Abzocke im Internet Als Herr Ortmann 300.000 Euro einsetzte - und verlor

Kriminelle Banden zocken mit dubiosen Aktiengeschäften arglose Bürger ab. Das BKA warnt vor den Maschen der Betrüger. Der Fall eines Rentners aus Bayern zeigt, wie perfide die Verbrecher vorgehen.

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Horst Ortmann*, Rentner, Vater, Vorzeigebürger, will im vergangenen Sommer "ein bisschen Gewinn machen". Vielleicht ist es Langeweile, die ihn treibt, vielleicht auch Eitelkeit, schließlich glaubt Ortmann bis heute, er kenne sich aus im Geschäftsleben.

Jedenfalls geht Ortmann in sein Arbeitszimmer, setzt sich an seinen Computer und beginnt zu suchen. Im Internet stößt er auf eine Website mit einem goldenen Bullen im Logo: Toroption.com - eine Handelsplattform für binäre Optionen.

Binäre Optionen?

Ortmann hat keinen Schimmer, was das sein könnte, aber die Seite weckt seine Neugier. Sie verspricht ein bisschen Aufregung in seinem Alltag. Zugleich aber wirkt sie noch gerade so seriös, wie es sich geziemt, wenn ein ehemaliger Ingenieur aus Süddeutschland sich die Zeit vertreibt. Ortmann meldet sich an. Und es dauert nicht lange, da klingelt sein Telefon.

Mit binären Optionen, erzählt ihm eine Frau, könne man darauf setzen, wie sich der Dollar oder der Deutsche Aktienindex entwickeln werde. Die Frau spricht mit österreichischem Akzent, Ortmann findet sie nett. Sie selbst, sagt die Frau, empfehle ihm, auf steigende Kurse zu setzen. Man könne ja mal mit einem niedrigen Betrag anfangen. Wie wäre es denn mit 500 Euro?

"Warum nicht?", denkt Ortmann. Er überweist via Mastercard 500 Euro auf das Handelskonto und befolgt die Anweisungen der netten Frau. Sie erklärt ihm Schritt für Schritt, wie er seine Kurswetten platzieren soll. Sie leitet ihn an, sie macht ihn gierig, er vertraut ihr. Bald sagt sie, wenn er "Zugang zu den besten Beratern der Wall Street" erhalten wolle, müsse er schon mehr Geld einzahlen.

Natürlich will Ortmann die "besten Berater" - und transferiert weitere 11.000 Euro.

Tradingplattform
toroption.com

Tradingplattform

Immer häufiger klingelt nun sein Telefon. Fast täglich meldet sich ein Mann, der sich als "Profi-Trader" ausgibt. Er erzählt Ortmann von einer "Hammer-Aktie" namens Arthur Maury. Das Papier des Goldmünzenherstellers sei extrem unterbewertet, eine Kurssteigerung von mehr als hundert Prozent locker drin. Ortmann greift zu. Am 17. Juli 2017 kauft er über sein Onlinedepot bei Cortal Consors die Arthur-Maury-Aktie, 8000 Stück für insgesamt 20.080 Euro. In den folgenden Monaten löst Ortmann alle Konten auf und steckt immer mehr Geld in die Aktie. Am Ende hat er genau 280.125,72 Euro in 105.500 Aktien investiert - sein gesamtes Vermögen.

Der Pensionär sitzt an einem Vormittag im Sommer in einem Biergarten in Bayern, vor sich eine Spezi, und erinnert sich an diese netten Berater, die "direkt aus London" angerufen hätten. Ortmann plaudert gern. Auch mit fremden Menschen am Telefon, die sich als Börsenhändler ausgeben.

Inzwischen hat Ortmann fast alles verloren. Das Geld, das er der Handelsplattform Toroption für die vermeintlichen Wetten überwiesen hat, ist weg. Die Arthur-Maury-Aktie ist abgeschmiert, sein eingesetztes Kapital vernichtet. So schildert es Ortmann, so zeigen es Unterlagen der Geschäfte, die dem SPIEGEL vorliegen. Toroption wiederum schweigt, eine Anfrage bleibt unbeantwortet.

Ortmann ist nicht der Einzige, der den Kriminellen zum Opfer fiel. Betrüger boten die Arthur-Maury-Schrottaktie in ganz Europa zum Kauf an, um den Kurs nach oben zu treiben. Im Januar nahm die französische Börsenaufsicht die Aktie wegen Betrugsverdachts aus dem Handel. Geprellte Anleger blieben auf ihren Aktien sitzen, die niemand mehr haben wollte.

Vertrauliche Informationen

Der Handel mit dubiosen Finanzprodukten gehört zu den Maschen, die Polizisten in Deutschland immer häufiger beschäftigen. "Es ist eine neue moderne Form der Kriminalität, die derzeit stark zunimmt", sagt Udo Kolbinger, Leiter des Referats Wirtschaftskriminalität im Bundeskriminalamt (BKA). Die Täter nutzen dabei alle Möglichkeiten der modernen Kommunikation: Sie erstellen Websites, mit denen potenzielle Opfer angelockt werden, sie betreiben Callcenter, um ihre Opfer am Telefon zu bearbeiten, und sie schreiben Mails, um zumindest zeitweise den Anschein der Seriosität zu wahren. Zu ihren beliebtesten "Produkten" gehören angebliche Wetten mit binären Optionen, Schrottaktien und Deals mit Kryptowährungen.

Bislang stehen die Behörden dem neuen Phänomen einigermaßen machtlos gegenüber. Die Polizei hat etwa für die Abzocke mit binären Optionen erst einen Gesamtschaden von mehr als elf Millionen Euro registriert, dabei dürfte das wahre Ausmaß des Betrugs sehr viel größer sein.

"Wir gehen von einer beachtlichen Dunkelziffer aus", sagt BKA-Mann Kolbinger: "Viele Geschädigte werden sich wohl aus Scham nicht bei der Polizei melden." Dunkelfeldstudien bestätigen seine Einschätzung: Generell werden mindestens drei von vier Betrugstaten nicht angezeigt. Derzeit wissen Ermittler von mehr als 300 Fällen, in denen international operierende Wirtschaftsbetrüger mit der Masche binäre Optionen deutsche Anleger um ihr Geld gebracht haben.

Ortmann ist das typische Opfer dieser Abzocker: Er ist vermögend, ebenso kontaktfreudig wie gutgläubig und hat als Rentner viel Zeit. Von der Börse versteht er wenig, strebt aber nach einer hohen Rendite. "Wegen der niedrigen Zinsen gehen Sparer stärker ins Risiko. Das treibt sie in die Hände der Betrüger", sagt Kriminalist Kolbinger.

Um den Schaden einzudämmen, hat die europäische Finanzmarktaufsicht ESMA inzwischen reagiert und den Verkauf binärer Optionen an Kleinanleger in Europa verboten. Viele Plattformen sind in Deutschland aber weiterhin aktiv, weil sie aus dem Ausland operieren und für deutsche Behörden kaum zu greifen sind.

"Katz-und-Maus-Spiel"

Der Finanzaufsicht Bafin bleibt in solchen Fällen nichts anderes übrig, als diesen Firmen den Betrieb zu untersagen, doch oftmals ändern sie dann innerhalb weniger Tage einfach ihre Adressen und machen unter neuen Namen weiter. Mehr als 90 dieser Plattformen sind in Deutschland aktiv. "Wir liefern uns mit den Betrügern ein Katz-und-Maus-Spiel", sagt ein Bafin-Beamter.

Recherchen des SPIEGEL zeigen, wie schwer es ist, die Täter aufzuspüren. Wer sich die Internetseite von Toroption genauer ansieht, findet dort im Sommer noch die Adresse eines siebenstöckigen, futuristischen Hochhauses im Zentrum Sofias. Verspiegelte Glitzerfassaden, kubusförmige, ineinander verschachtelte Bauelemente, geräumige Dachterrassen. Der Firmensitz soll offenbar den Anschein eines erfolgreichen, seriösen Unternehmens erwecken. Doch tatsächlich arbeiten in dem Haus gar keine Mitarbeiter von Toroption. Niemand dort kennt die Firma.

Eine zweite Adresse der Betreiberfirma von Toroption, wie sie im bulgarischen Firmenregister hinterlegt ist, führt zu einem gelbgrauen Mehrfamilienhaus im Westen der Stadt. Auch dort verliert sich die Spur von Toroption. Es ist gängige Praxis, dass Callcenter-Firmen Privatpersonen für falsche Adressen bezahlen. Inzwischen will Toroption in Glasgow ansässig sein, wie es auf der Internetseite neuerdings heißt.

"Schwierige Ermittlungen"

Den britischen Behörden gegenüber lassen sich die Toroption-Betreiber wiederum von Northwestern Management Services Ltd. vertreten - einer Briefkastenfirma mit Sitz auf den Marshallinseln. Die Firma hat Büros in Hongkong, Belize und London und bietet laut eigener Website Firmen Offshore-Dienstleistungen an. Das heißt: Sie stattet anonyme Briefkastenfirmen mit Scheindirektoren aus, um zu verschleiern, wer sich dahinter verbirgt. Die wahren Eigentümer können auf diese Weise mit ihren Unternehmen machen, was sie wollen.

Diese undurchsichtige Struktur macht es deutschen Behörden so gut wie unmöglich, an die Hintermänner der Abzocke heranzukommen. "Wir versuchen nachzuvollziehen, wohin die Gelder fließen, sind dabei aber auf Informationen unserer Kollegen im Ausland angewiesen. Das macht die Ermittlungsarbeit sehr schwierig", sagt BKA-Mann Kolbinger.

Australische Beamte konnten jedoch zuletzt einen Erfolg erzielen: Die dortige Finanzaufsichtsbehörde ASIC schloss mehrere Trading-Plattformen, die auch die Strukturen von Northwestern Management genutzt hatten. Die Behörde fror Gelder ein, die Anleger auf ein australisches Bankkonto eingezahlt hatten, und klagte zwei Australier an, die das Unternehmen geführt hatten. Ihnen drohen Haftstrafen.

Ein Hotspot für Callcenter-Firmen, die binäre Optionen vertreiben, ist Tel Aviv, wie Recherchen der "Times of Israel" zeigen. Die Zeitung deckte zuletzt einen riesigen Skandal auf: In Tel Aviv hatten sich mehr als hundert Callcenter-Firmen angesiedelt, die Anleger auf der ganzen Welt abzockten. Für besonderes Aufsehen sorgte der Fall eines kanadischen Familienvaters, der sich umbrachte, nachdem er sein Vermögen an eine Trading-Plattform verloren hatte.

Es kommt häufig vor, dass Internetbetrüger ihre Kunden bis zum letzten Cent ausnehmen. Dazu trainieren sie ihre Mitarbeiter in Hartnäckigkeit, Überredungskunst und Stressresistenz. Als Ortmann kein Geld mehr hatte, rieten ihm die Telefonberater, einen Kredit aufzunehmen. Ortmann tat das, doch der Antrag wurde abgelehnt. "Zum Glück, sonst wäre ich jetzt auch noch verschuldet", sagt der Rentner.

Selbst wenn ein Kunde aussteigen will, geben die Abzocker nicht nach. In einem Telefonat im April 2018, dessen Protokoll dem SPIEGEL vorliegt, bittet Ortmann einen Toroption-Mitarbeiter darum, ihm sein Restguthaben auszuzahlen. Zu diesem Zeitpunkt weiß er bereits, dass er es mit Betrügern zu tun hat.

Müller: "Ja, hallo Herr Ortmann, Stefan Müller* hier von Toroption. Ich grüße Sie. Wie geht's Ihnen?"

Ortmann: "Nicht so gut."

Müller: "Oh! Wieso, Herr Ortmann?"

Ortmann: "Ich habe einen Kontostand von 5204 Euro."

Müller: "Super, ja! Darum rufe ich Sie auch an. Aber Ihnen geht es schlecht. Was ist denn los, Herr Ortmann? Ihnen soll's gut gehen!"

Ortmann: "Ich weise Sie an, Herr Müller, das Geld unverzüglich auf mein Kreditkartenkonto zurückzuüberweisen!"

Müller: "Herr Ortmann, warum ist das denn immer so, dass wenn ich anrufe und Ihre Frau drangeht, dass sie immer gleich auflegt?"

Ortmann: "Keine Diskussion, Herr Müller!"

Müller: "Nee, Herr Ortmann. Wir diskutieren doch gar nicht, ich bin ja sehr nett und freundlich, was ist denn los?"

Ortmann: "Ich schalte sonst einen Anwalt ein und erstatte Strafanzeige."

Müller: "Was ist denn jetzt los? Herr Ortmann, mich wundert es einfach, dass wenn ich bei Ihnen anrufe, Ihre Frau einfach auflegt."

Ortmann: "Dann werde ich nicht da gewesen sein."

Müller: "Aber das ist doch keine Art. Also, Herr Ortmann, der Grund, warum ich Sie anrufe, ist folgender: Diese Woche geht einiges an der Börse."

Ortmann. "Nein, da wollen wir überhaupt nicht drüber reden!"

Müller: "Bitte unterbrechen Sie mich mal nicht, ja!"

Ortmann: "Herr Müller, wie ist die Postadresse für eine schriftliche Beschwerde bei Ihnen?"

Müller: "Sie wollen sich über mich beschweren, Herr Ortmann, haha! Die ist in Glasgow, das finden Sie auf der Internetseite. Aber was ist denn los, Herr Ortmann?"

Ortmann: "Ich bestehe darauf, dass Sie mir mein Geld zurücküberweisen."

Müller: "Herr Ortmann, darum geht's doch gar nicht. Ich schicke das Geld gerne raus, das ist ja gar nicht das Thema. Aber warum sind Sie so stinkig? Ich verstehe es einfach nicht."

Ortmann: "Ich schalte einen Anwalt ein."

Müller: "Das haben Sie bereits gesagt, Herr Ortmann. Sie müssen sich nicht wiederholen."

Ortmann: "Gut, danke, tschüs!"

Müller: "Wenn Sie jetzt auflegen, dann wird gar nichts bearbeitet, ja?"

Ortmann legt auf. Er bekommt sein Geld, die kläglichen 5000 Euro, die ihm noch geblieben sind, erst nach vielen Drohungen zurück. Ortmann erstattet Strafanzeige. Inzwischen ermittelt die Generalstaatsanwaltschaft in Bamberg. Ortmanns Glück ist, dass ihn seine Kinder unterstützen. Doch er hat sie erst eingeweiht, als er zugeben musste, dass er für eine Reise kein Geld mehr hatte. Er schwieg lange - aus Scham.

Seine Tochter sorgt sich nun, dass ihr Vater noch weiteren Betrügern zum Opfer fallen könnte. Denn die Abzocke wird häufig fortgesetzt, selbst wenn die Geschädigten bereits alles verloren haben. Noch heute gehen täglich bis zu 50 Anrufe bei den Ortmanns ein, darunter sind vermeintliche Staatsanwälte, die dem Ehepaar erzählen, sie hätten zu Unrecht Geld ins Ausland überwiesen und müssten jetzt eine Strafe zahlen, um die Sache zu bereinigen.

Damit Ortmann nicht erneut in eine Falle tappt, musste er auf Druck seiner Kinder das Haus auf seine Frau übertragen. Neben etwas Bargeld ist es das letzte Vermögen, das die Familie besitzt.

"Ich kann es leider nicht ändern", sagt Ortmann, "aber ich habe mein ganzes Geld verblasen."


*Name geändert

Anmerkung der Redaktion: In der ursprünglichen Version hieß es, Horst Ortmann habe am 17. Juli 2017 acht Arthur-Maury-Aktien gekauft, tatsächlich waren es 8000. Wir haben die entsprechende Passage angepasst.

Mitarbeit: Heike Bohnstengel, Stanimir Vaglenov

insgesamt 326 Beiträge
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Seite 1
SPONU 25.09.2018
1. Falsche Ueberschrift
Die sollte eigentlich lauten "Als der Anleger wider allgemeinen gesunden Menschenverstands gierig nach den Zinsen griff und gewisse Teile seines Hirns die für Logik und Ratio zuständig sind ignorierte".
flman 25.09.2018
2. Mein Mitleid hält sich in Grenzen
"schließlich glaubt Ortmann bis heute, er kenne sich aus im Geschäftsleben. " Das sind offensichtlich die leichtesten Ziele für diese Leute. Menschen, die glauben sie kennen sich aus, es aber nicht tun. Zum Glück sind die Banken ja allesamt böse und verzocken das Geld ihrer Kunden... Wer sein gesamtes Vermögen auf eine einzelne Aktie setzt ohne tiefere Rechereche und auf die Aussagen von Leuten am Telefon und auch noch aus dem Ausland vertraut. Ja, der hat es nicht besser verdient.
ruhepuls 25.09.2018
3. Gier frisst Hirn...
Es ist sicher richtig, dass hier kriminelle Energie am Werke war. Nur, diese konnte nur wirken, weil das "Opfer", ansonsten offensichtlich ein intelligenter Mensch, hier über seine eigene Gier gefallen ist. Wer - mit was auch immer - auf hohe Renditen spekuliert, der muss sich bewusst sein, dass hier auch ein entsprechend großes Risiko vorhanden ist. Und das selbst dann, wenn die Verkäufer seriös sind. Auch beim Pferderennen kann man viel Geld machen - oder es verlieren. Es gibt eine einfache Regel beim Geldanlegen: Mach nichts, was Du nicht sicher verstehst!
ernestobecker 25.09.2018
4. Schulbildung
Meines Erachtens sollte der Umgang mit Geld Teil der Schulbildung eines jeden sein. Wie gebe ich mein Geld aus im Alltag? Wie gestalte ich meine Kapitalanlagen? Welche Versicherungen machen für wen Sinn? usw. Dabei muss man aufpassen, dass hier nicht die Ansichten der Anlageanbieter vertreten werden, sondern eine allgemeine, sachlich neutrale Aufklärung der Schüler/Bürger erfolgt.
pauschaltourist 25.09.2018
5.
Dummheit und Gier - die ideale Kombination für Betrüger. 300.000 Euro investiert? Und nicht 300 Euro für eine Reise nach Bulgarien zurInaugenscheinnahme dieser Firma übrig gehabt?
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