Große Schufa-Recherche 2800 Datensätze - so haben wir sie ausgewertet

Etwa 2800 Menschen haben bei der Schufa ihre Selbstauskunft angefragt - und zur Verfügung gestellt. Mit diesen Daten war es möglich, einen tiefen Einblick in das Scoring der wichtigsten Auskunftei Deutschlands zu bekommen.

SPIEGEL ONLINE


Die Schufa ist die einflussreichste Auskunftei Deutschlands: Sie sammelt Daten von mehr als 67 Millionen Verbraucherinnen und Verbrauchern und trifft Vorhersagen über ihre Zahlungsmoral. Banken, Handyanbieter, Online-Händler und Vermieter beziehen die Bewertungen der Schufa in ihre Entscheidungen ein.

Laut Datenschützern passiert es immer wieder, dass die zu einer Person gespeicherten Daten fehlerhaft oder unvollständig sind. Beides kann gravierende Auswirkungen auf den sogenannten Score einer Person haben - und damit auf die Entscheidung, ob ein Verbraucher einen Telefonvertrag bekommt oder zu welchen Konditionen ihm ein Kredit gewährt wird.

Wie genau das Schufa-Scoring funktioniert, ist ein Geschäftsgeheimnis. Das hat 2014 sogar der Bundesgerichtshof bestätigt. Für Verbraucher besteht dennoch hohes Interesse, besser zu verstehen, wie sich Eigenschaften und Verhalten auf ihre Beurteilung auswirken. In dieser Recherche gelang es erstmals, einen umfassenden Blick in den Datenbestand der Schufa zu werfen und so deren Arbeitsweise besser nachzuvollziehen.

Projekt OpenSchufa

Möglich wurde das durch das Crowdsourcing-Projekt OpenSchufa. Im Februar 2018 riefen die Organisationen Open Knowledge Foundation Deutschland (OKF) und AlgorithmWatch Verbraucherinnen und Verbraucher dazu auf, die eigene kostenlose Selbstauskunft bei der Schufa zu beantragen und dem Projekt zur Verfügung zu stellen. (Lesen Sie hier, wie Sie Ihre eigene Auskunft kostenlos beantragen.)

Die Teilnehmer scannten ihre Auskünfte ein oder fotografierten sie. Auf der Website der Initiative hatten sie die Möglichkeit, persönliche Daten zu schwärzen, die Dokumente hochzuladen und in einem Fragebogen weitere Angaben zur Person zu machen. Gut 2800 Menschen beteiligten sich an der Aktion und stellten ihre Daten bereit.

OKF und AlgorithmWatch überführten die Auskünfte per Texterkennung aus dem Bildformat in eine maschinenlesbare Struktur. Die so aufbereiteten Daten stellten sie den Datenjournalisten des SPIEGEL und des Bayerischen Rundfunks zur Verfügung. Ebenso hatten die Journalisten Zugriff auf die pseudonymisierten Angaben der Teilnehmer im Fragebogen, sowie auf die geschwärzten Originaldokumente, sodass sich alle Ergebnisse der Auswertung überprüfen ließen.

Die Auskünfte zeigen keineswegs einen repräsentativen Ausschnitt des Schufa-Datenbestands: An dem Projekt haben sich deutlich mehr Männer beteiligt als Frauen, außerdem sind ältere Menschen unterrepräsentiert.

Die Arbeit mit den Daten

Mit 2800 nicht repräsentativen Schufa-Auskünften lässt sich noch kein Algorithmus rekonstruieren. Aber es lassen sich etliche Rückschlüsse ziehen, wie das Schufa-Scoring funktioniert.

Betrachtet man etwa die Komponente der Schufa-Bewertung, in die nur allgemeine Daten wie Alter und Geschlecht einfließen, erkennt man,

  • dass jungen Männern deutlich häufiger ein überdurchschnittliches Risiko attestiert wird als älteren Männern.
  • Außerdem fällt auf, dass die Schufa von vielen Verbrauchern nur drei oder weniger Informationen aus deren Wirtschaftsleben gespeichert hat.
  • und dass einigen Verbrauchern auch ohne negative Einträge ein erhöhtes Risiko unterstellt wird. (Lesen Sie hier alle Ergebnisse der Auswertung).

Nicht für jede Betrachtung konnten alle 2800 Selbstauskünfte berücksichtigt werden. Zum einen waren manche Seiten nicht sauber gescannt oder abfotografiert, sodass es zu Fehlern in der Texterkennung kam. Zum anderen reduzierte die Schufa im Verlauf des Projekts den Umfang ihrer kostenlosen Auskünfte. Sie nahm das Inkrafttreten der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) im Mai 2018 offensichtlich zum Anlass, die sogenannte Datenkopie auf das Nötigste zusammenzustreichen.

Alte Auskünfte nach dem Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) enthalten alle bisher herausgegebenen Bewertungen (Scores) der Schufa sowie die aktuelle Einschätzung der Kreditwürdigkeit. Die neuen DSGVO-Auskünfte seit Mai 2018 enthalten nur noch die Bewertungen, die tatsächlich in den vergangenen zwölf Monaten an anfragende Unternehmen übermittelt wurden. Die aktuelle Einschätzung der Kreditwürdigkeit liefern sie nicht. Das sollten Verbraucher wissen.

Offenlegung: Der Schufa-Mitbewerber Arvato gehört zum Bertelsmann-Konzern. Dessen Tochter, der Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr ist mit 25,5 Prozent am SPIEGEL-Verlag beteiligt. Zudem gehört die Bertelsmann-Stiftung zu den finanziellen Unterstützern der Organisation AlgorithmWatch, die das Projekt OpenSchufa mitverantwortet. Der SPIEGEL berichtet ungeachtet dessen redaktionell unabhängig.



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