Öko-Geflügelwirtschaft Das Leiden der Bio-Puten

Geht es Tieren in der Biohaltung wirklich besser? Wissenschaftler bestreiten das. Filmaufnahmen zeigen, dass auch Ökogeflügel unter ähnlich üblen Bedingungen aufwächst wie in der konventionellen Massentierhaltung.

ARIWA

Von


Hamburg - Der Boden ist zentimeterhoch mit einem Gemisch aus Kot und Stroh bedeckt, darauf liegen apathisch zerrupfte, dreckige Puten. Einige Tiere haben offene Wunden, verletzte Flügel, andere können nicht einmal mehr stehen, dazwischen immer wieder tote Tiere. Diese Filmaufnahmenwurden wurden der Tierrechtsorganisation Animal Rights Watch (Ariwa) zugespielt. Ariwa hat die Aufnahmen SPIEGEL ONLINE und dem ARD-Magazin "Fakt" zur Verfügung gestellt.

In den Putenställen sieht es nicht schlimmer oder besser aus als in den meisten Anlagen. Was die Aufnahmen so brisant macht: An den vier Ställen in Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern, in denen die Filmaufnahmen gemacht wurden, prangt das Naturland-Zeichen. Hier werden Puten für den Biohandel gemästet, und ein Teil davon wird möglicherweise zu Biobabynahrung des Herstellers Hipp verarbeitet.

Viele Tiere zeigen dieselben Krankheitsmerkmale und Verletzungen wie Puten aus der konventionellen Massentierhaltung. Verwunderlich ist es indes kaum, denn auch auf dem Biomarkt herrscht Konkurrenz- und Preiskampf. Die Systeme gleichen sich zudem in ihren Methoden: Die konventionellen Geflügelzüchter haben Putenrassen entwickelt, die unnatürlich schnell an Gewicht zulegen. So wachsen den Tieren größere Brüste und fettere Schenkel - Teile, die von Verbrauchern besonders gerne gekauft werden. Die Knochen und Organe kommen bei dem Extremwachstum allerdings häufig nicht mit, so dass viele Puten ihr Gewicht kaum tragen können, die Beine brechen, die Tiere leiden. Dieselben überzüchteten Rassen werden aber auch in der Biozucht verwendet - mit den Folgen, die unter anderem auf den Bildern zu sehen sind.

In ihrer Dissertation an der veterinärmedizinischen Fakultät der Uni Leipzig weist die Tierärztin Olga Ermakowa darauf hin, dass ökologisch gehaltene Puten keineswegs gesünder sind, als in der konventionellen Mast. Dazu verglich die Doktorandin die Fleischuntersuchungsbefunde von mehr als 300.000 Ökoputen mit mehr als 250.000 konventionell gehaltenen Puten, die auf demselben Schlachthof geschlachtet wurden. Das Ergebnis war ernüchternd, gefährliche Infektionen, Gelenkentzündungen, Verletzungen, infizierte Brustblasen, all das gab es in beiden Haltungsformen: "In der Ökohaltung treten grundsätzlich die gleichen Gesundheitsprobleme wie in konventioneller Haltung auf, teilweise sogar in stärkerer Ausprägung", heißt es in der Doktorarbeit.

Die Bilder, die Ariwa jetzt veröffentlicht, scheinen diesen Befund zu bestätigen. Sie stammen aus Ställen, die zu einem weitverzweigten Firmengeflecht gehören, in dessen Mitte Heinrich Tiemann steht, Geflügelzüchter und -mäster und der größte Produzent von Bioeiern in Deutschland. Immer wieder haben Kontrolleure und Aktivisten Missstände in den Ställen des Eier- und Geflügelimperiums festgestellt, Dutzende Firmen gehören zu dem Geflecht. Neben Mast- und Zuchtanlagen für Hühner und Puten sowie Legehennenbetrieben zählt auch das Unternehmen Biofino dazu. An dem größten Ökogeflügelverarbeiter Deutschlands sind Tiemanns Söhne Andreas und Markus mit 20 Prozent beteiligt.

Biofino besitzt nach eigenen Angaben einen Marktanteil von "mehr als 50 Prozent bei der Verarbeitung und Veredelung von Biogeflügel". Seine Puten und Hähnchen beziehe das Unternehmen nur von zertifizierten Biobetrieben, heißt es auf der Website: "Hier werden die Tiere in modernen, luftigen Bioställen mit großen Wintergärten und Grünausläufen gehalten."

Wichtigster Biofino-Lieferant ist der Biogeflügel-Erzeugerverbund Wildeshauser Geest (BGE). Die Ställe, in denen die Tierschutzaktisten gefilmt haben, gehören fast alle BGE-Firmen. Das Biofino-Versprechen: "Frische Luft, große Fenster mit Tageslicht, Sitzstangen sowie viel Platz zum Scharren, Laufen und Flügelschlagen sowie ein langsames Wachstum" scheint angesichts der Filmaufnahmen noch nicht jeder Zulieferer verstanden zu haben - oder die Beziehung zwischen Lieferant und Abnehmer ist einfach zu eng: die Firmenadressen von BGE und Biofino stimmen nämlich überein, fünf der zehn BGE-Gesellschafter zählen zum Tiemann-Familienimperium, Geschäftsführer des Verbunds ist Heinrich Tiemanns Sohn Andreas.

An wen Biofino die zerlegten Puten und Hühner liefert, ist unklar, im Unternehmen war für SPIEGEL ONLINE niemand zu sprechen. Allerdings gibt es einige Hinweise: Das Unternehmen hat selbst darauf hingewiesen, dass es Produzenten für Kindernahrung zu seinen Kunden zählt. Als das Unternehmen unter seinem früheren Namen "Grüne Wiesen Biohöfe" 2002 in den Nitrofenskandal verwickelt war, belieferte es zudem den Pfaffenhofener Babynahrungshersteller Hipp - der das Pestizid bei seinen strengen Kontrollen damals entdeckte und die Aufklärung ins Rollen brachte.

Ob Hipp sein Biohühnchen und -putenfleisch weiterhin von der Firma, jetzt unter dem neuen Namen Biofino, bezieht ist unklar. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE heißt es bei Hipp lediglich: "Grundsätzlich geben wir keine Informationen zu Geschäftsbeziehungen mit Lieferanten bekannt." Aus einem der BGE-Betriebe kommt allerdings ein weiterer Hinweis: Auf einer Medikamentenliste, die für ein halbes Dutzend Geflügelhöfe des Verbundes gilt, ist eine "Bio-Hipp-Wartezeit" vermerkt - der Kindernahrungshersteller verlangt eine Wartezeit zwischen der letzten Medikamentengabe und der Schlachtung, die dreimal so lang ist, wie gesetzlich vorgeschrieben.


Bioputen sind auch Thema in der Sendung "Fakt" am 3. September, 21.45 Uhr, ARD.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 207 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jahiro 03.09.2013
1. Also der Skandal ist nicht ...
.., dass Öko-Fleisch nicht besser ist als anderes Fleisch, sondern dass die sogenannten Öko-Produzenten nicht Öko produzieren ! Aber Hauptsache mal wieder gegen Öko gehetzt, gelle.
chb_74 03.09.2013
2. Siegel entziehen
Zitat von sysopARIWAGeht es Tieren in der Biohaltung wirklich besser? Wissenschaftler bestreiten das. Filmaufnahmen zeigen, dass auch Ökogeflügel unter ähnlich üblen Bedingungen aufwächst wie in der konventionellen Massentierhaltung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/bio-gefluegelwirtschaft-oeko-puten-leben-so-schlecht-wie-konventionelle-a-919963.html
Interessant ist eigentlich nur die Frage, wie lange es angesichts solcher Aufnahmen dauert, bis die Zertifizierungsstelle diesen Firmen das "Bio"-Siegel wieder entzieht. Monate? Jahre? Oder doch vielleicht nur Stunden bis Tage, was jetzt geboten wäre...?
sybaris 03.09.2013
3. optional
Es soll ja immer noch Verbraucher geben, die auf öko/bio reinfallen.
Alphabeta 03.09.2013
4. Augenwischerei!
Ist doch ganz egal, wie das Zugrundenutzen von Tieren deklariert wird! Das Bio-Siegel ist da doch nur eine willkommene Ausrede für diejenigen, die ihren Geist nicht mehr bewegen mögen, um die ganze Tierische Qual beenden zu helfen! Wenn die menschliche Gier und Gewohnheitsträgheit Ressourcen wären, dann wäre diese Spezies unsterblich!
MiniDragon 03.09.2013
5. Emus und Strauße statt Puten?
Ein indischer Freund erzählte mir von seinen Plänern, in Nordindien Punjab (Indien) (http://de.wikipedia.org/wiki/Punjab_(Indien)) ökologische Straußen - oder Emu-Farm zu gründen. Ich meine, das wäre eine gute Alternative zur hiesigen Massentierhaltung. Leider hatten jedoch bereits andere diese Idee.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.