Die Deutschen verabschieden sich schleichend aus der privaten Altersvorsorge. Angesichts von Niedrigzinsen und Beratungs-Wirrwarr kann man es ihnen kaum verdenken.

Im Jahr 2013 fühlt man sich in Sachen Altersvorsorge ja immer blöd. Und zwar dann, wenn man nichts tut, weil ja jeder ahnt: Angesichts einer rapide alternden deutschen Bevölkerung wird die eigene gesetzliche Rente schmal ausfallen. Diese Ahnung sollte man ernst nehmen, denn derzeit speisen sich immerhin zwei Drittel des gesamten Alterseinkommens aus eben jener gesetzlichen Rente.

Aber man fühlt sich auch schlecht, wenn man etwas tut. Ist nicht überall zu lesen, wie unrentabel und unflexibel so viele Vorsorgeprodukte sind? Und wie schlecht die Qualität der Beratung? Kein Wunder, dass viele Menschen inzwischen lieber zum Zahnarzt gehen, als die eigenen Fonds und Versicherungen kritisch zu durchleuchten.

Nichtstun als Lösung - das ist populär, und zwar nicht nur aus Geldmangel. Denn auch im einkommensstärksten Fünftel der deutschen Bevölkerung betreiben laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung von 2011 36 Prozent keinerlei private Altersvorsorge. Im einkommensschwächsten Fünftel der Bevölkerung sind es 65 Prozent.

Die Altersvorsorge stößt seit längerem an ihre Grenzen

Diese Zahlen sind mehr als eine von der Euro-Krisenangst geprägte Momentaufnahme. Die Verbreitung der privaten Altersvorsorge stößt trotz der ständigen Warnungen vor Rentenlücke und Altersarmut schon seit längerem an ihre Grenzen:

  • Zwar nutzen immerhin knapp 16 Millionen Deutsche oder knapp 40 Prozent der Förderberechtigten die Riester-Rente. Doch die bot nie eine Zusatzrente, sondern soll lediglich eine 2001 beschlossene Kürzung der gesetzlichen Rente ausgleichen. Und gut zehn Jahre nach Einführung sinkt mittlerweile sogar die Zahl der Riester-Verträge.
  • Trotz eines im Vergleich zur Riester-Rente noch weit größeren Kreises förderberechtigter Menschen gibt es derzeit lediglich magere 1,7 Millionen geförderte Basisrenten (Rürup-Rente).
  • Bei der betrieblichen Altersvorsorge klettert die Zahl der Verträge zwar leicht, aber weniger stark als die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten.
  • Sowohl die Zahl der Policen als auch die Bruttobeiträge in der Lebensversicherung sind zuletzt leicht gesunken.
  • Die Zahl der Aktionäre sinkt seit zwölf Jahren. Lediglich jeder fünfzehnte Deutsche ist direkt Aktionär und jeder siebte indirekt, etwa über Investmentfonds.
  • Selbstgenutzte Immobilien gelten zwar als großer Gewinner der Schuldenkrise und der Niedrigzinsen. Dennoch ist die Eigentümerquote in Deutschland in den letzten zehn Jahren nur um vier Prozentpunkte auf im internationalen Vergleich noch immer magere 46 Prozent gestiegen.

Renditefreies Risiko statt risikofreier Rendite

Zwei Dinge haben die Spielregeln der Geldanlage in Deutschland seit Beginn der Finanzkrise 2007/2008 entscheidend verändert: Die schärfere Regulierung sowohl von Finanzdienstleistern selbst als auch ihrer Berater und, noch wichtiger, die Niedrigzinsen. Man muss es sich in seiner ganzen Radikalität vor Augen führen, was derzeit passiert: Die schärfere Regulierung - etwa durch Protokollpflichten - treibt die Kosten und damit auch die vom Endkunden zu entrichteten Gebühren in die Höhe. Sie beschränkt über verengte Anlagespielräume und strengere Kapitalvorschriften die Ertragsmöglichkeiten. Und all dies passiert vor dem Hintergrund eines Zinsniveaus, das nicht einmal die Teuerung auszugleichen vermag.

Was heißt dies nun für Anleger? Eine Folge der Niedrigzinsen ist, dass die Rolle der Gebühren nie bedeutender war als heute. Entsprechend wichtig ist es, sich selbst schlau zu machen, auf kostengünstige Produkte wie Indexfonds zu setzen und wirklich jeden Cent staatlicher Förderungen mitzunehmen.

Früher war das anders. Als es an den Kapitalmärkten mit Aktien nach Abzug der Teuerung rund sechs Prozent und mit Anleihen noch drei Prozent pro Jahr zu verdienen gab - und das teils steuerfrei -, konnten Anleger auch mit einem Dartpfeil Fonds oder Versicherungen wählen und damit selbst ohne staatliche Förderung eine ordentliche Vorsorge betreiben.

Heute sieht die Rechnung, grob vereinfacht - Näheres hier - wie folgt aus: Der Anleihemarkt ist für Investoren bereits nach Abzug von Teuerung und Abgeltungsteuer ein Ort, an dem es statt risikofreier Rendite nur noch renditefreies Risiko gibt.

Mit Konsumverzicht fürs Alter sorgen

Bei Aktien können Anleger bestenfalls noch mit einer realen Rendite von zwei Prozent pro Jahr nach Steuern rechnen. Wer vor diesem Hintergrund auch noch ein bis zwei Prozentpunkte pro Jahr seiner Bruttorendite über Provisionen und Gebühren an Berater, Finanzdienstleister und Versicherer abgeben muss, wird im Idealfall bei unveränderten Zinsen auf eine schwarze Null kommen.

So hat man zwar mit seinem Konsumverzicht etwas fürs Alter getan - aber das macht noch weniger Spaß als ein Zahnarztbesuch.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 156 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Lösung aller Probleme
robin-masters 21.07.2013
ganz einfach flexibel sein und im Alter ins Ausland gehen wie es heute schon viele machen. Dort ist die Rente wesentlich mehr wert und wenn man noch hier sein kleines Eigenheim verkauft bekommt man dort annähernd eine Villa. Türkei, Asien (Sri Lanka, Thailand etc.) auch Afrika Namibia oder so - mal sehen wo ich dann hin gehen werden. Ich werde hier sicherlich nicht am Hungertuch nagen für Jahrelange arbeit, nur weil der Deutsche Staat Griechenland und andere Steuerverschwendung betreiben musste.
2. illegal
thapk 21.07.2013
dumm wer vor diesem Hintergrund nicht bereit ist in illegale Geschäfte einzusteigen.
3. Was ist denn bitteschön Altersvorsorge?
gustavsche 21.07.2013
Wenn man einzig und allein Kapitallebensversicherungen und Leibrenten (staatliche Rente, Betriebsrente, Riester, Rürup) als Form der Altersvorsorge gelten lässt, dann ist es zu begrüßen, wenn die Menschen sich von diesem Blödsinn zu verabschieden. Es ist zu begrüßen, wenn die Menschen mehr in Aktien investieren und die Value-Ansatz verfolgen und stetig ein solides aufbauen. Obwohl das neben der Bildung einer besten Formen der Altersvorsorge ist und zugleich auch Hinterbliebenenschutz ist, denn eine Leibrente wird nicht vererbt, ein Aktiendepot schon, wird das Verhalten der Aktionäre nicht gutgeheißen. Im Artikel werden die zurückgehenden Aktionärszahlen erwähnt. Das ist die einzige schlechte Nachricht des Artikels. :-) Ich weiß aber nicht, wie der Autor auf 2 % Rendite nach Steuern kommt. Ich habe ca. 4 % Dividendenrendite und die Dividendenrendite ist nur ein Teil der Gesamtrendite. Momentan ist mein Depot nicht gerade ein Überflieger, aber das liegt u.a. an dem hohen Anteil an K+S-Aktien. Ich habe gerade letzte Woche nochmals K+S-Aktien zugekauft, denn K+S ist ein grundsolides Unternehmen, das Gewinne macht und ordentlich Dividende ausschüttet. Aber die K+S-Aktie ist gerade sehr günstig zu haben. Derartige Chancen bieten sich eigentlich fast immer am Aktienmarkt.
4. optional
spmc-129820260737547 21.07.2013
Sparen für´s Alter? Nein! "Der Staat ist der größte Betrüger", sagte mein Großvater. Er hat zweimal im Leben alles verloren, was er erspart hatte. Ich kann meinem Großvater nur Recht geben. Ich selbst habe vor Jahrzehnten eine Lebensversicherung über meinen Arbeitgeber zur Altersabsicherung abgeschlossen und darf jetzt - seit 2004 gibt es das Gesetz - auf die Auszahlungssumme 15% Krankenversicherung zahlen. Nicht in einer Summe; nein verteilt auf die nächsten 10 Jahre. Und-ganz pervers: Wenn ich vorher sterbe und die 10 Jahre sind noch nicht bezahlt, dürfen meine Erben Krankenversicherungsbeiträge für mich abdrücken, obgleich ich tot bin! Und das alles mit Genehmigung unserer höchsten Gerichte. Hat mein Opa nicht recht gehabt?
5. Jetzt mal nachdenken
Progressor 21.07.2013
Die Vorstellung einer kapitalgedeckten eigenverantwortlichen Rente ist Besch*ss, und das war von vornherein klar. Dass das Umlageverfahren nicht mehr funktioniert, ist auch kein Wunder, wenn man sich die Abkopplelung der Arbeitnehmereinkommen von der BIP-Entwicklung ansieht. http://www.sozialpolitik-aktuell.de/tl_files/sozialpolitik-aktuell/_Politikfelder/Einkommen-Armut/Datensammlung/PDF-Dateien/abbIII1.pdf Also?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Verbraucher & Service
RSS
alles zum Thema Private Altersvorsorge
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 156 Kommentare
  • Zur Startseite
Zum Autor
  • Maxim Sergienko
    Christian Kirchner, Jahrgang 1975; Studium der Politologie und Germanistik an der Uni Mannheim, anschließend Volontariat an der Georg-von-Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten. Von 2003 bis 2008 Finanzredakteur beim "Handelsblatt" und Geschäftsführender Redakteur von "New Investor" in Düsseldorf, von 2008 bis 2010 leitender Redakteur und von 2011 bis 2013 stellvertretender Ressortleiter Finanzen der Gruner+Jahr-Wirtschaftsmedien in Frankfurt am Main.

    In seiner Kolumne "Anlegemanöver" hinterfragt Kirchner für SPIEGEL ONLINE die typischen Anlagefloskeln und nimmt neue Produkte und Kampagnen der Finanzdienstleister unter die Lupe.