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Abschaffung des Bargelds: Das Ende der Pfennigfuchser

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Einkaufszentrum Alexa  in Berlin: Das Ende des sparsamen Deutschen?  Zur Großansicht
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Einkaufszentrum Alexa in Berlin: Das Ende des sparsamen Deutschen?

Eine Abschaffung des Bargelds könnte unsere Konsumgesellschaft völlig verändern. Ökonomen glauben, dass das Geld oft lockerer sitzt, wenn man mit Karte bezahlt. Werden wir bald alle zu Verschwendern?

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Geld ausgeben tut weh - wortwörtlich. Amerikanische Forscher stellten das schon 2007 fest. Für ihre Studie legten sie Probanden in einen MRT-Scanner und maßen ihre Gehirnströme, während sie ihnen Preise für verschiedene Produkte zeigten.

Schon der Anblick von Wucherpreisen aktivierte die Inselrinde der Teilnehmer - ein Teil des Gehirns, der Schmerzen emotional verarbeitet.

Die Forscher vermuten, dass der Effekt im echten Leben vor allem dann eintritt, wenn der Kunde den Verlust direkt spürt - etwa wenn er Scheine aus der Hand gibt. "Kreditkarten betäuben den Schmerz des Zahlens praktisch", schrieb damals George Loewenstein, Co-Autor der Studie. "Es fühlt sich nicht an, als würde man etwas aufgeben für den Kauf."

Seit einigen Wochen sind Loewensteins Ergebnisse gerade in Deutschland wieder brandaktuell. Banker und Tech-Propheten malen die Vision einer Zukunft ohne Münzen und Scheine. Bargeld ist gleich von mehreren Seiten unter Beschuss:

  • Apple, Samsung und andere Tech-Giganten wollen ihre Smartphone-Bezahlsysteme (u.a. Apple Pay, Android Pay) bald auch nach Deutschland bringen und Verbrauchern das Barzahlen ganz abgewöhnen.

Angesichts solcher Entwicklungen dürfte der Stellenwert des Bargelds weiter zurückgehen. Gerade in Deutschland fürchtet so mancher die Abschaffung der geliebten Scheine und Münzen.

Doch wäre die Wirtschaft ohne Bargeld noch die Gleiche? Wie verändert sich das Verhalten eines Konsumenten, wenn er an der Kasse nur noch sein Handy in die Nähe eines Zahlungsterminals hält? Wird der sparsame Deutsche zum liederlichen Verschwender, sobald der "Schmerz des Bezahlens", wie Loewenstein es ausdrückt, wegfällt?

Gefährlich ist der Kredit, nicht die Karte

Nicht unbedingt, sagt der Neuroökonom von der Carnegie-Mellon-Universität heute. Nur bei Kreditkarten drohe der Effekt. "Weil der Kartenanbieter das Geld vorschießt, verlieren gerade arme Menschen ein Gefühl dafür, was sie sich leisten können."

Bargeldlose Bezahlsysteme würden erst dann zur Gefahr, wenn Apple Pay und Co. mit einer Kreditkarte verbunden würden, die das Konto wochenlang heimlich in die roten Zahlen rutschen lassen. Wird das Geld von einem Konto ohne Überziehungsrahmen abgebucht, droht zumindest keine Überschuldung.

Die Gefahr der Kreditkarte stecke also eher im Kredit als in der Karte.

Ganz ausschließen kann Loewenstein jedoch nicht, dass bereits die neue Einfachheit des bargeldlosen Bezahlens den Schmerz lindert. Mit in einem Hirnscanner liegenden Menschen könne man den Einkauf mit Bargeld oder einer Karte eben kaum unter realistischen Bedingungen simulieren.

Eine Studie der Bundesbank von 2014 lässt vermuten, dass bei Menschen, die oft bargeldlos bezahlen, das Portemonnaie lockerer sitzt. In dem Experiment bekamen die Teilnehmer zehn Euro geschenkt, die sie mit einem freiwilligen Würfelwurf verdoppeln oder verzocken konnten.

  • Von denen, die vorwiegend mit Bargeld einkaufen, behielten 59 Prozent das Geschenk und verzichteten auf das Würfeln.

  • Von den Probanden, die schon jetzt lieber bargeldlos bezahlen, entschieden sich dagegen 59 Prozent für die Wette.

  • Von denen, die mehrmals wöchentlich über das Internet einkaufen, wählten sogar 67 Prozent die Wette.

Einen eindeutigen Beweis liefert auch dieses Experiment nicht. Mit geschenktem Geld gehen Menschen unter Umständen anders um als mit verdientem. Auch der besondere Kreditkarteneffekt, den Loewenstein annimmt, wurde von den Ökonomen der deutschen Notenbank nicht gesondert untersucht.

Glücklich sind auch Sparsame nicht immer

Dennoch: Bargeld verliert auch ohne politische Initiativen längst an Bedeutung, dank PayPal und Onlinehandel. Ob sich das Verhalten des Einzelnen dadurch ändert, muss wohl jeder bei sich selbst beobachten. Sicher ist: Ein paar Klicks auf Zalando sind schneller erledigt als die samstägliche Einkaufstour durch die überfüllte Innenstadt.

Manche Menschen sollten Geldfragen ohnehin etwas lockerer nehmen, sagt Loewenstein. Er hat eine "Geizkragen-Verschwender-Skala" entwickelt, auf der er Befragte nach der Intensität ihres Bezahlschmerzes einordnet.

Der extreme Verschwender sei chronisch pleite, der Geizkragen quäle sich selbst mit einfachen Ausgaben und sei unfähig, Geld für sinnvolle Investitionen lockerzumachen. Glückliche Menschen seien beide in der Regel nicht.

Wo der durchschnittliche Deutsche auf seiner Skala liege, darüber könne er nur spekulieren, sagt Loewenstein. Eine international vergleichende Studie gebe es bisher nicht.

Eine vorsichtige Vermutung hat der US-Professor aber: Vor wenigen Tagen habe ihm ein ungarischer Doktorand erzählt, dass Österreicher in seinem Heimatland einen schlechten Ruf hätten. "Mit denen will keiner Essen gehen", habe der Kollege erzählt. "Sie geben nie Trinkgeld."

Zusammengefasst: Die Abschaffung des Bargelds, die in Deutschland heiß diskutiert wird, könnte unser Verhalten als Konsument verändern. Nach Ansicht mancher Ökonomen geben Menschen freimütiger Geld aus, wenn sie mit Karte statt bar bezahlen. Umstritten ist aber, ob der "Schmerz des Bezahlens" bei allen bargeldlosen Bezahlarten nachlässt.

Mitarbeit: Florian Müller

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