Herzinfarkt-Mittel Aspirin ist schon wieder alle

Bayer hat nach SPIEGEL-Informationen erneut Lieferprobleme bei Aspirin. Der Engpass ist heikel, der Konzern ist in Deutschland der einzige Anbieter des für Herzinfarktpatienten wichtigen Medikaments.

Brausetablette Aspirin von Bayer
picture alliance / dpa

Brausetablette Aspirin von Bayer

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Bayer hat schon wieder Schwierigkeiten, die Nachfrage nach Aspirin zu bedienen. Als Injektions- und Infusionslösung sei der weltbekannte Wirkstoff aktuell nur "in einer angepassten Menge" lieferbar, teilte der Konzern dem SPIEGEL mit. Es könne zu "einer Lieferunfähigkeit bei allen Packungsgrößen kommen", so Bayer Chart zeigen.

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Bereits im vergangenen Jahr hatte es monatelang Engpässe bei "Aspirin i.v. 500 mg" gegeben - also jener Mixtur des Medikaments, welche Patienten in eine Vene gespritzt werden kann (der SPIEGEL berichtete). Das verschreibungspflichtige Mittel wird vor allem beim Auftreten des akuten Koronarsyndroms angewendet, dazu zählen auch Herzinfarkte. Dabei wird die Eigenschaft des Wirkstoffs ausgenutzt, das Blut zu verdünnen. (Diese Meldung stammt aus dem SPIEGEL. Den neuen SPIEGEL finden Sie hier.)

Der Leverkusener Pharmakonzern spricht von "länger andauernden Einschränkungen" bei der Lieferfähigkeit. Grund seien Qualitätsprobleme bei einem Wirkstoffhersteller in Frankreich, wo Aspirin i.v. hergestellt wird.

Bayer ist in Deutschland der einzige Anbieter von entsprechenden Infusionslösungen. Das macht den Engpass medizinisch heikel. Zwar können Patienten mit Tabletten behandelt werden, doch dies geht in Notfallsituationen nur eingeschränkt: Tabletten können verzögert oder schlechter wirken - und bei bewusstseinsgetrübten Patienten riskanter sein.

Auch darüber hinaus hat Bayer mit Herstellungsproblemen zu kämpfen. Konzernchef Werner Baumann erhielt von der US-Aufsichtsbehörde FDA einen Warnbrief, in dem der Zustand von Produktionsanlagen in Leverkusen bemängelt wurde. Bayer sagt, dass es keinen Zusammenhang mit dem Aspirin-Lieferengpass gebe.

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dieter_spiegel 17.03.2018
1. Gute Recheche
Bayer ist der einzige Vertreiber des markengeschützten Medikaments Aspirin. Lieferschwierigkeiten sind damit ein großes Problem, vor allem für Bayer selbst. Für die Patientzen weniger, denn diese können auf Generika mit dem Wirkstoff ASS zurückgreifen. Es ist doch eine Freude, wenn es noch sachverständige Journalisten hibt.
waldi22 17.03.2018
2. Sind wir ein Dritte-Welt-Land geworden?
Ich bin nun 30 Jahre Arzt und es gab bis vor etwa 10 Jahren gefühlt nie Engpässe bei gängigen Arzneimitteln. Aber in den letzten Jahren häufen sich solche Dinge. Vor zwei Jahren gab es kaum noch Impfstoffe. Vorgestern erlebte ich noch, dass ein Hepatitis-B-Impfstoff momentan nicht zu besorgen ist, außerdem auch ein Diphtherie-Einzelimpfstoff, was in den letzten Jahren jetzt schon häufiger passiert ist. Außerdem Kreon, ein Verdauungsenzym aus der Bauchspeicheldrüse, - benötigt von zum Beispiel Pankreas operierten Patienten nach Krebserkrankung - war zum Teil monatelang nicht lieferbar. Zum Teil hat das mit erhöhten Qualitätsanforderungen der Behörden und Herstellungsvorschriften zu tun, zum Teil mit Festpreisen, die es für die Industrie unattraktiv machen, diese Arzneien zu produzieren und vielfach ist der Grund eine Produktion in China, die schlecht steuerbar ist und zum Teil eben auch nicht die gängigen Vorschriften erfüllen kann. Laut Angie ist in unserem Land ja alles toll und sie wüßte nicht, was man besser machen könnte. Mir würde da so einiges einfallen.
josipawa 17.03.2018
3. Fragen über Fragen
Welche Kompetenz hat ein seit über 100 Jahren in der Pharma- und Chemiebranche tätiger Konzern, wenn er nicht in der Lage ist, ein einfaches Präparat in der benötigten Menge für den Markt zur Verfügung zu stellen. Hat der Konzern keine Kompetenzen mehr auf diesem Gebiet, liegen diese vielmehr bei "Fußball" oder BWL? Will man den Gesetzgeber motivieren, die Produkte des Bayer-Konzerns besser zu honorieren? Conclusio: Ist die "Wirtschaft" nicht in der Lage, ihrer Verantwortung in der Gesundheitsversorgung nachzukommen, so muss der Staat einspringen. Das ist jetzt nicht neoliberal, sondern logisch in der Konsequenz. Und bedeutet folglich auch, dass (bitte: ich meine hier natürlich nur naturwissenschaftliche) Forschung wieder mehr staatlich finanziert wird und die Drittfinanzierungstöpfe ganz nett, aber nicht notwendig sind; Impfstoffherstellung und Medikamentenproduktion unter staatlicher Hoheit geführt werden. Ich komme zurück zum Artikel: Die "Wirtschaft" schafft das nicht, oder will es nicht schaffen, um mehr Geld zu erzocken, also muss die Gesellschaft (Staat) sich dieser Aufgabe verantwortlich annehmen.
AZ1 17.03.2018
4. Hintergründe?
Stimmt es, dass der Preis, für den Bayer das Präparat verkaufen darf, staatlich festgelgt ist? Wie hoch ist die Marge? Lohnt sich das Geschäft mit diesem Präparat vielleicht einfach nicht für Bayer? Könnte es sein, dass das Konzept, sich bei der Arzneimittelversorgung auf private Hersteller zu verlassen, ihnen aber den Anreiz zu nehmen, hirnrissig ist? Gibt es irgend eine Partei in Deutschland, die diesen Systemfehler beheben will und dazu ein sinnvolles Konzept hat?
bluebill 17.03.2018
5. Eigentlich nicht möglich.
Der Wirkstoff ist schon sehr lange bekannt, es gibt weltweit Hunderte oder gar Tausende von Herstellern für dieselben Schmerztabletten. Warum sollte kein anderer Hersteller das Gleiche als Infusionslösung anbieten? - Konzerne wie Bayer kaufen sich oft Exklusivrechte (Patente, Urheberrechte), die den Handel oder die Herstellung ähnlicher Produkte durch Konkurrenten verbieten. Unterstützend sorgen sie für entsprechende Gesetze durch Lobbyarbeit in der Politik. So haben sie zumindest in Deutschland ein Monopol auf bestimmte Produkte. Die Mechanismen der sogenannten freien Märkte kommen dazu. Je knapper etwas wird, umso teurer kann es verkauft werden. Die Produktion wird bei so großen Firmen langfristig geplant, Engpässe sind immer hausgemacht und fallen nicht einfach vom Himmel. -- Wetten, in anderen Ländern ist dasselbe Zeug massenhaft verfügbar und nur halb so teuer. -- Es müsste also richtig heißen: Bayer verknappt einen Wirkstoff, um langfristig mehr Gewinn zu machen. Und niemand traut sich, den Stoff einfach im Nachbarland einzukaufen.
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