Bill Gates im Interview Jeder sollte mal zu den Armen nach Afrika reisen

Er hat einen Weltkonzern aufgebaut, doch nun verfolgt Microsoft-Gründer Bill Gates ein noch ambitionierteres Ziel: Mit seiner Stiftung will der Milliardär die Armut bekämpfen. Im Interview erklärt er, wie jeder einzelne dazu beitragen kann.

Von , New York

Microsoft-Gründer und Philantrop Bill Gates: Der blinde Fleck des Westens
REUTERS

Microsoft-Gründer und Philantrop Bill Gates: Der blinde Fleck des Westens


Mit der Gründung des Weltkonzerns Microsoft verdiente er Milliarden - inzwischen reist Bill Gates um die Welt und besucht Entwicklungsländer. Dort treibt er den Kampf gegen Infektionskrankheiten voran. Eines seiner wichtigsten Ziele ist die weltweite Ausrottung von Polio, jenem Virus, das die Kinderlähmung verursacht.

Mit einem geschätzten Privatvermögen von etwa 80,4 Milliarden Dollar gilt Gates derzeit als reichster Mensch der Welt. 1994 begann er damit, Teile seines Vermögens in Stiftungen zu stecken. Die im Jahr 2000 gegründete "Bill and Melinda Gates Foundation" ist mit Abstand die mächtigste private Wohltätigkeitsstiftung. Sie hat ein Kapital von 42 Milliarden Dollar und hat seit ihrer Gründung mehr als 32 Milliarden Dollar an Stipendien vergeben.

Im Interview spricht Gates über Erfolge und Rückschläge und erklärt, warum Mobiltelefone eine wichtige Waffe im Kampf gegen die Armut sein können. Zudem fordert er von der Bundesregierung mehr Geld im Kampf gegen Infektionskrankheiten.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Gates, vor 15 Jahren setzten sich die Vereinten Nationen das Ziel, die Armut auf der Welt bis 2015 zu halbieren. Das ist nicht gelungen. Sie waren zuletzt ein großer Befürworter der Millenniums-Entwicklungsziele (Millennium Development Goals, MDGs). Haben Sie sich geirrt?

Gates: Was wir bisher erreicht haben, ist trotzdem ziemlich beachtlich. Wir haben die Kindersterblichkeit unter fünf Jahren halbiert. Das Ziel war eine Reduzierung um zwei Drittel, aber immerhin haben wir sie im letzten Jahr auf 6,5 Millionen gedrückt. Das ist wirklich phänomenal.

SPIEGEL ONLINE: 6,5 Millionen tote Kinder als "phänomenal" zu bezeichnen, das ist aber ein trauriges Statement.

Gates: Wir müssen sicherstellen, dass wir besser verstehen, warum Kinder immer noch sterben, und dass dieses Verständnis die Aufmerksamkeit gewinnt, die es verdient - auch wenn das in den ärmsten Ländern geschieht und deshalb oft unsichtbar ist für die westliche Welt.

SPIEGEL ONLINE: Wie gewinnt man die Aufmerksamkeit einer Welt, die eine immer geringere Aufmerksamkeitsspanne hat?

Gates: Würden die ärmsten und die reichsten Kinder nebeneinander leben und Sie über die Straße laufen und sehen können, dass Kinder an Malaria sterben und dass die Leute keine Toiletten haben und dass ihnen die Dinge fehlen, die wir für selbstverständlich nehmen, dann würden Ihr menschliches Mitgefühl und Ihr Gefühl der Verbundenheit anspringen. Das Problem ist, dass die Ärmsten abseits stehen und ihr Elend nicht für alle sichtbar ist.

SPIEGEL ONLINE: Das ist aber ein enormer blinder Fleck, zumal wir doch enger miteinander verbunden sind als je zuvor.

Gates: In einer Welt des Internets und der modernen Kommunikation sollte es möglich sein, die Leute zur Hilfe zu motivieren. Denn wenn sie das Elend sehen, werden sie aktiv und sehr großzügig. Man muss es ja nicht zu seinem Lebenswerk machen. Aus moralischer Sicht denken die Menschen nicht nur an sich selbst oder ihre Familie oder ihr Land. Sie sehen sich als Teil der ganzen Menschheit.

SPIEGEL ONLINE: Aber wie bringt man die Leute zum Handeln, wenn sich Aktivismus heutzutage auf einen Tweet oder ein Facebook-"Gefällt mir" reduziert?

Gates: Wir haben eine Website geschaffen, mit realistischen Anregungen, wie man sich als Global Citizen engagieren kann, für die Umwelt oder gegen Malaria oder Hunger. Ideal wäre es, die betroffenen Regionen sogar mal zu besuchen, seine Urlaubszeit zu nutzen, um sich eine bessere Sicht auf die Dinge zu verschaffen. Dazu wollen wir alle Organisationen zusammenbringen, die in diesen Bereichen aktiv sind, um so eine stärkere Bewegung für diese Anliegen zu schaffen. Wir halten diesen Ansatz für wichtig, damit diese Fragen oberste Priorität behalten.

SPIEGEL ONLINE: Für den 27. Januar hat Bundeskanzlerin Angela Merkel zu einer großen Geberkonferenz für die privat-öffentliche Globale Allianz für Impfstoffe (GAVI) nach Berlin geladen. Was ist das Ziel?

Gates: Kanzlerin Merkel und eine Reihe anderer Staats- und Regierungschefs werden zusammenkommen, um neue Gelder für Impfstoffe für die ärmsten Kindern der Welt zu sammeln. GAVI braucht zur Erfüllung seiner Aufgaben in den Jahren 2016 bis 2020 insgesamt 7,5 Milliarden Dollar.

SPIEGEL ONLINE: Was erwarten Sie spezifisch vom Gastgeber Deutschland?

Gates: Deutschland hat seine Spenden zum Global Fund, der sich auf HIV, Tuberkulose und Malaria konzentriert, ziemlich dramatisch erhöht und plant eine weitere, bedeutsame Erhöhung.

SPIEGEL ONLINE: Bedeutsam genug?

Gates: Es kann mehr getan werden, und das würde nicht mal einen riesigen Anteil des Haushalts ausmachen - zumal sich die Wirtschaftslage verbessert. Wir erwarten, dass Deutschland seine ODA-Verpflichtung* von 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) einlöst. Im Jahr 2005 haben die Gründernationen der EU dies zugesagt, 2013 belief sich der deutsche Beitrag auf 14,1 Milliarden Dollar, was 0,38 Prozent des BIP entsprach.

SPIEGEL ONLINE: Also gerade mal die Hälfte der Verpflichtung.

Gates: Wir hoffen, dass Deutschland sein Engagement mit der Zeit erhöht, so wie es Großbritannien selbst in ziemlich harten Haushaltsjahren getan hat. Ich sehe Deutschland als ein Glas, das halb voll ist.

SPIEGEL ONLINE: Doch viele potenzielle Spender sind angesichts der Kritik an privaten Stiftungen zurückhaltend. Auch Ihre Stiftung steht im Fokus. Wie können Sie garantieren, dass das Geld in die richtigen Kanäle läuft?

Gates: Skepsis ist gut, denn einige dieser Programme wurden in der Vergangenheit wirklich nicht gut gemanagt. Aber ich kann heute sehr gute Leute anstellen, die diese Sachen kontrollieren. Ich bin absolut sicher, dass der Global Fund und GAVI und das Programm zur Ausrottung der Kinderlähmung sehr gut geführt werden, und dass die Summen, die wir dort investieren, hervorragende Resultate bringen. Wir haben immer mehr die Fähigkeit, die Daten zu verfolgen und sicherzustellen, dass wir die tatsächliche Wirkung messen.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem neuen Jahresbrief für die Gates-Stiftung betonen Sie die Bedeutung der Technologie für die ärmsten Länder, namentlich mobiles Banking. Was meinen Sie damit?

Gates: Bankgeschäfte, wie wir sie in der reichen Welt kennen, haben sehr hohe Fixkosten: Selbst Transaktionen über ein oder zwei Dollar ziehen vergleichsweise hohe Gebühren nach sich. Die Transaktionen der Armen in Afrika sind aber immer sehr gering, weshalb sie die Banken bisher nicht nutzen konnten, um Geld zu sparen oder zu leihen. Wir müssen das System viel effizienter machen, um ihnen die Dienstleistungen zu geben, die wir für selbstverständlich halten.

SPIEGEL ONLINE: Und wie?

Gates: Mobiltelefone! Die digitale Revolution hat Handys zu Debitkarten verwandelt. Man kann das Handy nutzen, um seinem Verwandten auf dem Land Geld zu überweisen oder sich Geld zu leihen, um Dünger für seine Farm zu kaufen. Das ist der Traum. In ein paar Ländern wie Kenia, wo das bereits sehr genutzt wird, funktioniert das wirklich fantastisch. Die Gebühren sind da extrem niedrig. Wir versuchen, das in alle Entwicklungsländer zu bringen, mit Hilfe der Aufsichtsbehörden, der Banken und der Mobiltelefonfirmen.

SPIEGEL ONLINE: Da wären Ihre Kollegen im Silicon Valley und der Tech-Branche gefragt. Was sagen die dazu?

Gates: Erst vergangene Woche sprach ich mit ein paar brillanten Köpfen über eben die Mobilbanking-Frage. Max Levchin, einer der PayPal-Gründer, kam zu mir, nahm sich Zeit und gab mir sehr gute Ratschläge. Bei den technologischen Aspekten können wir uns auf die Expertise von Microsoft Chart zeigen, Facebook Chart zeigen und der breiteren Start-up-Gemeinde stützen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Silicon Valley nicht eher auf sich selbst und seine Profite fixiert?

Gates: Die Tech-Industrie hat die beste Erfolgsbilanz aller Branchen, was das philanthropische Engagement schon in jungem Alter angeht. Nehmen Sie nur Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, der sich über den Giving Pledge verpflichtet hat, mehr als die Hälfte seines Vermögens zu spenden. Oder in Deutschland Hasso Plattner, den Mitbegründer von SAP Chart zeigen. Nehmen Sie Oracle-Gründer Larry Ellison oder Nandan Nilekani, den Mitbegründer von Infosys Chart zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Und doch kann all das wieder ausgehebelt werden - durch den Klimawandel, bei dem es offenbar keinen gemeinsamen politischen Nenner gibt.

Gates: Mit Ausnahme eines gigantischen Krieges gibt es zwei Rückschläge, die ich fürchte. Einer wäre eine riesige Epidemie - sind wir darauf vorbereitet? Da gibt es noch viel zu tun. Der andere wäre, wie Sie sagen, der Klimawandel, der vor allem den armen Farmern das Leben erschwert. Das ist ein wachsender Forschungsbereich, in den ich viel Geld investiere, und ich finde, dass auch die Regierungen ihre dahingehende Forschungstätigkeit verstärken sollten.

* Official Development Assistance (ODA): Öffentliche Entwicklungszusammenarbeit im Rahmen der OECD.

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Lane Hartwell
Marc Pitzke ist US-Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in New York.

E-Mail: Marc_Pitzke@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 87 Beiträge
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Seite 1
ecdora 22.01.2015
1. Die Botschaft lautet,
zehn Kinder einer Familie haben nicht mehr zu essen, als zwei. Der Papst hats inzwischen erkannt.
AndreHa 22.01.2015
2. Respekt
Respekt Herr Gates. Tiefe Verbeugung. Ich wünsche mir viele Nachahmer in der Welt der Superreichen - aber das wird wohl ein frommer Wunsch bleiben.
nijesh 22.01.2015
3. Schuldgefühle
Was für eine Scheinheiligkeit! Da bekommt Bill Gates Schuldgefühle. Das hat mit Mitgefühl nichts zu tun. Denn er stellt ein Wirtschaftssystem, das alleine auf Gier beruht, natürlich nicht infrage. Stattdessen will er mit Geld sein schlechtes Gewissen beruhigen. Wie scheinheilig!
yeyo 22.01.2015
4. ...
bill, das ist zu durchsichtig was du machst. deine populationskontrolle ist unmenschlich und du verkaufst sie als was außergewöhnlich schönes. hör mit dem murks auf.
FrankDr 22.01.2015
5.
Einfach ein Vorbild
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