Lebensmittelkontrollen in Bayern Behörde verschweigt Hygienemängel in Wurstfabrik

Bei einer Lebensmittelfirma in Bayern werden über Monate hygienische Zustände beanstandet. Doch die Behörde verzichtet auf Sanktionen. Die Tönnies-Tochter selbst spricht von "subjektiven Wahrnehmungen" des Kontrolleurs.

Landratsamt Landsberg am Lech

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Stinkende Pfützen, verdreckte Maschinen, Hygienemängel: Monatelang vermerkte der Lebensmittelkontrolleur in der bayerischen Wurstfabrik "Landsberger Wurstspezialitäten" unappetitliche Zustände. Der Betrieb, der zum größten deutschen Fleischkonzern Tönnies gehört und unter anderem Produkte mit dem Namen "Lutz Fleischwaren" vertreibt, hatte aber nichts zu befürchten: Die Behörde verhängte weder Bußgelder noch Zwangsmaßnahmen. Auch die Öffentlichkeit wurde nicht informiert.

Bis heute wüsste kein Außenstehender davon, hätte die Verbraucherorganisation Foodwatch nicht die Kontrollberichte für die Zeit von Oktober 2017 bis Februar 2018 erstritten. Die Dokumentation der "festgestellten nicht zulässigen Abweichungen" von Vorschriften, inklusive Fotos und Schreiben von Behörde und Betrieb, liegt dem SPIEGEL vor. Die Redaktion hat sie gesichtet und weitere Informationen angefordert.

"Die Bänder sind fettig, schmierig und es haftet Petersilie an"

Bei jedem der mehr als 40 Besuche bei dem Hersteller von Fleischwaren wie Schinken oder Weißwurst für Supermärkte und Gastronomie hatte der Kontrolleur etwas zu bemängeln. Immer wieder geht es um den Vorwurf fehlender Sauberkeit: "Die Abteilung ist schlecht gereinigt", heißt es etwa am 12.10.2017. "Die Maschine nur grob. Es liegt sogar noch eine ganze Wurst in der Maschine." Am 30.10.2017 steht dort: "Die Bänder der Weißwurstmaschine sind fettig, schmierig und es haftet Petersilie an."

Im Februar 2018 konstatierte der Prüfer sogar "schwere Fehler in der Handhabung der Basishygiene". Eine schnelle Besserung stellte der kontrollierende Veterinär nicht in allen Fällen fest: "Hinter der Backkammer ist wieder die Pfütze mit dem trüben stinkenden Wasser. Dieses Problem ist bereits sehr lange bekannt. Ich erwarte, dass das Problem innerhalb der von mir nun gesetzten letzten Frist erledigt wird".

Das für die Kontrollen zuständige Landratsamt Landsberg am Lech sieht die Lage offenbar anders als sein eigener Prüfer. Im Begleitschreiben zu den Dokumenten heißt es: "Es erfolgten regelmäßig mündliche Belehrungen durch den amtlichen Tierarzt, in deren Folge die Mängel durch den Betrieb umgehend abgestellt wurden" - eine Feststellung die den Protokollen widerspricht. Da es sich laut der Behörde "in der Regel um geringfügige Mängel handelte", seien weitergehende Maßnahmen nicht notwendig gewesen. Eine detaillierte SPIEGEL-Anfrage ließ das Amt unbeantwortet.

"Missverständnisse, subjektive Wahrnehmungen oder Vermutungen"

Das Unternehmen selbst äußert sich in einem Schreiben an die Behörde "sehr verwundert" über die Herausgabe der Kontrollberichte, die nur "die Befundlage des Kontrolleurs" darstellten, aber "mitnichten nicht zulässige Abweichungen". In mehreren Fällen seien "Missverständnisse, subjektive Wahrnehmungen oder Vermutungen die Grundlage für Feststellungen", im Nachhinein habe man das klären können.

Weil der Betrieb die Herausgabe der Dokumente an Foodwatch nicht verhindern konnte, schickte er eine eigene ("aus unserer Sicht sinnvolle") Kommentierung mit. Da heißt es dann beispielsweise "'stinkende Brühe' ist subjektiv, geruchliche Abweichungen können durch uns nicht bestätigt werden". Die mehrfach monierte Pfütze erklärt man durch ein falsches Bodengefälle, für die der Installateur der Backkammer verantwortlich gewesen sei. Dieser habe fehlerhaft gearbeitet und mehrfach zur Nachbesserung gedrängt werden müssen. Die Wassertrübung sei "in Brüh- und Räucherprozessen begründet". So wird immer wieder auf Fehler von Dienstleistern verwiesen.

Die zum Tönnies-Konzern gehörende Zur Mühlen Gruppe hat den Betrieb erst zum 1. Oktober 2017 aus der Insolvenzmasse der "Lutz Fleischwaren GmbH" übernommen - und damit offenbar viele bestehende Mängel. Fraglich ist, warum die neue Besitzerin die vom Prüfer bemängelten Probleme innerhalb von fünf Monaten nicht besser in den Griff bekommen hat.

Die amtlich bestellten Kontrolleure prüfen nicht alles selbst, sondern überwachen vor allem die Eigenkontrollen der Betriebe. Und dabei waren in der Vergangenheit offenbar auch potenziell gefährliche Bakterien gefunden worden. Am 20.12.2017 heißt es im Protokoll des Kontrolleurs: "Bei der letzten Quartalsbesprechung wurde das Problem der Verkeimung in den Verpackungen diskutiert. Ein Hauptkritikpunkt war, dass wenn Probleme festgestellt werden, keine Maßnahmen eingeleitet werden".

Dieser Vorwurf zieht sich wie ein roter Faden durch die Kontrollberichte, immer wieder wurden Probleme nicht, wie gefordert, "umgehend" behoben. Am 04.01.2018 heißt es: "Mit den Maßnahmen bin ich nicht einverstanden. Die Quelle der Kontamination muss ermittelt werden", am 14.02.2018 steht noch einmal "Die Ursache wurde nicht ermittelt".

Diesen Vorwurf weist das Unternehmen scharf zurück: "Hier handelt es sich um ein Missverständnis! Aufgrund von Personalwechsel wurde die Übersicht durch unseren Mitarbeiter falsch interpretiert und leider auch falsch an den Veterinär weitergegeben. Dies wurde ihm auch bereits mehrfach so mitgeteilt." Auch die notierte "Verkeimung" sei falsch: "Die Übersichtstabelle der Hygieneumfeldkontrollen belegt einen guten mikrobiologischen Status in der Verpackungsabteilung. Aus den einzelnen Befunden kann kein systematischer Fehler abgeleitet werden." Zudem seien bei weiteren Prüfungen "seit Übernahme des Betriebes" keinerlei Bakterien festgestellt worden, man sei sogar nach dem strengen IFS-Food-Standard zertifiziert.

Experte sieht "Organisationsversagen der Betriebsleitung"

Doch was sagen unabhängige Experten? Der frühere Vorsitzende des Bundesverbands der Lebensmittelkontrolleure, Martin Müller, zeigte sich "schockiert" von den dokumentierten Zuständen und davon, "dass immer wieder die gleichen Mängel auftauchen". Er sieht in den Berichten nicht nur ein "Organisationsversagen der Betriebsleitung" dokumentiert, sondern auch der Behörde: "Hier hätten ganz klar Maßnahmen ergriffen werden müssen - Verwarnungen, Bußgelder und bei den wiederholten Verstößen hätten auch einzelne Maschinen oder Betriebsteile für eine gründliche Reinigung stillgelegt werden müssen."

Die Einschätzung des Landratsamts hält Müller für eine "absolute Fehlinterpretation". Allein die hohe Zahl der Kontrollen zeige schon, dass in dem Betrieb einiges im Argen gelegen habe. Die mehr als 200 Fotos, die der Kontrolleur geschossen habe, dienten zudem normalerweise der Dokumentation für die Einleitung von Maßnahmen.

Auf eine detaillierte SPIEGEL-Anfrage ließ das Unternehmen nur eine mit einer Warnung verbundene Antwort schicken - durch eine bekannte Medienrechtskanzlei. Zitieren lassen möchte man sich mit dem Schreiben aber nicht.

Wurstfabrik klagt gegen Kontrolle durch neue Behörde

Erstaunlich ist aber weniger die Haltung des Betriebs als die abwiegelnde Reaktion des Landratsamts, schließlich haben Lebensmittelskandale in Bayern mittlerweile eine ungute Tradition: Bei Müller-Brot, einer der größten Bäckereien Deutschlands, hatten Kontrolleure im Jahr 2012 Schimmel, Mäusekot, Kakerlaken und Käfer gefunden. Die Produktion aber lief weiter, die Öffentlichkeit wurde nicht informiert. Ähnlich war es 2015 bei der Großbäckerei Bachmeier, wo die Behörden sogar eine in Brot eingebackene Schabe fanden.

Für Aufsehen gesorgt hat auch der Skandal um die Firma Bayern-Ei, die ein Jahr lang bundesweit Eier auslieferte, obwohl die Verantwortlichen wussten, dass einige Standorte mit Salmonellen kontaminiert waren. Hunderte Menschen erkrankten damals an den Bakterien. Der bayerische Landtag setzte einen Untersuchungsausschuss ein und schuf mit der "Bayerischen Kontrollbehörde für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (KBLV)" eine neue Behörde. Seit Januar 2018 ist die KBLV für 589 große Lebensmittelbetriebe zuständig, die vorher von den Landratsämtern kontrolliert wurden - so sollte auch Kungelei verhindert werden.

So richtig scheint das aber bislang nicht zu funktionieren: Denn die "Landsberger Wurstspezialitäten" müsste eigentlich genau in die Zuständigkeit der neu errichteten Behörde fallen. Weil der Betrieb aber dagegen klagte, wird er bis zur Entscheidung weiterhin vom Landratsamt Landsberg kontrolliert. Foodwatch-Campaigner Johannes Heeg hält das für einen Skandal: "Erst redet das zuständige Landratsamt die Hygieneprobleme klein. Und dann verhindert das betroffene Unternehmen, dass eine andere, womöglich strengere Behörde die Kontrollen übernimmt. Will sich hier ein Schmuddelbetrieb seine Kontrolleure selbst aussuchen?"

Foodwatch fordert Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) dazu auf, die Behörden zu verpflichten, die Lebensmittelkontrollergebnisse umgehend zu veröffentlichen. Bisher hat allerdings gerade Bayern entsprechende Vorgaben verhindert, auch während des Müller-Brot-Skandals. Der damals zuständige Fachminister hieß Markus Söder.

insgesamt 104 Beiträge
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vincentaurelius 20.09.2018
1. Tja,
weiß das der Herr Seehofer, oder ist der wieder damit beschäftigt, Deutschland nach den Maßstäben seines Bayern weiter zu nerven? Hat er nicht mal sinngemäß sowas gesagt wie, das Bayern in allen Belangen ein Vorbild für ganz Deutschland sein sollte?` Äh, lieber nicht.
oneworldnow 20.09.2018
2. Das grenzt ja schon
fast an vorsätzlicher Körperverletzung was das Landratsamt Landsberg da seinen Bürgern zumutet. Ein Betrieb,der so lässig mit seiner in der Sache liegenden Verantwortung umgeht muß geschlossen oder in gewissenhafte Hände gegeben werden.
watch15 20.09.2018
3. und täglich grüßt das Murmeltier
Für mich ein erneuter Fall des "unter-den-Teppich-kehrens" ... gedeckt von einer Politiker-Gilde, die dem Wahlvolk das Blaue vom Himmel herunterlügt und abwiegelt. Alles in Ordnung Leute! Richtiger Verbraucherschutz ist unserer Regierung wohl wortwörtlich "Wurst". Das ein Unternehmen gegen die Kontrolle einer neuen Behörde dann noch klagt, setzt dem Ganzen dann noch die Krone auf. Danke an Foodwatch und SPON, diesen Fall mal auf die Tagesordnung zu setzen. Ich hoffe es wird hier weiter recherchiert wer hier faktisch gegen die Verbraucher und Konsumenten arbeitet.
rainercom 20.09.2018
4. Behörde verschweigt Hygienemängel in Wurstfabrik
Der Staatsanwalt sollte mal die Konten des Behörden-Mitarbeiters überprüfen.
max-mustermann 20.09.2018
5.
Filz und Vetternwirtschaft zwischen staatlichen Behörden, Politik und Firmen sind hier in Bayern leider üblich, der CSU sei dank.
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