Studie So unsicher sind Berufs­unfähigkeits­versicherungen

Eine Berufsunfähigkeitsversicherung soll im Ernstfall den Lebensunterhalt sichern. Doch kann man sich darauf auch verlassen? Laut einer Studie ist es oft fraglich, ob der Versicherer auch zahlt.

DPA

Von Justus von Daniels und (correctiv.org)


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Sie ist für den Notfall gedacht: Wenn der Rücken chronisch schmerzt oder die Hand dauerhaft geschädigt ist. 25 Prozent aller Deutschen haben eine Berufsunfähigkeitsversicherung. Sie soll den Lebensunterhalt absichern, wenn man seinen erlernten Beruf nach einer Verletzung oder Krankheit nicht mehr ausüben kann. Doch ob die Versicherung tatsächlich zahlt, können weder Kunden noch Vermittler vorab einschätzen, so das Ergebnis einer Studie zu Berufsunfähigkeitsversicherungen.

Wie häufig Versicherte einen Schadensfall anerkannt bekommen, schwankt der Studie zufolge extrem: Einige Versicherungen lehnten jeden siebten Antrag auf Berufsunfähigkeit ab, andere dagegen jeden zweiten. Enorme Unterschiede, trotz eigentlich gleicher rechtlicher Bedingungen. Auslöser sind laut Studie mehrere Hundert schwammige Begriffe in den Verträgen der Versicherer und intransparentes Leistungsverhalten der einzelnen Versicherungen. Die Bürger seien "faktisch orientierungslos", sagt Claus-Dieter Gorr vom Informationsdienstleister PremiumCircle, der die Studie durchgeführt hat.

Die Vermittler solcher Versicherungen verkauften im Prinzip Interpretationen, von denen sie nicht wissen könnten, ob sie im Leistungsfall zutreffen, kritisiert Gorr. Eine Berufsunfähigkeitsversicherung sei deshalb oftmals nicht mehr als eine Option, die Versicherung zu verklagen.

Für die Studie befragten die Autoren im vergangenen Herbst 62 Versicherungen. 15 Konzerne lieferten Daten für das Jahr 2014, darunter die HDI, die Targo und die Signal/IDUNA. Unternehmen wie die Allianz, die ERGO und die HUK lehnten es dagegen ab, sich an der Studie zu beteiligen. Die Ergebnisse stellt PremiumCircle am Dienstag auf einer Tagung in Frankfurt vor.

Zwischen einem und sieben Monaten brauchen Versicherer demnach im Schnitt, um einen Antrag der Versicherten zu entscheiden. Und auch bei einer Klage gegen die Versicherung unterscheidet sich das Verhalten der Konzerne erheblich. Einige Versicherer gewinnen alle Klagen, andere verlieren in mehr als 80 Prozent der Fälle vor Gericht. Sie lassen es offenbar auf eine Klage ankommen, anstatt schnell zu zahlen. "Die richtige Versicherung zur Berufsunfähigkeit abzuschließen, gleicht einem Würfelspiel", sagt Claus Dieter Gorr.

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft veröffentlicht selbst nur Mittelwerte all seiner Mitgliedsunternehmen. Die Unterschiede zwischen einzelnen Versicherern bezeichnet Pressesprecher Christian Ponzel in einer Stellungnahme als "nicht aussagekräftig".

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Ein Grund für die großen Unterschiede ist laut Gorr, dass die Versicherer zu große Spielräume in ihren Verträgen hätten. 321 unbestimmte Begriffe finden sich demnach in den Bedingungen der Versicherer. Versicherungen müssen beurteilen, ob ein Schaden es dem Versicherten tatsächlich unmöglich macht, seinen Beruf weiter auszuüben. Und ob eine Krankheit nicht schon seit der Kindheit vorliegt. Oder sie verpflichten den Kunden dazu, bei Leistungsbezug quasi jede Verbesserung seiner Gesundheit mitzuteilen. Das könne theoretisch auch schon der Fall sein, wenn der Versicherte nur noch zwei statt drei Tabletten einnehmen muss, sagt Gorr. Damit hätten die Versicherungen genug Spielraum, diese Verträge zu ihren Gunsten auszulegen - und eine Rente im Zweifel abzulehnen. "Bei Vertragsabschluss lässt sich nicht erkennen, was eine Versicherung abdeckt," sagt Gorr. Die Verträge seien schwammig formuliert.

Die Versicherer wehren sich gegen die Kritik: "Diese Argumentation ist abwegig", sagt Peter Schwark, der beim Gesamtverband der Versicherungswirtschaft für die Altersvorsorge zuständig ist. Die Versicherer müssten solche "unbestimmten" Begriffe verwenden, weil Berufsunfähigkeitsversicherungen auch in 30 Jahren noch Bestand haben müssen. "Versicherungen nutzen solche Dinge nicht willkürlich, um Kunden auflaufen zu lassen." Dem Autor der Studie wirft Schwark vor, eigene finanzielle Interessen zu haben und nur deshalb eine solche Studie zu veröffentlichen, um einen Markt für seine Beratungsleistungen zu schaffen.

Informationsdienstleister Gorr sagt, die Verbraucher hätten keine Chance zu erkennen, welche Versicherung wirklich die beste für sie ist. Für Versicherungen sei es zum Beispiel viel zu einfach, in öffentlichen Rankings Bestnoten zu bekommen. Die Werbung für solche Berufsunfähigkeitsversicherungen sei "weitgehend irreführend". Auch weil nur jeder Vierte eine Berufsunfähigkeitsversicherung hat, sieht Gorr "quasi ein Marktversagen" in der Versicherungsbranche.

Unterstützung bekommt Gorr von Rechtsanwalt Joachim Laux, dessen Berliner Kanzlei sich darauf spezialisiert hat, Verbraucher bei Klagen gegen Versicherer zu unterstützen. Er schätzt die Leistungen der Versicherungen als noch viel schlechter ein. Die Bearbeitungsdauer der Verfahren sei nach seiner Erfahrung sehr viel länger als in Gorrs Studie angegeben - und auch die Ablehnungsquote "dürfte bei allen Versicherern deutlich über 50 Prozent liegen". Rechtsanwalt Laux und seine Kollegen machen nach eigenen Angaben täglich die Erfahrung, "dass sich BU-Versicherer sowohl bei Abschluss von Versicherungen als auch im Leistungsfall grundsätzlich sehr höflich, in der Sache aber intransparent, ausforschend und hinhaltend, im Ergebnis also unangemessen verhalten".

Bis ins Jahr 2000 war die Berufsunfähigkeitsversicherung noch staatlich organisiert, erst danach wurde sie unter der rot-grünen Bundesregierung privatisiert. "Die Privatisierung zeigt besonders eindringlich, dass die private Absicherung existenzieller Risiken in der Regel auf Kosten der Versicherten geschieht", schreibt die Bundestagsabgeordnete Sabine Zimmermann, Rentenexpertin der Partei Die Linke. Das Versicherungsvertragsgesetz müsse überarbeitet werden, "einerseits um die rechtlich unklaren Begriffe zu schärfen, andererseits um die Transparenz zu erhöhen."

"Je risikoreicher ein Beruf ist, umso teurer ist der Tarif für die Berufsunfähigkeitsversicherung. Das macht die Absicherung für viele Berufsgruppen kaum bezahlbar bzw. sie bekommen gar keine Versicherung angeboten", schreibt die Bundestagsabgeordnete Elvira Drobinski-Weiß, verbraucherpolitische Sprecherin der SPD. Zu den Ergebnissen der neuen Umfrage wollte sie sich vor Beratungen mit ihren Parteikollegen nicht äußern.

Das Bundesjustizministerium sieht derzeit keinen Grund, die bestehende Praxis zu ändern. In juristischen Texten werde "oft mit unbestimmten Rechtsbegriffen gearbeitet", so ein Sprecher des Ministeriums. Auch eine gesetzliche Versicherung lehnt das Ministerium ab, weil ein Großteil der Bevölkerung diesen Schutz nicht wahrnehme. "Eine Versicherungspflicht zur Lösung bestehender Problemfälle erscheint unverhältnismäßig. Es gibt derzeit auch keine Pläne in diese Richtung."

Zusammenfassung: Eine neue Studie zeigt, dass Versicherte sich nicht darauf verlassen können, dass ihre Berufsunfähigkeitspolice im Schadensfall wirksam wird. Der Untersuchung zufolge haben die Versicherer unter anderem oft zu große Spielräume in ihren Verträgen. Das Bundesjustizministerium sieht keinen Grund, daran etwas zu ändern.

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plautz 28.03.2017
1. Das kann doch gar nicht sein...
... , privatwirtschaftlich organisiert MUSS doch immer besser sein, das ist doch ein Naturgesetz. So sagen es uns doch immer diejenigen, die so viel Geld damit gemacht haben. Wir brauchen weniger Staat, damit es noch gerechter zugeht. Liebe Redaktion, sie müssen sich da geirrt haben...
wastl300 28.03.2017
2. Die beste Versicherung
Die beste Versicherung ist keine zu haben. Allein der seelische Schmerz, und das jahrelange Warten auf Entscheidung seitens der Versicherung ist der Brosamen nicht Wert, welcher einem vielleicht angeboten wird. Der bessere Weg ist klar eine intakte Familie.
Nicole Cordier 28.03.2017
3. Bezahlen?
Irgendwie gewinnt man doch immer mehr den Eindruck, dass Versicherer, egal bei welcher Versicherungsart, nach allen Nischen und Möglichkeiten suchen, entweder gar nicht zu versichern oder aber im Schadensfall eine Auszahlung zu vermeiden. Nur so macht man schließlich Dividende...
urmedanwalt 28.03.2017
4. Ich kenne das
Habe als Anwalt auch oft mit solchen Fällen zu tun. Natürlich meldet sich bei mir keiner, dem eine Leistung voll bewilligt wurde, aber die Versicherer haben eine ganze Reihe von Möglichkeiten, Leistungen später abzulehnen und die Versicherten zu zermürben. Viele Leute machen Fehler schon beim Antrag. Da wird ihnen vom Vermittler, der nur auf die Provision aus ist, nahegelegt, doch nicht alle "Kinkerlitzchen" als Vorerkrankung anzugeben, natürlich ohne Zeugen. Dabei gibt es z.B. Urteile, die einen verschwiegenen Fußpilz bereits als Obliegenheitsverletzung ansehen, so dass der Versicherer leistungsfrei wird. Außerdem müssen nach den üblichen Antragsvordrucken weit zurückreichend Erkrankungen angegeben werden. Kein Mensch weiß doch noch, wann er vor fünf oder gar zehn Jahren mal krank war. Die als angebliche Hilfeestellung genannten Beispiele für zu nennende Krankheiten sind so schwammig, dass die Versicherer sich im Prozessfalle immer darauf berufen können, dass der Antrag falsch ausgefüllt worden sei. Nach meiner Erfahrung werden nur dann Leistungen gezahlt, wenn es sich um überschaubare Zeiträume handelt, so dass die kassierten Beiträge nicht komplett ausgezahlt werden müssen, zum Beispiel bei älteren VN mit kurzer Zeit bis zur Rente oder dann, wenn eine Verbesserung absehbar ist und dadurch die Leistungen wieder entfallen. Wenn es um viel Geld geht, wird bis in die letzte Instanz gestritten und der VN so lange zermürbt, bis er einem für ihn unvorteilhaften Vergleich zustimmt.
dr.nick 28.03.2017
5. Dank der Privatisierung ist doch alles besser geworden.
Ich bin ja dafür das man den Rest auch noch privatisiert. Polizei, Feuerwehr und ggf. Politik. Kann sich dann jeder mit Geld so einbringen wie er möchte. Wäre eine tolle Sache und alle provitieren.
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