Atomangst wegen belgischer Reaktoren Zehntausende in Aachen mit Jodtabletten versorgt

Weil Experten an der Sicherheit belgischer Atomkraftwerke zweifeln, verteilen die Behörden in Aachen Jodtabletten. Seit Ende August sind so bereits hunderttausend Menschen in der Grenzregion versorgt worden.

Atomkraftwerk in Tihange
DPA

Atomkraftwerk in Tihange


Zwischen dem umstrittenen Atomkraftwerk Tihange in Belgien und Aachen liegen nur rund 70 Kilometer. In der Grenzregion gibt es Angst von einem Unfall in dem anfälligen Atomkraftwerk, und seit Ende August verteilen die Behörden dort Jodtabletten für den Ernstfall - und die Nachfrage ist groß. Bis jetzt sind einer Umfrage der Presseagentur dpa zufolge 40.000 Anträge für jeweils einen Haushalt eingegangen, der auch mehrere Personen umfassen kann.

Damit liegt die Zahl derer, die über die Aktion mit Jodtabletten versorgt worden sind, schätzungsweise bei rund hunderttausend. Anspruch haben etwa 600.000 Menschen - alle Menschen bis zu 45 Jahren, Schwangere und Stillende. Mit Jodtabletten soll Schilddrüsenkrebs vorgebeugt werden, indem verhindert wird, dass die Schilddrüse radioaktives Jod aufnimmt.

In anderen Gegenden des Bundesgebiets werden die Tabletten zentral gelagert - und nur im Bedarfsfall ausgegeben. Damit soll unter anderem verhindert werden, dass die Tabletten zu früh eingenommen werden und nicht wirken.

Allerdings dürfte die Zahl der Menschen, die in der Region Aachen bereits Jodtabletten gelagert haben, noch größer sein als die rund hunderttausend, die durch die aktuelle Aktion umfasst sind. Viele verunsicherte Bürger hätten sich schon vor der Aktion der Behörden Jodtabletten rezeptfrei in den Apotheken gekauft, sagte der Leiter der regionalen Koordinierungsgruppe, Markus Kremer. Darum sei es absehbar gewesen, dass ein Teil der Bevölkerung von dem Angebot nicht mehr Gebrauch machen würde. Er ging davon aus, dass in den letzten Wochen bis zum 30. November noch mehr Personen die kostenlose und unbürokratische Möglichkeit nutzen werden.

"Wenn sich so viele Menschen Sorgen machen und sofort losgehen und sich Jodtabletten holen, dann ist das schon ein alarmierendes Signal", sagte der Sprecher der Städteregion, Detlef Funken.

Wegen der Nähe zum Kraftwerk Tihange hatte die Region beim Land Nordrhein-Westfalen darauf gedrungen, die Bevölkerung schon jetzt mit den Tabletten zu versorgen. Politik und Verwaltung bezweifeln, dass dies im Ernstfall rechtzeitig gelingen kann. Die hoch dosierten Jodtabletten sollen verhindern, dass die Schilddrüse radioaktives Jod aufnimmt.

Ende 2015 hatten die Aachener Behörden zudem bereits eine atomare Verseuchung in einer Notfallübung durchgespielt. Dennoch betonen die Behörden in einer Broschüre, die Ausgabe der Tabletten sei "eine reine Vorsichtsmaßnahme".

In der Region Aachen ausgegebene Jodtabletten
DPA

In der Region Aachen ausgegebene Jodtabletten

Die Sicherheit des Atomkraftwerks Tihange ist wegen Tausender Mikrorisse an Meiler 2 unter Experten umstritten. Die Bundesregierung hatte vergeblich eine vorübergehende Abschaltung bis zur Klärung offener Sicherheitsfragen gefordert.

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Seite 1
herbert 29.10.2017
1. So kann man mit Panik Geld machen !
Reichlich Ängste schüren und die graue Masse kauft alles wo man Geschäfte mit machen kann. Wie wäre es, wenn sich die EU um den Reaktor mal kümmern würde. Herr Juncker auf Gehts !
lupo44 29.10.2017
2. seit 2015 ist dieser Zustand bekannt.....
wo sind die "Grünen"? Wo ist die Bundesregierung? Das ist so ein Thema was politischen Zündstoff in sich birgt. Wenn dieses Unglück passieren sollte betrifft es Tausende Menschen dieser Region und eigentlich die gesamte territoriale Umgebung. Wir sind doch sonst der Spitzenreiter in Europa wenn es darum geht Menschen zu mobilisieren gegen etwas unrechtes auf die Straße zu gehen.Dieses politische Signal fehlt hier total.Auch Brüssel die sich über was weiß die Welt um viele unwichtigere Dinge aufregen und Gestze erlassen zeigt hier keine Reaktion .Einfach nicht zu verstehen.
Beat Adler 29.10.2017
3. Unsichere Atomkraftwerke gehoeren abgeschaltet.
Unsichere Atomkraftwerke gehoeren abgeschaltet, abgebaut, entsorgt. Das Verteilen von Jodtabletten zeigt nur die Unfaehigkeit der Behoerden, die es nicht schaffen genuegend Druck auf Belgien auszuueben, damit das Atomkraftwerk geschlossen wird. Da kein Atomkraftwerk inherent sicher ist, duerften also Millionen von Europaern Jodtabletten zu Hause bunkern. Hilft aber trotzdem nicht im Fall der Faelle. mfG Beat
wallaceby 29.10.2017
4. Das wäre doch mal ein Thema für den Spiegel...
...das man als "Dauerschleife" laufen lassen könnte?! Hier geht es um eine ernsthafte Bedrohung der Menschen in einem Ausmass, das alle Masstäbe sprengen würde, wenn es zum Ernstfall kommen würde! Das selbe gilt für das Katastrophen-AKW in Temelin, das uns Bayern hier in grossem Masse bedroht! Warum schläft die deutsche Politik in diesen Fällen so katastrophal? Bei jeder dämlichen neuen Veröffentlichung von "Feinstaub-Belastungen" ist der Aufschrei mittlerweile größer, als die konkrete Bedrohung dieser Atom-Schrottmühlen in Belgien und Tschechien. Man könnte jetzt auch noch die französichen AKW's an der deutschen Grenze mit dazu nehmen. Warum wird hier immer so getan, als ob das "vernachlässigbare" Szenarien wären? Deutsche Atomkraftwerke werden vom Netz genommen, damit wir uns "sicher" fühlen können...? Im Gegenzug aber blenden unsere grünen oder sonstigen Experten solche real existierenden Bedrohungen aus dem unmittelbar angrenzenden Ausland aus... warum? Ich habe bei der letzten Bundestagswahl dieses Nichtstun bei diesem Thema in mein Wahlverhalten miteinfliessen lassen, weil ich mich von der Politik hier schlichtweg verarscht fühle! Sollte es tatsächlich zu einem Atomunfall in einer dieser alten Schrottanlagen kommen, vor dem bereits dann jahrzehntelang gewarnt wurde, mit hunderttausenden deutschen Strahlungsopfern, dann ist es leider zu spät, um "umzudenken"! Merkel und Konsorten schlafen bei dem Thema noch viel mehr, als man es von ihr jetzt schon so lange gewöhnt ist! Fukushima ist halt doch sehr "komfortabel weit weg" für unsere Schlafmützen von Politikern. Aber es hat gereicht, um die deutsche Energiepolitik über Nacht umzukrempeln. Warum ist man in diesem Fall aber nicht bereit, ebenfalls eine klare Entscheidung zu treffen, und den Belgiern und Tschechen auf den Zahn zu fühlen?!
nadennmallos 29.10.2017
5. So so Jodtabletten als Beruhigungspille (nehm' ich mal an) ...
... und was werfen wir ein, wenn massive Strahlung austritt? Wir kaufen uns dann schnell ABC-Planenn (gibt's die eigentlich noch?) Das kann doch wohl nur ein Witz sein, dass innerhalb der EU verschiedene Sicherheitstandards für AKWs gelten? Es tritt immer deutlicher zutage, dass die Juncker-Clique letztendlich nicht über ausreichend Durchsetzungsvermögen und Know-how(?) verfügt, wirklich wichtige Themen anzugehen. Ich möchte nicht wissen, wie ein Krisenmanagement im Ernstfall aussieht.
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