Interview "Baugruppen sind keine Kuschelgruppen"

Gruppen, die gemeinsam bauen, wohnen häufig günstig. Als soziales Wohnungsprogramm taugen solche Projekte aber nicht, sagt der Stadtsoziologe Andrej Holm. Für Hartz-IV-Bezieher sind sie unbezahlbar.


Zur Person
Andrej Holm, 44, arbeitet am Lehrstuhl für Stadt- und Regionalsoziologie der Humboldt-Uni Berlin.
Frage: Herr Holm, in Gemeinschaft zu bauen kostet Zeit, Geld und Nerven. Warum schließen sich dennoch immer mehr Menschen zu Baugruppen zusammen?

Holm: Viele nehmen die Individualisierung in unserer Gesellschaft negativ wahr. Sie besinnen sich auf Kollektiverfahrungen. Zum anderen sind Baugruppen eine Reaktion auf das Versagen unserer Wohnungsversorgungssysteme, ob marktwirtschaftlich oder staatlich organisiert. Der Boom ist in Städten zu beobachten, in denen die Mieten steigen. Dort wird die Baugruppe zum Mittel, um trotz Gentrifizierung weiter schön wohnen zu können.

Frage: Wie erreichen Baugruppen dieses Ziel?

Holm: Baugruppen wollen sich Wohnraum unterhalb des Marktpreises für Eigentumswohnungen schaffen. Nimmt man ein vergleichbares Gebäude, das ein Bauträger errichtet hat, kommt die Baugruppe günstiger weg - sie spart den Betrag, der den vom Investor kalkulierten Profit ausmacht. Um das nötige Eigenkapital aufzubringen, braucht man jedoch ein überdurchschnittliches Einkommen. Noch besser ist es, wenn Familienvermögen verfügbar ist. Daher führt das Baugruppenmodell nur für eine privilegierte Schicht zur Lösung der Wohnungsfrage - auch wenn insgesamt Kosten gespart werden.

Frage: Manche Baugruppen lassen sich von gemeinnützigen Trägern unterstützen. Im Gegenzug werden diese Träger zu Erbpachtgebern oder Gesellschaftern. Was ist der Sinn einer solchen Rechtskonstruktion?

Holm: Solche Modelle sehen in der Regel vor, dass die Baugruppe das Grundstück dauerhaft vom gemeinnützigen Träger pachtet. Dadurch sind der Wertabschöpfung der Immobilie durch Investoren deutliche Grenzen gesetzt. In Stadtteilen, die von Gentrifizierung bedroht sind, kann man so die Mieten von der Preisentwicklung in der Nachbarschaft abkoppeln. Auf dem Grethergelände in Freiburg existiert zum Beispiel ein gemeinschaftliches Wohnprojekt, das Einstiegsmieten für ungefähr sechs Euro pro Quadratmeter anbietet - sehr günstig im Vergleich zur restlichen Stadt. Dort wurde ein altes Fabrikgelände günstig umgebaut. Mit dem Mietshäusersyndikat ist eine gemeinnützige Organisation als Mitgesellschafter aktiv, die die soziale Nachhaltigkeit des Projekts garantiert.

Frage: Wäre das nicht ein Modell, um für Geringverdiener Wohnraum zu schaffen?

Holm: Solche Beispiele sind leider sehr selten. Für Hartz-IV-Haushalte, die auf unterdurchschnittliche Mieten angewiesen sind, bieten die typischen Bauherrengemeinschaften keine Lösung.

Frage: Warum werben dennoch immer mehr Städte um Baugemeinschaften? Hamburg zum Beispiel hat extra eine Agentur für sie ins Leben gerufen.

Holm: Mit Baugruppen können sie eine solide Klientel anziehen, die man gerne in der Stadt hat, weil sie aus potenziellen Steuerzahlern besteht. Außerdem passen Baugemeinschaften gut zu den aktuellen Debatten um mehr Bürgerpartizipation. Dabei handelt es sich jedoch um einen rhetorischen Trick. Letztlich startet man Förderprogramme für Baugruppen, um sagen zu können: Wir machen ganz viel in der Wohnungspolitik. Das ist leichter, als ein teures Sozialwohnungsprogramm für Hartz-IV-Empfänger einzuführen. Diese Gruppe wollen Kommunen nämlich nicht in die Städte locken.

Frage: Was müsste man gegen die soziale Verdrängung von Geringverdienern tun?

Holm: Um Wohnungsnot zu vermeiden, muss Wohnen wieder als öffentliche Aufgabe angesehen werden - wie es vor den Privatisierungswellen in den Neunzigerjahren schon einmal der Fall war. Dazu muss man öffentliche Wohnungsunternehmen wieder fördern, statt sie als Melkkühe für darbende Landes- und Stadthaushalte zu benutzen. Nur in diesen und anderen gemeinnützigen Wohnungsgesellschaften kann man Mietpreise so regulieren, dass sie für Menschen mit niedrigem Einkommen auf lange Sicht erschwinglich bleiben. Das politische Instrument dafür wäre eine Mietpreisbindung. Auf diese Art von sozialem Wohnungsbau sollten sich die Kommunen zurückbesinnen.

Gefunden in

Das Interview führte "enorm"-Redakteur Philipp Wurm



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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
jolu65 21.12.2014
1. Zu kurz gedacht
Solche sozialromatischen Pläne sind vor allem wenn auch noch viele Parteien daran beteiligt sind sehr problematisch. Denn sie mögen durchaus für eine Generation, also für die Dauer von 20 oder 25 Jahren Bestand haben bei einer vorausgesetzten günstigen Biographie im Erwerbsleben. Aber was passiert, wenn Scheidung, Verlust des Arbeitsplatzes oder generell Schicksalsschläge das Wohnen in der "vergemeinschafteten" Wohnung nur unter Schwierigkeiten oder gar nicht mehr möglich wird. Und was passiert beim Tod des Eigentümers, wenn mehrere Erben "nur" eine Wohnung erben, die sich durch Vertragsklauseln kaum veräußern lassen wird und alle Erben auch hunderte von Kilometern entfernt wohnen.....
pandur1234567@yahoo.com 21.12.2014
2. Gabs doch alles schon mal
Es ist immer wieder bemerkenswert wie einem Sachen die es seit Jahrhunderten gibt als neu verkauft werden. Momentan wird scheinbar alles als modern u top gewertet was es in der DDR mal gab u trotzdem wird die DDR abgelehnt. Ziemlich komisches Verhalten.
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