Hohe Bankentgelte Geringverdiener in der Gebührenfalle

Wer wenig Geld hat, gerät leicht mit den Kreditraten in Verzug oder überzieht den Dispo. Doch gerade klamme Kunden werden von vielen Banken mit hohen - zum Teil rechtswidrigen - Gebühren bestraft. Die vier häufigsten Fallen im Überblick.

Von Tobias Lill

Santander-Filiale: Teure Adressermittlung
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Santander-Filiale: Teure Adressermittlung


Lutz-Michael B. glaubte er zunächst an einen Fehler. Im August 2012 entdeckte er beim Durchblättern seiner Kontoauszüge, dass ihm die Santander Consumer Bank neben seiner monatlichen Kreditrate weitere 25,50 Euro abgebucht hatte. Am Telefon habe ihm dann eine Bankmitarbeiterin mitgeteilt, es handle sich bei der Summe um eine "Gebühr für eine Adressabfrage".

Der 58-jährige Brandenburger stand vor einem Rätsel: Er war zwar zwischenzeitlich umgezogen, doch hatte er das Geldhaus nach eigenen Angaben korrekt über die neue Adresse informiert: "Sonst hätte mich die Bank ja auch nicht andauernd mit neuen Kreditangeboten bombardieren können."

1. Kostenfalle: Adressermittlung

B. ließ die 25,50 Euro deshalb von seiner Hausbank zurückholen und überwies fortan die Raten selbst. Doch in den folgenden Monaten hätten ihn Santander-Mitarbeiter beinahe täglich mit wechselnden oder unterdrückten Nummern angerufen und gefordert, er solle die angeblich offene Summe umgehend bezahlen. Die Bank bestreitet dies.

In den Folgemonaten erhielt Lutz-Michael B. mehrere Mahnungen. Darin heißt es, Kreditraten vom Konto des Frührentners seien nicht abgegangen. Forderte die Santander im November 2012 noch 64,35 Euro, waren es Mitte Februar 2013 bereits knapp 120 Euro. Ende Februar schrumpfte der angemahnte Betrag dann auf wundersame Weise auf weniger als 100 Euro. Dabei geht aus den Kontoauszügen von B. klar hervor, dass dieser in den betreffenden Zeiten sämtliche Raten fristgemäß bezahlt hat. In ihren Briefen drohte die Bank B. mit einem Schufa-Eintrag und einem gerichtlichen Mahnverfahren. Er zahlte dennoch nicht. Rechtliche Schritte leitete das Geldhaus nicht ein. B. glaubt deshalb an "einen plumpen Versuch, mit mir etwas extra Gewinn zu machen".

Die Bank weist die Vorwürfe auf Anfrage als "haltlos" zurück: Ein Schreiben an B. habe mit dem Hinweis, dieser sei unbekannt verzogen, nicht zugestellt werden können. Daraufhin habe man eine Adressabfrage veranlasst. Weil der Kunde die Aufwandsentschädigung für die Anfrage zurück buchte, sei ein Verzugsschaden entstanden. Diesen habe das Geldhaus in den Mahnungen geltend gemacht.

Allerdings bestätigte die Bank in ihrer Stellungnahme: "Der Kunde war tatsächlich nicht mit seinen Kreditraten im Rückstand." Die Schreiben an B. betreffen nach Darstellung der Bank lediglich die nicht gezahlte Adressgebühr von 25,50 Euro sowie daraus angeblich entstandene Verzugskosten.

Allerdings steht in den Mahnschreiben kein einziges Wort von den Adressgebühren. Stattdessen trägt ein Brief an B. den Betreff "Erinnerung an eine fällige Kreditrate". Darin heißt es: "Die letzte fällige Rate wurde von Ihnen nicht bezahlt." In einer anderen Mahnung an B. heißt es, der Kredit sei mit einer oder zwei Raten ganz oder teilweise im Verzug.

Ein Verzugsschaden, der sich bereits nach einigen Monaten auf ein Vielfaches der eigentlich strittigen Summe von 25,50 Euro beläuft? Markus Feck, Rechtsexperte der Verbraucherzentrale NRW, nennt dies "komplett unzulässig". Anders als die Santander hält er auch das Adressentgelt im Fall von B. für rechtswidrig, da dieser die Raten pünktlich bezahlt hatte.

Von anderen Kunden soll die Bank ebenfalls 25,50 Euro für Adressermittlungen verlangt haben. "Selbst bei berechtigen Anfragen ist diese Summe zu hoch", sagt Feck. Das Geldhaus betont dagegen, man verlange "keine pauschale Gebühr". Die Kosten würden "individuell so berechnet, wie sie konkret angefallen sind".

2. Kostenfalle: Mahngebühren

Für Unmut sorgt zudem die Mahnpraxis der Bank: Kunden wurde zumindest in der Vergangenheit mitunter bereits bei einer nur wenige Tage verspäteten Zahlung ein Verzugsschaden im niedrigen zweistelligen Bereich berechnet - und das auch bei geringen Ratenhöhen. "Hohe Verzugsschäden sind bei der Santander Consumer Bank der Regelfall", sagt Erk Schaarschmidt, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Brandenburg. Die Bank erhebe pauschalisiert 19,50 Euro an Verzugskosten. Bei Beschwerden über die Bank sei ständig von dieser Summe die Rede. Eine "Gebühr" in dieser Höhe sei jedoch unzulässig.

Das Institut weist die erhobenen Vorwürfe umfassend zurück. Eine generelle Bepreisung von Verzugsschäden mit 19,50 Euro habe es nie gegeben. Der Schaden werde individuell berechnet, es handle sich um "keine pauschale Gebühr". Der vom Geldhaus zu Recht verlangte Verzugsschaden setze sich aus dem gesetzlichen Verzugszins sowie "dem tatsächlichen Bearbeitungsaufwand und weiter angefallenen Kosten wie zum Beispiel Porto" zusammen. Dieser Schaden belaufe sich in den meisten Fällen auf 15 bis 20 Euro.

Komme der Kunde seiner neuen Zahlungsverpflichtung nicht vollständig nach, entstünden weitere Verzugsschäden. So konnte es zumindest in der Vergangenheit passieren, dass die Bank für nicht gezahlte angebliche Schäden für Verzug oder Rücklastschriften im niedrigen zweistelligen Bereich bereits einige Wochen später weitere 19,50 Euro anmahnte. Nach eigenen Angaben deckelt die Santander seit Februar 2015 den vom Kunden verlangten "Verzugsschaden" pro Mahnung auf maximal 5,50 Euro.

Verbraucherschützer wie Schaarschmidt halten jedoch auch diese Summe für zu hoch. Zahlreiche Gerichte beschäftigten sich zuletzt mit der Höhe von Mahnkosten. Firmen dürfen demnach nur die Ausgaben für Papier, Druck, Porto und gegebenenfalls Verzugszinsen verlangen. Mehrere Landes- und Oberlandesgerichte erachteten maximal 1,50 Euro für zulässig.

3. Kostenfalle: geplatzte Lastschriften

Bei geplatzten Lastschriften berechnet die Santander Consumer Bank den Kunden nach eigenen Angaben die Kosten der Fremdbank "sowie den tatsächlichen mit der Rücklastschrift verbundenen Mehraufwand unserer Bank". In der ganz überwiegenden Anzahl der Fälle würden sich die Kosten auf 12,50 Euro belaufen, sagt ein Sprecher.

Der Bundesgerichtshof entschied bereits 2009, Unternehmen hätten nicht das Recht, die durch die geplatzte Abbuchung entstandenen Personal- und Sachkosten dem Verursacher der Rücklastschrift in Rechnung zu stellen. Nur jenen Betrag, den Banken einander für den Vorgang berechnen, dürften sie verlangen. Oft sind dies drei Euro, mitunter auch deutlich weniger.

Konsumentenschützer Feck zufolge schröpfen zahlreiche Geldhäuser ihre Kunden mit "rechtswidrigen oder zumindest juristisch zweifelhaften Gebühren". So verlangten einige Institute zu Unrecht Entgelte für die Sperre von Zahlungskarten: "Vor allem, wer ohnehin schon knapp bei Kasse ist, wird mit ominösen Gebühren von manchen Banken gerne extra zur Kasse gebeten." Für das Mitteilen fehlgeschlagener Lastschriften oder Daueraufträge kassieren manche Banken fünf Euro oder mehr - zulässig sind laut Schaarschmidt jedoch nur zwei bis 2,50 Euro.

4. Kostenfalle: Pauschalgebühren bei Überziehung

Einzelne Institute verlangen von ihren Kunden, wenn diese ihr Girokonto auch nur für kurze Zeit ein paar Cent über das Dispolimit hinaus überziehen, eine Mindestgebühr. Die Deutsche Bank streicht dann 6,90 Euro pro Quartal ein. Würde ein Kunde sein Konto ein Jahr lang um einen Euro überziehen, käme dies nach Berechnungen der FMH-Finanzberatung einem Zinssatz von 2760 Prozent gleich. Kunden der Targobank müssen, wenn sie überziehen, ab dem ersten Cent sogar eine Monatspauschale von 4,95 Euro berappen.

Bei solchen Zinssätzen sei die Wuchergrenze schnell erreicht, schimpft Feck. Die Targobank verweist dagegen darauf, dass es sich um keinen Zins, sondern um ein Entgelt handle. Das Oberlandesgericht Frankfurt bewertete die Gebühr der Deutschen Bank als "sittenwidrig", wogegen das Geldhaus einem Sprecher zufolge in Revision geht. Das Landgericht Düsseldorf hingegen hielt das Model der Targobank für rechtens.

Santander-Kunde B. darf sich derweil freuen. Nachdem SPIEGEL ONLINE 2014 erstmals bei der Bank wegen seines Falls anfragte, verzichtete diese "aus Kulanz" auf die geforderte Summe. Als Entschuldigung bekam B. einen Amazon-Gutschein. Den schickte B. zurück - sein ganz eigener Rückläufer.



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insgesamt 135 Beiträge
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Seite 1
El pato clavado 07.05.2015
1. Kleinvieh macht auch Mist
die meisten Bankkunden schrammen wohl so gerade über den Monat mit dem ihrem Einkommen. Da ist Dispo und Kredit die Rettung. Da greifen die Banken zu. Vom Einzelnen istwenig abzupressen, aber die Menge bringt es. das Ganze nennt sich Privatkundengeschäft. Wie im Casino,die Bank gewinnt immer.
feistus_raclettus 07.05.2015
2. Bank wechseln
Ich war auch kurzzeitig bei der Santander, völlig schamloser Laden, die alles versuchen um einen abzuzocken. Mein Anwalt hat bereits erste Rückforderungen durchgesetzt, weitere folgen. Jedem, der bei dem Laden ist, kann ich nur dringend den Wechsel empfehlen.
mameluk 07.05.2015
3. Finger weg!
von der Santander - eigene Erfahrungen lassen mch inzwischen einen großen Bogen um diese machen.
karlsiegfried 07.05.2015
4. Patentrezept
Immer wenigstens 10 Euro auf dem Konto haben. Wer das nicht schafft, kann nicht mit Geld umgehen.
Erkläromat 07.05.2015
5. Ich wechsele sofort von der Postbank weg
sollte sie auch nur anteilsmäßig an die Santanderbank verkauft werden.
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