Angst vor Afrikanischer Schweinepest Schweinebauern kritisieren Lidl für Verkauf von polnischer Rohwurst

Lidl verkauft polnische Rohwurst - obwohl in Osteuropa die Afrikanische Schweinepest grassiert. Deutsche Schweinebauern sind alarmiert, der Discounter beschwichtigt.

Polnische Rohwurst aus Schweinefleisch
DPA

Polnische Rohwurst aus Schweinefleisch


Die Afrikanische Schweinepest breitet sich in Osteuropa ungebremst aus. Ein Ausbruch in Deutschland hätte laut dem Bauernverband "katastrophale Folgen". Zur Vorbeugung sollen zahlreiche Tiere getötet werden. Insgesamt 70 Prozent aller Wildschweine in Deutschland stehen vor dem Abschuss.

Vor diesem dramatischen Hintergrund sind die deutschen Schweinebauern verärgert über ein aktuelles Angebot von Lidl. Der Discounter bietet Produkte wie polnische Rohwurst der Eigenmarke "Kuljanka" an. In den Augen der Landwirte ist das wegen der Afrikanischen Schweinepest, die im Nordosten Polens kursiert, ein Unding.

Die Schweinebauern fürchten, dass das Virus per Wurstimport auch nach Deutschland kommen könnte. An der Aufregung ist das Bundeslandwirtschaftsministerium wohl nicht ganz unschuldig: Hier wird davor gewarnt, dass Fernfahrer und Saisonkräfte aus Osteuropa infizierte Fleisch- und Wurstwaren mitbringen könnten. Wenn diese etwa an Raststätten auf die Wiese geworfen und dort von Wildschweinen gefressen werden, könne sich die Seuche ausbreiten.

"Die Landwirte sind alarmiert"

Lidl verweist auf strenge Qualitätskontrollen und saubere Zulieferer, der Verband der Fleischwirtschaft warnt vor Panikmache, aber die Verwirrung und die Ängste hinsichtlich der Afrikanischen Schweinepest bleiben groß.

"Wie soll Lidl zu 100 Prozent ausschließen, dass hier kein bereits erkranktes Schwein geschlachtet und verarbeitet wurde?", kommentiert ein Leser auf der Website der Fachzeitschrift "Top Agrar".

Das Medium hatte das Lidl-Angebot als erstes thematisiert und damit den Nerv zahlreicher Tierhalter getroffen. "Die Landwirte sind derzeit alarmiert und sensibel bei dem Thema", heißt es aus der "Top Agrar"-Redaktion, "es geht schließlich im Zweifel auch um die Existenz eines landwirtschaftlichen Betriebes".

"Ausbruchszahlen sind schon heftig"

Denn obwohl es in Deutschland bisher keine Fälle der Afrikanischen Schweinepest gibt, sind die Zahlen aus Osteuropa alarmierend. Neuerkrankungen von Wild- und auch Hausschweinen werden vor allem in Litauen und Polen verzeichnet.

"Dort wurden im Jahr 2015 insgesamt 1639 Fälle gemeldet - aktuell haben wir schon über 1000 Fälle in den vergangenen zwei Monaten", sagt die Sprecherin des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI), dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit. "Diese Ausbruchszahlen sind schon heftig, und ein Ende ist nicht in Sicht." Menschen erkranken generell nicht an dem Erreger.

Eckdaten zur Afrikanischen Schweinepest
Erreger
Afrikanisches Schweinepest-Virus
Befällt
ausschließlich Haus- und Wildschweine, ungefährlich für Mensch und andere Tiere
Symptome
hohes Fieber, Hautrötungen, Erbrechen, Durchfall, Augenausfluss, unkoordinierte Bewegungen, plötzlicher Tod
Übertragung
Direkter Kontakt zwischen kranken und gesunden Tieren. Indirekt über die Fütterung von Abfällen mit infiziertem Schweinefleisch oder über Lederzecken, die von infizierten Tieren oder von anderen Infektionsträgern auf das Tier übergehen.
Virusquellen
Blut, Gewebe, Sekrete und Exkrete von kranken oder toten Tieren, infizierte Lederzecken, ASP bleibt in Schweinekot für sechs bis zehn Tage, in Schweinefleischprodukten über einige Monate und in gefrorenem Fleisch über Jahre.
Verlauf
Dauer von Infektionszeitpunkt bis zum Ausbruch der Krankheit sind drei bis 15 Tage. Im Falle einer akuten Verlaufsform drei bis vier Tage.
Bekämpfung
Es gibt keine Therapie. Aus diesem Grund sind Maßnahmen der Biosicherheit nötig. Diese umfassen die Vermeidung der Fütterung von Küchenabfällen, fest zugeordnete Kleidung, Quarantänezeiten für neue Tiere sowie die räumliche Trennung von unterschiedlichen Tiergruppen.

Das Institut verweist jedoch auch darauf, dass nichts gegen ganz normale Lebensmittel aus jenen Regionen in Polen spricht, die nicht betroffen sind. "Man müsste sich nur einmal vorstellen, in Norddeutschland gäbe es Fälle von Schweinepest und in der Folge dürften auch süddeutsche Betriebe nichts mehr verkaufen", heißt es.

Lidl betont strenge Qualitätskontrollen

"Aus den restriktierten Zonen in Polen kommt nichts raus, dafür sorgen die Veterinärbehörden vor Ort", so die Sprecherin weiter. EU-Regelungen legen fest, dass aus diesen Regionen kein Tier und kein Fleisch gebracht werden darf. Darauf beruft sich auch Lidl.

Der Verband der Fleischwirtschaft (VDF) steht dem Discounter bei. Die Debatte über polnische Wurst sei "kurzsichtig und schädlich, auch für deutsche Schweinehalter", sagt VDF-Geschäftsführerin Heike Harstick.

Wer den Eindruck erwecke, dass Schweinefleisch aus Ländern mit ASP gefährlich sei, stelle die Wirksamkeit der gesetzlichen ASP-Maßnahmen infrage. Dafür gebe es keinen Grund.

"Die Festlegung von Restriktionsgebieten ist in der gesamten EU so gestaltet, dass eine Verbreitung der Seuche über Fleisch von Hausschweinen, das amtlich für genusstauglich erklärt ist und damit im gesamten Binnenmarkt frei verkehrsfähig ist, ausgeschlossen wird." Ob das 100-prozentige Sicherheit bringt, wie die Landwirte fordern, bleibt dennoch offen.

dop/dpa



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MSMunich 18.02.2018
1. Bremsen politische Grenzen die Erreger?
Der Logik nach dürfte man dann auch vorsichtig gegenüber Wurst aus Brandenburg sein müssen, politische Grenzen sind sicherlich der Krankheitserregern unbekannt. Die sicherlich ein bißchen auf Abschottung hin argumentierenden hiesigen Erzeuger schneiden sich da wohlmöglich ins eigene Fleisch...
Sachsenimker 18.02.2018
2. An die eigenen Nase fassen.
Deutsche Schweineproduzenten, bitte nicht Halter nennen, sollten sich mal an die eigenen Nasen fassen. Gegen die Wurst aus Gebieten ohne Schweinepest ist die industrielle Fleischproduktion das viel schlimmere Übel. Schaut mal in eure Schweineställe!
kalsu 18.02.2018
3. Übrigens...
...die Afrikanische Schweinepest tritt in Polen und Litauen schon seit 2014 auf. Auch in Frankreich, den Niederlanden, Italien, Spanien und Portugal gab es schon Ausbrüche - vor Jahrzehnten. Die ASP ist also weder neu noch ausschließlich eine Bedrohung nur für die deutschen Schweinezüchter. Warum treiben die deutschen Schweinebauern und ihr Branchenverband jetzt mal wieder diese Sau durch Dorf? Vielleicht weil man damit prima von den eigenen Problemen ablenken kann? Die deutschen Schweinebauern sollten erstmal in ihrem Saustall aufräumen bevor sie sich mit Dingen beschäftigen, die sie gar nicht beinflussen können. Die ASP kommt nach Deutschland - vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Das wird niemand verhindern - weder durch Panik noch durch den Abschuss von 70% der deutschen Wildschein-Population. Ob nun die Wurst aus Polen kommt oder von sonst wo, entscheidend ist woher das Fleisch dafür kommt. Das weiß bei dieser Fabrikware niemand außer dem Hersteller, denn auf dem Produkt ist der Produzent der Wurst angegeben und nicht der des Fleisches. Ich glaube nämlich nicht, dass die deutschen Fleischtransporter, die tagtäglich Richtung Osteuropa unterwegs sind, gekühlte Luft durch die Gegend fahren.
geri&freki 18.02.2018
4. Die Geister, die ich rief...
Wird der Deutsche Bauernverband jetzt auch eine Dezimierung der LIDL-Filialen in Deutschland um 70 % fordern? Konsequent wäre es eigentlich!
Lankoron 18.02.2018
5. 100% Sicherheit
kann es gar nicht geben, solange eine Ausbreitung über Wildtiere möglich ist. Im Endeffekt muss man also vertrauen...was würden denn deutsche Landwirte im Gegenzug sagen, wenn man beim Auftreten von Krankheiten ein Gesamteuropäisches Handelsverbot aussprechen würde? Und wer nun behauptet, deutsche Kontrollen seien sicherer und vertrauensvoller, den weise ich auf den Amtstierarzt hin, der vor wenigen Tagen anwesend war, als auf einem bayrischen Schlachthof aufs äußerste gegen Gesetze verstossen wurde....
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