Billig-Kleidung von Lidl und Co.: "Das Sündenregister der Discounter ist skandalös"

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Alles sollte besser werden: Lidl und Kik gelobten, die Arbeitsbedingungen bei ihren Lieferanten in Bangladesch zu verbessern. Doch eine Studie zeigt, dass sich für die Näherinnen offenbar nichts geändert hat. Die Discounter begnügen sich anscheinend mit billigen Versprechen der Fabrikanten.

Billig-Kleidung: Textilarbeiter in Bangladesch Fotos
REUTERS

Hamburg - Wenn die Kontrollen beginnen, verwandelt sich die Textilfabrik in Dhaka in eine Bühne. Die Produktionsräume werden gründlich gereinigt und gelüftet, die Toiletten mit Seife bestückt. Auf Fragen der Besucher müssen die Näherinnen so reagieren, wie es ihnen die Manager der Fabrik eingeimpft haben: "Wir haben jede Woche einen freien Tag", sagen sie dann. Feierabend sei um 19 Uhr, niemand werde misshandelt und "prinzipiell ist in der Fabrik alles in Ordnung".

Doch in Wahrheit ist nichts in Ordnung in den Textilfabriken Dhakas, der Hauptstadt von Bangladesch. Die Schilderungen der Näherinnen stammen aus einer Studie der Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) - einer Organisation, die seit Jahren kritisiert, unter welchen Bedingungen Billig-Kleidung von Aldi, Lidl und Kik entsteht.

Die Näherinnen schuften bis zu 16 Stunden am Tag in verdreckten, stickigen Fabriken, um Jeans, Pullover und T-Shirts zu produzieren, die dann in Deutschland zu Schnäppchenpreisen verkauft werden. Der Lohn reicht kaum zum Überleben, die Arbeiterinnen werden ausgebeutet und teilweise misshandelt. Als die Zustände vor drei Jahren in der deutschen Öffentlichkeit bekannt wurden, gerieten die Discounter in die Defensive. Das Ausmaß der Vorwürfe war einfach zu groß. Anfang 2010 musste Lidl auf Druck von Verbraucherschützern seine Werbung stoppen, wonach die Kleidung aus fairer Produktion stamme.

Der Aldi-Konkurrent gelobte Besserung, auch der Textildiscounter Kik versprach, Billig-Produzenten aus Bangladesch strengere Vorgaben zu machen. Im vergangenen Jahr veröffentlichte die Kette ihren ersten Nachhaltigkeitsbericht. Darin bescheinigt Kik sich selbst, Verbesserungen bei den Sozialstandards erreicht zu haben.

Konkret geht es um Schulungen, die sowohl Kik als auch Lidl seit 2008 bei Lieferanten durchführen. Ziel sei der "Austausch zwischen Arbeitnehmern und Management der Hersteller", teilte Lidl mit. Sie sollen gemeinsam "Schwachstellen und defizitäre Arbeitsbedingungen identifizieren und adäquate Lösungen erarbeiten".

Verseuchtes Trinkwasser, mangelnder Brandschutz

Im Rahmen einer aktuellen Studie hat die Kampagne für Saubere Kleidung die Versprechen geprüft. Das Ergebnis ist verheerend für die Discounter: Die Trainings und Kontrollen seien ineffektiv, kritisiert die CCC, an den katastrophalen Zuständen in den Fabriken habe sich nichts geändert.

So hätten 92 Prozent der 162 befragten Arbeiter berichtet, sie müssten pro Tag mindestens 13 Stunden arbeiten. Die offizielle Arbeitszeit dauert von 8 bis 17 Uhr, eigentlich sind nur zwei Überstunden erlaubt. Tatsächlich würden aber wesentlich mehr geleistet, da die geforderten Tagesproduktionen in der regulären Arbeitszeit nicht zu schaffen seien. 89,5 Prozent der überwiegend weiblichen Näher berichten von Nachtarbeit. Versuche, sich dagegen zu wehren, seien zwecklos, die Aufseher würden jeden aufhalten, der die Fabrik verlassen will - sprich: Die Bosse würden die Näherinnen nötigen, die Arbeit zu erledigen.

Die Löhne schwanken der Studie zufolge stark. Die Spanne reiche von 2500 bis 10.000 Taka im Monat, das entspricht 24 bis 92 Euro. Für den Lebensunterhalt reicht das oft nicht. Als Beispiel wird eine Näherin genannt, die für einen Lidl-Lieferanten arbeitet: Rrujana verdiene monatlich 27 Euro, die Gesamtausgaben ihrer Familie lägen aber bei 199 Euro. Also könne sie mit ihrem Lohn aus der Textilfabrik gerade einmal 13 Prozent der Ausgaben decken.

Extrem schlecht sind die Bedingungen laut der Studie im Hinblick auf Sicherheit und Gesundheit: "In vielen Fabriken fehlen Notausgänge, Brandmeldesysteme, Feueralarm oder eine Notbeleuchtung", heißt es da. "23 Prozent der Befragten berichteten, dass es bereits Brände in ihrer Fabrik gab." Einige Näherinnen bringen ihr eigenes Trinkwasser mit, da jenes bei der Arbeit nicht ausreichend gefiltert und somit gesundheitsschädlich sei. In allen Fabriken mangele es an Toiletten. Die wenigen, die es gibt, seien "hochgradig verschmutzt und würden nur in unregelmäßigen Abständen gereinigt".

"Skandalöses Sündenregister"

Ein weiteres Problem sind laut Gisela Burckhardt, einer Autorin der Studie, sexuelle Übergriffe auf Näherinnen: "Besonders in den Nachtschichten werden die Arbeiterinnen belästigt, diskriminiert und gedemütigt. Aufseher bedrängen sie mit sexuellen Angeboten." In einer der untersuchten Fabriken komme es "regelmäßig zu verbalen, körperlichen und sexuellen Übergriffen".

Gegen diese Zustände wollten die Discounter vorgehen - mit Trainings und Kontrollen, sogenannten Sozialaudits. Doch 85 Prozent der Befragten aus Fabriken, in denen Schulungen stattfinden, wussten nichts von den Maßnahmen. Selbst Näherinnen, die an den Trainings teilnahmen, könnten nur wenige Angaben machen, was dort eigentlich besprochen werde. Burckhardt kritisiert, es dränge sich der Gedanke auf, die Fortbildungen seien für die Fabrikbesitzer nur eine lästige, aber notwendige Pflicht, um die Auftraggeber zu beruhigen.

Die mangelnden Fortschritte sind also nicht eins zu eins den Discountern zuzuschreiben. Vorwerfen lassen müssen sie sich allerdings, dass sie ihre Ansprüche nach Einhaltung von sozialen Standards nicht stärker durchsetzen. Dafür könnten sie zum Beispiel unangemeldete Kontrollen in den Fabriken durchführen oder die Gewerkschaften stärken.

"Das Sündenregister der Discounter ist skandalös", kritisiert Co-Autorin Sandra Dusch Silva von der Christlichen Initiative Romero, der Trägerorganisation des CCC, daher auch weiterhin. Die bislang eingeleiteten Schritte hätten nicht zu einer wirklichen Verbesserung der Bedingungen für die Näherinnen geführt. "Aldi, Lidl und Kik hängen sich ein Sozialmäntelchen um."

Aldi reagierte bislang nicht auf Anfragen, Kik und Lidl wiesen die Vorwürfe zurück. "Wir nehmen die Sachverhalte sehr ernst", sagte eine Lidl-Sprecherin. "Die Lebens- und Arbeitsbedingungen in Schwellen- und Entwicklungsländern sind jedoch nicht mit europäischen Maßstäben vergleichbar." Lidl lehne grundsätzlich jede Form von Kinderarbeit oder Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen in den Produktionsstätten ab, in denen seine Waren hergestellt werden.

Eine Kik-Sprecherin teilte mit, das Unternehmen weise den Vorwurf zurück, seiner Sorgfaltspflicht in der Lieferkette nicht nachzukommen. Zudem bemühe sich Kik, die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften durch die Lieferanten sicherzustellen.

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insgesamt 252 Beiträge
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1. Ja, das ist alles sehr schlimm,
!!!Fovea!!! 11.01.2012
Zitat von sysopAlles sollte besser werden: Lidl und Kik gelobten, die Arbeitsbedingungen bei ihren Lieferanten in Bangladesch zu verbessern. Doch eine Studie zeigt, dass sich für die Näherinnen*offenbar nichts geändert hat. Die*Discounter begnügen sich anscheinend mit billigen Versprechen der Fabrikanten. Billig-Kleidung von Lidl*und Co.: "Das Sündenregister der Discounter ist skandalös" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,808288,00.html)
aber kann mir einer mal erklären, wie ein H4 - Empfänger o. a. sich einen Pullover für XX.-€ leisten kann? Viele Sportfirmen lassen in Asien Sportschuhe für billige Preise herstellen, während diese Schuhe dann für hunderte von Euro hier verkauft werden, warum werden diese Firmen nicht auch hier im Artikel genannt? Der vielgepriesene S. Jobs mit seinem I-Phone hat auch rechnerisch einen Aufwand von ca. 80.-€ für ein I-Phone und für wieviel wird es hier in den Läden verkauft?? Stellt das auch einer an den Pranger? Also, Leute schon cool bleiben, bei solchen Berichten über Aldi, Lidl und KiK. Am Ende ist "die Jacke näher als die Hose"!
2. Jeder der da Einkauft ist schuld ...
syd_ 11.01.2012
Wer bei Kik kauft frisst auch kleine Kinder oder so ... ne mal Ehrlich glaubt den wirklich jemand, das wenn man eine Hose für 3€ kauft irgendjemand in der Kette ausser Kik Gewinn macht. KiK ist ein ganz schlimmer Laden die behandeln Ihre Angestellten in Deutschland genau so schlecht ... naja wenigstens konsequent ... ;)
3.
xgerry 11.01.2012
Zitat von sysopAlles sollte besser werden: Lidl und Kik gelobten, die Arbeitsbedingungen bei ihren Lieferanten in Bangladesch zu verbessern. Doch eine Studie zeigt, dass sich für die Näherinnen*offenbar nichts geändert hat. Die*Discounter begnügen sich anscheinend mit billigen Versprechen der Fabrikanten. Billig-Kleidung von Lidl*und Co.: "Das Sündenregister der Discounter ist skandalös" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,808288,00.html)
Früher wurden Verbraucher dazu aufgeruden solche Läden zu boykottieren. Ich frage mich ob nicht ein kerniger Aufruf erwas Schwung in die Angelegen heit bringen könnte.
4. Sozial?!
keuleleser 11.01.2012
Zitat von sysopAlles sollte besser werden: Lidl und Kik gelobten, die Arbeitsbedingungen bei ihren Lieferanten in Bangladesch zu verbessern. Doch eine Studie zeigt, dass sich für die Näherinnen*offenbar nichts geändert hat. Die*Discounter begnügen sich anscheinend mit billigen Versprechen der Fabrikanten. Billig-Kleidung von Lidl*und Co.: "Das Sündenregister der Discounter ist skandalös" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,808288,00.html)
So ist es, in den Schwellenländer werden die Arbeiter aufs übelste ausgebeutet, damit der Arbeiter in den Industrieländern sich die Kleidung leisten kann. Profitieren tun hüben wie drüben nur gewisse Herrn, welch Schande!
5. Nichts Neues
hubertrudnick1 11.01.2012
Zitat von sysopAlles sollte besser werden: Lidl und Kik gelobten, die Arbeitsbedingungen bei ihren Lieferanten in Bangladesch zu verbessern. Doch eine Studie zeigt, dass sich für die Näherinnen*offenbar nichts geändert hat. Die*Discounter begnügen sich anscheinend mit billigen Versprechen der Fabrikanten. Billig-Kleidung von Lidl*und Co.: "Das Sündenregister der Discounter ist skandalös" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,808288,00.html)
Das ist doch absolut nichts neues, es wurde doch schon zig mal darüber berichtet. Und wer an einer Besserung glaubt, der glaubt auch noch an einem erfundenen Gott. HR
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Die Discounter in Deutschland
Aldi
Die unangefochtene Nummer eins der Lebensmittel-Discounter in Deutschland, Aldi , ist ebenso erfolgreich wie verschwiegen. Branchenexperten schätzen, dass Aldi 2011 weltweit rund 57 Milliarden Euro Umsatz gemacht hat. Der Gewinn wird auf mehrere hundert Millionen Euro geschätzt. Insgesamt betreibt der Marktführer in Deutschland etwa 4300 Filialen.
Lidl
Auch der zweitplatzierte Lidl lässt sich nicht gerne in die Zahlen schauen. Für 2011 wird der weltweite Umsatz auf 50,4 Milliarden Euro geschätzt. Das Flaggschiff der Schwarz-Gruppe betreibt bundesweit rund 3100 Filialen. Lidl verkauft - anders als Aldi - auch viele Markenartikel.
Netto
Nach dem Zusammenschluss mit Plus ist Netto der drittgrößte Discounter Deutschlands. Die Edeka-Tochter hat in Deutschland rund 4000 Filialen. Der Umsatz lag 2011 bei etwa 13,7 Milliarden Euro.
Penny
Der Discounter Penny des Rewe-Konzerns erwirtschaftete 2011 mit seinen bundesweit 2400 Filialen rund zwölf Milliarden Euro Umsatz. Rewe hatte sich 2007 mit Edeka eine Bieterschlacht um den Discounter Plus geliefert, unterlag jedoch.
Norma
Der Discounter hat in Deutschland rund 1300 Filialen und erwirtschaftet einen Umsatz von schätzungsweise 2,7 Milliarden Euro. Der Schwerpunkt des Filialnetzes liegt in Süddeutschland, aber auch in Frankreich, Tschechien und Österreich gibt es Norma-Märkte.

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