Berufsunfähigkeit Wenn die wichtige Versicherung plötzlich drastisch teurer wird

Gegen Berufsunfähigkeit sollte jeder versichert sein. Doch die Verträge sind teuer - und gerade hat ein Anbieter die Beiträge drastisch erhöht, um bis zu 40 Prozent. Was Betroffene tun sollten.

Bauarbeiter auf dem Gerüst
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Bauarbeiter auf dem Gerüst

Eine Kolumne von


Um bis zu 40 Prozent hat die WWK die Preise für ihre Berufsunfähigkeitsversicherten zum Jahreswechsel erhöht, wie uns mehrere Makler mitteilten. Ein "Finanztip"-Leser berichtete uns, seine Jahresprämie sei von 1074 auf 1480 Euro gestiegen. Einfach mal so. Ein Schock für viele Versicherte - und eine unangenehme Eigenheit bei Berufsunfähigkeits- und Risikolebensversicherungen. Denn solche Erhöhungen sind dort umstandslos möglich.

Dabei ist die Berufsunfähigkeitsversicherung ohne Zweifel sinnvoll. Objektiv betrachtet haben viel zu wenige Arbeitnehmer diesen Schutz - rund 17 Millionen Verträge gibt es bundesweit. Selbst bei Familien mit Kindern, die auf das Einkommen angewiesen sind, hat nach Angaben des Versicherersverbands GDV nicht einmal die Hälfte der Verdiener diesen Schutz. Wer seinen Beruf nicht mehr ausüben kann und seinen Lebensunterhalt ohne Gehalt nicht bestreiten kann, fällt wirtschaftlich ins Bodenlose. Solcher Schutz ist also für die meisten von uns Arbeitnehmern dringend nötig.

Und doch kommen die Anbieter eines so nützlichen Produkts nicht so recht aus den negativen Schlagzeilen. Viel zu viele Kunden, die Versicherungsschutz wollen, bekommen ihn nicht, weil den angefragten Versicherern der Gesundheitszustand potenzieller Kunden zu unsicher ist. Die Unternehmen verlangen ellenlange Auskünfte zum Gesundheitszustand sowie zu Arzt- und Krankenhausbesuchen der vergangenen zehn Jahre, bevor sie einen Vertrag anbieten. Schon therapeutische Gespräche wegen Liebeskummers reichen aus, sinnvollen Schutz zu verhindern.

Wenn dann der Versicherungsfall eintritt, zicken die Versicherer auch oft. In jedem fünften Fall bekommt der Kunde gar kein Geld.

Einerseits ist das verständlich: Eine Berufsunfähigkeitsversicherung sieht es als Großschaden, wenn sie einem 47-jährigen Kranken für die kommenden 20 Jahre 1000 oder gar 2000 Euro pro Monat zahlen muss, weil er den erlernten Beruf nicht mehr ausüben kann. Und 47 Jahre sind die Versicherungskunden im Schnitt, wenn sie berufsunfähig werden.

Also suchen Versicherer immer wieder nach Möglichkeiten, nicht oder nicht so viel zahlen zu müssen.

Andererseits: Neun Milliarden Euro Beitragseinnahmen haben die Versicherer im Jahr 2016 für Berufsunfähigkeitsversicherungen, Invaliditätsversicherungen und verwandte Produkte kassiert. Und nur rund 3,6 Milliarden Euro an Leistungen unmittelbar ausgezahlt.

Das weckt nicht gerade Vertrauen. Immer wieder hören wir von Fällen, wo ein Konzern auf Zeit spielt und im Schadensfall darauf setzt, dass dem Versicherten das Geld ausgeht - und er vor der Übermacht kapituliert. Das geht gar nicht. Meine "Finanztip"-Kollegen empfehlen, schon vor der Berufsunfähigkeitsversicherung eine Rechtsschutzversicherung abzuschließen, um im Zweifel sein Recht mit einem Anwalt durchsetzen zu können.

Und jetzt noch dieses: Ein Berufsunfähigkeitsversicherer erhöht drastisch die Preise - die WWK aus München, im Rest der Republik als Trikotsponsor des FC Augsburg bekannt. Erst 2016 hatte die WWK die Preise für manche Berufsgruppen deutlich erhöht, genau wie die Hanse Merkur.

Die Kunden müssen sich veralbert fühlen

Die WWK nutzt eine Vertragsklausel, die in vielen Berufsunfähigkeits- und Risikolebensversicherungsverträgen enthalten ist: Der Versicherer nennt einen Bruttopreis, also den Betrag, den die Versicherung eigentlich Jahr für Jahr kosten müsste - verlangt aber nur einen Nettopreis, der deutlich niedriger ist. Das hat den Hintergrund, dass die Versicherer die ohnehin relativ hohen Beiträge der Kunden am Kapitalmarkt anlegen. Die dort erwirtschafteten Renditen verwenden sie zur Beitragsminderung. Außerdem sind die Zahl der Schäden und die jeweiligen Kosten oft niedriger, als vom Versicherer ursprünglich erwartet.

Mit den so entstandenen Überschüssen macht mancher Versicherer dem Kunden ein Angebot zu einem Nettopreis, der nur halb so hoch ist wie der zuvor ausgerechnete Bruttopreis. Im Mittel waren die Bruttopreise 2017 bei einem Test der Stiftung Warentest selbst bei als "sehr gut" bewerteten Policen im Schnitt rund 50 Prozent höher als die Nettopreise.

Der Vorteil für den Versicherer: Er kann mit dem schön niedrigen Preis sein Produkt viel besser verkaufen. Und wenn das Geld dann nicht reicht, kann er bis zum ursprünglich genannten Bruttopreis erhöhen - im Fall der WWK zu diesem Jahreswechsel oft um 30 bis 40 Prozent.

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Die Kunden müssen sich veralbert fühlen. Denn anders als bei Strom- und Handyverträgen oder bei der Kfz-Versicherung können Kunden eine solche Preiserhöhung nicht einfach zum Anlass nehmen, dem Versicherer Adieu zu sagen. Wer wie empfohlen noch vor dem 30. Geburtstag beim Versicherer war und nach 15 Jahren die normalen Zipperlein eines oder einer 40-Jährigen hat, bekommt mit seinem neuen Gesundheitszustand woanders oft keinen neuen Vertrag - und wenn doch, nur einen, der bestimmte Leistungen ausschließt. Oder schlicht exorbitant teuer ist.

Denn Versicherer verlangen vor jedem neuen Vertrag erneut komplette Einsicht in den Gesundheitszustand mit allen Arztbesuchen der vergangenen fünf Jahre und allen Krankenhausaufenthalten der vergangenen zehn Jahre. Die Folge: Die Kunden sind auch bei unverschämten Preiserhöhungen praktisch gefangen.

Was also tun, wenn ein Versicherer wie die WWK einfach die Preise drastisch anhebt? Folgende Punkte sollten Sie beachten:

  • Erst einmal ruhig Blut behalten und bloß nicht hektisch kündigen.
  • Im zweiten Schritt die neuen Preise mit denen vergleichen, die andere Versicherer für die gleiche Leistung im aktuellen Alter verlangen. Vielleicht ist der eigene Versicherer ja trotz der Erhöhung noch einer der preiswerten Anbieter.
  • Falls nicht, ernsthaft nach Alternativangeboten für die gleiche Leistung suchen, am besten mit einem fähigen Makler. Und sich dabei auf einen etwas mühseligen Prozess einrichten, der - wie sagt man heute - ergebnisoffen ist.
  • Wenn Sie dann einen guten neuen Vertrag entdeckt haben, erst den neuen Vertrag abschließen und dann den alten kündigen.

Für all diejenigen, die bisher gar keinen Vertrag abgeschlossen haben, hält die Causa WWK noch eine andere Lehre bereit: Achten Sie vor dem Abschluss nicht nur auf den Nettopreis, sondern werfen Sie auch einen Blick auf den Bruttopreis, also den Preis, bis zu dem der Versicherer die Beiträge in Zukunft locker erhöhen könnte. Bei gleicher Leistung und ungefähr gleichem Nettopreis gewinnt der Anbieter mit dem deutlich niedrigeren Bruttopreis. Das verringert Ihr Kostenrisiko.

Auch der Bruttopreis der WWK liegt bei vielen Angeboten doppelt so hoch wie der Nettopreis, mit dem der Versicherer seine Kunden geködert hat.

PS: Pressestelle und Geschäftsführung der WWK haben vom 21. Dezember 2017 bis zum Redaktionsschluss am 5. Januar 2018 um 12 Uhr alle Anfragen von "Finanztip" um eine Stellungnahme ignoriert. Wir können nur hoffen, dass Kunden im Leistungsfall nicht ähnlich behandelt werden.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels war von "einigen Anbietern" die Rede, die zum Jahreswechsel drastisch die Beiträge zu Berufsunfähigkeitsversicherungen erhöht hätten - es war allerdings allein die WWK. Wir haben die entsprechenden Stellen korrigiert.



insgesamt 164 Beiträge
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Seite 1
polltroll 06.01.2018
1. Versicherung oder Glücksspiel!
Also sorry! Wenn ich das schon so lese... zur Berufsunfähigkeit gleich die passende Rechtsschutz abschließen, Brutto-Netto-Spielereien. Im Schadensfall Zeitspiel des Versicherers! Das hat für mich, nichts mit einer sinnvollen Versicherung zu tun sondern klingt nach einem Geschäftsmodell zur zügellosen Gewinnmaximierung! Derlei Artikel habe ich zu dem Thema schon viel zu oft gelesen. Ich muss daher dem Redakteur widersprechen. Sinnvoll für den Versicherten ist das alles nicht! Ein Glücksspiel mit hohen Risiken trifft es da schon eher. Zumal man ja zu der Policen Prämie noch die Prämie für die obligatorische Rechtsschutz draufschlagen muss. Und wer weiß, ob die dann leistet!
Grummelchen321 06.01.2018
2. Die
BU ist auch nur wieder eine Erfindung um den Versicheren Geld in die Kasse zu spülen.Die Politik hat ohne Not die gesetzlichen Versicherungen zum Wohle der Versicherung immer weiter ausgehöhlt.Als Elektroniker sind die Kosten einer BU so hoch das ich sie mir gar nicht leisten kann.Der Leiharbeit sei dank.
mat_1972 06.01.2018
3.
Also ich habe meine BUZ bei der R+V. 2011 hatte ich einen Bandscheibenvorfall aufgrund dessen Leistungen hätten gezahlt werden müssen. Seit 2011 prozessiere ich nun gegen diese Verbr*cher. Warum die nicht zahlen wollen hat, bis dato, 4 unterschiedliche Gründe. Immer wieder neue. Dank Rechtschutz kann ich dieses Spiel auf Zeit aber glücklicherweise mitspielen. Besonders witzig an dieser Sache: Es gab eine (nachgewiesene) Falschberatung durch den R+V Berater. Zitat von diesem: "Das kann ich nicht verstehen; das wird auf allen Seminaren und Kursen bei uns (die R+V) so gelehrt". Es hat also Masche: Die R+V schult dummes Zeugs und klagt dann später gegen die Zahlungen. Anekdote am Rande: Eins der ersten Gerichte hat die Falschberatung nicht anerkannt, da ich als Verbaucher hätte bemerken müssen, dass der Berater seine "Kompetenzen" überschreitet. Genialer Verbraucherschutz. Dennoch halte ich die BUZ für eine wichtige Sache. Zumindest ab einem bestimmten Grad der Bildung/Ausbildung.
rkinfo 06.01.2018
4. Staatliche BU-Kasse also sinnvoller ?
Die Versicherungsbranche nimmt das Geld offensichtlich eher für Profite als Leistungen. Bei einer staatlich organisierten Kasse würde aber 1:1 ausgezahlt und es gäbe keine Inanspruchnahme des Kapitalmarktes. Sinnvoll wäre auch ein Übergang Berufsunfähigkeit auf Erwerbsunfähigkeit bei etwa 55+, sodass Teilzeitjobs als Ersatz bis 63/65 die Leistungen mindern würden. Die Beitragsunterschiede BU bis 60 und BU 62/63 sind beträchtlich, BU bis 65/67 nahezu unbezahlbar. Eine BU 55 plus anschließend Erwerbsunfähigkeit würde per Kasse minimale Beiträge ergeben und als gesetzliche Pflichtversicherung denkbar.
msdelphin 06.01.2018
5. Autor trifft voll den Punkt!
Ich hätte auch gerne eine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen. Aber gerade alle vom Autor genannten Punkte haben mich abschrecken lassen. In meiner Evaluierungsphase, in der ich selbst versucht habe die vorhergehenden 10 Jahre gesundheitlich aufzuarbeiten, habe ich von meiner Krankenkasse von zwei mal einer 1 wöchige Krankschreibung in dieser Zeit erfahren, an die ich mich nicht mehr erinnern konnte. Das hätte mich endgültig abschrecken lassen: Ich habe Lücken in meinen Erinnerungen an Krankheiten und wenn dann die Berufsunfähigkeit eintritt, nutzt die Versicherung diese aus um nicht zu zahlen. Das Risiko war mir zu hoch zumal die Beitäge sehr hoch sind. Lieber habe ich das Geld gespart und setze darauf, dass ich irgendwie immer arbeiten kann und das der Partner ebenfalls Arbeiten geht. Letzteres ist die beste Berufsunfähigkeitsversicherung. Das Risiko das der Partner einen verlässt ist ähnlich hoch, wie das die Versicherung nicht zahlt!
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