Start von Apple Pay Zücken und Zahlen

Apple inszeniert sich mal wieder als Vorreiter: Ab sofort kann man in Deutschland an Kassen und im Internet mit dem iPhone bezahlen. War's das jetzt mit dem Bargeld?

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Die Einkäufe vom Band nehmen, das iPhone zücken und es an das Kassenterminal halten, schon ist alles bezahlt. Seit diesem Dienstagmorgen können Kunden in Deutschland mit iPhone und Apple Watch in Supermärkten und Kleidungsgeschäften bezahlen (Lesen Sie hier, wie Sie den Dienst einrichten).

Auf Twitter war unter Apple-Fans die Freude groß. Denn hierzulande musste man Jahre bis zur Einführung dieses Bezahlsystems warten. In den USA hatte Apple den Service bereits vor mehr als vier Jahren eingerichtet. Selbst in Belgien und Kasachstan wurde das Bezahlsystem zwei Wochen früher eingeführt als in Deutschland, wie Medienjournalist Richard Gutjahr auf Twitter kommentierte.

Nun hoffen auch Finanzexperten in Deutschland auf den Durchbruch mobiler Bezahlsysteme, weil sie volkswirtschaftliche Vorteile versprechen: Sie machen Transaktionen schneller, effizienter und sicherer. Zwar gibt es das mobile Bezahlsystem GooglePay, das auf Android-Geräten läuft, bereits seit Sommer, aber der Durchbruch blieb aus. Nun liegt die Hoffnung auf den zahlungskräftigen, technikaffinen iPhone-Nutzern. Ihnen wird zugetraut, diese neue mobile Bezahlvariante täglich anzuwenden und damit zu verbreiten. Es wäre nicht das erste Mal, dass Apple als digitaler Vorreiter fungiert. Zur Erinnerung: Das Smartphone an sich, aber auch seine Apps sind erst durch das iPhone zum ständigen Begleiter geworden.

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An der Kasse mit dem Handy zahlen: So richtet man Apple Pay ein

Doch es gibt eine Reihe von Gründen, die trotz des Starts von Apple Pay gegen eine schnelle Verbreitung dieses neuen Bezahlsystems sprechen.

Da wäre zum einen das Anbieter-Wirrwarr. Denn zur Einführung werden nur 15 Geldinstitute Apple-Pay unterstützen. Nicht dabei sind Sparkassen, Volksbanken oder Direktbanken wie ING, die in Deutschland viele Kunden haben. iPhone-Nutzer dieser Banken sind also außen vor. Für sie gibt es nur die Möglichkeit, auf den bankenunabhängigen Dienst Boon auszuweichen, der zum Dax-Konzern Wirecard gehört. Aber diese Mühe wird sich eher nur eine überschaubare Anzahl an Interessenten machen.

Nicht alle Banken machen mit

Der Grund für das Anbieter-Chaos liegt darin, dass es lange Streit zwischen den Banken und Apple darüber gab, wer wie viel an einer Transaktion verdient. Apple verlangte offenbar einen zu hohen Prozentsatz, in Folge gab der Tech-Konzern seine Schnittstelle nicht an die Banken frei. Viele Sparkassen und Handelsketten haben deshalb eigene Smartphone-Apps entwickelt, mit denen Kunden an der Kasse bezahlen können.

Aber es ist nicht im Sinne des Kunden, bei jedem Geschäft eine andere Bezahlapp zu verwenden. Vor allem junge Menschen erwarten, dass sie bei ihrer Bank beide Systeme angeboten bekommen - egal ob sie ein iPhone oder ein Android-Gerät nutzen. Solange das nicht möglich ist, werden viele lieber weiter mit Karte oder Bargeld zahlen.

Eine weitere Einstiegshürde besteht darin, dass Kunden bei Apple Pay keine Girocard (ehemals EC-Karte) für die Nutzung hinterlegen können. Die Bezahlung wird bisher meist über Kreditkarten abgewickelt, aber nur jeder dritte Deutsche besitzt eine solche.

Hinzu kommt, dass beim mobilen Bezahlen derzeit kein direkter Vorteil für den Kunden zu erkennen ist. Denn inzwischen können Kunden auch mit der Girocard kontaktlos an der Supermarktkasse zahlen, das geht genauso schnell wie mit dem Smartphone. Der Kunde hält dabei seine Girocard oder seine Kreditkarte auf einen Leser und schon ist der Einkauf erledigt. Damit wird es überflüssig, die Geheimnummer einzugeben oder den Beleg zu unterschreiben.

Technisch gesehen sind sich Karte und Smartphone also ebenbürtig, beide nutzen die Technik der Near Field Communication (NFC). Warum also das Smartphone aus der Tasche fummeln, wenn die Girocard ebenso zur Hand ist?

Damit sich mobiles Zahlen in Deutschland durchsetzt, brauchen Kunde Anreize. Banken und Handelsketten könnten die Verbreitung mobilen Zahlens durchaus beschleunigen, indem sie etwa Kunden einen Rabatt gewähren, die mobil zahlen.

Doch so weit ist es noch nicht. Und deshalb dürfte auch die nächste Apple-Revolution noch auf sich warten lassen.



insgesamt 103 Beiträge
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Crom 11.12.2018
1.
Google Pay gibt es schon länger in Deutschland und mit dem Umweg Paypal sind auch Girokonten möglich.
nachdenklich1 11.12.2018
2. Nunja, es gibt einen gefährlichen Nachteil
ist das Bargeld abgeschafft kann sich der Staat nach Gusto mit Negativzinsen bedienen und die Löcher des Staatssäckels einfach stopfen. Zu Beginn für Konten über 100.000 € dann wird der Grenzbetrag immer kleiner . Genau wir beim Freibetrag der Zinsen...Michel pass auf!
karlkadaveraas 11.12.2018
3. Wie unkompliziert.... (ROFL)
Man MUSS sich eine (unterstützte) Kreditkarte anschaffen.... Man MUSS sich ein Smartphone anschaffen.... Man MUSS ebendieses Smartphone zum Einkaufen mitnehmen... Der Akku sollte nicht leer sein (also Einkauf schon mal vorplanen und Smartphone aufladen)... Einfach mal 70,00 Euro in Scheinen auf den Kassentisch legen wenn die Rechnung 67,75 Euro lautet erscheint mir da deutlich unproblematischer. Zumal ich weder für Smartphone, noch für Kreditkarte (ausserhalb des Supermarkteinkaufs) eine Notwendigkeit sehe und keinen Bedarf daran habe - Ü50 halt. Bei der Kreditkarte bin ich auf der Seite von 67% der Restbevölkerung - scheinbar leben "nur" 33% der Bürger auf Pump - ist aber auch noch reichlich zuviel.
ikoerni 11.12.2018
4. Karte und Phone-Bezahlung ist...
...bei weitem nicht technisch identisch. Bei der Karte kann man leicht die Daten auslesen. Deshalb habe ich diese Funktion gesperrt. Sollte diese Karte gestohlen werden können keine 25,-€-Beträge abgebucht werden. Des Weiteren wird ein verschlüsselter Token zwischen iPhone und Terminal zum Abgleich gesendet, der keine auswertbaren Daten enthält. So kann der Händler kein Profil von mir anlegen - wenn er wöllte. Sollte mir das iPhone gestohlen werden, kann der Dieb nichts damit anfangen - Es sei denn er bemüht israelische Geheimdienste und genügend liquide.
Nonvaio01 11.12.2018
5. ich lache noch immer
man hofft auf die technik affinen Apple user. Sorry aber Apple user haben normalerweise keine ahnung von technik, darum ja auch Apple. das problem ist nicht Android bezahl oder Apple bezahl, das problem ist der deutsche Buerger. In deutschland ist es wie immer.....warum soll ich das machen, ich zahle lieber Bar, so weiss keiner was ich kaufe....etc. Ich hab contactless auf meiner karte, da muss man die karte nur ans terminal halten, und das schon seit jahren. Hier gibt es nur noch diese Karten. Gruss aus Irland
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