Anleger: Letzte Chance auf Schadensersatz

Von und Andreas Wassermann

Wer Opfer eines windigen Finanzberaters geworden ist, muss sich beeilen. Nach Silvester verjähren sämtliche Ansprüche auf Schadensersatz bei Geldanlagen, die vor 2002 gezeichnet wurden. Insgesamt könnten Betroffene sonst Ansprüche von bis zu 150 Milliarden Euro verlieren.

Zentrale der DZ Bank in Frankfurt: "Das Schlimmste erwarten, das Beste hoffen" Zur Großansicht
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Zentrale der DZ Bank in Frankfurt: "Das Schlimmste erwarten, das Beste hoffen"

Hamburg - Oasen der Moral wollen die Volks- und Raiffeisenbanken und ihr Zentralinstitut, die DZ-Bank, sein. In Werbespots preist sie Partnerschaftlichkeit, Solidarität und Respekt. Agnes Behounek, 75, fällt ein anderes Motto ein, wenn es um ihre Geldanlage bei der Volksbank geht: "Das Schlimmste erwarten, das Beste hoffen."

30.000 Euro steckte die Seniorin in einen geschlossenen Immobilienfonds, in der Hoffnung, das sei eine gute Altersvorsorge. Der Berater der Volksbank sagte, da sei der "DG Fonds Nr. 30" genau das Richtige. Also floss Behouneks Geld in Gebäude in Berlin und Ostdeutschland. Eine schlechte Wahl, wie sich später herausstellte. Zusammen mit vielen DG-Fonds entwickelte sich Behouneks Anlage zum Alptraum. Ausschüttungen blieben aus. Ob die Rentnerin von ihrem Geld je etwas wiedersieht, ist fraglich.

Jetzt hat die alte Dame einen Juristen eingeschaltet. Es war höchste Zeit. Denn Ende des Jahres verfallen sämtliche Ansprüche auf Schadensersatz bei Geldanlagen, die vor 2002 gezeichnet wurden. Wer sich bis dahin nicht wehrt, hat keine Chance mehr, sich gegen Anlageberater zu behaupten, denen er womöglich aufgesessen ist.

Flut von Last-Minute-Schreiben erwartet

Agnes Behounek ist nur eine von vielen Kleinanlegern, die derzeit den Kampf aufnehmen. Insgesamt geht es um gigantische Summen. Der Hamburger Rechtsanwalt Peter Hahn geht von Ansprüchen in Höhe von 150 Milliarden Euro aus, die am Neujahr 2012 nicht mehr eingeklagt werden können.

Bei Schlichtungsstellen wie der Öffentlichen Rechtsauskunft (Öra) hat man sich auf eine Flut von Last-Minute-Schreiben zwischen Weihnachten und Silvester vorbereitet. Über einen Güteantrag bei solchen Einrichtungen kann die Verjährungsfrist noch ein letztes Mal hinausgezögert werden. Das Verfahren ist auf der Öra-Website Schritt für Schritt erklärt; dort findet sich auch ein Musterschreiben für einen Güteantrag.

Anleger, die sich absichern wollen, sollten rasch handeln. Denn es gibt keine Hoffnung, dass die Frist für die Ansprüche noch einmal verlängert wird. Juristen wie der frühere Zivilrichter Wolfgang Mertins und der Kapitalmarktexperte Timo Gansel versuchten bis zuletzt, die kürzeren Verjährungsfristen noch einmal auf die politische Agenda setzen zu lassen. Ein Jahrzehnt für Geldanlagen, die oft auf 25 oder 30 Jahre ausgelegt sind - das halten sie für viel zu kurz. Der Staat habe in diesem Bereich eine besondere Verantwortung, schrieben Mertins und Gansel kürzlich in der "Zeitschrift für Rechtspolitik".

Die beiden Experten wandten sich auch an das Bundesjustizministerium. Dessen Antwort war eindeutig: Die neuen Verjährungsfristen dienten der "Herstellung von Rechtsfrieden und -sicherheit". Eine 30-jährige Verfallsfrist setze zudem "Anlageberater kaum zu kontrollierenden Risiken mit der Gefahr entsprechender Kosten" aus.

Leidtragende sind nun die Kleinanleger: Denn für sie ist oft über lange Zeit unklar, wie gut es der Fondsgesellschaft, der sie ihr Vermögen anvertraut haben, wirklich geht. Viele Fondsgesellschaften simulieren jahrelang ein gutes Geschäft, obwohl es hinter den Kulissen kriselt. Sie zahlen regelmäßig Ausschüttungen, auch wenn kein Gewinn anfällt, sie zehren in diesem Fall von den eigenen Reserven. Manche Fonds legen für solche Zwecke auch gleich zu Anfang unauffällig ein paar Millionen zurück.

Der Anleger bekommt davon oft gar nichts mit. Und schlimmer noch: Wenn er Pech hat, muss er das bereits erhaltene Geld später wieder zurückzahlen. "Im schlimmsten Fall kann später der Insolvenzverwalter dieses Geld wieder von den Anlegern zurückverlangen", sagt der Münchner Jurist Ralph Veil.

Massenhaft Anleger sitzen auf gefährlichen Anlagen

Auch sonst sind Kunden, die ihr Geld vor 2002 angelegt haben, oft schlecht geschützt. Vor allem in den neunziger Jahren und um die Jahrtausendwende herum hatten Bank-, Sparkassen- und Finanzberater leichtes Spiel. Die Kunden ließen sich von der Euphorie des Aufbaus Ost oder dem Boom an den Aktienmärkten bereitwillig mitreißen - und die Beratungsvorschriften waren lax.

Nun stehen etliche Kleinanleger mit geschlossenen Fonds oder abenteuerlich konstruierten Lebensversicherungen da, die ihre Ersparnisse auffressen anstatt sie zu vermehren. Die Frage, ob nicht ausreichend über Risiken und auch Provisionen aufgeklärt wurde, beschäftigt Gerichte oft jahrelang.

Vor allem der berüchtigte Finanzdienstleister AWD und sein Gründer, Carsten Maschmeyer, sehen sich immer wieder Vorwürfen ausgesetzt, seinen Kunden Provisionen verschwiegen und Hochrisikoprodukte als sichere Altersvorsorge aufgeschwatzt zu haben. Etliche Anleger ließen sich von der blumigen Werbung für Medienfonds hinreißen, die in die Produktion von Spielfilmen investierten. Oder sie versenkten ihr Erspartes auf Anraten von AWD-Beratern in einer Ferienanlage in Mecklenburg-Vorpommern und in sogenannte Dreiländerfonds, die in Immobilien und Wertpapiere in der Schweiz, den USA und Deutschland investierten.

Maschmeyer will sich zur Frage, ob da nicht massenweise falsch beraten wurde, nicht äußern. Er verweist auf AWD, wo er mittlerweile komplett ausgestiegen ist. AWD weist den Vorwurf der Falschberatung zurück. Die Produkte seien damals "transparent" dargestellt worden, erklärt das Unternehmen. "Gesprächsnotizen" könnten eine "entsprechende Risikoaufklärung der Kunden" belegen. Sollte "in Einzelfällen" tatsächlich nicht ausreichend aufgeklärt worden sein, "wird AWD bestrebt sein, eine Einigung mit dem Kunden zu erzielen".

Nach Silvester dürften die Champagnerkorken knallen

Doch das ist äußerst mühsam. Beratern Fehler nachzuweisen, ist meist schwer. Oft trauen sich Kunden aus Angst vor Prozesskosten nicht vor Gericht. Nach Silvester ist es dann zu spät. Dann können Berater von AWD und anderen Firmen nicht mehr belangt werden. In manchen Firmen dürften dann "die Champagnerkosten knallen", sagt Rechtsanwalt Gansel.

"Viele Anbieter und etliche Vertriebe versuchen jetzt nur noch, sich über Neujahr zu retten", sagt auch Rechtsanwalt Hahn. Er wirft zum Beispiel der DZ-Bank vor, durch Tricks und die Aussetzung von Tilgungsraten bei Krediten die Insolvenz einiger Fonds hinauszuzögern - bis die Gefahr von Klagen ein für allemal gebannt ist. Was danach mit den Fonds passiert, ist ungewiss.

Die DZ-Bank selbst erklärt: "Im Interesse und zum Vorteil der Anleger" sei durch Sanierungsmaßnahmen bis heute sichergestellt, dass keiner der Fonds insolvent wurde. Die wirtschaftliche Entwicklung der Produkte habe man stets kommuniziert. "Insofern wurde keine Verjährungsfrist abgewartet."

Hahn dagegen ist überzeugt, dass DG-Fonds-Anleger massenhaft getäuscht wurden. Er hat einen Gutachter beauftragt, der neun der Fonds untersucht hat. Dessen Ergebnis: "Die Gebäude, die gekauft wurden, haben teilweise 70 Prozent oder mehr an Wert verloren." Rund 25 Prozent der Anlegergelder seien obendrein für Gebühren, Marketing und Vertrieb draufgegangen.

Das sei nicht ausreichend transparent gemacht worden, sagt Hahn. Die DZ-Bank weist das zurück: Man habe Kunden stets informiert.

Die Frage, wer Recht hat, wird Gerichte noch lange beschäftigen. Wer auch nach Silvester 2011 noch eine Chance auf Schadensersatz haben will, sollte schleunigst handeln.

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1. Wo ist das Problem?
jetzt:hördochauf 28.12.2011
Zitat von sysopWer Opfer eines windigen Finanzberaters geworden ist, muss sich beeilen. Nach Silvester verjähren sämtliche Ansprüche auf Schadenersatz bei Geldanlagen, die vor 2002 gezeichnet wurden. Insgesamt könnten Betroffene sonst Ansprüche von bis zu 150 Milliarden Euro verlieren. Anleger: Letzte Chance auf Schadenersatz - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,805643,00.html)
Wie schreibt hier immer jemand? "Das Geld ist doch nicht weg! Es hat nur jemand anderes!" Es gehört zwar zum Handwek des Finanzwesens zu behaupten, dass es nur Gewinner geben kann - wer das aber glaubt - sich über die Risiken nicht aufgeklärt fühlt, sollte eine Spielbank besser nicht betreten. Mir fällt es auf jeden Fall schwer zu verstehen, wie auf breiter Front gute Renditen in Aussicht gestellt werden, wenn das Wirtschaftswachstum so dahin dümpelt. Wer, wenn nicht der Kleinanleger soll denn die Gehälter der Finanzexperten und die Gewinne der dicken Fische bezahlen? Es kann ja nicht die alleinige Aufgabe des Steuerzahlers sein den Laden flüssig zu halten. Selbst Staatsanleihen gelten heute nicht automatisch als sichere Anlage. Wenn nun Hinz und Kunz zum Berater rennen und mehr als ein Tagesgeldkonto -oder vielleicht ein Festgeld - wollen, warum sollte jemand ausgerechnet ihnen etwas verkaufen, das totsicher ist und Geld einbringt? Daher hinkt der Vergleich mit dem Casino auch immer gewaltig: Z.B beim Roulette gibt's nur einmal die Null - und wenn das Geld einmal auf dem Tisch liegt, ist es erstmal weg - erst wenn man gewonnen hat ist es wieder da! So wenig Sympathie man für die Berater (Verkäufer) aufbringen mag - wie sollen denn alle ein größeres Stück vom Kuchen bekommen, wenn dieser kaum wächst? Wer die Frage schlüssig beantworten kann wird entschädigt - und weiss dann hofentlich auch von wem.
2. Man sollte klagen!
komparse 28.12.2011
Zitat von sysopWer Opfer eines windigen Finanzberaters geworden ist, muss sich beeilen. Nach Silvester verjähren sämtliche Ansprüche auf Schadenersatz bei Geldanlagen, die vor 2002 gezeichnet wurden. Insgesamt könnten Betroffene sonst Ansprüche von bis zu 150 Milliarden Euro verlieren. Anleger: Letzte Chance auf Schadensersatz - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,805643,00.html)
Nachdem meine 86 Jahre alte Mutte von den "Anlageberatern" der damaligen Dresdner Bank aufs Kreuz gelegt wurde und viel Geld verloren hatte, haben wir geklagt und zu 100% das verlorenen Geld zurück erhalten. Alle im Vorfeld erfolgten Maßnahmen, wie Beschwerdeschreiben, Ombudsmann usw. führten zu nichts. Banken verstehen leider nur den Rechtsweg. Frohes neues Jahr.
3. Das große Problem liegt hier tatsächlich darin, dass viele Anleger ...
KAP-Recht.de | Krause 28.12.2011
Zitat von sysopWer Opfer eines windigen Finanzberaters geworden ist, muss sich beeilen. Nach Silvester verjähren sämtliche Ansprüche auf Schadenersatz bei Geldanlagen, die vor 2002 gezeichnet wurden. Insgesamt könnten Betroffene sonst Ansprüche von bis zu 150 Milliarden Euro verlieren. Anleger: Letzte Chance auf Schadensersatz - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,805643,00.html)
... über die ersten zehn Jahre ihre Anlage nur sehr sporadisch im Auge behalten. Verständlich, da die meisten Anlagen ja für lange Zeit abgeschlossen werden. Um es überspitzt auszudrücken: wer eine dubiose Anlage auf den Markt bringt, muss nur dafür sorgen, dass die Anleger zehn Jahre lang nicht bemerken, dass sie betrogen wurden. Das ist mit regelmäßigen kleineren Auszahlungen oder großen Auszahlungen auf dem Papier auch kein Problem… Die Verkürzung der Verjährungsfrist führt in Anlagedingen also dazu, dass Anleger praktisch dazu verpflichtet werden, Ihre Anlagen in regelmäßigen Abständen auf Herz und Nieren testen zu lassen. 2012 - Frohes Neues Jahr!
4. Amnestie für Maschmeyer
ostwald@gmx.de 28.12.2011
Zitat von sysopWer Opfer eines windigen Finanzberaters geworden ist, muss sich beeilen. Nach Silvester verjähren sämtliche Ansprüche auf Schadenersatz bei Geldanlagen, die vor 2002 gezeichnet wurden. Insgesamt könnten Betroffene sonst Ansprüche von bis zu 150 Milliarden Euro verlieren. Anleger: Letzte Chance auf Schadensersatz - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,805643,00.html)
Na das passt doch: Amnesie für Alle + Amnestie für Maschmeyer und Consorten ! Wer hat das Gesetz unterzeichnet ; ) ??
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