Staatliche Förderung Wie Landbewohner vom Baukindergeld profitieren

Das Baukindergeld soll Familien den Traum vom Eigenheim erfüllen. Doch funktionieren dürfte das vor allem auf dem Land. In der Großstadt dagegen könnte die staatliche Zulage Immobilien noch teurer machen.

Neubausiedlung (Symbolbild)
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Neubausiedlung (Symbolbild)

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Die Große Koalition will mit einem Baukindergeld das Wohneigentum in Deutschland fördern und insbesondere jungen Familien mehr Möglichkeiten zum selbstgestalteten Leben bieten - so steht es im Koalitionsvertrag. De facto sind die geplanten Milliarden für das Baukindergeld vor allem eine Förderung für den ländlichen Raum. Denn nur dort sorgt die Förderung von 1200 Euro pro Kind und Jahr dafür, dass für junge Familien die Finanzierung der eigenen Immobilie wirklich deutlich erleichtert wird.

Nicht nur in manchen ostdeutschen Dörfern können junge Familien mit zehn Jahren Baukindergeld für mehrere Kinder schon ziemlich weit kommen - das ergibt für drei Kinder immerhin 36.000 Euro. Ist die Region nicht so begehrt, das Haus alt und womöglich etwas baufällig, könnte das Geld sogar ausreichen.

Wohnraumoffensive nennt das die Union. Insgesamt 1,4 Millionen Familien in Deutschland haben drei oder mehr Kinder. Und jeder Ortsbürgermeister auf dem platten Land begrüßt junge Familien herzlich. Schließlich bedeuten mehr Kinder mehr finanzielle Zuwendungen vom Land, noch wichtiger aber bessere Aussichten für den Erhalt der örtlichen Kindergärten und Schulen - und am Ende für die Region insgesamt.

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    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Kinderreiche Familien sind auch auf dem Land durchaus nicht mehr selbstverständlich. Ein Kindergarten und eine funktionierende Schule helfen dabei, mehr neue Bewohner anzuziehen. Wenn dann auch die Breitbandanschlüsse stehen und die Gemeindegrundstücke für junge Familien verbilligt angeboten werden, wird daraus eine runde Sache.

Wer es beobachten will: In Brandenburg geht aktuell der Schulkampf in eine neue Runde mit Gemeinden, die ihre Grundschulen erhalten wollen. Vier Grundschulen in dem dünnbesiedelten Bundesland sind betroffen. In Schleswig-Holstein hat dieser Schulkampf vor einigen Jahren sogar bundesweit Schlagzeilen gemacht. Selbst in den Tälern Baden-Württembergs wird mit Förderung und Bauland um jeden Kindergarten gekämpft.

In Berlin reicht das Geld für zehn Quadratmeter

Ganz anders natürlich die Lage in den Metropolen: In den angespannten Wohnungsmärkten sind die Summen des Baukindergeldes keine wesentliche Hilfe für Kaufinteressenten. Zu schnell wachsen die Städte. Der Wohnungs- und Schulbau kommt oft nicht mit. In Berlin können junge Familien vom Baukindergeld für drei Kinder gerade mal um die zehn Quadratmeter zusätzliche Wohnfläche bezahlen, in München oder Hamburg noch deutlich weniger.

Angesichts der harten Konkurrenz auf dem städtischen Wohnungsmarkt profitieren am Ende nicht die Familien: Häufig genug dürften die Fördermittel auch in Zukunft quasi komplett durchgereicht werden an Bauträger, die die Preise für neue Wohnungen weiter erhöhen können. Ähnliche unerwünschte Effekte ließen sich schon vor fünfzehn Jahren bei der Eigenheimzulage beobachten.

Die schwierige Wohnsituation für Familien in Großstädten wird die Koalition auch mit fast einer halben Milliarde Euro geplantem Baukindergeld pro Jahr also nicht erleichtern. Sie sollte das Geld vielleicht besser anders einsetzen.

In Berlin, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Hamburg, Köln, München und Stuttgart haben sich die Preise für Wohnimmobilien seit dem Jahr 2010 annähernd verdoppelt. Eine Eigentumswohnung, die damals für 300.000 Euro zu haben war, dürfte jetzt eher bei 540.000 Euro liegen. Wer jetzt zuschlägt, kauft zu sehr hohen, vielleicht sogar Höchstpreisen.

Da macht das Baukindergeld eine einfache Familie nicht wirklich konkurrenzfähig. Dabei sind die Einkommensgrenzen für die Förderung großzügig bemessen: Der Familienhaushalt darf laut Koalitionsvertrag auch ohne Kinder immerhin 75.000 Euro zu versteuerndes Einkommen haben, plus 15.000 Euro pro Kind. Mit drei Kindern könnte eine Familie also bis zu 120.000 Euro zu versteuerndes Einkommen verdienen. Das ist schon sehr ordentlich und entspricht mehr als zwei Vollzeit-Durchschnittseinkommen plus der Kinderzulagen. Doch die Preise sind diesen Gehaltsklassen bereits enteilt.

Was schon feststeht - und was nicht

Der Gesetzentwurf liegt zwar noch nicht vor - das Finanzministerium wollte auch diese Woche noch keinen Termin nennen - doch die Koalition hat sich bereits auf einige Details zum künftigen Baukindergeld festgelegt:

  • Die Förderung soll rückwirkend zum 1. Januar 2018 gezahlt werden. Wer also in diesem Jahr baut oder kauft, ist potenziell dabei.
  • Die Förderung soll es nur für den Ersterwerb einer Immobilie, neu oder gebraucht, geben. Familien, die größer geworden sind und jetzt mehr Platz brauchen und erneut kaufen wollen, würden nach dieser Formulierung nicht profitieren.
  • Die Zahlung soll von der staatlichen Förderbank KfW abgewickelt werden.
  • Leer ausgehen würden auch alle Immobilienkäufer, die Haus oder Wohnung eigentlich nur vermieten wollen oder einfach nur ein Ferienhaus bauen oder kaufen wollen.

Andere Fragen sind dagegen noch offen, ungeklärt ist das Familienkonzept hinter dem Baukindergeld. Klar: Es braucht Kinder für das Baukindergeld. Aber braucht es auch einen Trauschein oder eine verbriefte Lebenspartnerschaft? Das sollte eigentlich nicht sein, dann wären Alleinerziehende ja von der Förderung ausgeschlossen.

Die nächste offene Frage: Wie wird das Einkommen berechnet? Wird das einfache Steuerbrutto zugrunde gelegt? Die Rede ist vom zu versteuernden Haushaltseinkommen. Ist es vielleicht besser als gutverdienendes Paar, doch noch nicht zu heiraten, wenn man gemeinsam die Einkommensgrenze übersteigt. Sollte also nur einer der Partner das Baukindergeld beantragen? Und sollte eine Heirat besser erst mal verschoben werden?

Wer jetzt bauen will und auf das Baukindergeld setzt, sollte sich unbedingt noch ein paar weitere Gedanken zur Finanzierung machen. Es gibt ja noch weitere Töpfe. Außerdem sollten die Familien sich über alle weiteren Kosten im Klaren sein.

  • Vor allem die Fördertöpfe der KfW sollten Bau-Familien unbedingt in Betracht ziehen
  • Die Nebenkosten im jeweiligen Bundesland müssen beim Immobilienkauf ebenfalls einkalkuliert werden. In vielen Bundesländern sind das mehr als sieben Prozent für den Makler, sechs Prozent Grunderwerbssteuer - und dann noch der Notar.
    Bei einer großen Wohnung oder einem großen Haus fressen die Nebenkosten mehrere Zehntausend Euro auf. Womöglich mehr als die ganze Förderung.
  • Auch wichtig: Welche Haushaltskosten bringt das Haus draußen vor der Stadt mit sich? Und was kosten eigentlich zwei Autos jeden Monat?
  • Schließlich sollten sich die Familien Gedanken über das Abzahlen machen und die richtige Tilgung für die aktuell niedrigen Zinsen wählen.

Zu guter Letzt: Auch die beste Förderung macht aus einem Immobilienmuffel noch keinen glücklichen Wohnungsbesitzer. Bevor Sie über Bauen und Kaufen nachdenken, über Förderung und das Verschieben der geplanten Hochzeit, sollten Sie sorgfältig prüfen, ob die eigenen Immobilie wirklich das Ziel ihrer Träume ist. Wer baut, ist für jedes Malheur in seiner eigenen Wohnung selbst verantwortlich. Und eines kann ich Ihnen aus Erfahrung sagen: Einmal geht die Heizung in jedem Fall kaputt.



insgesamt 28 Beiträge
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nici_d 26.05.2018
1. Bringt nur den Bauträgern etwas
Aus eigener Erfahrung: Gibt es irgend eine Förderung, dann ziehen die Preise um genau diesen Betrag an. Fällt die Förderung weg, purzeln die Preise zwar nicht, aber sie steigen vielleicht eine Zeit lang etwas langsamer. Ist das gleiche mit dem Bauzinssatz. Der Bauträger rechnet so: Ausgehend von dem möglichen monatlichen Betrag wird bei momentanem Zinssatz und meist nur geringer Tilgung von 2 Prozent auf die mögliche Kreditsumme hochgerechnet. Darauf aufgeschlagen wird der Eigenanteil, den die Bank voraussetzt und dann werden noch die Zuschüsse/Förderungen draufgeschlagen. Die Summe ergibt dann den erzielbaren Kaufpreis. Der Käufer hat null und nichts davon.
gorchus 26.05.2018
2.
Die Diskriminierung der Gutverdiener geht in eine neue Runde. Höhere Steuern, keine Förderungen. Das nächste ... Durchschnittsgehälter variieren stark von Nord nach Süd und Ost nach West. Eine Arbeiterfamilien in Raum Stuttgart wird nicht gefördert. Eine Ingenieursfamilie an der Ostsee schon. Solche Blüten treibt es dann. Das Strukturarme Regionen gefördert werden sollen, denn nix anderes ist das, ist richtig. Aber auf den Rücken von Familien ist nicht richtig.
Kupferlegierung 26.05.2018
3. Gibt es nur Metropole oder Dorf?
Wenn man den Artikel (oder ähnliche) liest, fragt man sich, welche Stadt-Land Einteilung gemeint ist. Ist "Stadt" nur HamburgBerlinMünchen, vielleicht noch eine Handvoll anderer Metropolen, und der Rest ist Dorf, plattes Land, Provinz oder wie die sonstigen meist despektierlichen Begriffe lauten? Was ist mit den vielen deutschen Städten mittlerer Größe? Die Autoren, die aus der Perspektive des Bewohners einer urbanen Berliner oder Hamburger Altbauwohnung schreiben und vermutlich die "Landlust" abonniert haben, täten gut daran, über ihren Tellerrand hinauszusehen.
Sandlöscher 26.05.2018
4. Ach, Herr Tenhagen
reichlich naiv, was in Ihrem Artikel so zu lesen ist. Das Baulindergeld reiht sich nahtlos in die Reihe unsinniger Subventionen ein. Das Baukindergeld schlägt die Bauindustrie auf die bisherigen Preise. Das war damals bei der sog. Eigenheimzulage auch so. Familienförderumg sollte eher durch steuerliche Entlastung, bessere Infrastruktur in den Gemeinden erfolgen. Weiterhin sollten Gemeinden wieder verstärkt Bauland auf kommunaler Ebene erschließen. Dann stopfen sich nicht sog. Investoren die Taschen voll. Das Beispiel haben wir auch in unserem Ortsteil. Hier hat sich der Preis pro QM fast verfierfacht nach dem die Gemeinde die Erschließung einem Privatinvestor überlassen hat. Mit dem Baukindergekd wird es wohl noch teurer.
jojack 26.05.2018
5. Großstadt und Kinder
Die Großstadt ist für Familien mit Kindern doch ohnehin mit vielen Nachteilen verbunden. Selbst Paare, die noch als Studenten das quirlige Leben einer Großstadt mochten, erkennen schnell die Vorzüge von Ruhe, mehr Platz, weniger Drängelei, kaum Kriminalität und mehr persönlichen Kontakten zu Nachbarn, die es auf dem Land gibt. Es muss ja nicht gleich in die tiefste Provinz gehen. Oft reichen schon ein paar Kilometer Abstand von der Großstadt, um diese Vorzüge genießen zu können und gleichzeitig noch weniger für Immobilienbesitz bezahlen zu müssen.
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